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Aus der Reihe „Briefe, die abzuschicken wir uns nicht getrauten“

Dieses Mal: an die liberalen Muslime

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Liebe liberale Muslime,

normalerweise erwarten wir auf unsere Briefe keine Antworten. In eurem Fall sind wir aber gewillt, eine Ausnahme zu machen und schauen mal nach, ob wir von euch hören werden.

Zuallererst einmal möchte ich euch den ehrlichen Respekt für eine PR-Kampagne erster Güte aussprechen. Ohne nennenswerten Aufwand, Inhalte oder Budget habt ihr es binnen weniger Tage geschafft, die Schlagzeilen in den entsprechenden Rubriken zu füllen. Abgesehen von dem Inhalt der Kommunikation, wäre jeder PR-Berater, der eine unbekannte Marke an den Mann – oder auch an die Frau – zu bringen hat, schlichtweg neidisch. In einem kurzen Zeitraum in Deutschlands Qualitätsjournalismus von allen Autoren 100-prozentig positiv und ohne kritische Nachfragen erwähnt beziehungsweise zitiert zu werden, ist in professioneller Hinsicht eine Glanzleistung. Und dann wurdet ihr auch noch vom islamwissenschaftlichen Fachblatt „DIE WELT“ als die wirklich guten Muslime ausgerufen… Hatten die Guten nicht sogar mal eine Achse gegründet?

Wenn ihr allerdings die Absicht hattet, verändernd auf die muslimische Community einzuwirken (oder gar auf die jungen, konservativen Eliten, die ihr als unser aller Problem bestimmt habt) und mit dieser zusammenzuarbeiten, dann habt ihr eurer Sache einen Bärendienst erwiesen. Ich habe mal beim Redaktionsteam der IZ nachgefragt, und siehe da: Die haben seit eurer Gründung vor wenigen Jahren noch keine einzige Pressemitteilung, Einladung zu einer Veranstaltung oder irgendeine Form der Selbstartikulation gesehen, die sich an den Mainstream der Muslime richten könnte. Solltet ihr tatsächlich die „schweigende Mehrheit“ (ein unsäglicher Begriff, der im heutigen Deutschland wieder ganz groß im Kommen ist) der praktizierenden Muslime repräsentieren, dann wissen sie – und wir, als eines ihrer Medien – noch nichts davon. Meint ihr nicht, dass sich das ändern sollte?

Oder besteht eure Absicht eher darin, euch gegenüber der so genannten Mehrheitsgesellschaft mit rhetorisch simplen Argumenten gegen die „Konservativen“ (die ihr übrigens bisher mit keinem einzigen Satz definiert habt) abzugrenzen? Apropos definieren: Wäret ihr so freundlich, und erzählt uns und unsern Lesern einmal, was ihr eigentlich wollt und wie islamisches Leben in Deutschland aussehen soll, wenn es nach euch geht? Ach ja, und was ist bitte ein konservativer Muslim? Darf man konservativer Muslim und trotzdem Mitglied bei der LINKEN sein?

Liebe liberale Muslime, von allen notwendigen Polemiken und Seitenhieben abgesehen, ist es an der Zeit, das mediale Flächenbombardement einzustellen, und eine echte, hierarchiefreie Debatte anzustoßen. Erst wenn ihr belegen könnt, dass ihr mit euren Positionen durch die Gemeinden und Moscheen (im positiven Sinne) getingelt seid und mit den Muslimen vor Ort debattiert hat, erst dann sind eure Argumente mit Sicherheit glaubwürdiger.

Zwei konkrete Vorschläge möchte ich hiermit zu Protokoll geben und als mein geistiges Eigentum zum Patentschutz anmelden:
1. Organisiert doch gemeinsam mit den „konservativen“ Verbänden und unabhängigen Muslimen und Beobachtern, wie beispielsweise der Islamischen Zeitung (am besten auf „neutralem Boden“), eine für Muslime (aber nicht für Massenmedien) offene Veranstaltung, auf der alle Seite eure Thesen herrschaftsfrei diskutieren können. Das ist zumindest die normale Vorgehensweise, wenn Initiativen und Organisationen mit ihren Zielgruppen kommunizieren wollen. Vielleicht stellt sich ja auch dann bei euch die Einsicht ein, dass es so etwas wie eine legitime Orthodoxie gibt.
2. Das gleiche ließe sich im kleineren Rahmen als Streitgespräch in der Islamischen Zeitung relativ leicht und zeitnah ebenso realisieren. Ein bis zwei Konservative, die gleiche Menge von euch und eine dritte Position. Also, ich fände das spannend… Hui, das wird toll!

Schau’n mer mal, ob wir von euch hören werden. In banger Erwartung einer Antwort,

euer Ali Kocaman

P.S.: Ein Nachtrag sei noch erlaubt. Im Grunde geht es, wenn ihr ehrlich seid, gar nicht darum, ob man „liberal“ ist oder „konservativ“, sondern darum, ob man seine Religion praktiziert oder nicht. Im letzten Fall darf die allgemeine politische Anerkennung als sicher gelten.

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