IZ News Ticker

Araber ist, wer Arabisch spricht

Zukünftig werden auch hiesige Traditionen ihren Einfluss auf eine lokale muslimische Identität nehmen

Werbung

Foto: Henrik Hansson/Globaljuggler | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Seit der ersten Gastarbeitergeneration beobachtet man, dass nicht nur Räume zu Gebetsplätzen umgestaltet wurden, sondern bald danach die ersten Moscheen gebaut wurden. Und zur Irritation manches kommunalen Rates trennten sich die einen Muslime von den anderen, um ihre eigene Moschee aufzubauen, wozu sie einen eigenen Moschee-Verein gründeten.

Die Stadtplaner fragten sich damals, warum die Muslime nicht zusammenbleiben könnten. Was trieb diese Muslime auseinander? Nun, die Antwort war und ist bis heute ganz einfach: Die einen neuen Mitbürger kamen zum Beispiel aus Anatolien, während eine andere Gruppe aus Bosnien kam; die Mitglieder eines dritten Moscheevereines fühlten sich einem nordafrikanischen Land verbunden wie Marokko.

Die deutschen Besucher der einzelnen Moscheen sahen und erlebten bei ihren Besuchen normalerweise keinerlei Unterschiede: „Die beten doch alle in gleicher Weise, und überall werden Frauen und Männer getrennt; zudem sprechen alle arabische Gebete“, hörte und hört man immer wieder.

Wissenschaftler begründeten an den verschiedenen Hochschulen die Trennung der Vereine mit den unterschiedlichen Rechtsschulen, von denen es zumindest vier dominante sunnitische gab und gibt. Hinzu kommen die schiitischen Gruppen. Jede von ihnen kennt eigene Formen der Pflichtreinigung vor dem Gebet und eine andere Art, sich beim Gebet zu verhalten, die den anderen, aus einer anderen Tradition stammenden Muslim durchaus irritieren kann.

Diese Formen der Orthopraxie entstanden in jener Phase der Ausbreitung des arabischen Reiches, den Europäer die islamische Ausbreitung beziehungsweise die formative Phase des Islam nennen, als die Gelehrten sich mit den Kulturen der eroberten Gebiete auseinandersetzen mussten. Dabei wurden sie unter anderem mit Fragen des örtlichen Brauchtumes (Urf) konfrontiert, die es bei den arabischen Stämmen in Mekka und Medina nicht gegeben hatte.

Zwar lernten alle Konvertiten der eroberten Landschaften das Arabisch der Offenbarung und bemühten sich um eine Orientierung am schönen Vorbild der ehrwürdigen Propheten, aber sie blieben in ihrer Muttersprache beheimatet. Die Konsequenz war und ist noch heute, dass Muslime, die das qur’anische Arabisch als zweite Sprache erlernen, es auf dem Hintergrund ihrer Muttersprache verstehen. So integrierten sie ihre Brauchtümer in ihr Verständnis des Glaubens, ohne dass der Glaube an den Einen, das Gebet, die Zakat, das Fasten oder die Verpflichtung zur Hadsch berührt wurde.

Für die west-europäischen Kolonialherren islamischer Gesellschaften wurde dadurch das von ihnen angetroffene religiöse Verhalten der unterschiedlichsten Völker und Stämme zu „dem“ Islam. Professor Al-Ani machte mit seinen Arbeiten jedoch darauf aufmerksam, dass der Islam in Folge „de-arabisiert“ wurde; oder anders formuliert, die Muslime wurden keine Araber.

Said Al-Dailami zeigte in der Diskussion des sogenannten „Arabischen Frühlings“ die hieraus entstandenen europäischen Wahrnehmungsprobleme. „Der“ Islam wurde essenzialistisch betrachtet, und gleichzeitig wurden die Grundkonflikte der unterschiedlichen Bilder voneinander und die ungelösten Konflikte schlicht verdrängt.

Gleichzeitig verschwanden die unterschiedlichen Gedächtnisse der machtpolitisch dominierenden Europäer und der Beherrschten im Unbewussten. Die Folge war unter anderem jene Haltung, der man als Muslim heute auch in akademischen Diskursen begegnet: „Ich weiß, wie der Islam ist, und ich sage es Ihnen.“ Das Recht des Gläubigen auf seine islamische Kontingenzbewältigung wird entgegen dem verbal verteidigten Grundsatz der Glaubensfreiheit nonchalant übergangen.

Im Gegensatz zur europäischen geistlichen Tradition, in der Religionskriege keine Seltenheit waren, gehörten „Multikonfessionalität und friedliche Koexistenz unterschiedlicher Ethnien zu den Grundzügen“ (Al-Dailami) der Weltgemeinschaft der Muslime. Was nicht heißt, dass die Verhältnisse stets spannungsfrei gewesen sind.

Dennoch sollte man darauf hinweisen, dass der Weg zum Nationalismus und Nationalstaat in Europa entwickelt wurde und im Zuge des Kolonialismus auf außereuropäische Herrschaftsstrukturen und durch die kolonialen Grenzziehungen übertragen worden ist. Die Gelehrten haben diese politische Denkrichtung stets als für die Umma, die Weltgemeinschaft der Muslime, zerstörend betrachtet. Schließlich sind von den 1,4 Milliarden Muslimen auf der Welt „nur“ 200 Millionen Araber.

Allerdings haben einige von diesen Gemeinschaften gebildet, die den Anspruch erhoben und zu verbreiten versuchten, ihre Orthopraxie sei die einzig gültige. So gab und gibt es Gelehrte, die meinen, dass nur der wirklich gläubig sei, der über die fünf Säulen hinaus ihre Auffassung der Schari’a, das heißt, Orthopraxie bekenne und praktiziere.

Es sind gegenwärtig vor allem saudische (und andere) Wahhabiten sowie Salafisten, die mit Hilfe der ihnen zur Verfügung stehenden Geldmittel diese Meinung vom Islam zu verbreiten suchen, ohne allzu großen Erfolg zu haben, da diese Orthopraxie bei ihrer Realisation in der Gesellschaft zu dem führen kann, was im europäischen Denken eine Tugenddiktatur genannt wird.

In den west-europäischen Diskursen gilt es deutlich zu machen, dass die Umma durch die teils heftigen Kalam-Diskussionen und politischen Auseinandersetzungen nicht arabisiert worden ist. Die Hadsch demonstriert dies nicht bei den Männern, sondern mit der Buntheit der Frauen, wie Ali Kazuyoshi Nomachi mit seinem  beeindruckenden Bildband demonstrierte.

Und wer bei den Hui in China eine Moschee sucht, der sollte sich darauf einstellen, dass die Gebäude wie buddhistische Pagoden aussehen können und in keiner Weise an türkische oder saudisch-arabische Moscheen erinnern. Dennoch erklingt der Adhan wie überall in arabischer Sprache.

In China integrierten die damals neuen Muslime ihr Brauchtum in die Orthopraxie des Islam, was die Haussa ebenso taten wie die Javanesen. So veränderte sich nicht „der“ Islam, sondern entwickelte sich gemäß dem örtlichen Brauchtum eine selbstständige Orthoporaxie, mit deren Eigenheiten und Vielfalt die Umma stets problemlos lebte.

Der US-amerikanische Gelehrte und Übersetzer ‘Umar Faruq Abdallah diskutierte diese Entwicklung im Rahmen eines Aufsatzes, den er vor Kurzem im Rahmen der Nawawi Foundation publizierte, ohne allerdings in den westeuropäischen Diskursen ein Echo zu finden. Der Grund mag der sein, dass man in hier „den“ Islam gänzlich arabisch, nahöstlich denkt, was durch die Flüchtlinge verstärkt wird. Dadurch  werden selbst die großen Leistungen der marokkanischen Umma verdeckt.

Wenn man diese historische Entwicklung in der Umma betrachtet, dann ließe sich vermuten, dass das deutsche Brauchtum die Orthopraxie der heranwachsenden Muslime der kommenden Generationen beeinflussen wird, sodass es zu einer deutsch-islamischen Orthopraxie kommen wird und nicht zu einem deutschen Islam. Schließlich ist die Schahada wie die Ibadat ahistorisch.

The following two tabs change content below.
Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Neueste Artikel von Wolf D. Ahmed Aries (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen