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Auch in Ungarn ist der Islam im Wachstum begriffen. Von Yasin Alder, Bonn

Zwischen Donau, Theiß und Puszta

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(iz). Dass in Ungarn – einem Land, das von vielen dem Balkan zugeordnet wird, obgleich es sich als mitteleuropäisch, genauer ostmitteleuropäisch versteht – der Islam historische Wurzeln hat, scheint auf den ersten Blick überraschend. Sicher, weite Teile des Landes gehörten rund 150 Jahre lang zum Osmanischen Reich, die Hauptstadt Budapest, vor allem deren älterer Teil Buda, war von Moscheen, Bädern (Hamams) und anderen muslimischen Einrichtungen geprägt, von denen man noch heute einige sehen kann. Doch schon vor Ankunft der Osmanen gab es Muslime im Gebiet des heutigen Ungarn.

Frühe Zeugnisse

Bekanntlich stammen die Ungarn aus den Steppenlandschaften westlich des Urals und der Wolgaregion und sind in Form verschiedener Reitervölker im Mittelalter in die pannonische Tiefebene eingewandert. Die ungarische Sprache zählt zur finno-ugrischen Sprachgruppe der uralischen Sprachen und ist damit dem Finnischen, aber auch dem Türkischen mehr verwandt als etwa den benachbarten slawischen oder germanischen Sprachen. Einige jener Völker, die mit den Magyaren aus dem Osten kamen, wie die Kumanen, Petschenegen und Khalisen, hatten bereits in ihren früheren Siedlungsgebieten nördlich des Schwarzen Meeres und westlich des Urals den Islam angenommen. Spuren dieser frühen Muslime, die vermutlich ab dem 10. Jahrhundert in das Gebiet des heutigen Ungarn kamen, aber auch in die rumänische Walachei und nach Transsylvanien, sind bis ins 13. und 14. Jahrhundert nachweisbar. Von den Nichtmuslimen wurden sie oft „Ismailiten” genannt. Es gibt darüber auch Berichte von arabischen Reisenden wie Al-Gharnati, der im 12. Jahrhundert eine zeitlang in Ungarn lebte, oder von dem Autor Yaqut Al-Hamawi, der von Muslimen aus Ungarn berichtete, die zu jener Zeit in Syrien den Islam studierten.

Ab einem gewissen Punkt kam es zu einem erzwungenen Christianisierungsprozess, vor allem unter den Königen Kálmán I. und László V. Doch waren zunächst auch weiterhin Muslime als Soldaten in der Armee des Königs tätig, denn sie galten als zuverlässiger, weil sie keinen Alkohol tranken. Dennoch verlieren sich die Spuren der ungarischen Muslime in der Folgezeit.

Als ein Teil des Osmanischen Reiches

Im Jahre 1526 kam der Islam in Folge der entscheidenden Schlacht von Mohács mit den Osmanen erneut nach Ungarn, und bis 1541 hatten die Osmanen das gesamte zentrale und südliche Ungarn unter ihrer Kontrolle. Im Norden reichte das osmanische Territorium noch deutlich über Budapest hinaus; so gibt es etwa in der Stadt Eger nahe der Grenze zur Slowakei noch heute ein Minarett aus jener Zeit. Nachdem 1686 Buda von den Österreichern erobert worden war, verließen die letzten Osmanen schließlich um 1699 Ungarn. Die meisten Ungarn, die Muslime geworden waren, ebenso wie andere Muslime, die sich in Ungarn angesiedelt hatten, vor allem Serben und Bosnier, verließen ebenfalls das Land. Der überwiegende Teil der rund 200 Moscheen aus der osmanischen Zeit wurden zerstört, doch blieben zwei davon, die Yakovali Hassan Pascha Moschee im südungarischen Pécs und die Malkocs Bey Moschee in Siklós, bis heute erhalten. Ein bekannter Ort ist auch das Grab des Derwischs Gül Baba in Budapest, das von Muslimen, aber auch Nichtmuslimen gern besucht wird. Es gibt zudem noch vier erhaltene Bäder aus osmanischer Zeit in Budapest.

Die Zahl der Muslime in Ungarn war dennoch vermutlich in der ersten, mittelalterlichen Phase höher als zur osmanischen Zeit.

Die jüngere Geschichte

Die nächsten Hinweise finden sich erst im 19. Jahrhundert, zum Beispiel in Gestalt des Orientalisten Gyula Germanus, der den Islam annahm und fortan den Namen Abdulkerim trug. Germanus war auch der bisher einzige muslimische Parlamentsabgeordete Ungarns. In den 1840er Jahren entstand die erste ungarische Qur’an-Übersetzung. Nach dem fehlgeschlagenen Aufstand in Österreich-Ungarn von 1848 gingen viele, die daran beteiligt waren, vor allem Soldaten und Offiziere, in die Türkei, und einige von ihnen wurden Muslime. Die bekanntesten von ihnen sind József Bem, Richárd Guyon und Ágoston Kmetty.

Seit 1878 gehörten auch größere muslimische Gebiete wie Bosnien zu Österreich-Ungarn, und 1916 wurde der Islam institutionell anerkannt. Im 1. Weltkrieg waren Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich Verbündete. 1931 wurde in Ungarn eine offizielle muslimische Religionsgemeinschaft gegründet, die damals vor allem bosnische Muslime umfasste. Daneben gab es auch neue ungarische Muslime und eine kleine türkische muslimische Gemeinde. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden infolge der kommunistischen Machtergreifung auch in Ungarn die Religionen staatlich unterdrückt, doch in vergleichsweise geringerem Maße als in anderen kommunistischen Staaten.

Seit den 1970er Jahren trafen sich Studenten, die vor allem aus arabischen Ländern stammten, in Studentenwohnheimen zum Freitagsgebet. 1982 begann die Regierung Gespräche mit Vertretern internationaler muslimischer Organisationen, und 1988 wurde die Ungarische Islamische Gemeinschaft erneut zugelassen, unter Führung von Mihálffy Balázs, genannt Schaikh Abdurrahman, der auch eine Qur’an-Übersetzung anfertigte. Heute gibt es in Ungarn eine vielseitige, allerdings auch recht zersplitterte muslimische Szene. In der Hauptstadt Budapest gibt es heute etwa acht Gebetsorte. Hinzu kommen Gebetsorte in Städten wie Miskolc, Debrecen, Szeged und Tatabánya.

Eine wachsende Gemeinschaft

Laut Wikipedia gab es in Ungarn im Jahr 2001 gemäß der damaligen Volkszählung 3.201 Muslime. Da der Islam auch in Ungarn im Wachsen begriffen ist, dürfte die Zahl mittlerweile deutlich höher liegen. Der ungarische Muslim Jakub György schätzt eine Zahl von ungefähr 20.000, von denen die meisten arabischstämmig sind, vor allem Studenten, Akademiker und Geschäftsleute. Davon, so schätzt er, hätten etwa 4.000 bis 5.000 die ungarische Staatsbürgerschaft. Die meisten der arabischstämmigen Muslime kämen aus Syrien und Ägypten. Die Zahl der Ungarn, die den Islam angenommen haben, schätzt György auf derzeit etwa 3.000 bis 3.500. Die meisten seien junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, darunter viele Studenten, oft mehrsprachig und sehr weltoffen, erzählt Jakub György. Dadurch, dass die meisten zugewanderten Muslime Akademiker und gut ausgebildete Personen sind, hat der Islam weniger ein „Gastarbeiter”-Image als zum Beispiel in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern.

Es gibt zwei Organisationen, die sich vor allem den neuen ungarischen Muslimen annehmen und Öffentlichkeitsarbeit gegenüber Nichtmuslimen betreibt. Die eine ist die bereits erwähnte Ungarische Islamische Gemeinschaft (engl. Hungarian Islamic Community), die auch eine Moschee betreibt, über den Islam informiert und zum Islam einlädt, und sich darüber hinaus in Hilfsprojekten engagiert, zum Beispiel im Sudan, aber auch innerhalb Ungarns. Sie betreibt auch einen Betreuungsdienst für muslimische Strafgefangene und für Flüchtlinge. Die andere ist die Hanif Islamic Cultural Foundation, die Bücher übersetzt, Da’wa-Programme organisiert und zwei Da’wa-Zentren unterhält. Sie arbeitet eng mit der Ungarischen Islamischen Gemeinschaft zusammen. Beide zeichnen sich dadurch aus, dass gerade die ungarischstämmige Muslime in ihnen tonangebend sind. Aber auch in anderen Vereinen und Organisationen sind ungarische Muslime vertreten. „Wenn man zu einem Freitagsgebet kommt, so sind stets 10 bis 20 Prozent der Anwesenden ungarischstämmige Muslime”, sagt Jakub György, der ausgebildeter Lehrer ist, für die Hanif Foundation arbeitet und seit kurzem auch als Imam in einer Budapester Moschee tätig ist.

Die Atmosphäre gegenüber Islam und Muslimen in Ungarn sei vor allem durch sehr geringes Wissen auf Seiten der Mehrheitsbevölkerung geprägt. „Die meisten Leute verbinden mit den Worten ’Islam’ und ’Muslim” nichts bestimmtes”, sagt er. „In den Medien kommt der Islam nur in der Auslandsberichterstattung vor; man sieht höchstens ein bis zwei Mal im Monat etwas über Muslime in Ungarn.” Doch sähen große Teile der Bevölkerung den Islam mittlerweile auch als Teil ihrer eigenen Geschichte an, durch die osmanische Zeit, aber auch die prominenten Persönlichkeiten, die im 19. Jahrhundert Muslime geworden sind, meint György. Die vorosmanische Geschichte des Islam in Ungarn sei hingegen vielen nach wie vor unbekannt. Seiner Erfahrung nach sind Nichtmuslime in Ungarn zumeist sehr interessiert am Islam und stellten viele Fragen, zum Beispiel über die Hadsch, das Fasten im Ramadan, aber auch über das Jenseits. „Wir organisieren verschiedene Veranstaltungen, wie vor kurzem eine Konferenz über den Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, die von Muslimen wie Nichtmuslimen besucht wurde. Wir wurden von einer nichtmuslimischen Einrichtung, einem Theater, sogar gebeten, diese Veranstaltung durchzuführen.” Aber auch Sportveranstaltungen, Konzerte und ähnliches, mit einem Bezug zum Islam, werden von der Hanif Stiftung organisiert. „Wir möchten den Menschen auf unterschiedliche Weise, direkter oder indirekter, den Islam nahe bringen, da die Menschen verschiedene Interessen haben. Ich selbst bin zum Beispiel durch Reisen zum Islam gekommen, bei anderen mögen es andere Dinge sein”, sagt der ungarische Muslim.

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