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Auf Reisen mit der IZ: Nach dem immer noch prägenden Krieg kam das große Geld nach Sarajevo. Von Martin Zabel

Das Jerusalem des Balkans

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(iz). In der Ferne höre ich Hammerschläge, doch geht mir der Gedanke nicht aus dem Sinn, dass dies ebenso Schüsse sein könnten, die von den Bergen in die Stadt wummern, welche drei Jahre lang Tag und Nacht unter Belagerung litt und Gewehr- und Artilleriesalven hinnehmen musste.

Nie habe ich einen Krieg durchgemacht. Doch wenn ich hier in Sarajevo vor dem Denkmal für die getöteten Kinder stehe und als Geburtsjahr 1989 ausmache, so sind Dinge ganz nah und real. Ich selbst bin 1989 geboren. Mein Name könnte dort stehen. Doch das tut er nicht. Während der Krieg über den Balkan losbrach, genoss ich eine angenehme Kindheit im Nordosten Deutschlands, fernab von Tod und Krieg. Und obwohl das Schlachten hier seit nun mehr 14 Jahren beendet ist, sind die Spuren noch immer im gesamten Stadtbild sichtbar und begleiten scheinbar alle und jeden.

Dieses Jerusalem Europas, welches einst so geblüht haben soll, liegt nun vor mir, trotz des grauen Frühlings. Grau wie die Wolken, welche die umliegenden Berge verhüllen – von denen eine erbarmungslose Belagerung Mensch und Stadt veränderte. Und dennoch ist die Hoffnung überall.

Neue und wenige alte Bäume zeigen ihre Blätterpracht, Menschen sitzen in Restaurants und Cafés, lachen, lieben und leben, ja vor allem leben die Menschen. In der Altstadt spielen Kinder, beten Muslime und es läuten die Glocken der Kathedralen. Einige Synagogen zeigen sich wohl rausgeputzt und bis auf die Autofahrer scheint hier kaum jemand Groll zu hegen. Die vielen westlichen Marken suggerieren sogar kurz, dass ich mich in Berlin oder Paris befinde, doch nach zwei Häusern voller Einschusslöcher und Granattrichtern kommt erneut die Gewissheit, dass dies Sarajevo ist.

Eines hat dieser Krieg außer Tod und Zerstörung auf jeden Fall gebracht, Geld. Das vor wenigen Jahren fertig gestellte „BBI Center“ finanziert durch ein Konsortium aus den arabischen ­Golfstaaten, beweist dies ebenso wie diverse Filialen großer deutscher Finanzinstitute. Dass der gewöhnliche Bürger Bosnien-Herzegowinas von diesem Geldfluss häufig ausgeschlossen ist, sei am Rande erwähnt. Doch hoch ragen Türme von Zeitungen, Zigarettenfirmen und Hotelketten in diesen schweren Himmel, gar mit dem höchsten Gebäude des Balkans.

Voller Lust spielen Männer wie Frauen Schach und Backgammon, was eine starke Assoziation zu Istanbul erzeugt. Wenige Meter entfernt fühle ich mich kurz in Wien – mit seiner Habsburger Schönheit. Nicht weitab flaniere ich in Jerusalem mit seinen frommen Synagogen und edlen Moscheen.

Im Gegensatz dazu ist die Erinnerung in den Köpfen vieler Menschen so schwarz und dunkel wie der Ruß, der mit Heizöl und Diesel fahrenden Automobile, in jener Stadt namens Sarajevo.

Wieder und wieder werden DVD’s über den Krieg angeboten, am Ende wurde ich schwach, kaufte einige dieser Werke aus Wahrheit und Propaganda. Und immer wieder kommen die ­Fragen auf, wie all jenes nur wenige hundert Kilometer von der Europäischen Ge­mein­schaft entfernt, von uns entfernt, geschehen konnte.

Vorsichtig muss man recherchieren, um ehrliche Meinungen und Erinnerungen zu erfahren. Was dabei zur Sprache kommt, erschreckt nicht selten. Meist ist die Rede von Hunger, Leid, Vertreibung und Verlust, doch auch von Rache und Vergeltung.

Große Teile der apolitischen Jugend scheinen einen adäquaten Weg gefunden zu haben, um ihre nahen und fernen Probleme zu behandeln. Im Hedonismus. Manche auch in einer ­abstrakten Symbiose aus fanatischer Religiosität und stringentem Nationalismus. Doch auch die Stimmen der Vernunft flüstern leise, lauter werdende Parolen von Einigkeit im Frieden.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele ­Meinungen ich gehört habe. Dennoch bin ich mir sehr sicher, dass jene nicht ausreichen, um genügend zu analysieren und zu prognostizieren. Diese dunklen ­Stimmen existieren aber, verhallen jedoch hoffnungsvoller Weise genauso im Nichts, wie die Hammerschläge aus der Ferne und bringen diesem Ort keine neuen Wunden bei, sondern heilen die alten, vergeben und verändern.

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