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Aus dem Alltag eines Sterbebegleiters in einem Hospiz. Von einem anderen Umgang mit dem Tod. Von Khalil Küffner, Berlin

„Sie ist auch strahlend gegangen“ (2)

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(iz). Die moderne Hospizbewegung und die Palliativmedizin entstanden dagegen in den 1960er Jahren in England und gehen wesentlich auf Dr. Cicely Saunders zurück. Im von ihr gegründeten St. Christopher's werden pro Jahr etwa 2.000 Patienten und ihre Angehörigen betreut. Die internationale Hospizarbeit wurde nachhaltig durch die Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross beeinflusst. Sie ist in der medizinischen Welt sehr bekannt, unter anderem dafür, dass sie die verschiedenen Sterbephasen beschrieben hat. In Deutschland hat unter anderem Christoph Student viel zur Entwicklung der Hospizbewegung beigetragen. 1996 gründete sich die (von Ärzten) unabhängige Deutsche Hospiz Stiftung, die sich als Patientenschutzorganisation für die Rechte Schwerstkranker und Sterbender einsetzt. (…)

Im Hospiz bekommen unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase eine respektvolle, umfassende und kompetente Betreuung. Dabei spielt die Schmerzthearpie eine große Rolle. Trauerbegleitung für die Angehörigen wird angeboten. Träger dieser Häuser der Sterbebegleitung sind zumeist ge­meinnützige Vereine, aber auch Kirchen und gemeinnützige Organisationen und Stiftungen.

Laut Umfragen möchten etwa 90 Prozent aller Menschen zu Hause sterben. Tatsächlich sterben nach Schätzungen jedoch etwa 50 Prozent der Menschen im Krankenhaus und weitere 20 Prozent im Pflegeheim. Hospize wollen dabei eine menschenwürdige Alternative sein, wenn eine Krankenhausbehandlung nicht erforderlich ist und deshalb von den Krankenkassen auch nicht mehr bezahlt wird.

Heutzutage, im Jahre 2007 in Deutschland ist es so, dass Menschen, die nur noch sehr kurz zu leben haben, im Krankenhausbetrieb gewissermaßen untergehen. Sie können nicht mehr betreut werden, und das ist der Grund, warum sie versorgt werden müssen.

Im Jahre 1970 ist von Friedrich Georg Jünger eine kleine Schrift mit dem Titel „Der Arzt und seine Zeit“ erschienen. Darin äußert Jünger Gedanken zu diesem Thema, die zu gleicher Zeit eben auch in England auftauchten. Es heißt darin: „Wo immer aber ein Verhalten gegenüber dem Kranken sich durchsetzt, dass mechanisch ist, dort hat es stets die gleiche Wurzel: Lieblosigkeit. Der Arzt und nicht er allein, begegnet ständig leidenden Menschen und verständlich ist, dass die Fülle dieses Leidens ihn abstumpft. Er kann sich von diesem Leiden befreien, wenn er wie ein Monteur arbeitet, der Reparaturen auszuführen hat. Der Arzt soll heilen. Immer wieder aber wird er Kranken begegnen, die er nicht heilen, denen er als Arzt nicht mehr helfen kann, die von der Medizin her gesehen hoffnungslos sind und aufgegeben werden. Sie brauchen Hilfe auf andere Art. Ein Gespräch, Trost und Zuspruch, der nicht nur ihre Schmerzen lindert, sondern ihnen auch den Abschied erleichtert. Und der Arzt wird sie auch dabei nicht im Stich lassen. Von einem Automaten ist solche Hilfe nicht zu erwarten. Ein Tonband könnte zwar auch diese Aufgabe übernehmen; doch liegt schon in der Vorstellung eines solchen Mittels das Versagen des Menschen. In einer Welt, die den Menschen mehr und mehr mit Automaten umstellt, in der er eingekreist wird von mechanisch erzeugten Geräuschen, Stimmen und Tönen, im ruhelosen Betrieb der ärztlichen Praxis und des Krankenhauses sind Ruhe und Stille des Kranken gefährdet. Im Wesen der Krankheit liegt, dass sie den Kranken vereinsamt und seiner Umgebung entfremdet. Abgesondert von all der Geschäftigkeit bedarf er des Schweigens, um über sich nachzudenken, mit sich ins Reine zu kommen, an den Abschied zu denken. Er hat ein Recht darauf in diesem Nachdenken, das ihm niemand abnehmen kann, so wenig wie möglich gestört zu werden.“

Das ist eigentlich genau der Grund, warum es Hospize gibt: Damit Menschen sich auf diesen letzten Weg machen können. In Deutschland ist es heute so, dass die Krankenkassen einen Platz im Hospiz bezahlen, wenn der Arzt einem sagt: „Ja, Sie haben noch drei Monate zu leben.“ Nur wenn diese harte Diagnose wirklich kommt, bezahlt die Kasse. Man weiß wirklich, dass im Krankenhaus heute, in diesem Massenbetrieb und Wirtschaftsunternehmen, diesen Menschen einfach nicht mehr adäquat geholfen werden kann.

Für mich als Krankenpfleger ist das Hospiz auch eine andere Möglichkeit zu arbeiten als in diesem modernen Krankenhausbetrieb. Ich habe diesen Beruf in Bayern gelernt und habe dort auch schon mit krebskranken Patienten gearbeitet, aber dort standen eher die Chemotherapie und Bestrahlungen im Vordergrund. Die damaligen Patienten hatten größtenteils noch den Wunsch, weiterzuleben beziehungsweise dass Heilung eintritt. Bei uns im Hospiz ist das heute meist nicht so.

Wenn man diese Sache als Muslim sieht, so muss man sagen: Es ist eine unglaublich harte Sache, die da auf einen zukommt. Das Ego (arab. Nafs) wird unheimlich in die Enge getrieben, wenn einem ein Mensch sagt: „Du hast noch drei Monate zu leben! Das war's dann.“

Für mich ist es jetzt meine alltägliche Aufgabe, diesen Menschen zu dienen und sie zu begleiten. Hier hat man den Menschen in seiner ganzen Vielfältigkeit vor sich. Und es gibt einen Satz von Schaikh Al-’Alawi, der sich wie ein roter Faden durch diesen ganzen Vortrag ziehen könnte: „Du stirbst so, wie du gelebt hast.“ Und das ist eine Sache, die ich immer wieder sehe.

Manche werden mich nun fragen: Was sagst du als Muslim diesen Menschen? Bei manchen kommt es zu diesem Punkt: Dass man spricht und es ist eine Begegnung. Und ich versuche das, was ich weiß – „Inna lillahi wa inna ilaihi radschi’un“, „Wahrlich von Allah kommen wir und zu Allah gehen wir zurück“, ich versuche es ihnen zu sagen. Manchmal überwältigt einen das Ganze. Es sind viele Menschen, viele Wünsche, Schmerzen, Atemnot. Stress, Hektik macht sich breit. Dann kommt der Moment, wo ich mich wasche, Wudu (kleine Gebetswaschung) nehme. Es kommt der Moment der Besinnung, ich gehe, mache meine Salat (arab. Gebet), Energie kommt zurück. Ich gehe wieder zu den Menschen. Und wieder ist es Khidma (arab. Dienen). Und immer wieder ist es am Ende dieser Satz von Schaikh al-Alawi: „Du stirbst so, wie du gelebt hast.“

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