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Auch über zwei Jahrzehnte danach bleibt die Erinnerung an Omarska

Bosniens schmerzhafte Vergangenheit

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Foto: infogr.am

Zu den Hinterlassenschaften des Bosnienkrieges gehört die mangelhafte Aufarbeitung der an Muslimen begangenen Kriegsverbrechen. Heute ist der Genozid von Srebrenica das dramatische Symbol dieses Krieges und seiner Opfer. Aber auch die Internierungs- und Mordlager wie Omarska dürfen wegen ihres Grauens nicht vergessen werden.

(iz). Wenn jemand denkt, dass über zwei Jahrzehnte nach Kriegsende eine lange Zeit sind, dann mö­ge er nicht vergessen, dass in dieser Zeit die meisten Kriegsverbrechen als solche nicht anerkannt oder gar geahndet wurden. Insbesondere im serbisch verwalteten Gebiet Bosniens, der Republika Srpska (RS), werden die Verbrechen an den muslimischen Bosniaken und ande­ren Nichtserben geleugnet, das Gedenken verboten oder vermieden.

Die muslimischen und katholischen Anwohner von Prijedor und der umgebenden Städten kämpfen in mehreren Vereinen unter schwersten Bedingungen für das Recht auf öffentliche Erinnerung an das Leid, dass ihnen widerfuhr. Vor dem Krieg gab es in diesem Gebiet ca. 56.000 Muslime und Katholiken, während es heute nur noch ca. 10.000 sind. Die Lokalverwaltung übt großen Druck auf diese Vereine aus: Ihre Fenster werden zerschlagen, Mitglieder von der Polizei verhört und mit Strafanzeigen bedroht. Unter den Polizisten sind ehema­lige Wärter aus den Konzentrationslagern. Was muss das für ein Gefühl sein, ihrer Willkür auch 21 Jahre nach dem Krieg noch ausgeliefert zu sein?

Trotz der Repression fand dieses Jahr, zum zweiten Mal seit Kriegsende, eine Gedenkveranstaltung im Bergwerk Omars­ka, 10 km von Prijedor, statt. Nichts erinnert hier an die ­Geschehnisse von 1992. Vom Mai bis im August wurden hier 7.000 Menschen, mehrheitlich Muslime, von Serben festgehalten, gefoltert, misshandelt, getötet. Als wir am 6. August in Omarska ankommen, ist es glühend heiß. Wir reihen uns in eine lange Autokolonne ein. Bosnische Kennzeichen, kroatische, slowenische, deutsche, schwedische, schweizerische. Den letzten Teil der Strecke legen wir zu Fuß zurück. Wir kommen direkt vor das „Weiße Haus“ von ­Omarska. Das berüchtigste Gebäude des Todeslagers. Die Räume des Baus sind winzig. In einem steht der Überlebende Mahmut Kapetanovic mit seiner Frau. Konzentriert zählt er Namen von seinen ­ehemaligen Mitgefangenen auf und zeigt im Raum wer wo gesessen hat. Unter den genannten Männern nur eine Frau, Hajra.

Vorrangig Frauen mussten in Omarska die Räume nach den Folterungen säubern, das Blut, die Haut und die Haare von den Wänden nehmen. Manche wurden vergewaltigt. Hajras Nachnahme war Hodzic. Mein Mädchenname. Mahmut sagt noch wie ihr Vater hieß. Und ihre Geschwister. Mahmuts Erinnerung ist so klar und detailliert, als ob er von den Menschen dadurch etwas in die Gegenwart retten wollte. Er zeigt mir Fotos vom Tag als im August 1992 die Journalisten kamen. Der hochgewachsene Mann ist darauf nicht wieder zu erkennen. Er wog nur noch 47 kg. Später deportierte man ihn in ein anderes Lager, Manjaca, näher an Banja Luka, die Hauptstadt der RS. Hajra ­überlebte nicht.

In einem anderen Raum des „Weißen Hauses“ sind Hunderte Ballons zur Decke gestiegen. Von ihnen hängen Schnüre mit kleinen Zetteln. Auf ihnen stehen Namen von Insassen, die nicht oder nur tot gefunden werden konnten. Jede Nacht brachte man 50-150 Menschen aus den Gebäuden und erschoss sie auf diesem Gelände. Danach schüttete man mit Baggern und LKWs Geröll aus dem Bergwerk auf ihre Leichen. Angehörige durchblättern diese Zettel. Sie suchen nach den Namen ihrer Liebsten. Als ob sie ihnen so einen Augenblick wieder ­näher kämen.

Draußen blendet die Sonne. Es müssen an die 40 Grad sein. Um ein Gebäude zieht sich auf zwei Seiten ein schmaler Schatten, in dem sich fast alle der 1.500 Anwesenden zusammenpferchen. Zum Mikrophon schreiten die Organisatoren (der Landesverein der Lagerinsassen, die Vereine der Lagerinsassen „Prijedor 92“ und jener von Kozarac), ein Vertreter der amerikanischen Botschaft in Bosnien und schließlich Hamdija Durakovic, ein Überlebender, der bisher nicht die Kraft hatte, an den Ort seiner Qualen zurückzu­kehren. Mittleren Alters, weißen Haares, stattlich und eloquent sagt er, die meisten seiner Wunden seien verheilt. Jedoch nicht, dass ihm seine Menschlichkeit genommen wurde: „Ich musste mich so auf das nackte Überleben einschränken, dass ich mich selbst der Gestalt meiner dreijährigen Tochter nicht entsinnen konnte. Meine Erinnerung, ich selbst, waren ausgelöscht.“

Dieser Mann, der in so gewählten Worten spricht, verliert hier seine Stimme. Wir stehen mit Sonnenbrillen vor ihm. Ich schäme mich der verdunkelten Gläser vor meinen Augen. Sie fühlen sich an wie Mattscheiben, durch die wir vier Kriegsjahre lang das Leiden ­dieser Menschen live verfolgen konnten, ohne zu handeln. Mir wird klar, dass wir alle damals etwas von unserer Menschlichkeit verloren haben. Hamdija erlangte die Erinnerung an sein Kind erst wieder, als seine Frau ihm ein Foto zeigen konnte.

Die weißen Ballons werden aus dem Folterhaus getragen. Wir versammeln uns und schauen ihnen nach, wie sie frei in die Luft aufsteigen. Die Sonnen­brille habe ich abgenommen. Ich verfolge die Namen der Insassen, wie sie in den Himmel verschwinden, durch meine Kamera.

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