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Aufregung ohne Handlungsoptionen

Empörung wird zum Dauerzustand. Hilft sie uns weiter?

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Foto: Die Linke, Martin Heinlein, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

(iz). Im Oktober 2010 erschien in Frankreich ein Buch mit dem Titel „Empört Euch!“. Das Buch des französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stephane Hessel wurde auch hierzulande ein Bestseller. Der ­damals 93-jährige Hessel kritisierte in der Schrift mit Vehemenz zahlreiche ­Aspekte gegenwärtiger politischer Entwicklungen, insbesondere in Hinsicht auf die Finanzkrise und deren Folgen, und rief zum politischen Widerstand auf. Mehrere soziale Protestbewegungen, etwa in Spanien (2011/2012), Portugal und Griechenland, berufen sich heute unter anderem auf seine Thesen. Die Kraft der Empörung, die nach dem amerika­nischen Philosophen Emerson „alle Kräfte des Menschen weckt“ sollte die Zivilgesellschaft, im Angesicht globaler ­Konflikte und Herausforderungen aus der Lethargie führen.

Über zehn Jahre nach der Veröffentlichung ist das Phänomen der Empörung heute nicht mehr aus dem politischen Alltag zu verdrängen. Sie ist nicht nur ein zeitweiliger, sondern ein dauerhafter Zustand, in dem sich der politisch engagierte Mensch, unabhängig von der Stoßrichtung seiner Überzeugungen, permanent wiederfindet.

Die Quellen der Empörung im ­Zeitalter der sozialen Medien sind dabei nahezu unerschöpflich: Man empört sich über die Rodung der Wälder, den Tod von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, über despotische Regierungen und ­globale Konflikte. Es geht dabei immer wieder ums große Ganze, den Frieden, den Wohlstand, die Gerechtigkeit, die ökologische Zukunft und die Humanität.

Gleichzeitig, man könnte auch sagen notwendigerweise, ist die Empörung selbst in die Kritik geraten. Für was steht sie eigentlich, für politische Handlungsoptionen, für die einfache Empathie oder für die Ohnmacht weiter Bevölkerungsteile gegenüber Problemen, die sich kaum noch eindeutig auflösen lassen? „Ich habe auch meine Stunden der Empörung, aber ich verstecke sie, weil ohnmächtige Empörung lächerlich ist“, schrieb der österreichische Dramatiker Johann Nestroy im 19. Jahrhundert noch skeptisch. ­Heute ist die Empörung nicht etwa lächerlich, sondern ein Grundphänomen unserer von Medien bestimmten Zeit. Mit Vorliebe empören wir uns über die Anderen.

Die Wirkungen auf den gesellschaftlichen Frieden sind dabei einigermaßen fatal. Das Problem liegt auf der Hand, wer sich als Individuum empört zeigt, hat noch lange keine kollektiven Handlungsoptionen gefunden und beendet ­zudem oft auch die Möglichkeit der Kommunikation als eine Form der Kompromisssuche zur Eindämmung von Konflikten. Inzwischen bilden ganze Gruppen von Empörten unterschiedliche Lager, die im virtuellen Konflikt mi­teinander stehen, ohne sich je zu begegnen und ohne eine Diskussion überhaupt noch für möglich zu halten.

Vor einigen Wochen erschien in der „Zeit“ ein Artikel („Empört Euch nicht!“) der Schriftstellerin Susanne Heinrich, der sich kritisch mit dem Begriff auseinandersetzt. Sie erinnerte daran, dass die Empörung grundsätzlich ein Zustand sei, in dem man nicht unbedingt handeln und schon gar keine wichtigen Entscheidungen treffen sollte.

Stattdessen gelte es, die Sprache, gerade in den Medien, die zur politischen Er­regung führe, immer wieder kritisch zu analysieren. „Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab oder übersetzt sie, sie generiert auch Wirklichkeit“, führte sie aus. Wer zum Beispiel die Ankunft von Flüchtlingen mit der Gewaltmetapher „Invasion“ bezeichnet, bereitet letztlich nicht nur den Grund für einen geistigen, sondern auch für den militanten Widerstand vor.

Heinrich setzt also auf Debatten, die nicht nur auf Emotionen beruhen und schlägt eine „gewaltfreie Kommunikation“ vor. Sie wurde schon seit Langem in politischen Kontexten eingesetzt, etwa in Krisengesprächen zwischen Israel und Palästina. Dabei geht es um die Frage, wie Äußerungen – egal wie unlogisch, übergriffig, verkorkst oder brutal sie uns vorkommen mögen – sich so hören ­lassen, dass Mensch mit den dahinter ­liegenden Bedürfnissen des anderen in Kontakt kommt? „Ich glaube“, schließt Heinrich, „dass es dafür notwendig wäre, den Kampf um die Deutungshoheit ­aufzugeben. Statt Begriffe zu claimen und zu re-claimen, wünsche ich mir einen offeneren Umgang mit den Fragen, wer wie wofür oder für wen und aus welchen Gründen argumentiert“.

Auch wer an die heilende Kraft direkter Kommunikation glaubt, Fakt ist, der Empörung ist heute schwer beizukommen. Warum das so ist, versucht der ­Philosoph Alexander Grau mit seinem Essay „Hypermoral, die neue Lust an der Empörung“ zu erklären. Für Grau ist die Vermischung von politischer Erregung mit moralischem Anspruch das Grundphänomen jeder Empörung. Sie entzieht sich dem rationalen Nachdenken und gibt dem Empörten das Gefühl, ein ­absolutes Recht, das Gute schlechthin, zu vertreten.

In dieser Freund-Feind Logik wird der Andere nicht nur zum Andersdenkenden, sondern zum Vertreter des Bösen. Er wird mit allen Mitteln bekämpft. „Damit trägt der grassierende Mora­lismus“, schreibt Grau, „nicht nur zu ­einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zur extremen Ideologisierung aller möglichen Debatten und Streit­fragen bei“.

Der Philosoph provoziert auch mit ­einer weiteren These über die Dominanz des moralischen Anspruches: „Moral ist unsere letzte Religion.“ Hier wirft Grau gerade den Kirchen vor, ihre Religion im Wesentlichen auf Moral reduziert zu haben. Mehr noch, der Moralismus habe sich in einen Hypermoralismus verwandelt, also in die Utopie einer ausschließlich nach rigiden moralischen Normen organisierten Gesellschaft.

An dieser Stelle lohnt sich auch für Muslime eine kritische Selbstreflexion. Man wird kaum abstreiten wollen, dass auch wir Muslime, zumindest im poli­tischen Kontext, immer öfter im Zustand der Empörung argumentieren. Wer für oder gegen Erdogan ist, um nur ein ­Beispiel zu nennen, kann immer seltener seine Erregung verbergen und neigt dazu, den jeweils Andersdenkenden unter das Böse oder Gute schlechthin zu subsumieren.

Auffallend ist auch die Verbreitung hypermoralischer Positionen, der Vorwurf, man sei angesichts schlimmer Konflikte in aller Welt permanent schuldig, da man nichts tue oder nur zuschaue. Nach dieser fragwürdigen Logik verspricht nur noch eine moralisch rein gedachte Welt und das Jenseits echte Erlösung. Ist auch im Islam das Moralisieren aller Themen so zu einer Art der letzten Religionsausübung geworden?

Jedenfalls macht es auch für uns Muslime Sinn, an der Debatte über Sinn und Bedeutung des Empörungsdranges und der Dauerregung nachzudenken. Hierbei sollten wir uns nicht nur um einen kritischen Umgang mit den sozialen Medien kümmern, sondern auch die philosophischen Fragen dahinter zur Kenntnis nehmen. Die Neuzeit versteht sich durch die Erkenntnis, dass die Präsenz eines Gottes, zumindest im Diesseits, fragwürdig geworden ist. In der islamischen Einheitslehre ist diese Philosophie der Abwesenheit Gottes schwer nachzuvollziehen, da die Macht und Präsenz der Göttlichkeit sich uns in allen Phänomen und allen Handlungen zeigt. Die Welt selbst ist ein Gleichnis, dessen Bedeutung immer wieder neu zu finden ist.

Das Phänomen des Hypermoralismus, dies zeigt ein schmerzlicher Blick auf den von Muslimen praktizierten Terror, ist dabei ein Denkmodell, das schnell zu einer Ideologie wird, die das „Böse“ aus der Welt vertreiben und die Bösen endgültig ausmerzen will.

Natürlich ist und bleibt die Empathie für die islamische Lebenspraxis ein wichtiger Aspekt, Muslime achten moralische Grundregeln und die Sorge um den Anderen. In einer globalisierten Welt geht es aber auch um reale Handlungsoptionen und den konkreten Einsatz für Gerechtigkeit. Wir sollten also vorsichtig werden, wenn ein Moralismus sich verbreitet, der sich seiner ideologischen und philosophischen Herkunft nicht mehr bewusst ist. Vielleicht sollten wir zumindest in dem Maße wie wir uns empören, auch ein Maß der Begeisterung über das Wunder der Schöpfung bewahren. Nur in dieser Balance können Muslime ihren Beitrag zur Lösung der globalen Probleme und ihr Vertrauen auf ein gutes Schicksal überhaupt noch artikulieren.

Schlussendlich kommen wir nochmals auf den Text von Stephane Hessel und dessen Bezüge zur Finanzkrise zurück. Vielleicht sollten wir Muslime in diesem Kontext nachdenken, worüber wir uns heute nicht mehr empören. Dass die Zakat in unserem Denken keine Rolle mehr spielt, oder wir die Maximen und Grenzen islamischen Wirtschaftens kaum mehr beachten, spricht dafür, dass wir unsere moralischen Ansprüche inzwischen individualisiert, gleichzeitig aber unsere eigentlichen Lösungsvorschläge für die Krisen dieser Zeit vernachlässigt haben. Die verbreitete Empörung in Echokammern kann über dieses Phänomen nicht hinwegtäuschen.

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Abu Bakr Rieger

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