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Anmerkungen zum spannenden Verhältnis zwischen England und dem Islam. Von Tariq Ali, Birmingham

Geborgen in der Geschichte

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(iz). Um die Realität und den Ort des Islam im heutigen und zukünftigen Großbritannien im Zusammenhang zu verstehen, ist es wichtig, die Geschichte der Begegnung zwischen Einwohnern der britischen Inseln und Muslimen zu betrachten. Ein solcher Blickwinkel stellt sicher, dass der Islam den ihm angemessenen Platz in der Zukunft unseres Landes erhält.

Ich möchte ein Gewebe entwerfen, das uns an diesen Augenblick bringt. Auch wenn der Islam als relativ später Neuankömmling im Vereinigten Königreich gilt, so hat es doch seit vielen Jahrhunderten Kontakte zwischen Briten und Muslimen gegeben.

Ein frühes Beispiel dafür war die Entscheidung Offas, des Königs von Mercia im achten Jahrhundert (eines der damaligen angelsächsischen Königreiche), Goldmünzen mit der arabischen Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Allah“ und „Muhammad ist der Gesandte Allahs“ schlagen zu lassen. Jene Dinare waren Kopien von Münzen, die vom zeitgenössischen muslimischen Herrscher Al-Mansur ausgegeben wurden. Es wird heute angenommen, dass Offa die Münzen anfertigen ließ, um den Handel mit dem aufsteigenden muslimischen Andalusien zu fördern.

Gelehrtentum, insbesondere das frühe islamische Denken und Wissenschaften, waren 1386, als Geoffrey Chaucer seine Werke schrieb, unter den Gebildeteren Englands bekannt. In seiner Einleitung zu den „Canterbury Tales“ gibt es unter den Pilgernden auf dem Weg nach Canterbury einen „Physikus“, der unter anderem Ar-Razi, Ibn Sina und Ibn Ruschd studiert hatte. Ibn Sinas Kanon war ein Standardlehrbuch für die Medizinstudenten des 18. Jahrhunderts. Roger Bacon, einer der frühesten europäischen Vertreter der wissenschaftlichen Methode, wurde von den Schriften der frühen muslimischen Wissenschaftler beeinflusst. Insbesondere sein Buch über die Optik aus dem 13. Jahrhundert basierte im Wesentlichen auf dem „Buch der Optik“ von Ibn Al-Haitham (1021).

In seinem Buch über „Die islamischen Ursprünge des Gewohnheitsrechts“ (North Carolina Law Review), stellt Professor John Makdisi die Behauptung auf, wonach das englische Gewohnheitsrecht vom mittelalterlichen islamischen Recht beeinflusst worden sei. Makdisi stellte einen Vergleich zwischen dem „königlichen englischen Vertrag zum Schutze der Schulden“ und dem „islamischen ‘Aqd“ sowie der „englischen Jury“ und dem „islamischen Lafif“ der klassischen malikitischen Rechtsschule an. Makdisi fügte an, dass diese Institutionen durch Vermittlung über die Normannen nach England kamen. Das normannische Königreich von Roger II. auf Sizilien, der über eine islamische Verwaltung herrschte, hatte enge Bindungen zum Hofe von Heinrich II. von England. Makdisi behauptete weiterhin, dass die „Schulen des Rechts“ in England, die seiner Meinung nach Ähnlichkeiten mit Madrassen haben, aus dem islamischen Recht abgeleitet seien. Die Methodologie der Urteilsfindung durch Beispielfälle und Analogie (Qijas) seien ähnlich im islamischen Recht und im Gewohnheitsrecht.

Andere Rechtsgelehrte wie Gaudiosi, Moursi Badr und Hudson haben die These vertreten, dass die englischen Stiftungen, die von den Kreuzfahrern eingeführt wurden. Jenes Netzwerk der islamischen Auqaf und Hawalas, das ihnen im Nahen Osten begegnete, ihren Ursprung haben.

Nach den Kreuzzügen, die vom anti-muslimischem Ressentiment angetrieben worden sind, unterhielt Großbritannien diplomatischer Beziehungen zu muslimischen Ländern. Königin Elisabeth bat den osmanischen Sultan Murad um maritime Hilfe im Kampf gegen die Spanische Armada.

Der erste belegte englische Konvertit zum Islam hieß John Nelson. Captain John Ward aus Kent war einer von vielen britischen Seeleuten, die zu Korsaren im Mittelmeer wurden und den Islam annahmen. Zwischen 1609 und 1616 verlor England 466 Schiffe an der Korsarenküste (Berberei). Die Seeleute wurden nach Nordafrika in die Sklaverei verkauft. Im Jahre 1625 wurde berichtet, dass die Kanalinsel Lundy zum Stützpunkt für Piraten wurde, unter denen Muslime die Führung hatten. In der Zeit der unterschiedlichen Besetzungen Lundy durch muslimische Schiffsbesatzungen, wurden Gefangene nach Algerien geschickt.

Um das Jahr 1600 besuchten mehrere Delegation aus Marokko das elisabethanische England. Ein Dokument aus dem Jahre 1641 bezieht sich auf eine „Sekte von Mohammedanern“, die „hier in London entdeckt wurden“. Es gab in dieser Periode auch eine Reihe an verzeichneten Übertritten zum Islam. 1649 wurde die erste englische Übersetzungen der Bedeutungen des Qur’an von Alexander Ross veröffentlicht. Neben wissenschaftlichen und philosophischen Werken wurden im 17. und 18. Jahrhundert auch eine Reihe von literarischen arabischen Texten in Latein und ins Englische übersetzt. Die beliebtesten unter ihnen waren „Tausendundeine Nacht“ und Ibn Tufails „Hayy ibn Yaqdhan“. Die englische Übersetzung des Buches von Ibn Tufail könnte „Robinson Crusoe“ von Defoe mit inspiriert haben. Zu den später übertragenen Büchern zählte beispielsweise „Laila und Madschnun“.

In der englischen Oberschicht nahmen einige von deren Mitgliedern im 18. und 19. Jahrhundert den Islam an. Dazu zählte auch Edward Montague, Sohn des Botschafters im Osmanischen Reich. Offiziell wurde die islamische Lebenspraxis in Großbritannien 1812 durch den Trinitarian Act legalisiert. Die erste muslimische Gemeinschaft, die sich permanent in Großbritannien ansiedeln sollte, bestand aus jemenitischen Seeleuten, die in den Häfen von Swansea und South Shield nach 1900 ankamen. Manche von ihnen wanderten in Städte wie Birmingham und Sheffield weiter. Dokumente aus dem frühen 20. Jahrhundert verzeichneten 23.819 Muslime im Vereinigten Königreich. In den britischen Häfen wurden auch die ersten Moscheen eröffnet. Die erste soll 1860 in der Stadt Cardiff ihre Tore geöffnet haben. Die massenhafte Zuwanderung von Muslimen nach Großbritannien begann mit Indern während der kolonialen Herrschaft in Indien. Nach der Aufteilung und ­Unabhängigkeit Indiens kamen Pakistanis, Bangladeschis und Inder nach Groß­britannien. Sie hatten einen rechtlichen Status inne, da sie – als Mitglieder des Commonwealth – über britische Reisepässe verfügten und so britische Bürger werden konnten.

Nach Angaben des „Guardian“ gibt es heute rund 800 Moscheen, 30.000 bis 40.000 britische Muslime, die jährlich nach Mekka auf die Hadsch fahren und 5.400 muslimische Millionäre (in Anbetracht ihres Barvermögens und Aktien, nach Sachwerten gerechnet wären es noch mehr) im Vereinigten Königreich. Der Einfluss der muslimischen Bevölkerung auf verschiedene Lebensbereiche in England kann nicht überschätzt werden. Es gibt muslimische Parlamentsmitglieder, sowohl im Unter- als auch im Oberhaus. Und es ist ein bekanntes Phänomen, dass muslimische Speisetraditionen die hiesige Ernährung verändert haben. Die beliebtesten Speisen in England kommen unter anderem auch vom Subkontinent. Auch die Heirat zwischen Muslimen unterschiedlicher Herkunft – zum Beispiel jenen mit Migrationshintergrund und einheimischen Briten – ist mittlerweile eine häufige Erscheinung. Durch die interkulturellen Heiraten haben sie sich in die Gesellschaft integriert.

Die hiesige Position der Muslime, insbesondere die politische, unterscheidet sich von der in anderen Teilen Europas. Sind sie doch anerkannte Bürger und haben in der britischen Gesellschaft einen erheblichen Anteil am Geschäftsleben und unter Akademikern. Darüber hinaus akzeptiert die Mehrheit der geborenen Briten den Zustrom von Einwanderern und heißt sie als neue Nachbarn willkommen. Auf unterschiedlicher Ebene – insbesondere in den größeren Städten – sind die Muslime signifikant vertreten.

Diese Gemeinschaft ist gut in der Lage, die Botschaft eines britischen Islam zu vermitteln, der sich auf die ursprüngliche Praxis des ‘Amal von Medina zurückführen lässt. Trotz der Tatsache, das viele Muslime gerade erst hier „gelandet“ sind, sind ihre Anwesenheit, die Moscheen, ihr Verhalten und ihre Gebete ein Verweis auf die Zukunft des Islam in Großbritannien.

Wir können beobachten, wie die bürgerliche und wirtschaftliche Gesellschaft bröckelt. Das rechtliche und finanzielle System befindet sich in einer Krise, und die Kirche ist diskreditiert. Selbst jene, die dem Islam innerlich miss­trauen, ahnen langsam, wohin sich die Gesellschaft am wahrscheinlichsten hinbewegt.

Lord Tebbit kommentierte jüngst wie folgt: „Was bleibt uns also? Nehmt euch in Acht vor der Herausforderung durch die Moscheen. Ein ­Islam mit ­einem modernen Gesicht wird sich bald als die natürliche Heimat für all jene zeigen, die nach moralischer Gewissheit suchen und einen neuen Sinn für ­Disziplin in der Gesellschaft wollen. (…) die Brandredner werden von den Moderaten abgelöst werden. (…) Die Aufgabe der Imame wird es sein, die ­fatale Schwäche der multikulturellen Gesellschaft zu nutzen und eine christliche Kirche, die ihren Sinn für Richtung und Geschichte verloren hat, mit einer Moschee zu ersetzen, die einen starken inneren Sinn für beides hat. Für den Islam wäre dies ein berechtigter Erfolg (…).“

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