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Auf der Suche nach dem Echten

Über das Verhältnis von Authentizität und Ethik im muslimischen Denken. Von Omar Qureishi

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„Der Heuchler ist derjenige, der auf sich selbst verweist.“ Abu Madjan Al-Ghauth

(iz). Die Suche nach Authentizität ist wesentlich für das Leben in der Moderne. Wir suchen ein authentisches Ideal in unseren Beziehungen, Küche, Literatur, Marken, Führern, Religion und Politik. Dieses Verlangen ist eine Schlüsseleigenschaft der Moderne. Das heutige Konzept von Echtheit als ethischem Ideal ist äußerst unbekannt in der islamischen Tradition. Von einer muslimischen Perspektive ist Ethik untrennbar verbunden mit einem transzendenten Verständnis der menschlichen Natur und des letztgültigen Daseinszweckes der Existenz. Die Moderne hat in ihrer Metaphysik auf solche transzendentalen Dimensionen verzichtet.

Der Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor bezeichnete unsere Ära als das „Zeitalter der Authentizität“. Seiner Meinung nach sei es – im Vergleich zu vorangegangenen Zeiten – im Laufe einer Verschiebung zu einem Verlust von Transzendenz gekommen. Für Taylor sei es „schwierig“, diese Echtheit zu definieren. Er betont ihre unterschiedlichen Dimensionen in verschiedenen Aspekten seines Werkes.

Entscheidend für das Wissen von Transzendenz ist das Verständnis, dass Wirklichkeit dasjenige enthält, das jenseits der sichtbaren Welt liegt und sich unserer Wahrnehmung entzieht. Es ist dasjenige, das über die Immanenz ­hinausgeht. Taylor benutzt diesen Begriff häufig als Gegensatz zu Transzendenz. Er ist der Ansicht, dass Immanenz in der modernen Welt folgende Gedanken beinhaltet: „Jede Form der gegenseitigen Durchdringung zwischen Dingen der Natur einerseits und dem ‘Übernatür­lichen’ andererseits zu leugnen oder zumindest zu isolieren sowie zu problematisieren.“ Dabei sei es egal, ob dieses „Übernatürliche“ im Sinne eines transzendenten Gottes, magischer Kräfte „oder was auch immer“ verstanden wird.

Die Abwesenheit eines überspannenden Horizontes, durch den wir unsere Handlungen beurteilen, sowie das, was ein gutes Leben ausmacht, ist Alleinstellungsmerkmal unserer heutigen Situation im Westen. Stattdessen bietet die Moderne mehrfach fragmentierte Horizonte. Hierbei müssen wir begreifen, dass die Anerkennung einer materiellen Wirklichkeit nicht einzigartig für die heutige Zeit sind. Vielmehr ist es die Leugnung von Transzendenz – von irgendeiner Quelle von Bedeutung jenseits des Imma­nenten –, die eine Verschiebung im Vergleich zu früheren Zeiten ausmacht.

In der folgenden Passage seines Buches „Fröhliche Wissenschaft“ erfasste Nietzsche brillant die Verwirrung, die diesen Verlust von Transzendenz begleitet: „‘Wohin ist Gott?’ rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?“

Für Nietzsche ist der „Tod Gottes“ als Verschwinden des Horizontes zu verstehen. Er betrachtet diesen als einen Akt der Befreiung von vorgefertigten Wahrnehmungen und Verständnissen von Realität; das Entfesseln der Erde von ihrer Sonne. Ohne Horizont jedoch finden wir uns ohne ein Verständnis von Transzendenz wieder – der Bereich von Religi­on und Bedeutung. Als Folge wird der Mensch verdrängt: Er hat nicht länger den Rang inne, dem ihn die Religion in der Vormoderne zugewiesen hat. Auf sich selbst zurückgeworfen unterscheidet er sich nicht mehr von jedem anderen Tier.

Nietzsche stellte die Frage: „Ist damit vielleicht der Mensch weniger bedürftig nach einer Jenseitigkeits-Lösung seines Räthsels von Dasein geworden, dass dieses Dasein sich seitdem noch beliebiger, eckensteherischer, entbehrlicher in der sichtbaren Ordnung der Dinge ausnimmt? Ist nicht gerade die Selbst­verkleinerung des Menschen, sein Wille zur Selbstverkleinerung seit Kopernikus in einem unaufhaltsamen Fortschritte? Ach, der Glaube an seine Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der Wesen ist dahin, – er ist Thier geworden, Thier, ohne Gleichniss, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinem früheren Glauben beinahe Gott (‘Kind Gottes’, ‘Gottmensch’) war…“ (aus: Genealogie der Moral)

Der Verlust an Transzendenz macht es uns unmöglich, die Bedeutung des Menschseins zu definieren sowie zu beschreiben, was uns von anderen Tieren unterscheidet. Für moderne Intellektuelle, die sich den metaphysischen Dimensionen des Darwinismus verschrieben ­haben, unterscheidet sich der Mensch in seinem schlussendlichen Zweck nicht von anderen Tieren. Von einem darwinistischen Standpunkt aus betrachtet hat jeder Teil eines Grashüpfers eine Funktion für dessen Körper. Der Grashüpfer selbst aber hat keinen Zweck. Man könnte sagen, sein Ziel sei das Überleben. ­Dieses Ziel hat er jedoch mit jedem ­Organismus gemeinsam und ist daher nicht einzigartig.

Ohne eine Antwort auf die Frage, was den Menschen in der Moderne heraushebt, wird das Projekt der Ethik zum Projekt der Authentizität. Formulierungen wie „entdecke dein Selbst“ oder „erfinde dich neu“ deuten einen überwältigenden Fokus auf das Individuum an sowie ein Verständnis, dass das Selbst veränderbar und einer dauerhaften Neuerfindung unterworfen ist. Im Zeitalter der Echtheit gibt es kein verbindliches Verständnis dessen, was ein gutes Leben ausmacht. Stattdessen kann das Projekt des Selbst wie folgt verstanden werden: „Jede/r von uns hat seinen/ihren Weg zur Verwirklichung der eigenen Menschlichkeit. Und dass es wichtig ist, das Eigene zu finden und auszuleben, um sich nicht der Konformität mit einem von außen auferlegten Modell, der Gesellschaft oder der vorherigen Generation oder einer religiösen oder politischen Autorität zu ergeben.“ (Charles Taylor, A Secular Age)

In der heutigen Zeit wird Ethik in einen reflexiven Prozess verwandelt. Ziel ist die Enthüllung des authentischen Selbst durch die eigene Neu-Definition – entsprechend des, im Laufe eines Lebens gewonnenen Wissens. Dieser Vorgang verlangt von jedem Einzelnen, das wahre Selbst vom falschen zu trennen. Wir können demnach nicht authentisch sein, bis wir uns von äußeren Einflüssen frei machen und ausschließlich entsprechend unseren eigenen Entscheidungen handeln. Selbsterkenntnis leitet uns zur Unterscheidung unseres wahren Selbst. Befreiung vom falschen Selbst wird hier zu unserem einzigen menschlichen Zweck.

In der islamischen Tradition wird der Seinszweck menschlicher Existenz anders definiert. Und diese Festlegung bildet die Grundlage der Ethik. Hier unterscheidet die rationale Seele Menschen von allen anderen Tieren. Und die Ethik des Islam konzentriert sich auf die Aneignung von Tugenden. Diese sollen einer Person ermöglichen, menschliche Vollkommenheit anzustreben. In einem Text hält der Gelehrte ‘Adud Ad-Din Al-Idschi‘ fest, dass das Ziel der ethischen Wissenschaft in der „Perfektion der rationalen Seele“ bestünde. Erlangt werde diese durch die „Tugend, durch welche Glück in dieser Welt und der nächsten gewonnen wird“. Verkörpert wird das durch den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Er wurde mit dem Titel „Der vollkommene Mensch“ (arab. al-insan al-kamil) beschrieben.

Ethik im islamischen Kontext hängt vom Verständnis der Bedeutung unserer menschlichen Existenz ab – sowohl in der Beziehung zur Schöpfung als auch zur Göttlichkeit. Ihr Ziel ist die Erleuchtung jener Tugenden, die es einer Person ermöglichen würden, ihre oder seine Menschlichkeit zu vervollkommnen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass dieses Vorhaben eingebettet ist in den größeren Zusammenhang des religiösen Verständnisses, was es heißt, als Mensch zu leben.

Tugenden ermöglichen es ­Men­schen, ihren höchsten Zweck zu erlangen, während negative Eigenschaften behindern. Da die islamische Ethik von einem religiösen Verständnis der Existenz ausgeht, kann aus dieser ­Perspektive eine praktische ethische Tradition nicht ohne Transzendenz existieren. Die immanente Welt scheitert an der Erklärung des menschlichen Wesens. Im islamischen Denken bilden diese ­Erklärungen die Grundlage für das ethische Vorhaben. Und sie müssen aus der Domäne der Transzendenz kommen. Ohne sie ist ethisches Denken nicht ­möglich. Selbsterkenntnis und das Filtern von äußeren Einflüssen reichen nicht aus, um das wahre Selbst zu erkennen, denn die Suche nach Authentizität kennt kein Ende.

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