IZ News Ticker

Bedeutungen: Ramadan ist der Monat für eine vertiefte Anbetung und Hinwendung zu Allah. Von Laila Massoudi

Damit das Herz erwacht

Werbung

(iz). Vor Kurzem erzählte mir ein Bekannter meines Mannes eine Anek­dote, wie man Ramadan auch falsch verstehen kann. Nachdem er einem alten Schulfreund sagte, dass er Muslim sei und der Ramadan kommt, warf dieser ein: „Das ist doch der ­Monat, in dem ihr abends so viel essen müsst!“ Fügen wir dem Bilder aus Teilen der muslimischen Welt hinzu, in denen die Nacht zum Tag gemacht wird, Einkaufs­zentren zum „Ramadan Shopping Festi­val“ einladen und Lebensmittelpreise nicht selten um bis zu 20 Prozent ­steigen, drängt sich der Eindruck auf, dass so manch einer vergisst, worum es beim Fastenmonat eigentlich geht.

Der Ramadan ist auch eine Zeit des Wandels
Selbstverständlich beruht im ­Ramadan alles auf der Befolgung verpflichtender und empfehlenswerter, sowie auf der Vermeidung verbotener Dinge. Um aber wirk­lich von der transformierenden ­Natur des Fastens zu profitieren, ­müssen wir uns des spirituellen Gehalts bewusst werden. Ramadan ist eine Zeit des Wandels und der Ausnahme. Zuallererst ist er eine erschütternde Erfahrung für unser Selbst. Der Fastenmonat durchbricht unsere normalen Lebensmuster: Wann man üblicherweise isst und schläft. Dies belebt die geistige (Ruhani) Seite ­unseres Selbst. Das Herz erwacht, weil man weniger isst und schläft. Dies führt zur Stär­kung der anderen Realität des mensch­lichen Selbst, wodurch der Fasten­de spiritueller wird.

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, unterrichtete uns darüber, dass das erste Drittel des Ramadans eine Rahma (Gnade) ist. Das zweite ist Maghfira (Vergebung). Darin werden alle falsche Handlungen, die Seine Diener begangen haben, verge­ben. Und das letzte Drittel des ­Ramadans ist Freiheit von dem Feuer.

Und wir wissen aus anderen Überlieferungen, dass derjenige, der im Ramadan in vollem Vertrauen fastet, seine Zunge im Zaum hält, sich von allem Verabscheuungswürdigen im Ramadan freihält, dem prophetischen Verhaltensmuster folgt, dem werden seine falschen Handlungen vergeben und er wird am ‘Id (dem Feiertag zum Ende des Fasten­monats) wie ein Neugeborener sein.

Wir wissen vom Propheten, Allahs Heil und Segen auf ihm, dass die ­Teufel im Ramadan in Ketten gelegt wurden. Jetzt können die Menschen ihre besten Ei­genschaften an den Tag legen. In Europa, wo die meisten nicht fasten, ist dies nicht immer manifest. Aber dies gibt Muslimen die Möglichkeit, Nichtmuslimen das große Geschenk, das der Ramadan ist, zu erklären. Wir können mit ih­nen teilen, sie zu unserem Fastenbrechen einladen und so am Licht teilhaben lassen, dass Allah uns gegeben hat.

Das Fasten bricht alte Gewohnheiten auf
In seiner klassischen Meditation über den inneren Aspekt der fünf Säulen des Islams, „Der Weg Mohammeds“, schrieb Schaikh Dr. ‘Abdalqadir As-Sufi, dass der Ramadan die „Erschütterung der ­Illusion des Getrenntseins und der Eigen­ständigkeit des Selbst“ bewirke, das sich in den Verhaltensmustern der Erwachsenen manifestiere. Es führe den Menschen zurück in seine Kindheit, in der er – für ihn klar ersichtlich – von jemandem anders versorgt wurde. „Dies ist das Mittel, die untersten Strukturen der Nafs zu brechen. Und zwar, durch die Erzeugung des spürbaren Bewusstseins, dass es ­Allah ist, Der uns versorgt.“ Sowohl das ­Fasten als auch die Zakat sind demnach ein Akt der Trennung von der weltlichen Realität, denn sowohl die Nahrung als auch die unmittelbare Umgebung stellen eine Erweiterung der körperlichen Erfahrung dar. Maulana Rumi sagte: „Die ganze Welt ist die Brust.“ Dies ist die Erkennt­nis aus Ramadan und Zakat, wenn der spirituell reife Muslim angesichts seiner inneren Erfahrung erwacht.

Keine „Innerlichkeit“
Der Schaikh macht aber zugleich deutlich, dass es keine abgehobene „innere Wahrheit“ des Fastens gibt, die sich von dem eigentlichen Akt trennen ließe. „Es ist sinnlos zu erwarten, dass die Erfahrung des Fasten etwas ‘höheres’ darstellt, während die Weisheit des Fastens im eigentlichen Akt der Trennung liegt. Das heißt, nichts zu essen. Der Mensch erfährt eine innere Leere, die sich zuerst als Hunger oder Durst ausdrückt.“

In einem Hadith-Qudsi – das heißt, wenn Allah durch Seinen Gesandten in der ersten Person spricht – sagt der Herr der Welten: „Das Fasten gehört Mir.“ Es ist die Öffnung zur Wirklichkeit, ein ­Abschmelzen unserer körperlichen Aspekte und das Hervortreten unseres Geistes. Je mehr unser niederes Selbst vermindert wird, desto mehr kann das Licht Allahs in uns erscheinen. Das Fasten im Ramadan bedeutet die Reduzierung der eigenen Person – und zwar auf eine ganz reale Art und Weise, zellulär wie in der Erfahrung. Im Verlauf des Ramadans wird den Fastenden bewusst, dass sie eine veränderbare und fluide Existenz haben, anstatt festgelegt oder eingegrenzt zu sein. Was immer unser Selbst als die ihm eigene Form versteht und in dieser kristal­lisiert – das islamische Fasten erschüttert es und die Öffnung beginnt.

Imam Abu Hamid Al-Ghazali spricht von verschiedenen Stufen des Fastens. Neben dem primären (der Enthaltung von Essen, Trinken und sexueller Aktivität) gibt es weitergehende Formen. Die nächste Stufe ist „ein spezielles Fasten, das sämtliche Glieder des Körpers – wie Ohren, Augen, Zunge und Hände – von schwerwiegenden, falschen Handlungen fernhält“. Anas ibn Malik überlieferte, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Fünf Dinge brechen das Fasten eines Mannes: Lügen, üble Nachrede, Tratsch, Meineid und der lüsterne Blick.“

Eine der notwendigen Wegmarken des Fastens ist die Ausgewogenheit. Der Prophet sagte: „Viele, die fasten bekommen nichts als Hunger und Durst.“ Für ­diese Aussage gibt es unterschiedliche Auslegungen. Allen gemein ist, dass das ­bloßes Fasten, ohne weitere Verhaltensumstellung, gehaltlos ist. „Es ist daher wesent­lich, die Lebensmittelaufnahme auf das zu beschränken, was man in einer normalen Nacht isst, wenn man nicht fastet. Es gibt kein Nutzen im Fasten, wenn man so viel zu sich nimmt wie an einem normalen Tag und in einer normalen Nacht zusammen“, schrieb Imam Al-Ghazali. Es sei empfehlenswert, tagsüber so wenig wie möglich zu schlafen, sodass man Hunger und Durst fühlt und sich der Schwächung der eigenen Macht bewusst wird. Daraus ergibt sich die ­folgende Reinigung des Herzens. „Nachdem das Fasten gebrochen wurde, sollte das Herz wie ein Pendel zwischen Furcht und Hoffnung schwingen. Denn man weiß nicht, ob es angenommen wird und man dadurch Allahs Gefallen ­erlangen wird. (…) Dies ist die Art und Weise, wie jeder Akt der Anbetung beendet werden sollte“, unterweist uns der Imam.

Obwohl wir im Ramadan gegenüber unseren Gelüsten streng sein sollten, ist es ratsam, großzügig gegenüber Allahs Schöpfung zu sein. Ibn ‘Abbas, möge ­Allah mit ihm zufrieden sein, berichtete: „Der Prophet war der großzügigste aller Menschen. Er war im Ramadan noch freigiebiger, wenn Dschibril [der Erzengel Gabriel] ihn besuchte und mit ihm den Qur’an durchging. Dschibril kam zu ihm zu diesem Zweck in jeder Nacht des Ramadans. Während dieser Momente war der Gesandte Allahs noch großzügiger als der ungehindert wehende Wind.“

Der Einzelne ist gefordert
Wir sind dazu aufgerufen, alle Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und unnötigen Verstrickungen während dieses gesegneten Monates sein zu lassen. Dies ist die Zeit für tiefe Anbetung und Hinwendung zu Allah. Es ist für uns empfehlenswert, getrennte Beziehungen oder Verwandtschaftsgrade wieder zu beleben, die vernachlässigt wurden. Dies ist eine Zeit, in der der sanfte Wind der Göttlichen Hilfestellung weht. Jede gute Sache, die wir im Ramadan angehen, wird – wenn Allah es will – ihre Früchte tragen.

Wer es gewohnt ist, viel Fernsehen zu schauen oder kommerzielle Musik zu hören, ist gut beraten, diese Dinge im Ramadan aufzugeben. Sie lenken uns von der Erinnerung an Allah auf jeden Fall ab. Während dieser besonderen Zeit, wenn jeder Buchstabe des Majestätischen Qur’an, den wir rezitieren, belohnt wird, sollten wir uns damit beschäftigen, anstatt mit banalem Zeitvertreib.

The following two tabs change content below.

Laila Massoudi

Neueste Artikel von Laila Massoudi (alle ansehen)

Folgt uns für News auf:
https://www.facebook.com/islamischezeitungde

und:
https://twitter.com/izmedien

Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell!

Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen