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Auch im revolutionären Chaos gab es eine Sehnsucht nach Spiritualität. Von Abdul Hakim Murad

Von der Moderne zum Ursprung

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Die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts ist kein Thema, auf das wir Muslime viel Zeit verwenden. Die geistig Wachen unter uns sind sich bewusst, dass sie akkurat den Niedergang der westlich-christlichen Weltsicht repräsentiert; das gleiche gilt für ihren ersten Ersatz, den titanischen Fantasien der Renaissance. Deren nackte Statuen fordern uns heraus, die menschliche Gestalt als für sich selbst ausreichend zu betrachten. Nachdem zwei Weltkriege die westliche Elite davon überzeugten, dass eine sich selbst überlassene Menschheit unwahrscheinlich ein Paradies auf Erden hervorbringen wird, brach die Groteske der Moderne an.

Das mag eine der Ursachen sein, warum Muslime besondere Schwierigkeiten mit der zeitgenössischen Kunst haben und warum diese unserer Kontemplation ganz besonders entgegensteht. Sollte Kunst die Kristallisation einer Kultur sein, dann bedeutet ein gemächlicher Gang durch die Londoner Tate Gallery die Konfrontation mit einer verstörenden Erkenntnis. Das Christentum produzierte, als es von der kulturellen Elite ernstgenommen wurde, bedeutende Werke, die Muslime als schön anerkennen können. Und das trotz der inhärenten Gefahren ihrer Liebe zum geprägten Bild.

Und doch, inmitten diese erschreckenden visuellen Kakophonie lassen sich gelegentliche Einblicke beobachten. Und diese können beinahe einen offenbarenden Charakter annehmen. Beinahe alle westlichen Künstler des 20. Jahrhundert kannten ihre kulturelle Situation; als Zerstörer einer religiösen Weltsicht und als Chronisten seiner chaotischen, formlosen und hässlichen Nachfolger. Einige erkannten jedoch die Überzeugungskraft von Alternativen. Und noch weniger, die dem umgebenden Rassismus und der Islamfeindlichkeit der europäischen Kultur entkamen, erkannten die Schönheit und Tiefe des Islam an.

Einer dieser Künstler war der Russe Kasimir Malewitsch. Er lebte und arbeitete zur Zeit der Russischen Revolution. Das war eine Phase der Verkettung tausender rivalisierender Bewegungen religiöser, mystischer, atheistischer oder ästhetischer Natur. Sie prallten in den frühen 1920er Jahren aufeinander und nur die teuflische Macht Josef Stalins erhob sich aus den Ruinen. Es war für eine kurze und sehr aufregende Saison, eine Zeit, in welcher der leblose Ballast der vererbten Hierarchien des Landes – sowohl der religiöse, als auch der königliche – scheinbar entfernt wurden, um Platz zu schaffen für eine Vision, die nicht nur gerechter war, sondern auch eine spirituellere Perspektive hatte.

Eine Ausformung dieser Bewegung war die Forderung von jungen Malern auf der Linken, dass die Behörden alle figürlichen Formen in der Malerei abschaffen sollten. Gegenständliche Kunst, so hoben sie richtig hervor, sei an sich schon bedrückend. Sie privilegiert Jugend vor dem Alter und Reichtum über Armut. In ihrer religiösen Form schreibt sie dem Göttlichen Geschlecht und Rasse zu. In entsprechender Zeit förderten und erzwangen Stalin und seine Nachfolger den groben Stil des Sozialistischen Realismus; Bilder muskulärer Bauern und Bäuerinnen, die in den neuen sozialistischen Sonnenaufgang blicken. Der Titanismus und die Anbetung des Menschen aus der Renaissance wurde wiederhergestellt. Entfernt wurde nur das Verlangen nach größerer Freiheit.

In der weißblühenden Hitze des Augenblickes aber – als das Alte mit dem Winterpalais und der Kathedrale von Kazan zerfiel und das Neue, in Form des sowjetischen Gigantismus noch nicht triumphierte – erschien in diesem kurzen aber bemerkenswerten Moment ein Riss in der europäischen Kultur, der das Licht des Islam hindurch ließ. Ein großer Teil Russlands wurde natürlich auf den Ruinen einer muslimischen Kultur aufgebaut. Mehr als jedes andere europäische Volk, inklusive der Serben, haben sich die Russen als heilige Krieger gegen den Islam betrachtet.

Im frühen 16. Jahrhundert war ein Großteil der heutigen Ukraine muslimisch. Südlich von Moskau unterhielten die Kasimow-Emire eine prächtige Hauptstadt und die Krim, eine der am dichtesten besiedelten und wohlhabendsten Regionen der Erde, war ein muslimischer Staat im Bündnis mit dem osmanischen Kalifat. Die Steppe zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer war jahrhundertelang muslimisch, reich geworden durch den Seiden- und Teppichhandel zwischen Iran und Europa. Östlich von Moskau schmückten muslimische Städte das Wolga-Ufer. Ihr Juwel war die Hauptstadt Kazan, damals 20 Mal größer als Moskau selbst. 1555 wurde es von Iwan dem Schrecklichen eingenommen und geplündert, als er in die Stadt einmarschierte und sie plünderte. Vor diesem Zaren war die Hälfte der eurasischen Landmasse muslimisch. Und die russischen Zaren verstanden sich als „ethnische Säuberer“, unter deren Hammerschlägen die überlebenden Muslime ihre Knie vor dem Kreuz zu beugen hatten.

Die Russische Revolution – sowie die vorangegangenen und folgenden Jahre – forderten jede Vorstellung der traditionellen russischen Mentalität heraus; inklusive der grundlegendsten Annahmen von allen: der Wertlosigkeit des Islam. Dichter und Denker fingen an, die muslimische Kultur zu respektieren. Architekten – gelangweilt und abgestoßen vom überladenen St. Petersburg – wandten ihren Blick auf die muslimischen Städte Bukhara und Samarkand. Hier glaubten sie, Harmonie zwischen Mensch und Natur zu finden; eine Feier der Schönheit, die nicht titanisch, sondern kontemplativ war.

Russische Architekten wie Melnikow fügten usbekische Elemente in ihre Häuser ein. Ein spektakuläres Beispiel war Melnikows Entwurf für den sowjetischen Pavillon bei der Internationalen Weltausstellung 1925 in Paris. Hier bediente er sich bei der Gestaltung an der Form muslimischer Grabbauten in Zentralasien. Durch Werke wie diese suchten Architekten wie Le Corbusier, islamische Themen in ihr eigenes Schaffen einzubauen.

In den bildenden Künsten findet sich dieser Einfluss. In der Luft schwirrten natürlich noch andere, gelegentlich verwirrte Bewegungen: Akmeismus, Kubismus, Konstruktivismus und der ganze Rest. Unter einigen Künstlern aber – die ihren Blick noch auf das Spirituelle richten konnten – war die Anziehungskraft des islamischen Sinnes für Schönheit zu stark, um ihr Widerstand leisten zu können. Einer der Architekten, Andrej Burow, merkte über seine Generation an: „Es gab einen starken mohammedanischen Einfluss; und einen orthodoxer Mohammedanismus noch dazu.“

An diesem Punkt betritt Kasimir Malewitsch die Bühne. Er war nachdenklich und ein Mystiker, für den die darstellende europäische Malerei wenig mehr als eine krude und verabscheuungswürdige Beschwörung mit schlaffen rosa Gliedern vor heroischen Landschaften war. Sein größtes Werk heißt „Das Schwarze Quadrat“. Das ist ein Quadrat, vollkommen in Schwarz gemalt, innerhalb eines weißen Randes. Er nannte es sein „absolutes Symbol der Moderne“. Eine Moderne, von der er hoffte, dass sie rein und spirituell sei, im Gegensatz zur geronnenen Dekadenz des westlichen Materialismus aus dem 19. Jahrhundert.

Er wählte des Bild eines schwarzen Quadrates, weil es sich dabei um die totale Umkehrung der Tradition der gekrümmten Vielfalt in der manifesten Welt handelte. Er schrieb später, dass er beim Malen des Bildes „schwarze Nächte in sich“ fühlte sowie eine „Beengtheit, die an Furcht grenzt“. Als er sich aber seiner Vollendung näherte, erfuhr er eine „segensreiche Erfahrung der Anziehung in eine Wüste, in der es nichts Reales als dem Gefühl gibt und das Gefühl wurde zur Substanz meines Lebens“.

Um Himmels willen, was könnte das bedeuten? Der moderne britische Schriftsteller Bruce Chatwin, der den Islam gut kannte, kommentierte dies wie folgt: „Das ist nicht die Sprache eines guten Marxisten, sondern die eines Meister Eckarts – oder, wenn wir schon dabei sind, von Muhammad. Malewitsch’ Schwarzes Quadrat, sein ‘absolutes Symbol der Moderne’ ist das Gegenstück in der Malerei zur schwarz umhängten Kaaba in Mekka; dem Schrein in einem Tal des unfruchtbaren Bodens, wo vor Gott alle Menschen gleich sind.“

Hier haben wir den Schlüssel zum Verständnis der Leistung des Malers. In seinem Bild, das für Muslime die bedeutendste Arbeit in der Kunst des 20. Jahrhunderts sein muss, durchbricht ein gebildeter Russe den Panzer einer verfestigten Realität und erahnt die Natur von Wahrheit. Einfachheit ist Schönheit. Und in ihrer Tiefe erzeugt sie Ehrfurcht und eine authentische Emotion, keine sentimentale.

Sehnsucht nach der Kaaba, die aufrichtige Muslime fühlen, wann immer sie daran denken, ist Verlangen nach einem Gebäude. Sie selbst ist genau in dem gleichen Maße Teil der erschaffenen Ordnung wie alles andere in der Schöpfung. Dieses Verlangen ist vielmehr ein Fragment, ein Atemhauch der Nostalgie für unseren Ursprungspunkt; für diese glorreiche Zeit außer der Zeit, als wir uns in der Gegenwart unserer Schöpfers befanden. Diese Sehnsucht ist die zentrale Emotion des Islam. Sie kommt vom Herzen, denn es kennt die Herrlichkeit der Kaaba, die der Verstand nicht begreifen kann. Sie ist – im Grunde – nur ein 12 Meter hoher Würfel. Daher sagte Dschalal Ad-Din Rumi: „Der Verstand erklärt: Die sechs Richtungen sind Grenzen. Daraus gibt es keinen Ausweg. Liebe sagt: Es gibt einen Weg und ich habe in viele Male bereist.“

Die moderne Welt ist mittlerweile panisch, soweit es ihre Abkehr von der Natur betrifft. Die Meere, die Luft und die Flüsse werden durch die Industrie verschmutzt, die ein Ausdruck für menschliche Gier und den Hass auf Einfachheit sind. Alzheimer, Asthma, AIDS und männliche Unfruchtbarkeit sind Hinweise auf einen Kollaps der Spezies. Die einfachen Menschen bezeugen ihre Unbehaglichkeit, indem sie Bio-Produkte kaufen, Aloe-Vera-Shampoo benutzen und synthetische Erzeugnisse meiden, wo sie können. Und doch ist das nur eine Rückkehr zur Form, nicht zum Inhalt. Es wäre müßig, eine „natürliche Lebensweise“ zu empfehlen, wenn man sie nur als Stil annimmt, anstelle einer signifikanten Bestätigung eines Kosmos, der eine Herkunft und ein Schicksal hat. Und der erschaffen wurde, um die Menschheit in seinem Leben der Anbetung und der Bezeugung des Realen zu unterstützen.

Als Muslime bejahen wir einen natürlichen Lebenswandel. Und das ist keine bloße Pose. Die Rückgewinnung des großen Vertrages verlangt, dass wir in Übereinkunft mit den erschaffenen Normen unserer Art leben. Schah Waliullah beobachtete, dass Allah eine Scharia für jede Spezies bestimmte. Aber Menschen haben die Fähigkeit des Vergessens und der Verletzung der Botschaft ihrer Gene, ihrer Hormone, ihres Geschlechtes und ihrer innewohnenden Sehnsucht nach der Quelle. Diese Dysfunktionalität ist die Essenz der Leugnung, der Prozess, durch den wir unsere wahre Natur vor uns selbst verbergen. (Sunnipath.com)

Dieser Text ist ein Auszug aus einem längeren Essay des Autors vom Jahre 1999.

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