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Anmerkungen zur praktischen Spiritualität muslimischer Frauen. Von Margari Aziza Hill

Auf den Spuren großer Vorbilder

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Ich stamme aus der Bay Area im US-amerikanischen Kalifornien. Dort reden viele darüber, sie seien „spirituell“, aber „nicht religiös“, und hier finden sich viele New Age-Gruppen, darunter auch Muslime und solche, die behaupten, sie seien Sufis, aber keine Muslime.

Als ich nach meiner Annahme des Islam das Kopftuch anlegte, kam eine junge Frau mit nahöstlichen Wurzeln zu mir und sagte, sie sei „spirituell“, aber konzentriere sich auf die inneren Aspekte des Glaubens, während ich den äußeren verhaftet sei. Dies ist ein falscher Gegensatz. Sogar in der englischen Sprache verläuft keine deutliche Trennungslinie zwischen spiritueller Entwicklung und äußeren religiösen Handlungen. Die Spiritualität des Islam – oder Tasawwuf (Sufismus) – wird häufig als jenseits der Grenzen des Islam beschrieben. Orientalisten haben sich oft darauf konzentriert, so als sei dieser etwas anderes als der „sunnitische“ Islam. Die „muslimischen Reformer“ ihrerseits kritisierten zu Recht einige inakzeptable Praktiken des volkstümlichen Sufismus.

Traditionell haben die Muslime den Begriff „Sufi“ benutzt, um über jene zu sprechen, die eine Wissenschaft praktizieren, um das Herz zu reinigen. Diese ist tief im reichen islamischen Erbe eingebettet. Al-Ghazali verwies auf den ganzheitlichen Zweck des Sufismus. In seinem Buch „Ajjuha’l-Walad“ schrieb er: „Wenn du liest oder nach Wissen suchst, dann sollte dieses Wissen dein Herz verändern und deine Seele reinigen. Hättet ihr nur eine Woche zu leben, dann würdet ihr euch nicht dem Studium der Rechtswissenschaft widmen, oder der Ethik und gelehrten Theologie, denn jene würden euch nicht helfen. Ihr ­würdet vielmehr die Zeit mit der Überprüfung eures Herzens verbringen und die Eigenschaften eurer Seele verbessern. Ihr würdet die Bindung an diese Welt aufgeben, eure Seele von tadelnswerten Eigenschaften reinigen, euch mit der ­Liebe zu und Anbetung von Allah beschäftigen und lobenswerte Eigenschaften annehmen.“

Obwohl es keinen Unterschied im spirituellen Potenzial von Frauen und Männern gibt, haben Musliminnen wegen ihrer Rolle in den jeweiligen Gemeinschaften gesonderte spirituelle Praktiken entwickelt. Die Wirkung von Musliminnen bei der Auslegung und Anwendung universaler Prinzipien des Qur’an und der Sunna bleibt oft verschleiert, weil sie oftmals mehr auf die Verkörperung der Tradition fokussiert waren.

Bei der Diskussion über Musliminnen und die feminine Perspektive spiritueller Handlungen ist es meiner Ansicht nach wichtig darüber zu sprechen, wie wir das Weibliche verstehen. Eines der arabischen Wörter, dass mit „Frau“ korrespondiert, ist „Imra’a“. Das Gegenstück zur Futuwwa (junge, edle Männer bzw. Männlichkeit) wäre Niswa. Die Futuwwa bedeutet im übertragenen Sinne ritterliche Männer. Dazu zählen unter anderem Hilfsbereitschaft, permanente Erinnerung Allahs, Suche nach guter Gesellschaft, Gastfreundschaft, die Fokussierung auf die eigenen Fehler und der Schutz der eigenen Seele gegen alle Verführungen.

Im Qur’an finden sich zwei konkrete Beispiele für Futuwwa: der Prophet Ibrahim und die Leute aus dem Höhlengleichnis. Frauen können ebenfalls Futuwwa praktizieren. Der eigentliche Begriff ist geschlechtsneutral. As-Sulami, einer der Theoretiker der Futuwwa, benutzte im Falle der Frauen den Begriff Niswa (pl. Niswan) als Gegenteil zu Fata (pl. Fitjan).

Bei der Niswa handelt es sich um die Perfektion der gesamten Person, und nicht nur über die sprichwörtlichen weiblichen Eigenschaften. Insan Al-Kamil – der perfekte Mensch – beschreibt den höchsten spirituellen Zustand. Die komplette Person zeigt männliche Eigenschaften (Mut, Ritterlichkeit und Distanz von den weltlichen Dingen) und weibliche (Nachsicht, Intimität, Barmherzigkeit und Hingabe). Insan – die höchste Stufe in der Triade des Islam (Islam, Iman und Ihsan) – ist nicht geschlechtsspezifisch. Wer waren die Beispiele jener Frauen, welche Niswa im vollen Umfang verkörperten?

Die wichtigste Quelle, um zu verstehen, welche Beziehung Frauen mit Allah, dem Erhabenen, haben sollten, ist der Qur’an. Die wichtigsten Gelehrten sind sich einig darin, dass Frauen im Qur’an den Männern als spirituell ebenbürtig gelten.

„Wer etwas Böses tut, dem wird nur gleich viel vergolten. Wer aber ­rechtschaffen handelt, ob Mann oder Frau, und ­dabei gläubig ist, jene werden dann in den (Paradies)garten eingehen, wo sie versorgt werden ohne Abrechnung.“ (Al-Ghafir, 40)

„Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Beschützer. Sie gebie­ten das Rechte und verbieten das Verwerf­liche, verrichten das Gebet und entrichten die Abgabe und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Gewiss, Allah ist Allmächtig und Allweise.“ (At-Tauba, 71)

Ich habe mich mit den Biografien der Ehefrauen des Propheten beschäftigt und fand darin einige gemeinsame Eigenschaften: Großzügigkeit, Fasten, das Nachtgebet und Opferbereitschaft. Dies sind die gleichen Tugenden, die sich durchgehend in den Berichten As-Sulamis über sufische Frauen und in Aisha Bewleys weiblichen Biografien finden.

Khadidscha bint Khuwailid: Sie war die erste, die den Islam annahm; eine der vier vollkommenen Frauen, und „Die besten Frauen in dieser Welt sind Mariam und Khadidscha“. Zu ihren Eigenschaften zählte Durchhaltevermögen und dass sie ihren Reichtum ausgab, um den Muslimen zu helfen.

‘Aischa bint Abu Bakr: Sie ertrug Armut, Hunger, Beschwernisse und üble Nachrede. ‘Aischa übergab Allah ihre Angelegenheiten. Sie war eine Gelehrte des islamischen Rechts mit Kenntnis der prophetischen Hadithe. Und sie war bewandert in Medizin und der Dichtung. ‘Aischa überlieferte viele Hadithe.

Sauda bint Zam’a: Sie war bekannt für ihren guten Sinn für Humor. Sie gab ihr ganzes Geld für die Armen und die Bedürftigen aus. Sauda fastete regelmäßig, betete in der Nacht und war eine aufrichtige Muslimin. Umm Habiba bint Abu Sufjan: Sie nahm den Islam gegen den Widerstand ihres Vaters, Abu Sufjan, an. Sie wanderte mit ihrem Ehemann aus und verließ diesen, als er den Islam verließ. Umm Habiba nahm den Heiratsantrag des Propheten an und bat vor ihrem Tod um die Vergebung der anderen Ehefrauen des Propheten. Umm Salama: Sie nahm den Islam in seiner Frühzeit an und wurde von den Führern der Quraisch der Folter unterworfen. Später wanderte sie mit Abu ­Salama auf dem Wege Allahs aus. Sie war bekannt für ihre gottesfürchtige Natur, ihre strikte Befolgung der Religion und ihre regelmäßige Anbetung Allahs. Umm Salama war immer bestrebt, ihren Herrn und Seinen Gesandten zufrieden zu stellen.

Dschuwaira bint Al-Harisch: Ihre Ehe mit den Propheten befreite einhundert Menschen der Banu Al-Mustaliq. Laut eines Berichts von ‘Aischa war sie ein Segen für ihre Leute. Sie verbrachte viele Stunden in der Anbetung Allahs.

Hafsa bint ‘Umar: Sie lernte den Qur’an auswendig und war eine gute Freundin für ‘Aischa. Zainab bint Khazaima: Als ihr Mann in der Schlacht von Uhud starb, verfiel sie nicht der Depression, sondern behandelte weiterhin die Verwundeten und sorgte sich um diese. Sie erhielt den Beinahmen „die Mutter der Bedürftigen“.

Safija bin Hujai: Safija war eine Gefangene am Tag von Khaibar. Sie war loyal gegenüber dem Propheten und wurde eine aufrichtige Gläubige. Sie stand zu den Gefährten Muhammads und half ‘Uthman, als dieser in seinen Haus belagert wurde.

Zainab bint Dschadsch: ‘Aischa berichtete über sie: „Ich habe niemanden gesehen, der besser in der Religion war, gottesfürchtiger, ehrlicher in seiner Rede, besser in der Aufrechterhaltung der Verwandschaftsbeziehungen, großzügiger beim Spenden, aufopferungsbereiter in der Durchführung edler Taten und solcher Dinge, die einen näher zu Allah, dem Allmächtigen, bringen, als Zainab.“ Sie arbeitete selbst und spende ihre Einkünfte für gute Zwecke.

Maimuna bint Harith: Sie war bekannt wegen ihrer Gottesfurcht, Reinheit, Hingabe in der Anbetung und Zurückhaltung bei Dingen dieser Welt. Sie stand im nächtlichen Gebet und fastete am Tag. Maimuna überlieferte 46 Hadithe. Der Prophet bezeugte ihren Glauben und den ihrer Schwestern: „Jene Schwestern sind Gläubige: Maimuna, Umm Al-Fadl und Asma’.“

Nach der Beschäftigung mit Biografien der Ehefrauen des Propheten und den biografischen Einträgen zu spirituellen Frauen ergeben sich drei bestimmende Themen: Sie fasteten regelmäßig, beteten in der Nacht und spendeten regelmäßig. Sie waren auch demütig angesichts ihrer eigenen spirituellen Praxis und dachten oft an das Jenseits und den Jüngsten Tag.

Zu den Eigenschaften von spirituellen Frauen, die in biografischen Wörterbüchern erwähnt wurden, zählen unter anderem: Spirituelle Zustände, Liebe zu Allah, Fasten am Tag und Beten in der Nacht, Hingabe, Dhikrullah und ­Teilnahme an Zirkeln des Dhikrs, Wissen von Allah (Ma’rifa), Vorsicht, hohe Sehnsucht, das Auswendiglernen des Qur’ans, Nachdenken, Zuhd [ohne die nicht unmittelbar notwendigen Dinge dieser Welt auskommen], Furcht vor Allah und Rechtschaffenheit. Solche Frauen waren Mütter, Töchter, Ehefrauen. Sie überlieferten Hadithe, Aussagen von Gelehrten, rezitierten Sammlungen von Litaneien (Aurad), befanden sich im ­konstanten Zustand der Gottesfurcht und waren entrückt durch ihre Liebe zu Allah.

Es gab vier namentlich erwähnte vollkommene Frauen: Mariam, Asija, Khadidscha und Fatima. Das heißt, dass dieser Zustand möglich ist. Wir alle sollten uns bemühen, unsere Mängel auszugleichen und unseren Charakter zu vervollkommnen. Nach Ansicht von Al-Ghazali besteht eines der entscheidenden Elemente, ‘Ubudija, in den folgenden drei Elementen: „‘Ubudija [der Dienst gegenüber Allah] besteht aus drei Dingen. Das erste ist die vorsichtige Beachtung der Anweisungen des heiligen Geseztes. Das zwei ist Zufriedenheit mit dem Schicksal und dem Urteil Allahs. Das dritte ist die Aufgabe der eigenen Zufriedenstellung auf der Suche nach der Zufriedenheit Allahs, des Erhabenen.“ Hilfsbereitschaft (Khidma) steht auch im Verhältnis zu Adab (spirituelle Höflichkeit). Al-Ghazali sagte dazu: „Wer standhaft ist und seine Moral und Verhalten im Umgang mit den Leuten verschönert und diese mit Nachsicht behandelt, ist ein Sufi.“

Als Ehefrauen, Mütter, Töchter, Schwestern, Nachbarinnen und Freundinnen können wir darüber nachdenken, wie wir anderen dienen können. Wir können sowohl mit unserer Zeit als auch mit unserem Wohlstand großzügig sein. Wir sollten nicht vergessen, dass das Lächeln eine wichtige Wohltätigkeit ist. Eine weitere wichtige Eigenschaft bei Muslimen ist die Entwicklung von Gastfreundschaft. Allahs Gesandter sagte: „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll etwas Gutes sagen oder schweigen. Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll nicht seinen Nachbarn verletzen. Und wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll seinen Gast großzügig behandeln.“

In der Entwicklung unserer guten Eigenschaften bewegen wir uns in Richtung der vollkommenen Weiblichkeit. Dies ist es, was von As-Sulami als Niswan bezeichnet wurde. Wir erlangen dies als sprituelle Frauen, indem wir über die Großzügigkeit unseres Herrn reflektieren, indem wir dankbar sind und gutes in jedem Tag finden. Wir müssen auch konstant daran arbeiten, unsere Absichten rein zu halten und sollten geheuchelte Angeberei (Rija’) vermeiden. Dies ist einer der Vorteile, eine Frau zu sein – auch für unsere weiblichen Gelehrten. Wenige weibliche Lehrerinnen haben den Status von Rockstars, sondern sind verborgene Juwelen, die unsere Gemeinschaften befruchten. Und doch können wir, wie Imam Al-Ghazali sagte, der Rija’ anheim fallen: „Rija’ leitet sich aus der Überhöhung der Menschheit ab. Erkenne, dass die Menschen der Macht des Erhabenen unterworfen sind.“

Als Frauen sollten wir den Vorbildern unserer spirituellen Müttern folgen und auf das Verständnis der Wahrheit fokussieren. Wir müssen ernsthaft über Allah als wirkliche Macht nachdenken und den Tag unserer Rechenschaft in Betracht ziehen, wenn wir für unsere Tage verantwortlich gemacht werden.

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