IZ News Ticker

Ausgang des libyschen Bürgerkriegs ist noch vollkommen offen. Von Sulaiman Wilms

Der Fall eines Verbündeten

Werbung

„Gaddafi erinnert mich an Shakespeares ­Tyrannen, Richard III. Hinterhältig, schwer beschädigt, dunkel und absolut grausam. Ohne Rücksicht auf seine Familie, Freunde oder Gefährten – von den Menschen, über die er herrscht, ganz zu schweigen. Er mordete, um an die Macht zu kommen und diese zu erhalten. Aber als ihm die Kontrolle vor seinen Augen entschwand, ließ er seiner Wut freien Lauf und dezimierte seine eigene Armee. Nur, um am Ende alleine zurück zu bleiben.“ (Hamza Yusuf)

(iz). Nachdem sich die sozialen Unruhen in Tunesien und dann in Ägypten – zumindest dem Augenschein nach – auf ein friedliches Maß einpendelten, schien es, als ob an­de­re diesen Vorbildern folgen würden. Aber in weniger als einer Woche nach Ausbruch der Proteste in der ostlibyschen Stadt Benghazi entwickelte sich der Aufstand oder auch die „Protestbewegung“ (je nach Standpunkt des Beobachters) in einer rasanten Dramatik.

Anstatt nur den bloßen Verlauf dieses Ereignisses wiederzugeben, müssen wir ihre Hintergründe verstehen. Im Gegensatz zu anderen Ländern nahmen sie einen brutalen Verlauf. Zuerst liefen viele diplomatische Vertretungen zur Opposition über. Danach folgten weitere staatliche Vertreter, Kommandeure und ganze Armeeeinheiten. Und so zerfiel der Staat Libyen – mit offenem Ausgang – nicht in Führung und Volk. Vielmehr standen sich schnell nach Beginn verschiedene Teile der gleichen Struktur im bewaffneten Kampf gegenüber. Im Vergleich zum Jemen, Algerien, Tunesien oder Ägypten bestehen deutliche Unterschiede zu dem von Gaddafi und seinem Clan seit vier Jahrzehnten tyrannisierten Land. Libyen – das viertgrößte Land Afrikas mit rund sieben Millionen Einwohnern – verfügt über das höchste Bruttosozialprodukt des gesamten Kontinents.

Libyen war bisher ein Anziehungspunkt für Gastarbeiter, die aus aller Herren Länder in das Erdölland kamen, um hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dies bewirkte, dass während der Eskalation des Bürgerkriegs zehntausende Gastarbeiter entweder im Land gefangen waren oder sich an den Grenzen sammelten. Es spricht nicht für die hehren Absichten der Oppositionsbewegung, dass gerade diese Menschen in den Wochen nach Ausbruch der Unruhen Opfer rassistischer Übergriffe wurden.

Verschärfend kommt hinzu, dass Libyen – anders als die Kulturnationen Marokko oder Syrien – kaum über eine weit zurückreichende Identität verfügt. Erst in den 1960er Jahren verband der damalige König Idris die drei Regionen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan (die früher halbautonom waren) zu einem einheitlichen Nationalstaat. Die einflussreichen Stämme – die jahrzehntelang von Oberst Gaddafi umgarnt, durch Subventionen und finanzielle Zuwendungen ruhig gestellt oder eingeschüchtert wurden – trugen zur Eskalation bei. So kam auch der traditionelle Gegensatz der östlichen Region um Benghazi und die im Westen gelegene Hauptstadt Tri­poli zum Tragen.

Im Gegensatz zu anderen Regimen entschied sich Gaddafi und sein innerer Kreis – wohl auch angesichts der Entwicklung bei den Nachbarn – für wesentlich drastischere Reaktionen, um einen ähnlichen Verlauf zu unterbinden. Sicherlich weil er Ben Ali oder Mubarak nicht folgen wollte. Bereits am 20. Februar machte der erratisch wirkende Tyrann und einer seiner Söhne deutlich, dass sie zum Einsatz brutalster Gewalt bereit waren.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Eingreifen der Kriegskoalition nicht zum Ende der Kämpfe, sondern zu ihrer Verlängerung und Vertiefung führen wird. Es bleibt offen, wie das getrennte Land wieder harmonisiert werden kann. Der Völkerkundler Faradj Abdel Aziz Nadj sieht im Islam ein Mittel für die Einheit der Stämme und Provinzen Libyens. Die Schaffung einer Allianz verschiedener muslimischer Parteien könnte das Land zusammen halten.

Aber können Gaddafi, der Westen und die bewaffnete Rebellion überhaupt ­einen besseren Ausweg für Libyen finden?

Der Umgang des Regimes mit dem Islam
Einer der Faktoren, warum sich Gaddafis Regimes lange halten konnte, war seine Nützlichkeit für die EU. Nicht nur fungierte es als Bollwerk gegen subsaharische Flüchtlinge. Nach dem 11.09.2001 präsentierte sich der Tyrann als entschlossener Partner im „Globalen Krieg gegen den Terror“. Es brauchte aber keine Drohung eines religiös geprägten Extremismus, da er sich seit frühesten Tagen deutlich anti-muslimisch gab und dementsprechend handelte.

Nach Ausbruch der Proteste spekulierte er über „muslimische Extremisten“ als Hintermänner. Für Salem Geber, den bekanntesten ‘Alim in Benghazi ist dies nicht nur falsch, sondern Gaddafis alte Taktik Angst einzujagen. Seit Jahrzehnten unterdrückte Gaddafi religiöse Muslime, beschuldigte Moscheebesucher, Teil Al-Qaidas zu sein und warf ihnen vor, das Land zu destabilisieren. Dies war ein Versuch, die Aufmerksamkeit von seinem repressiven Regime abzulenken. „Die Polizei weckte mich regelmäßig in der Nacht auf oder verhaftete mich. (…) Er stellte sicher, dass er seine Finger in jedem Kuchen hatte: Geschäfte, Kultur, Fußball, Religion… Er versuchte sogar die Worte im Qur’an zu ändern.“

Der US-amerikanische Gelehrte Hamza Yusuf Hanson schrieb über Gaddafis Libyen, sein Besuch in dem Land im Jahre 1979 sei eine „bizarre Erfahrung“ gewesen. Der Diktatur habe sich als guter Verwalter jener Interessen erwiesen, die ihn an die Macht brachten. Gaddafi kooperierte jahrzehntelang mit BP, Halliburton und anderen Erdölunternehmen. Er habe vergessen lassen, dass Libyen einst nur Heimat sehr religiöser Muslime war. Auch habe es für die islamische Lehre eine wichtige Rolle gespielt. Schaikh Ahmad Zarruq, ein großer ‘Alim der späteren malikitischen Tradition und Kommentator von Imam Maliks Muwatta’, entstammte der libyschen Gelehrtenfamilie Al-Hatab.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen