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Aus gegebenem Anlass – IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in ­Deutschland. Von Schaikh Habib Bewley

Wie sieht die ­Position zum ­Extremismus aus?

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(iz). Allah sagt in Seinem mächtigen Buch: „Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht.“ (Al-Baqara, 142) Eine der wichtigen Lektionen, die wir aus der Unordnung in Syrien und dem Irak lernen können – und im weiteren Sinne in anderen Teilen der muslimischen Welt, wie Nigeria oder Mali – besteht darin, dass Extremismus keine Antwort ist. Selten – oder im Grunde niemals – bringt er Bleibendes oder Gutes hervor.

Die Formen des Islam, die in all diesen Orten an die Macht kamen, sind extrem und übertrieben in ihrer Interpretation, was der Din ist und was darin notwendig sowie akzeptabel ist. Sie begrenzen den Spielraum innerhalb der engsten Parameter. Das verwandelte den Din von etwas Organischem und Lebendigem in etwas, das nur Schwarz und Weiß kennt. So wird er zu etwas gemacht, dass sich nicht in den Gemeinschaften von Menschen findet, sondern nur auf den Seiten der Bücher – in den rigidesten Umrissen.

Alles und jedes, was sie vom Din lernen, wurde von den Umständen getrennt, ihrem historischen Kontext sowie den globalen und sozialen Realitäten des Tages entrissen und einfach in ihr eigenes Leben und ihre Umwelt übertragen. Das Problem aber, ist der Mangel an Wissen und die Unfähigkeit, dies richtig zu tun. Extremisten sind wie ein ungelernter Herzchirurg, der das Herz aus dem Körper schneidet, aber keine Vorstellung davon hat, wie er es am Leben erhalten und in den Körper des Mannes transplantieren soll, dessen eigenes Herz stirbt. Am Ende macht er nichts anderes, als zu töten.

Und das können wir bei IS, Boko Haram und ihresgleichen beobachten. Diese geben vor, Verteidiger des Islam und der Muslime zu sein, aber schaden ihnen am Ende nur und töten sie. Es gibt Grenzen und diese sind durch das Beispiel des Propheten und seiner Gefährten bekannt. Auf sie müssen die Muslime bei ihrer Suche nach Rechtleitung schauen, anstatt einfach einfach so das Buch Allahs direkt aufzuschlagen. Extremisten haben einzelne Verse gelesen und bestehen auf ihrem wörtlichen, uneingeschränkten Verständnis; genau wie ihre Vorfahren es mit Allahs Worten taten: „Das Urteil ist allein bei Allah.“ (Yusuf, 40) (Anm. d. Red., wie die Khawaridsch gegenüber ‘Ali ausriefen)

Dieser Geistes ist, in einem Zeitalter der übermäßigen Information und des begrenzten Wissens, kein seltener. Es gibt viele Internetgelehrte, deren Studien des Din auf das Lesen von Büchern und Aufsätzen beschränkt bleiben, während gleichzeitig Werte und Wahrheiten des Din andauernd von neokonservativen Medien angegriffen und kritisiert werden. Es ist schwierig zu wissen, was Islam ist und wo wir als Muslime stehen. Also werden viele Jugendliche einerseits vom exzessiven Nihilismus und Hedonismus verführt und andererseits von radikalen religiösen Praktiken und Ideologien. Sie zerstreuen sich in beide Richtungen und verlassen den Ort der Mitte.

Es ist aber dieser Mittelweg, welcher der Islam ist. Und dieser hat das meiste zu bieten. Beide Extreme kommen von Schaitan. Ibn Al-Qajjim sagte: „Bei allem, was Allah uns zu tun befohlen hat, kommt Schaitan zu uns auf zwei Wegen: Entweder, indem er uns ermutigt, darin zu scheitern, oder, indem er uns zur Übertreibung anhält. Der Din Allahs liegt in der Mitte, zwischen dem Verlassen der Handlung und demjenigen, was extrem und übertrieben ist. Die Mitte ist wie ein Tal zwischen zwei Bergen. Rechtleitung zwischen den beiden Quellen der Irreführung. Ein lobenswerter Weg ­zwischen den beiden tadelnswerten Möglichkeiten.“

Als der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, einmal mit seinen Gefährten war, zog er eine Linie in den Sand. Und dann zog er zwei Linien zu ihrer Rechten und zwei zu ihrer Linken. Und dann legte er seine Hände auf die mittlere Linie, sagte „Das ist der Weg Allahs“ und rezitierte den Vers: „Dies ist Mein Weg, ein gerader. So folgt ihm! Und folgt nicht den (anderen) Wegen, damit sie euch nicht von Seinem Weg auseinander führen.“ (Al-An’am, 153)

Extremismus ist genauso ein „anderer Weg“, wie Nachlässigkeit und das Verlassen der Säulen unseres Din es sind. Was als Übertreibung einer bestimmten Handlung beginnt, wird zu einer Geistes­haltung. Und diese besondere Einstellung ist sehr gefährlich, da man durch ihre Aneignung immer extremer wird und solange zur Übertreibung neigt, bis man den Din komplett hinter sich gelassen hat. Im Kern bedeutet das die Schaffung einer neuen Religion mit neuen Parametern. Und die Betroffenen beginnen, andere entsprechend dieses Weges und nicht mehr nach dem Sirat Al-Mustaqim zu beurteilen.

Das entspricht einer Begebenheit, bei der Prophet, Allah Segen und Frieden auf ihm, von drei Männern angesprochen wurde. Einer übertrieb sein Gebet, indem er nur Nachts betete. Der andere übertrieb sein Fasten, weil er ausnahmslos jeden Tag fastete und der Dritte überschritt seine Grenzen, weil er die sexuellen Leidenschaften leugnete und Frauen gänzlich abschwor. Der Gesandte Allahs, Segen und Heil auf ihm, entgegnete ihnen: „Soweit es mich betrifft, habe ich mehr Furcht und Taqwa vor Allah als jeder von euch. Ich faste und ich faste nicht. Ich bete und ich schlafe. Ich heiratete Frauen. Wer sich von meiner Sunna abwendet, gehört nicht zu mir.“

Durch die ihnen eigene Übertreibung, selbst wenn es sich bei der Absicht der Männer nur um einen Akt der Anbetung handelte, verließen sie den geraden Weg und wandten sich ab. Sie betraten Bereiche, die nicht Teil der prophetischen Sunna waren. Diese Sunna steht für den Mittelweg; die Grenzen des Din, deren wir bewusst sein sollten. Wir müssen sicherstellen, dass wir sie nicht überschreiten. Es sind die Wegmarkierungen, die von den großen Aulija (arab. Freunde Allahs) und Gelehrten in jeder folgenden Generation bewahrt und am Leben erhalten wurden.

Sich in der Sunna zu bewegen, heißt Mäßigung im Islam. Das hat nichts mit dem zu tun, was uns heute von Hollywood und Medien als solches verkauft wird. Sie haben Grenzen verschoben und Begriffe neu definiert, in ihrem Bemühen, den Din zu zerstören. Was sie als Mäßigung beschreiben, ist nichts als das gegensätzliche Extrem – Tafrit, das Verlassen der Handlung und des Din. Islam als Name ohne Wirklichkeit. Als Paket aus Prinzipien ohne Recht. In diesem Konzept unterscheidet sich ein Muslim von seinem Mitbürger nur durch Namen und bestimmte kulturelle Praktiken.

Spricht ein Muslim vom islamischem Recht und betet fünf Mal am Tag, wird er demnach zum Fundamentalisten und Extremisten. Er gerät dann in die Menge der Terroristen und Frauenfeinde. Wir müssen diese Definitionen ignorieren und unterlassen, ihnen zu entsprechen. Vielmehr müssen wir uns auf das fokussieren, was unseren Herren zufrieden stellt und uns nach Seinen Parametern ausrichten. Das ist der Mittelweg.

Hier liegt unser Erfolg und der Erfolg dieser Gemeinschaft. Wie Imam Malik sagte: „Das Ende dieser Umma wird durch nichts anderes korrigiert, als das, was sie an ihrem Anfang rechtleitete.“ Der Weg des Propheten und seiner Gefährten, eine breite Straße, erlaubt eine große Vielfalt und Meinungsunterschiede; vom strikten Festhalten an der wörtlichen Sunna bei Ibn ‘Umarm zum Idschtihad von Ibn ‘Abbas, von der Strenge eines ‘Umar ibn Al-Khattabs zur Milde eines Abu Bakr. Sie alle bewegten sich auf dem islamischen Mittelweg.

Allah sagt in Seinem edlen Buch: „Sprich:‘Oh Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion, außer in (dem Rahmen) der Wahrheit und folgt nicht den Neigungen von Leuten, die schon zuvor irregegangen sind und viele (andere mit ihnen) in die Irre geführt haben und vom rechten Weg abgeirrt sind.’“ (Al-Ma’ida, 77) Wir haben über die Gefahren der Übertreibung im Din gesprochen, aber wie können sie solche entwickeln? Und welche Leute sind dafür empfänglich? Oder, um es anders zu formulieren: Wie können wir uns dagegen schützen?

Die Antworten sind Wissen und gute Gesellschaft. Im Verfahren gegen zwei junge englische muslimische Extremisten im letzten Monat kam ans Tageslicht, dass es sich bei den Büchern, welche die beiden vor ihrem Versuch kauften, sich dem IS in Syrien anzuschließen, „Islam for Dummies“ und „The Koran for Dummies“ waren. In anderen Worten, sie wussten beinahe gar nichts über ihren Din. Und es war dieser Wissensmangel, der sie für die verdrehten Ideen dieser kharidschitischen Terrorgruppe empfänglich machte. Das gilt nicht nur für diese beiden, sondern beinahe für alle Rekruten solcher Organisationen.

Selbiges gilt für viele, welche die Muslime in ihrer Umgebung – oder auch darüber hinaus – täglich kritisieren. Man kennt diesen Typus, diejenigen, die zur Religion gefunden haben. Sie haben sich binnen kürzester Zeit von Partygängern von einem Tag zum anderen zu Leuten mit langem Bart und Hosen einer bestimmten Länge entwickelt. Es sind keine Gelehrten des Din und sie haben keine nennenswerte Zeit mit dem Leuten des Wissens verbracht. Eher haben sie ein Hadith beziehungsweise einen Vers des Qur’an gelesen und ihre eigene begrenzte, wörtliche Interpretation desselben hinzugefügt. Und dann nutzen sie diese Deutung, um auf Leute herabzuschauen, die mehr Wissen haben als sie.

Der zweite Schutz gegen Extremismus ist Gesellschaft. Damit gemeint ist die Nähe zu guten Leuten, Menschen des Wissens. Solche, die die Sunna kennen und sich bemühen, ihr zu folgen und sie in die Tat umzusetzen. Der Extremismus ist eines der Werkzeuge Schaitans, um uns in die Irre zu führen. Diejenigen sind am empfänglichsten für seine Einflüsterungen, die alleine sind, denn sie bleiben isoliert. Der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, sagte: „Schaitan ist der Wolf der Menschheit. Und wie der Wolf das Schaf jagt, reißt er denjenigen, der sich von der Herde entfernt.“

Der Einsame und Entwurzelte sowie jener, der sich nicht als Teil seiner Gemeinschaft fühlt, befindet sich in großer Gefahr. Sie werden vom Alltag und dem Weltlichen zurückgewiesen, beziehungsweise nehmen es als solches wahr. Daher suchen sie nach etwas, das möglichst weit davon entfernt liegt. Oft wenden sie sich, auf der Suche nach der Bedeutung, Drogen oder Extremsportarten zu, aber „extremistischer Islam“ kann genauso verlockend und attraktiv wirken. Er verleiht ihnen ein Gefühl der Besonderheit und Überlegenheit gegenüber einer Gesellschaft, von der sich diese Menschen ausgestoßen fühlen. Außerdem verspüren sie so Festigkeit und Sinn in ihrer Existenz. Aber wenn solche Menschen in guter Gesellschaft und einer lebendigen Gemeinschaft sind, haben sie erst gar nicht das Bedürfnis, solch einen Weg zu betreten.

Um unsere Gemeinschaft gegen diese Strömungen zu schützen, die derzeit muslimische Länder zerstören, braucht es starke Gemeinschaften, die der Sunna, der Führung folgen. Denn nur, wenn ein Körper einen Kopf hat, kann er funktionieren. Und wir müssen an einem korrekten Wissen des Din festhalten und es verbreiten. Für die Gelehrten, die ‘Ulama, ist es verpflichtend, ihr Wissen weiter zu geben und die Jugend zu lehren. Dadurch wird sie gegen extremistische Tendenzen und Ideologien ge­impft. Die Leute des Wissens haben eine enorme Verantwortung, denn sie müssen die Begrenzungen des Din für alle sichtbar darlegen.

Sajjiduna Ali gelang es, einen großen Teil der Khawaridsch zurück auf den Sirat Al-Mustaqim zu führen, indem er ihnen eine kleine Menge vom seinem Wissen über den Islam vermittelte. Und ‘Umar ibn ‘Abd Al-‘Aziz tat das gleiche in seiner Zeit, als die Khawaridsch zahlenmäßig am stärksten waren. Er lud tausende von ihnen zu sich in seine Versammlung ein. Und auf einer Sitzung, auf der er einen kleinen Teil seines Wissens weitergab, überzeugte er mehr als 2.000, wieder auf den Mittelweg zurückzukehren.

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