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Arabischer Frühling & Europäischer Herbst: Interview mit Adil Morrison über die jüngsten Unruhen in England

„Hier herrscht reale Armut“

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(iz). Im Augenblick hechelt die globale Aufmerksamkeit dem abstrakten Auf und Ab von Aktien- und Währungskursen hinterher. Dass die immer deutlicher werdende Irrationalität aber konkrete Auswirkungen hat, haben nicht nicht nur die Menschen in Griechenland oder Irland zu spüren bekommen. Nach Jahren von Bankenrettung, Einsparungen und Kürzungen findet die Unzufriedenheit und Frustration gerade unter Jugendlichen ein Ventil in Gewalt und Randale.
Die Ausschreitungen begannen, nachdem am Samstag ein Verdächtiger von Polizisten im Londoner Stadtteil Tottenham erschossen wurde. Mittlerweile sind nicht nur weite Teile Londons betroffen, sondern auch Bristol, das mittelenglische Birmingham sowie Liverpool im Norden. Die Randalierer setzten Autos und Häuser in Brand und verwüsteten Filialgeschäfte und plünderten.
Wir sprachen hierzu mit dem Studenten, Übersetzer und gelegentlichem Journalisten Adil Morrison, der als Sohn karibisch-muslimischer Eltern selbst im berühmt-berüchtigten Brixton aufwuchs. Morrison studiert heute Deutsch an der Universität London und lebt im Londoner Croydon.

Islamische Zeitung: Lieber Adil, was geschieht im Moment in London und anderen britischen Städten?

Adil Morrison: Alles begann am Samstag im Londoner Stadtteil Tottenham mit friedlichen Protesten [nachdem bei einer Polizeirazzia ein mutmaßlicher Verbrecher von der Polizei erschossen wurde]. Danach eskalierten die Ereignisse immer mehr. Gestern [Montag, den 08.08.2011] breiteten sich die Unruhen insgesamt auf Süd- und Ostlondon und sogar auf Westlondon aus. Heute kam es auch in Bristol, Birmingham und Liverpool zu gewalttätigen Ausschreitungen. Mittlerweile ist es überall so.

Islamische Zeitung: Du selbst lebst im Süden Londons. Wie sieht es dort aus?

Adil Morrison: Ja, ich wohne in Croydon. Gestern wurden eine Reihe großer Geschäfte im Zentrum in Brand gesetzt beziehungsweise verwüstet.

Islamische Zeitung: Eine Journalisten in Deutschland verglichen die jetzigen Unruhen mit den berüchtigten Brixton-Unruhen von 1981. Ist der Vergleich treffend?

Adil Morrison: Aus persönlicher Erfahrung kann ich das natürlich nicht beurteilen, da ich nach '81 zur Welt kam. Aber aus dem, was ich sehen kann, ist die Gewalt heute sehr viel verbreiteter. '81 fanden die Unruhen beinahe ausschließlich innerhalb der britisch-karibischen Community von Brixton statt. Heute sind sie an den meisten Orten. Es gibt aber sicherlich gewisse Ähnlichkeiten.

Islamische Zeitung: In Deutschland nutzen viele rechtsgerichtete Stimmen die Unruhen erneut zum Anlass, das Scheitern von „Multikulti“ zu beschwören. Wer sind die Unruhestifter, „Migranten“ oder ganz normale „weiße“, englische Jugendliche?

Adil Morrison: Die jetzigen Ausschreitungen haben nichts mit Rasse oder ethnischer Herkunft zu tun. Es geht vielmehr um die soziale Stellung beziehungsweise Position von Jugendlichen. Hier randalieren nicht die Einwanderer, sondern die Armen. Wenn man Videoclips sieht, dann finden sich darunter schwarze, asiatische und weiße Gesichter. Jeder ist im Augenblick wütend und fühlt sich angesprochen. Es randaliert hier überwiegend eine wütende und enttäuschte Jugend. Naturgemäß finden sich auch Muslime darunter. Gestern sah ich ein Video aus Birmingham, auf dem junge Asiaten beim Plündern zu sehen waren. Die Chance ist hoch, dass ein Teil von ihnen Muslime waren.
Wir dürfen aber nicht den Fehler machen und dabei von Einwanderern sprechen. Auch die jungen Asiaten leben hier in der dritten oder vierten Generation und sind somit junge Briten wie alle anderen auch. Es ist eine Sache zu behaupten, der Multikulturalismus sei gescheitert. Diese jungen Asiaten leben aber hier und es muss etwas geschehen. In den letzten Jahren sind die lokalen Gemeinden und Kommunen immer mehr zerstört worden, woran sich nun leider ein Teil der Jugendlichen selbst beteiligt. Das Land muss aufwachen und etwas gegen die Probleme tun, anstatt nur die Randalierer zu verurteilen.

Islamische Zeitung: Manche Stimmen meinten angesichts der Zerstörungen und Plünderungen, dass es sich hier nur um Hass und den Wunsch nach einem iPhone handelt, anstatt um politische Unzufriedenheit…

Adil Morrison: Keine Frage, das Element ist natürlich vorhanden. Die Menschen sind opportunistisch und sehen eine Möglichkeit zum Plündern.
Gleichzeitig glaube ich aber, dass es weit darüber hinaus geht. Betrachten wir die politische Lage in England, dann sehen wir, dass es in den letzten Jahren zu verheerenden Einschneidungen kam. Es wurden sehr viele Mittel gestrichen und vergleichsweise viele Menschen sind arm. Man konnte nicht nur Menschen sehen, die Unterhaltungselektronik klauten, sondern auch Säcke voller Reise wegschleppten. Das ist die Realität in London und bei vielen Menschen herrscht reale Armut.
Die Elite Englands kann das entweder nicht verstehen oder sie weigert sich, dieses Problem zu lösen. Bisher hatte sie sich als vollkommen wirkungslos erwiesen.

Islamische Zeitung: Besteht eine direkte Verbindung zwischen der letzten Finanzkrise, der britischen Politik und den jetzigen Unruhen?

Adil Morrison: Absolut. Ich bin davon überzeugt, dass eine direkte Verbindung hergestellt werden kann. Viele Menschen müssen alltäglich kämpfen. Im Kapitalismus wollen die Menschen immer mehr haben. Wenn sie es nicht kaufen können, nutzen sie jede Gelegenheit, es sich zu nehmen. Seit Jahren wird den Leuten in England erzählt, dass sich die Lage bessern wird. Sie sind jetzt wütend, weil die Versprechen der Vergangenheit niemals eingelöst wurden.
Dies soll natürlich nicht heißen, dass man die kriminellen Ausschreitungen in irgendeiner Form gutheißt oder relativiert. Aber es ist wichtig, dass wir ihre Ursachen begreifen.

Islamische Zeitung: Ist es nicht eine bittere Ironie, dass zu den Entscheidungen während der Bankenrettung unter Premier Gordon Brown der Beschluss zählte, keine neuen Polizisten anzustellen und gleichzeitig ihre Gehälter einzufrieren?

Adil Morrison: Genau. Vieles von dem, was jetzt zu einem drängenden Problem geworden ist, leitet sich aus der Entscheidung der Politik ab, den Banken einen Vorzug vor ihrem Land einzuräumen. Insbesondere die Polizei wurde davon betroffen. In den letzten Jahren hatten wir verschiedene Polizeichefs und es gab sogar Einschnitte beim Budget der Polizei. Die Menschen fragen sich jetzt zurecht, warum bei der Polizei Geld gespart wurde, während es den Banken hinterher geworfen wurde.

Islamische Zeitung: Lieber Adil, vielen Dank für das Interview.

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