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Auf dem Weg zur Seele Istanbuls

Ein Reisebericht von Nazli Delikaya, Berlin

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(iz). Die Menschen in Istanbul haben einen beneidenswerten Orientierungssinn. Eines Tages, das ist nicht lange her, war ich in Istanbul und wartete auf den Bus. Als ich diese Gelegenheit nutzen wollte und beim Warten die Menschen um mich herum beobachtete, wusste ich bald, woher diese starke Ausprägung dieses Sinnes herrührte: Die Stadt nötigte die Istanbuler dazu.

Bushaltestellen sehen in Istanbul ganz anders aus als hier in Berlin. Hier entnimmt man dem tabellarischen Fahrplan, der an jeder Bushaltestelle zu finden ist (vorausgesetzt, kein Pubertierender hat seine gedeihende Muskelkraft daran gemessen), welcher Bus wohin und wann dorthin fährt. In Istanbul dagegen muss man, um diese – wie ich meine im Alltagsleben keine so unwichtige – Information zu erhalten, erst einmal die Ankunft des Busses miterlebt haben; denn a) erst ein am Busfenster angebrachtes Schild verweist auf die Haltestellen und b) erst wenn der gewünschte Bus endlich in Sicht ist, macht es auch Sinn, auf die Uhr zu schauen. In Berlin ärgert man sich, wenn der Bus zehn Minuten Verspätung hat. In Istanbul freut man sich, wenn der richtige Bus in den nächsten zehn Minuten vor einem steht und man weiß, dass man die Menschen an der richtigen Haltestelle beobachtet hat.

Wahrscheinlich aber spürte nur ich beim Anblick des Busses diese Erleichterung. Schließlich war ich ja nur zu Besuch da und hatte nicht wie die Stadtbewohner die Zeit und Gelegenheit, mir eine statistische Datenbank zu schaffen, die durch persönliche empirische Erkenntnisse über die Abfahrtszeiten türkischer Bushaltestellen zustande gekommen wäre. Eines konnte ich aber feststellen: Mindestens eine Buslinie fährt von Fatih über Karaköy nach Eminönü.

Und in Eminönü sollte jeder Reisende wenigstens einmal gewesen sein, auch dessen bin ich mir sicher. Es ist der Ort, an dem man der Stadt ihre erste Silhouette verleiht. Überhaupt erwarte ich von jeder Großstadt, eine Silhouette zu haben. Es sollte möglich sein, diese Stadt zu zeichnen, ohne die Berührung des Stiftes mit dem Papier zu unterbrechen. Istanbul hat mehrere.

Eminönü bedeutet für mich fortan nicht nur „Yeni Cami“ (wörtl. „Neue Moschee“), das ist eine große prachtvolle Moschee, die mit ihren unzähligen Tauben vor dem Tor berühmt geworden ist. Übrigens, sehr beliebt bei Kleinkindern, die die Tauben mit ­Körnern füttern oder auch belästigen dürfen. Ich glaube dieser Sachverhalt hat etwas Idyllisches, denn meistens schauen Eltern ihren Lieben ganz entzückt zu, während jene wie wild herumrennen und Gefallen daran haben, wenn die Tauben hin- und ­herfliegen.

Es ist bemerkenswert, wie diese Menschenkinder dabei – von dem ganzen Geflattere unverwirrt – es schaffen, nie zusammenzustoßen. Nun ja, möglicherweise ist der „Istanbulsche Orientierungs­sinn“ vererbbar; wer weiß. Neben Vögeln und islamischer Baukunst gibt es in Eminönü noch vieles Andere zu entdecken. Um diese Behauptung von mir zu überprüfen, möge man bitte bei der nächsten Istanbulreise die Stufen am Haupttor der „Yeni Cami“ steigen und von der höchsten Stufe aus einen Blick auf die Aussicht werfen. Herrlich!

Rechts „schwimmende Restaurants“, das heißt nostalgisch dekorierte Schiffchen, in denen frischer Fisch als Imbiss zubereitet und verkauft wird; gleich daneben die berühmte Galata-Brücke, ein beliebter Treffpunkt für Hobbyangler; nicht weit entfernt Fähren, die die euro­päische Seite mit der asiatischen verbinden, und Bushaltestellen, Bushaltestellen, Bushaltestellen. Nun, zum Glück aber hat der Mensch auch das Vermögen, nach links zu schauen. Auf der linken Seite nämlich fängt der orientalische Touch so richtig erst an. Im Schatten der berühmten „Süleymaniye“ Moschee, die von Mimar Sinan, dem berühmtesten osmanischen Architekten aller Zeiten, erbaut wurde, befindet sich hier der Eingang zum „Mısır çarsısı“, einem Bazar, so wie man sich das aus Tausend und einer Nacht vorstellt: Diverse Gewürze, wohlriechende Kräuter, getrocknete Früchte und andere schmackhafte Spezialitäten; Männer, die vor ihren Läden nach Kunden werben; Frauen, die ohne nachzugeben feilschen. Sich in den Gängen dieses Bazars zu verlaufen, ist nicht besonders schwer. Ich habe es ausprobiert. Auch wenn viele Verkäufer inzwischen aus ökonomisch strategischen Gründen einige ihrer Waren als „Viagra“ bezeichnen (d.h. die Preistafeln auch so beschriften!), ist meiner Meinung nach die Seele dieses Ortes dennoch erhalten geblieben. Genau: Auch Orte haben Seelen. Das besagt ein türkisches Sprichwort. Und es stimmt! Es mag sie jeder an einer anderen Stelle und auf ganz andere Weise und vielleicht auch mehrmals spüren, aber sie ist auf jeden Fall spürbar. Ich zumindest tat dies an mehreren Stellen, in verschiedenen Situationen und Stadtvierteln, aber am meisten spürte ich sie im Gesicht eines Menschen.

Eminönü ist ein zentraler und belebter Bezirk, Menschenmengen schwirren herum, jeder hat es eilig, Transportmittel aller Art stehen zur Verfügung, es geht hier ziemlich hektisch zu. Die Hauptstraße (gleich neben der Moschee) wird anscheinend so stark befahren, dass die Zuständigen es in Bezug auf den Verkehrsfluss sinnvoller fanden, anstelle eines Fußgängerüberweges eine Fußgängerunterführung zu bauen.

Eines Tages, nicht lange her, benutzte ich diese Unterführung. Hunderte von Menschen passierten zur gleichen Zeit diese eine unterirdische Straße. Mütter hielten hier die Hände ihrer Kinder viel fester, Ladenverkäufer schrien hier noch lauter. Als ich alleine unterwegs und in Gedanken versunken die Stufen besteigen und mich von dieser Menschenmenge losreißen wollte, sah ich neben mir einen alten Mann mit langem weißen Bart, der dieselbe Intention hatte. Er trug in seiner Hand eine große dunkle Tasche, die mit Zwirn mehrfach umwickelt war. Ohne zu zögern half ich ihm. Die Tasche war viel schwerer als sie aussah. Was wohl darin stecken mochte? Beim näheren Hinsehen merkte ich, das der alte Mann, der sich höflich bedankt hatte, blind war. Nein, er hatte keine Sonnenbrille, und nein, er hatte die Augen nicht geschlossen. Er hatte Augen und hatte dennoch keine. Schweigend stiegen wir die lange Treppe hinauf. Er hatte einen Stock in der Hand. Seine ruhige Stimme, die gelassene Art, wie er sprach und das Gebet, das er für mich als Zeichen seiner Dankbarkeit sprach, werde ich nie vergessen. Ziemlich am Ende der Treppe bemerkte ich, dass eine dritte Hand uns zu Hilfe geeilt war. Es war ein junger Mann. Oben angekommen, erhielt auch er Dank, Gebet und das schöne Lächeln des alten Mannes. Wir trennten uns.

Mit langsamen Schritten ging der Weißbärtige seines Weges. Ob die Tasche Spielzeuge aus China enthielt, die er verkaufte, um sein tägliches Brot zu verdienen, habe ich nie erfahren. Stattdessen habe ich ihm, dem Menschen, der mich die Seele Istanbuls spüren ließ, eine Weile nachgeschaut, gezögert, mich am Ende doch dafür entschieden, ihn nicht anzusprechen und bin fortgegangen. Denn eines Tages, und das ist nicht lange her, hatte auch ich es eilig.

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