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Bedeutungen finden in einer Zeit, die von Bildschirmen dominiert wird. Von Sumayya Mohammed Wegenstein

Die Welt des Klangs

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(iz). Unlängst strahlte das Schweizer Radio eine Sendung aus, in der die Frage behandelt wurde, ob die drei Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam nicht auch beziehungsweise viel mehr als „Hörreligionen“ bezeichnet werden können. Die Antwort wies klar in die Richtung, dass dem Hören der Vorrang vor dem Geschriebenen zusteht. Unvorstellbar, eine gelebte Religion auf geschriebene Bücher zu reduzieren, Wohlklang in Rezitationen und Gesängen wegzudenken.

Religionen wissen um die grundlegende Bedeutung des Klanglichen. Man denke an das biblische „am Anfang war das Wort“ oder den an die Israeliten gerichteten Befehl „höre und gehorche“. Als Muslime kennen wir aus dem Heiligen Qur’an Allahs Befehl „Kun“, der alles Seiende gemäß Seinem Willen in die Schöpfung zu rufen vermag (wie 36, 82). Wir wissen auch, dass am Ende der Zeit, wenn das Universum wieder „aufgerollt“ wird, ein Engel (‘Israfil) damit beauftragt ist, dies mit einer „Posaune“ einzuleiten: „Und es wird ein einziger Schrei sein.“ An vielen Stellen der Sure Ja-Sin finden wir solche Hinweise.

Vor längerer Zeit (am 28. November 1981) sendete der Südwestfunk eine zweiteilige Hörsoiree: Joachim Ernst Berendts „Nada Brahma. Die Welt ist Klang“. Die Sendung erreichte ein großes Publikum und löste über tausend Zuschriften aus. 1983 gab Berendt im Anschluss die Bücher „Nada Brahma − die Welt ist Klang und das dritte Ohr. Vom Hören der Welt heraus“. Dem ehemaligen Physikstudenten war es hiermit in seiner Funktion als Musikjournalist auf einmalige Weise gelungen, wissenschaftliches mit archaischem Wissen zu verbinden, untermauert durch Klänge, sodass man hier ein tief berührendes und inspirierendes Hörerlebnis gewinnen kann, welches einen das eigene Vibrieren in einem schwingenden und (er-) klingenden Kosmos erahnen lässt.

Es öffnet unsere Sinne hin zum Erspüren subtiler Zusammenhänge und Geheimnisse – Geheimnisse, die aus dem Grunde eines gesunden Herzens zugänglich sind – und die das Ohr ihm vermittelt. Man muss nicht unbedingt alle Schlussfolgerungen zu 100 Prozent teilen, zu denen Berendt kommt, um sich durch die Reise, durch die er führt, beschenkt und beglückt zu fühlen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat den philosophischen Tiefgang des Werkes gewürdigt und seine Thesen „Universum als Musikinstrument“ wie auch „Individuum als Manifestation des Universums“ hierzu ausführlich besprochen. Berendt erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1984), die Ehrenprofessorwürde (1979), den Polnischen Kulturpreis (1970), den Kritikerpreis des Deutschen Fernsehens (1962) und zweimal den Bundesfilmpreis (1961). Seit 2012 verleiht die Stadt Baden-Baden den Joachim-Ernst Berendt Ehrenpreis im Rahmen eines Musikfestivals.

Er wies in einer Zeit wachsender Informationsflut vornehmlich übers Auge und deren überwiegend an den Sehsinn gekoppelte gedankliche Verarbeitung auf ein Sinnesorgan hin, welches komplementär dazu ein ungleich breiteres Spektrum an Wirklichkeitswahrnehmung abdeckt, nämlich das Ohr. Es ist dasjenige Organ, an dem die meisten Nervenenden zusammenlaufen. Wir hören sieben Mal schneller, außerdem um vieles exakter und unmittelbarer, als wir sehen. Unser Hörsinn ist der empfindlichste unserer Sinne. Wir können Schwingungen hören, die kleiner sind als eine Lichtwelle, zehn Mal kleiner als ein Wasserstoffatom. 30.000 Nervenfasern und ebenso viele Haarzellen enden in der Cochlea, dem Innenohr. Das Gehör ist für die Auf­richtung des Menschen – einer Meisterleistung der Schöpfung – von unerlässlicher Bedeutung. Es bestehen ungleich mehr Nervenverbindungen zwischen der Wirbelsäule und dem Ohr als von ihr zum Auge, die Wurzeln des Rückenmarks hängen vom Vestibularzweig des Hörnervs ab.

Keine Bewegung entgeht der Kontrolle dieses Nervs. Man kann anhand dessen die Bedeutung von Klang für Motorik und Beweglichkeit des Körpers verstehen. Das Gehör ist zudem Voraussetzung für Sprache und Denken. Die moderne Neurologie hat nachgewiesen, dass das Gehirn 90 Prozent der elektrischen Energie durch das Ohr empfängt. Der Hörsinn ist, enger als das Sehen, mit dem Herzen und so mit dem Fühlen verbunden. Schon Aristoteles stellte fest: „Das Gehör hat einen direkten Einfluss auf die Bildung des sittlichen Charakters, was für das Geschaute nicht unmittelbar gilt.“

Im edlen Qur’an finden wir, dass das Gehör durchweg vor dem Sehsinn und meistens in engstem Zusammenhang mit dem Herzen erwähnt wird. Unser Prophet Muhammad, der Friede und Segen Gottes seien auf ihm, hat allerdings den Sehsinn wohlweislich als des Menschen „Liebstes“ bezeichnet und demjenigen das Paradies versprochen, der seinen Verlust – die Erblindung – geduldig erträgt. Tatsächlich bestätigen auch aktuelle Studien, dass Menschen das Erblinden um vieles mehr fürchten als die Taubheit. Die reale Erfahrung zeigt allerdings etwas anderes: Menschen, die im Laufe ihres Lebens blind und taub wurden, empfinden den Verlust des Gehörs als das schlimmere Übel.

Innerhalb unseres Denkens nimmt das Visuelle, Formbezogene einen wichtigen Platz ein. Unter anderem beruht die Kunst der Dialektik darauf: Standpunkte, Stellungnahmen und Weltanschauungen entstehen, indem wir verschiedene Schattierungen gegeneinander abwägen und ausspielen, sie zu Bildern, Ideen, Ideologien formen. So gerne wir sie entwerfen und uns auf sie berufen, so zerbrechlich sind sie doch, aufgrund ihrer Bedingtheit, ihrer Abhängigkeit von einem komplexen, höchst dynamischen und wandelbaren Hintergrund, der weit über die situationsbezogenen, polaren Abstufungen hinausreicht und sich unserem Zugriff weitgehend entzieht.

Das Auge ist, so Berendt der „maskulinste, expansivste, agressivste“ unserer Sinne. Da sich das Visuelle zudem der Projektion bedient, nimmt man Ungenauigkeit und Verzerrung im Zusammenhang damit unweigerlich in Kauf. In der Psychologie bezeichnet der Begriff „Projektion“ ein Spiegeln eines seelischen Inhalts in das Äußere, wodurch es in einen anderen Zusammenhang gesetzt und dem Eigentlichen entfremdet wird. Wir projizieren ständig – als Individuum sowie als Kollektiv – und identifizieren uns mit verschiedensten Projektionen.

Im Zeitalter der Bildschirme wird nun dem Visuellen eine zusätzliche Plattform gegeben, auf dem sich dieser Teil des Denkens weitgehend abgekoppelt austoben kann, wo wir ein Netz von Vorstel­lungen und Ansichten immer weiter ausbauen können, ohne dass dieses gleichzeitig der Prüfung durch die umfassende Wirklichkeit standhalten muss. Im Gegenteil, es wird versucht, unsere Lebenswirklichkeit danach auszurichten. Wodurch wir uns von dem lebendigen, ganzheitlichen Hier und Jetzt zunehmend entfremden, ja, an unseren eigenen Konstrukten ernsthaft erkranken.

Schon Johann Wolfgang von Goethe, als „Augenmensch par excellence“ eingestuft, wusste: „Das bloße Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern“. Der Philosoph Martin Heidegger sagte: „Das Denken ist ein Blicken. Von beidem, vom Denken und vom Blicken gilt das gleiche – es führt uns fort von uns selbst. Mit dem Denken (Blicken) begeben wir uns zu der Sache, die wir ‘anblicken’.“ Und Jean Paul Sartre stellte fest: „Alle abendländische Philosophie ist eine Philosophie durch das Auge.“

Dass Beobachtung vom Beobachtenden nicht zu trennen, und dass eine Wahrnehmung der Wirklichkeit daher immer subjektiv sowie momentbezogen ist, hat wiederum die moderne Teilchenphysik offengelegt. Wir sind Teil dessen, was wir beobachten. Der Vorgang der Beobachtung selbst schafft die jeweilige, „einmalige“ Beobachtung. Die Beobachtung kann mit dem Fragestellen verglichen werden und, wie man ebenfalls in der Teilchenphysik erfahren hat, was die Weisen aller Zeiten schon immer gewusst haben: „Die Unschärferelation lässt keinen Zweifel darüber, dass die Natur nicht dem Experiment antwortet, sondern dem Fragenden.“ Wir tun also gut daran, unsere Fragen ganzheitlich und mit Einbezug aller Sinne zu stellen, damit die Antworten sowie die auf ihnen fußenden Entscheidungen in der Tiefe greifen und wurzeln dürfen.

„Das Auge markiert einen Endzustand – das Ohr führt weiter“. Und: Das Auge führt den Menschen in die Welt – das Ohr die Welt in den Menschen“.(Lorenz Onken, deutscher Naturphilosoph)

Über das Gehör sind wir unmittelbarer als über das Auge mit dem Herzen verbunden und haben über dieses wiederum einen unmittelbaren Zugang zu Urformen der Schöpfung. Forschungen haben ergeben, dass das Herz dasjenige Organ mit dem weitaus größten elektromagnetischen Feld ist (um vieles größer als das des Gehirns). Manche erlauben den Schluss, dass gewisse Frequenzen universumsübergreifend über das Herz um vieles schneller als in Lichtgeschwindigkeit wahrnehmbar sind. Das Herz [arabisch „Qalb“], das sich (ständig) Wendende, ist dem Dynamischen, Schwingenden und Tanzenden, dem Inneren Sein verbunden, während der „Endzustand“, welcher das Auge und sein zugehöriges menschliches Denken umschreibt, zwar gerne als Vorzeigestück menschlichen Könnens, menschlicher Macht herangezogen wird, jedoch, als Manifestation des Punktuellen, Starren, Unwandelbaren unausweichlich dem nahen Tod geweiht ist.

Schon der Philosoph, Naturwissenschaftler und Mathematiker Pythagoras hat ca 550 v. Chr. die Theorie der „Sphärenharmonie“ aufgestellt, wonach jedes Ding seinen spezifischen Klang besitze. Johannes Kepler, der zwar im 17. Jahrhundert für seine astronomischen Erkenntnisse Berühmtheit erlangte, sich aber selbst vorrangig als Musiker verstand, hat dies bestätigt und in seinem Werk „de harmonice mundi“ (über die Harmonie der Welt) mathematisch nachgewiesen, dass die Planeten eigene klangliche Schwingungsmuster besitzen, zwischen denen Harmonien bestehen. Das wurde von der NASA in jüngerer Zeit aufgezeichnet und bestätigt. Wir können also, wenn wir diese Tatsache tief in unserem Inneren überprüfen, davon ausgehen, dass auch andere Lebewesen, ja, auch wir selbst und die Gemeinschaften, die wir bilden, Schwingungsmuster besitzen.

Aus der Musik sowie aus der Forschung über das klangliche Zusammenspiel in den Sphären weiß man nun, dass Harmonien die weitaus häufiger im Universum vorkommenden sind. Disharmonien streben danach, sich in Harmonien aufzulösen. Auch Tiere lassen ein dem Menschen ähnliches Harmoniegefühl erkennen: Vögel und Wale reagieren auf menschliches Falschsingen irritiert. Sie hören auf, „mitzusingen“. Pflanzen, denen verschieden harmonische Musik vorgespielt wurde, reagierten darauf ebenso verschieden. Dieses Harmoniestreben ist in seiner engen Relation zum Mathematischen allem Anschein nach ein universelles. Es ist so auch eng mit dem Grundbegriff des „Schönen“ verquickt, der von Plotin bis zu Heisenberg Naturwissenschaft, Philosophie und Religion durchzieht und in seiner Gestalt als universelle Forderung eint.

Harmonie also ein Grundprinzip der Schöpfung? Wir müssen hier sehr davor auf der Hut sein, eine möglicherweise in der Tiefe wurzelnde Wahrheit auf der Basis unseres Wünschens und Denkens kurzzuschließen. Auch Berendt warnt hiervor. Die offenkundige Harmonie sei uns zwar näher; die grundlegende, verborgene jedoch mächtiger, wie bereits Heraklit feststellte. So gilt das Ziel eigentlichen Hörens dem „Hören der Stille“, dem „Durchdringen durch die Offensichtlichkeit des Harmonischen“. Sie, die Harmonie, „dorthin zu tragen, wo wir sie noch nicht hören/sehen/schmecken und riechen können“. „Klang“ also im Sinne einer Art von Urmuster des Seienden, das zuallererst in der Stille, in der Kontemplation, im Gebet zu suchen sei? Letztendlich als Manifestation eines „Tanzes“ und „Gesanges“ zum Lob Gottes?

Im Islam kennen wir einen sehr vorsichtigen Umgang sowohl mit Musik als auch mit anderen Arten kurzschlüssigen Harmoniebestrebens. Gesellschaftliche Regelungen des Verbots sowie spirituelle Praktiken des Verzichts können durchaus auf solchem Hintergrund reflektiert werden. Aber auch die Pflege des guten Umgangs unter den Menschen, die Bildung gesunder Gemeinschaftswesen und die Stärkung des Individuums sowie der Zivilgesellschaft im Sinne eines möglichst umfassenden Erklingens jedes Einzelnen ihrer Elemente bei gleichzeitiger Verwurzelung im Göttlichen können aus dieser Perspektive gut nachempfunden werden.

Wir sind mit Sicherheit in einer Zeit angelangt, in der wir uns vom Urgrund weiter entfernt haben als je zuvor; in der das Sehnen nach einem Wiederverbinden mit der allem zugrunde liegenden, mächtigen Harmonie schmerzhaft spürbar werden kann. In dieser Zeit täten wir gut daran, die Prioritäten neu zu setzen, unseren Din neu zu begreifen und zu beleben. Unmöglich, ohne zum einen die Maßstäbe wieder gerade zu richten. Das bedeutet für uns Muslime nichts weniger, als sich vorrangig an der Gottesfurcht sowie an der Gottesliebe und der Liebe zu unserem Propheten auszurichten. Unmöglich auch, ohne Einbezug aller unserer Sinne und ohne das demütige Eingeständnis, dass sämtliche Antworten, die wir zu geben vermögen, nur momentbezogene Ausschnitte widerzuspiegeln vermögen. Unmöglich daher, ohne dem (fragenden) Hören wieder mehr Raum zu geben, unsere Fragen in Gebete und unser Hören in Lobgesang münden zu lassen. Unmöglich auch, ohne Räume zu schaffen, in denen Klangnuancen in allen ihren Variationen wieder vielfältig zur Geltung kommen dürfen.

Wer jetzt den heiligen Monat Ramadan begangen hat und sich in ihm dem Wunder des Qur’an genähert hat, durfte wieder einmal zutiefst erfahren, wie sehr diese Heilige Schrift in Struktur, Inhalt und Klangschönheit Harmonie und Wahrheit eint. Der Qur’an ist Al-Furqan, der Unterscheidende. Die klangvolle ­Rezitation aber bewirkt, dass die Botschaft unsere Herzen in der Tiefe zu erreichen vermag. Im Erklingen werden Gegensätze zur Ganzheit, wird die Vielschichtigkeit der Heiligen Schrift mühelos zugänglich.

Ob unsere Religion auch „Hörreligion“ sei, kann so eindeutig bejaht werden. Und man darf hoffen, dass sie auf diese Weise auch gehört wird.

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