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Raum für das Weibliche

Gedanken eines europäisch-muslimischen Intellektuellen an die Geschlechterfrage

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Die Geschlechterfrage ist nicht nur das größte Diskussionsthema unter den Muslimen, sondern auch die größte Quelle für Missverständnisse zwischen der westlichen und der vermeintlich muslimischen Welt. Auch deshalb, weil wir uns nicht auf Inhalt und Bedeutung der Frage einigen können.

Man sollte meinen, das Feld wurde ausreichend beackert. Aber es fehlt immer noch eine Veränderung unseres Blickes, sodass wir genauer auf das Thema schauen. Ich glaube, dass genug – vielleicht sogar zu viel – über die Dauerthemen Kopftuch, Niqab und Heirat gesagt wurde. Vielmehr möchte ich darüber spekulieren, was wir der Moderne im Hinblick darauf antworten können, was die Geschlechterfrage bedeuten könnte.

Üblicherweise denken wir nicht in solchen Kategorien, wir mögen keine Abstraktionen. Im modernen Islam wird alles konkretisiert. Wie vergessen das große Bild. Vielleicht sollten wir damit beginnen, dass der heutige Islam nicht normativ ist. Es gibt keine Gemeinschaft, die nicht vom harschen Wind der Moderne beeinflusst wäre.

Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass es heute keinen Ausgangspunkt gibt, auf den wir als Idealmodell verweisen können, in dem Frauen und Männer in glücklicher Harmonie existieren. Es wäre aussichtslos und islamisch inkorrekt zu behaupten, irgend ein muslimisches Land behandelt Frauen so, wie der Schöpfer es beabsichtigt. Trotz gegenteiliger Behauptungen nationaler säkularer Eliten, ist diese Geschichte eine des Verlustes. Es gab in früheren Jahrhunderten viel mehr weibliche Gelehrte als heute. Die Menge der Frauen, die in den mittelalterlichen biografischen Nachschlagewerken auftauchen ist deutlich größer als die von VIP-Listen der arabischen Welt.

Unsere Aufgabe ist die der Rückgewinnung. In der Vergangenheit gab es exzellente Vorbilder, die seitdem nicht mehr erreicht wurden. Das Grundmodell für alle folgenden Manifestationen der Vergangenheit war natürlich die Gemeinschaft von Medina. Wir glauben an keine Utopie, Islam ist realistisch. Als solcher erkennt er die Entropie an, in dem die menschliche Art derzeit gefangen ist. Das soll aber nicht heißen, dass wir das Handtuch werfen, denn wir sind für unsere moralischen Entscheidungen verantwortlich.

Einer der wichtigsten Aspekte des Verlustes war der Niedergang einer inneren weiblichen Subkultur. Islam vertritt ein modulares Bild der Gesellschaft: es gibt einen männlichen Raum und einen weiblichen. Recht profund ist ebenfalls das Konzept des heiligen Bereichs, das wir komplett verloren haben. Wütende Kritiker im Westen können auf den minimalen Raum von Frauen in Moscheen verweisen, der auf Restriktionen mancher Rechtsschulen zurückzuführen ist. Was die Kritiker nicht verstehen können, ist, dass muslimische Frauen immer plurale Zugänge zum Sakralen hatten. Einige davon sind geschrumpft, andere gingen komplett verloren.

Einer der wichtigsten Zugänge zum Heiligen für Frauen war der Kontext des Tasawwuf/Sufismus. Während im Raum der Moschee die vorderen Reihen und die Position des Imam durch das Recht auf Männer beschränkt ist, war die Situation im Tasawwuf deutlich nuancierter. Die Position des Schaikhs einer Tariqa ist relativ offen für Frauen und wurde in der Vergangenheit auch gelegentlich von ihnen besetzt. In der normativen islamischen Gesellschaft war das eine viel einflussreichere Rolle als die eines Imams in der Moschee. Während der Imam eigentlich nur ein Funktionär ist, der die Zeit des Gebetes markiert, ist der Schaikh, Pir oder Murschid einer Tariqa jemand, zu dem man ein gutes Verhältnis haben will. Sie zeigen den Weg zu Allah auf eine viel augenblicklichere Weise als die Imame einer Moschee dies tun müssen.

Zu den ebenfalls schwindenden Elementen gehört die erweiterte Großfamilie. Ein großer Teil der moralischen Kohärenz der Scharia lässt sich nur verstehen, wenn wir ein Familienmodell voraussetzen, dass uns sehr fremd ist. Das Grundelement von Städten, Dörfern oder Wüstengemeinschaften war die erweiterte Großfamilie. Das verlieh ein Gefühl von Identität, Zugehörigkeit und Geborgenheit. Diese Familie lebte in einem sehr großen Haus, das um einen zentralen Hof errichtet wurde, der Privatheit garantierte. Abends gingen die Frauen auf die Dächer, wo sie kommunizierten, was sich noch in Fes beobachten lässt.

Die Großfamilie gab Frauen die Möglichkeit der Kinderbetreuung. Wollte eine Frau ausgehen oder reisen – auf die Hadsch, für Wissen oder Handel –, konnten sie das sehr leicht tun, weil die Großfamilie die ideale Situation zur Erziehung bot. Viel mehr Frauen als vermutet waren Händlerinnen. So gab es unter den reichen Unternehmerinnen Istanbuls eine ganze Klasse von Stifterinnen.

Heute hat die Hausfrau eine extrem schwierige Aufgabe. Sie ist immer umgeben von ihren vier Wänden und lauten, aktiven Kindern. Der Druck auf moderne Ehen leitet sich genau davon ab. Einer der Gründe, warum Frauen die Grenzen der Familie sprengen wollten, war der repressive Charakter der Kleinfamilie; ein weiteres Beispiel, wie die Moderne Frauen materiell eingeengt hat.

All das müssen wir im Hinterkopf behalten, denn wir verteidigen ein soziales Modell, dass unsichtbar ist. Die Einführung einer islamischen Blaupause in einer westlich-modernen Landschaft, die durch Atomisierung gekennzeichnet ist, führt unweigerlich zu Ungleichgewichten und Ungerechtigkeit. Eines der Probleme des heutigen Denkens ist, dass moderne Muslime diese Aspekte übersehen.

Verstärkt wird dieses Problem durch ein viel größeres, wonach diese Denker, säkularisiert durch moderne Bildung, ausgehen, dass es bei dem Thema um „Gesellschaft“ geht. Aber das ist kein religiöses Verständnis. Im Gegensatz zum modernen säkularen Verständnis besteht unseres darin, dass jedes Prinzip eine Bedeutung hat. Und Allah kann keine Willkür oder Aussichtslosigkeit zugeschrieben werden.

Der Versuch moderner muslimischer Feministinnen einer Reflexion darüber wird dadurch erschwert, da sie vergessen, dass Geschlecht etwas bedeuten muss. Nur wenn wir verstehen, warum es Zweigeschlechtlichkeit gibt, können wir verstehen, was die Absicht der Scharia ist. Wir haben die Kutsche vor das Pferd gespannt und haben einen ausschließlich westlichen Begriff von Gerechtigkeit übernommen.

Unser Konzept von Gerechtigkeit ist um ein Vielfaches feiner. Es bedeutet letztendlich nicht bloß den gleichen Zugang zu Gütern, Dienstleistungen, Rechten, Pflichten und Gelegenheiten für persönliche Zufriedenheit. Unsere Definition von Gerechtigkeit mag zufällig einige dieser Dinge beinhalten, aber sie handelt in Wirklichkeit um Gleichwertigkeit in der Sache, um die es wirklich geht: Kandidaten für das Seelenheil zu werden. Diese Welt währt nicht lange. Unser Ziel ist es, Frauen und Männer mit gleichen, verbesserten Möglichkeiten auszustatten, zu Wesen zu werden, mit denen Allah zufrieden ist.

Im Islam ist das auf eine Weise ermöglicht worden, die schwer zu verallgemeinern ist. Eine der Bedeutungen der prophetischen Aussage „ich wurde für die ganze Menschheit entsandt“ ist, dass sein Weg für alle transformierend sein muss. Das schließt auch Frauen mit ein. Es gehört zur schöpferischen Weisheit Allahs, dass Er keinen einheitlichen Typ Menschen erschuf, sondern dass jeder einzigartig ist. Die verschiedenen Formen der Anbetung in der Scharia sind auch nach 1.400 Jahren noch so enorm transformierend für eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen.

Es ist faszinierend, dass es im Islam verschiedene Rollenbilder für Frauen gibt. In einem Hadith werden vier Frauen erwähnt. Das stellt einen starken Kontrast zum Christentum dar, wo es gerade im Katholizismus und bei Orthodoxen nur ein weiblich Ideal gibt. Einer der feministischen Kritikpunkte am Christentum ist, dass das Ideal der jungfräulichen Mutter von niemandem nachgeahmt werden kann. Nach Ansicht feministischer Theologen schafft das bei Frauen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Die Botschaft ist, dass Frauen nur Erfolg in der Leugnung ihres Körpers finden.

Im Islam gibt es keinen Ansatzpunkt für diese Kritik. Mariam ist zwar auch hier eine jungfräuliche Mutter. Es gibt aber weibliche Idealtypen, die im Grunde wichtiger sind: Khadidscha bint Khuwailid ist der Archetyp der Frau, die handelt und in der Welt ist, aber auch die Frau, die Mutter (der vier gesegneten Töchter des Propheten) ist. Sie belegt, dass spirituelle Perfektion und körperliche Existenz keine Ausschlusskriterien sind. Sie wurde für viele einflussreiche Frauen der islamischen Geschichte zum Vorbild der großzügigen Spenderin, die es auf dem Weg Allahs gibt.

Jemand anderes ist Asija, die Ehefrau des Pharao. Allah ehrte sie mit der historisch enorm wichtigen Rolle einer Retterin des späteren Propheten Musa. In dem entsprechenden Hadith wird nahegelegt, dass eine Frau, die von ihrem Mann schlecht behandelt wird, eine Belegung wie die von Asija erhält.

Ein weiteres Vorbild ist Fatima. Sie wurde für Muslime zum Modell der vollkommenen Frau, die Allahs Zufriedenheit durch ihre Zurückweisung der Dinge dieser Welt erreichte. Wo wären wir als Gemeinschaft heute ohne ihren stetig fließenden Segen und ihr Wissen, das sie an Hasan und Hussain weitergab?

‘Aischa stellt einen aktiveren Typ dar. Es wird manchmal vergessen, dass der Gesandte Allahs, Frieden und Segen auf ihm, aktive und resolute Frauen mochte. Von allen Prophetengattinnen und den Frauen in Medina hatte sie die öffentlichste Rolle. Für Musliminnen, die heute mit den höchsten islamischen Standards ringen und gleichzeitig aktiv in dieser Welt leben, erweist sie sich als lohnendes und zum Denken anregendes Modell. Nach dem Tod des Auserwählten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zog sie sich nicht in Trauer oder Vergessenheit zurück. Sie lehrte in der Moschee und wurde zu einem der ganz wichtigen Bindeglieder für die Überlieferung prophetischer Aussagen. Wo wären wir als Gemeinschaft, hätten wir nicht ihre Hadithe? 3-4.000 anerkannte in den sechs Sammlungen wurden von ihr weitergegeben.

Es ist wichtig, über die erstaunliche Tatsache nachzudenken, dass die grundlegenden Verpflichtungen unserer Religion gleichermaßen für beide Geschlechter gelten. Die fünf Säulen stehen Frauen wie Männern offen wie sie verpflichtend sind – selbst die Hadsch. Diese war in vormoderner Zeit durchaus ein gefährliches Unterfangen. Das war damals sehr beschwerlich. Es konnte sein, dass Männer wie Frauen bis zu mehreren Monaten im rituell verpflichtenden Zustand bleiben mussten.

Einer der Gründe, warum so viele Leute konstant die Kirchen verlassen, ist die Enttäuschung vieler Frauen über eine Kosmologie, die dem Attribut der Männlichkeit einen solch höheren Wert beimisst. Im alten wie im neuen Testament wird diese Eigenschaft sogar dem Allerhöchsten zugeschrieben. Der Einwand säkularer und religiöser feministischer Kritikerinnen besagt, dass dies Frauen entfremde und ausgrenze. Denn es impliziert unausweichlich die Höherwertigkeit des männlichen Prinzips.

Die Gelehrten des Islam hingegen sind sich einig, dass Allah diese Kategorien transzendiert. Es ist richtig, dass im Arabischen das männliche Pronomen benutzt wird; selbiges gilt für die Übersetzungen in andere Sprachen. Aber die Kalam-Gelehrten bestehen darauf, dass das nicht einmal eine Metapher ist. Das Arabische benutzt gewohnheitsmäßig die dritte Person Singular in männlicher Form zur Beschreibung neutraler Nomen. Es ist ein essenzieller Aspekt unserer Glaubensüberzeugungen, dass wir Allah kein Geschlecht zuschreiben. Wir sagen „Er“, aber wissen ganz genau, dass das Wort keine Anwendung auf Ihn hat.

Im Kontext des Tasawwuf finden wir den höchsten Respekt für Frauen und das weibliche Prinzip. Jede muslimische Gemeinschaft, die den Sufismus als Element aus den Augen verliert, wird unausweichlich das weibliche Prinzip erniedrigen. Wir sehen das heute in Ländern, die ihren Tasawwuf abgeschafft haben. Wenn Sufis über das weibliche Prinzip nachdenken, verweisen sie auf ein Hadith bei Tirmidhi über die 99 Namen Allahs. Einige dieser sind die der Majestät, andere der Schönheit. Und dann merken sie an, dass das jeweils mehrheitlich männliche beziehungsweise weibliche Attribute sind. Das männliche Prinzip wird mit Stärke assoziiert, das weibliche mit Schönheit und Mitgefühl. Wir können nicht sagen, dass einige Göttliche Namen wahrer sind als andere. Allah sagt über Sich, dass Er sich Barmherzigkeit, Rahma, vorgeschrieben hat. Einige Hadithe weisen darauf hin, dass die Eigenschaft der Rahma weibliche Konnotationen hat. Sie leitet sich aus dem Wort für Gebärmutter ab.

Jede Diskussion der Geschlechterfrage muss sich vom säkularen Deutungsmuster lösen. Wir müssen erklären, was bei Allah ta’ala zählt und die Bedeutungen betonen, die Er in der Schöpfung verborgen hat. Nirgendwo in unserer Theologie und unserer Spiritualität lässt sich ein Vorrang des männlichen vor dem weiblichen Prinzip erkennen. Wenn wir das verstehen, können wir die Scharia im richtigen Licht betrachten.

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