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Aus gegebenem Anlass – Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza zum Einfluss radikaler Strömungen

„Deutungshoheit des Islam wieder dem Mainstream zurückgeben“

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(iz). ­Es sind gelegentlich die Extreme, die Muslime nach Außen, aber auch in der Binnenwahrnehmung bestimmen. ­Insbesondere wegen der bisherigen ­Zurückhaltung des Mehrheitsislam schaf­fen es Kleingruppen oft, dass ihre Sicht der Dinge dominiert – zum Schaden aller Muslime.

Hierzu sprachen wir mit Muhammad Sameer Murtaza, der vor Kurzem mit einem längeren Debattenbeitrag über Extremismus, seine Ideologie und die Folgen für die Muslime Stellung bezo­gen hat. Murtaza ist Islamwissenschaft­ler bei der Stiftung Weltethos. Kürzlich erschien sein Buch „Islamische Philosophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime“.

Islamische Zeitung: Ihr Beitrag auf islam.de zu den ideologischen Hintergründen des Terrors von Muslimen wurde über die muslimische Community hinaus debattiert. Sehen Sie sich als Vorreiter in dieser Debatte?

Muhammad Sameer Murtaza: Nein, ich partizipiere an dieser Debatte, die bereits seit geraumer Zeit innerhalb und außerhalb der muslimischen Welt geführt wird. Ich verweise auf die ­Beiträge von Muhammad Al-Ghazali, Hamid Algar, Mohammad Arkoun, Reza Aslan, Navid Kermani und Sayyid Yusuf Ar-Rifa’i, um nur einige zu nennen. ­Gerade in Deutschland haben die Islamische Zeitung und der Zentralrat der Muslime wiederholt auf die Gefahren ideologischen und wahhabitischen Denkens hingewiesen. Insbesondere Lesenswert ist die ausführliche Auseinandersetzung des Gelehrten Abd Al-Hafidh Wentzel mit diesem Denken auf islam.de.

Mein Beitrag „Jenseits von Eden“ wurde wohl deshalb gesamtgesellschaftlich wahrgenommen, da er ausführlich die the­ologischen Wurzeln von Terror im Namen des Islam ideengeschichtlich so aufbereitet hat, dass es auch für Nichtmuslime nachvollziehbar und dadurch verständlich wurde. Für die meisten Menschen in diesem Land ist der Islam, ­seine Geschichte, seine Theologie etc. eine unbekannte fremde Welt ist.

Islamische Zeitung: In der Vergangenheit distanzierten sich muslimische Repräsentanten sprachlich eher schwam­mig vom „Terror gegen Unschuldige“, ideologische Hintergründe blieben unberührt. Warum war das so?

Muhammad Sameer Murtaza: Dies mag zwei Gründe haben. Zum einen fehlt uns Muslimen in Deutschland noch immer eine Diskussionskultur. Dabei ist ge­rade eine Kontroverstheologie im Qur’an vorhanden und prägte die geistig fruchtbare Zeit des Islam. Dies mag sich aber mit der Herausbildung einer intellektuellen Elite unter den deutschen Muslimen ändern, zumindest sehe ich hier die ersten Anzeichen.

Zum anderen dürfen wir aber auch nicht übersehen, dass die meisten Musli­me, die in Verbänden tätig sind, in ­erster Linie ehrenamtliche Funktionäre sind und keine Gelehrten oder Wissenschaft­ler. Und obwohl wahrscheinlich die meisten dieser Funktionäre für die Herausforderungen, die ihnen begegneten, gänzlich überfordert waren, haben sie ­Großes geleistet. Aber auch hier erleben wir ­einen Wandel. Die Organisationen bemühen sich sichtlich professioneller zu werden und es rückt auch ein intellektuell anderes Kaliber in die Führungspositionen vor. Es ist ja nicht ohne Bedeutung, dass ich den Beitrag mit Unterstützung und Rückenhalt von islam.de beim Zentralrat der Muslime veröffentlicht habe.

Islamische Zeitung: Sie widersprachen der Meinung, wonach die Atten­täter keine „richtigen Muslime“ ­seien. Wie lässt sich das begründen?

Muhammad Sameer Murtaza: Eigentlich ganz simpel: Jeder Mensch, der das islamische Glaubensbekenntnis ausspricht, ist ein Muslim. Wer sind wir, dass wir das Recht haben, einem Menschen sein Muslim-Sein abzusprechen? Die Menschen, die leider im Namen Got­tes Hass predigen, Anschläge verüben und Menschen ermorden, tragen musli­mische Namen, kommen zumeist aus muslimischen Familien, sind im Islam sozialisiert und glauben fest daran, dass sie Gottes Willen verwirklichen. Sie benutzen den Islam nicht als Mittel für politische oder sonstige Zwecke, nein ihr Glaube bringt sie sogar soweit, sich selber für ihre ­Sache zu töten. Wenn wir nun abwimmeln, dass dies keine Muslime sind, ­verdrängen wir nur das Problem. Vielmehr müssen wir uns schonungslos fragen: Aus welchem theologischen Denken beziehen diese Menschen ihre Legitimität? Hier kommen wir dann zu einer wichtigen Erkenntnis. Es gibt das Wesen des Islam, das sich im Qur’an und der Sunna ­findet, aber dieses Wesen erfährt in der Zeit unterschiedliche Realisierungen. Diese Realisierungen müssen immer wieder kritisch einer Untersuchung unterzogen werden, indem wir den Maßstab, das Wesen des Islam heranziehen. Und schließlich dürfen wir nicht übersehen, zu jeder Zeit gibt es auch das Unwesen, den missgestal­teten Begleiter einer jeden Religion.

Islamische Zeitung: Was kennzeich­net die extremen Strömungen, die das Gedankengebäude für Terroristen ­bilden?

Muhammad Sameer Murtaza: Im Kern ist es ein radikaler Exklusivismus, der die Menschen in Menschen des Himmels, nämlich sie selbst, und Menschen der Hölle, also alle anderen Muslime, sowie Andersgläubige einteilt. Die eigene Erhöhung wird durch angebliche Prophetenaussprüche noch unterfüttert, wonach die Umma in 73 Gruppen ­Zerfallen würde, wobei nur einer Eintritt in das Paradies gewährt wird. Dabei hatte bereits der Reformer Muhammad Raschid Rida empfohlen, solche Hadithe kritisch in Augenschein zu nehmen, da sie nicht zur frühen pluralistischen Entwicklung des Islam passen, sondern vielmehr zum späteren Schisma, in dessen Verlauf jede Gruppe versuchte die eigene Position durch gefälschte Prophetenworte zu untermauern.

Die Definition dessen, was einen Muslim ausmacht, wird gerade von den Wahhabiten sehr eng gezogen. Der Glaube an den einen Gott und ein Leben nach dem Tod, sowie eine rechtschaffene Lebensführung sind ihrer Meinung nach nicht ausreichend. Der Wahhabit sieht überall nur Verfehlungen, Irrwege und unerlaubte Neuerungen, es ist eine ganz und gar pessimistische Sicht auf die Um­ma. Von einer islamischen Ökumene will er nichts wissen, sondern die Muslime zum Ursprung des Islam, so wie er diesen versteht, zurückführen. Und hier unterteilen sich dann die Wahhabiten in solche wie die deutschen Vogelianer, die eben Mission betreiben und den Qur’an wie einen Wegwerf-Flyer verteilen, und jene radikalisierten Wahhabiten, die glauben, dass Mission nicht ausreicht, sondern die Welt müsse mittels Gewalt „gereinigt“ werden. Wir kennen alle die Blutbäder, die diese Wahhabiten an Schiiten und Sufis im Irak, Afghanistan oder Pakistan angerichtet haben.

Islamische Zeitung: Interessanterweise gab es in den letzten Jahrzehnten – im Gegensatz zur Anfangszeit, wo diese verfolgt wurden – bis zum 11.9.2001 kaum eine kritische Auseinandersetzung mit dem Salafismus/Wahabismus. Falsch verstandene Solidarität oder Finanzkraft ihres Herkunftslandes?

Muhammad Sameer Murtaza: Dies liegt an drei Dingen. Erst durch das Islamstudium habe ich doch gemerkt, wie sehr wir in Deutschland von dem ­Wissen über die islamische Geschichte, Theolo­gie, die Rechtsschulen, die Mystik und vor allem die Philosophie abgeschnitten sind. Das meiste, was sich auf muslimischen Büchertischen findet, dient der Erbauung oder der Moral, aber Texte von Al-Farabi oder Ibn Sina liegen in der Regel nicht aus, obwohl es diese auf Deutsch gibt. Die meisten Muslime kennen ledig­lich die jüngere Geschichte des Islam und verstehen sie imaginär als „die“ Geschich­te des Islam. Das sind dann häufig ideologische Texte von Maududi, Qutb oder wahhabitische Texte von „Abu So-und-so“. Aber der Islam ist mehr und hat mehr zu bieten. Provokante Texte wie jene von Attar und Muhammad Iqbal. Herzerweichende Liebesmystik von Rabi’a Al-Adawiyya oder philosophische Schwere von Al-Kindi.

Dies mündet in den zweiten Punkt: Wenn man also seine Religion nicht kennt, dann sind wir alle einfach nur Muslime und Kritik an bestimmten Realisierungen des Islam wird dann als Pauschalangriff auf den Islam ­missverstanden und der Gläubige sieht sich in der Pflicht, seine Religion zu verteidigen. Und am Ende landen wir dann bei einem Religionschauvinismus, der nichts anderes als die bedingungslose vor-islamische Stammesloyalität ist, die der Prophet eigentlich durch das bedingungslose Prinzip der Gerechtigkeit ersetzen wollte.

Und schließlich führt diese große ­Unkenntnis über die eigene Religion dazu, dass man kostenlose Literatur annimmt, da es ja alles islamische Literatur ist. Früher waren es die großzügigen Büchergeschenke der saudischen Botschaft, ­heute die kostenlose Lektüre im Internet. Aber es gibt einfach keine „nur islamische ­Literatur“, sondern hinter jedem Buch steckt eine vorgeprägte theolo­gische Denk­weise, die man kennen muss, um sich auch mit dem, was man liest, kritisch auseinanderzusetzen.

Islamische Zeitung: Sie haben in der Vergangenheit zu den frühen Modernisten der islamischen Welt publiziert. Was sie bei aller Verschiedenheit kennzeichnet, ist eine Abkehr vom traditionellen islamischen Recht. und seiner Begrenzung von Gewalt, und eine politische Instrumentalisierung des Islam. Wäre hier nicht eine Revision der angeblichen „Reformer“ angebracht? Immerhin versteht sich der Wahabismus selbst als „Reformbewegung“…

Muhammad Sameer Murtaza: Das Reformprojekt des Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani und des Gelehrten Muhammad Abduh halte ich für einen wichtigen intellektuellen Anstoß zu ­einer geistigen Widerbelebung der Muslime. Im Grunde haben wir es hier mit einem islamischen Protestantismus zu tun und es gibt interessante Analogien zum christlichen Protestantismus.

Aber jede Reform hat auch ihre Schattenseite und ihre Trittbrettfahrer. Durch den Kolonialismus waren die traditionellen Strukturen muslimischer Gelehrsamkeit in vielen Ländern erschüttert worden oder gar zusammengebrochen. Al-Afghanis Aufruf zu einer Rückkehr zum Qur’an, um sich von überkommenen, nicht mehr funktionierenden Strukturen zu befreien, machten sich nun auch andere zu eigen. Dies ist zuerst einmal nichts Schlechtes, sondern kann auch als Emanzipationsbewegung verstanden werden. Bedauerlicherweise fehlte diesen neuen Denkern die Ausbildung, die Al-Afghani und Abduh genossen hatten. Mit der Muslimbruderschaft schuf der im Sufismus verwurzelte Hasan Al-Banna den ideologischen Islam. Mit Sayyid Qutb und Abd Al-Salam Faraj radikalisierte sich dieses Verständnis weiter und führte zu einer Entgrenzung der Gewalt.Und im nihilistischen Islam der Al-Qaida haben wir schließlich eine Fusion aus Wahhabismus und ideologischem ­Islam. Vergangenes Jahr habe ich mit „Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie“ den ideologischen Islam dekonstruiert. Dahinter standen sechs Jahre Forschungsarbeit und viel böses Blut seitens der ­Muslimbrüder. Kürzlich habe ich mit „Islamische ­Philo­sophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime. Eine Reflexion zu dem ­Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani“ mich noch mal ausführlich dem Denken Al-Afghanis gewidmet, dem es ja auch um die Eindämmung der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten ging. Ich denke, man sollte zwischen den frühen Reformern und den späteren Ideologen unterscheiden.

Islamische Zeitung: In den Mainstreammedien wird der Salafismus/­Wahabismus fälschlicherweise als besonders „islamisch“ oder „religiös“ beschrieben. Müssten Muslime hier nicht vielmehr betonen, dass es sich bei diesen im klassischen Sinne um „Sekten“ handelt?

Muhammad Sameer Murtaza: Zunächst müssen wir mit den Begriffen vorsichtiger umgehen. Salafiyya ist ein Begriff, der die ersten drei Generationen der Muslime bezeichnet. Er ist also für je­den Muslim positiv konnotiert. Die vor dem Ölboom als Sekte deklassierten Wah­habiten schmücken sich heute mit dem Wort Salaf, um von ihrem Ursprung abzulenken. Ich bin nicht bereit, ihnen die Ehre zuteilwerden zu lassen, denn in ihrem Fühlen, Auftreten, Sprechen und Handeln sind sie von den Prophetengefährten so weit entfernt, wie die Sonne von der Erde.

Schließlich wurde der Begriff Salafiyya noch auf die Reformbewegung von Muhammad Abduh angewandt, was aber lediglich darauf hinwies, dass diese Refor­mer sich dem Wesen des Islam wieder zuwenden wollten. Aber nie im Leben kamen diese darauf, sich als Salaf zu ­bezeichnen.

Insofern müssen wir um der Klarheit Willen auf das Wort Wahhabismus zurückgreifen und darauf hinweisen, dass wir es hier mit einer Sekte zu tun ­haben. Gerade der Islam der Vogelianer ­zeichnet sich durch ein Vakuum an Wissen aus. Selbst eine Sendung wie „Schlümpfe“ ist da gehaltvoller. Dies eint sie auch mit den Leuten von „Politically Incorrect“. Es ist der gleiche ängstliche Menschenschlag, der sich zum einen durch die Verachtung der Menschenwürde auszeichnet und zum anderen dadurch, dass ­beide Bewegung nicht intelligent sind.

Islamische Zeitung: In Deutschland füllen diese Gruppen offenkundig ein Vakuum, das vom organisierten Islam nicht gefüllt werden konnte. Was müsste die muslimische Community in Deutschland hier tun?

Muhammad Sameer Murtaza: ­Diese Popularität ist zum einen dem mangeln­den Wissen über die eigene Religion geschuldet, weshalb wir unbedingt einen islamischen Religionsunterricht benötigen und zum anderen der Tatsache, dass wir in den muslimischen Gemeinden unter großen Jubel Konvertiten willkommen heißen, sie aber anschließend im Stich lassen und sie oftmals nicht wirklich in das soziale Leben der Moscheege­meinde integrieren. Hier braucht es eine Handreichung für Moscheegemeinden, aber auch für den Konvertiten, damit er für den Anfang weiß, aus welchen Töpfe des Wissens er sich am Anfang seiner großen Reise bedienen sollte.

Ein anderes Problem ist, dass zu viele Gemeinden und gebildete Muslime immer noch nicht verstanden haben, dass die muslimischen Organisationen nur dann gute Arbeit leisten können, wenn sie Unterstützung und Manpower erhalten. So soll jeder sich selber an die eigene Stirn fassen.

Schließlich wenn wir nicht wollen, dass der Islam in Deutschland zu einer Ghettoreligion verkommt, müssen wir uns ­intellektuell öffnen, weiterbilden, inneris­lamische Diskussionsfreude an den Tag legen und gehaltvolle Projekte und Lite­ratur produzieren. Hier bin ich auch gespannt, wie die so genannten Jugendorganisationen Muslimische Jugend in Deutschland und Lifemakers eigentlich auf diese Entwicklung reagieren wollen, denn auffälligerweise sind diese gar nicht mehr präsent.

Aber machen wir uns nichts vor, auch wenn ein Teil dieser Vogelianer später wieder in den Mainstream des Islam zurückkehrt, diese Bewegung ist dauerhaft. Umso mehr dürfen wir nicht zulassen, dass diese das Bild unserer Religion in der Öffentlichkeit bestimmt. Es liegt an jedem von uns, die Deutungshoheit des Islam wieder dem Mainstream zurückzugeben und seinen Beitrag zu einer geistigen Blüte des Islam und einer gebenden sozialen Seite unserer Religion in Deutschland zu leisten.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Murtaza, Danke für das Interview.

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