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„Begegnung auf Augenhöhe“

Der Duisburger Familienbildungsverein MINA über seine Arbeit

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Foto: MINA Muslimisches Familienbildungszentrum e.V., Facebook

(iz). Das MINA Muslimisches Familienbildungszentrum e.V. in Duisburg ist ein Verein, der von Frauen für Frauen gegründet wurde und diesen sowie ihren Kindern und Ehepartnern in verschiedenen Lebenslagen helfen und unterstützend zur Seite stehen möchte. Die engagierten muslimischen Frauen leisten mit geringen Mitteln ungemein wichtige Arbeit für die muslimische Gemeinschaft als auch für unsere Gesamtgesellschaft.

Islamische Zeitung: Was ist MINA? Wie sieht Ihre Arbeit aus und welche Ziele verfolgen Sie?

MINA: MINA Muslimisches Familienbildungszentrum e.V. ist ein von Frauen gegründeter unabhängiger und selbstbestimmter Verein, der als anerkannter Träger der Kinder- und Jugendhilfe  (religions-) pädagogische Bildungs-, Beratungs- und Begegnungsangebote insbesondere für muslimische Frauen, Kinder und deren Familienangehörige zur Verfügung stellt. Wir möchten aber auch im Sinne von Empowerment unsere Strukturen für Frauen, die, auf welche Weise auch immer, aktiv werden möchten, zur Verfügung stellen und sind jederzeit offen für die sich wandelnden Bedürfnisse.

Im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie Leben! Gibt es bei uns seit 2015 das Projekt „Radikal Nett und Engagiert“, das uns die Möglichkeit gibt, muslimische Jugendliche in ihrer Identitätsbildung als Muslime in Deutschland zu stärken, ihre Partizipationsmöglichkeiten wahrzunehmen und Vielfalt als etwas Wertvolles und zutiefst islamisches zu entdecken.

Diese Aufgabe dürfen wir in den Islamunterrichten verschiedener Kooperationspartner wahrnehmen, aber auch mit unseren eigenen Jugendgruppen, durch unsere Workshopangebote und Bildungsreisen.

Unsere Angebote sind sehr verschieden und reichen von Workshops und Seminaren zu gesellschaftsorientierten und religionsorientierten Themen wie Salafismus, Geschlechtergerechtigkeit, Sexualerziehung, Demokratiebildung, Diskriminierungsaufklärung und dem Kennenlernen diverser islamischer Rollenvorbilder bis hin zu Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung, Bildungsreisen, Retreats, Freizeitangeboten, Jugendgruppen, Qur’anunterricht und bekenntnisorientiertem islamischen Religionsunterricht für Grundschüler nach dem Lehrplan NRW.

Islamische Zeitung: Welches Feedback Sie aus der Gesellschaft, welcher Bedarf an Beratung besteht?

MINA: Wir bekommen in Bezug auf unsere Arbeit durchweg positives Feedback. Nichtmuslimische Organisationen, wie Institutionen der Kirche, aber auch Schulen und Kindergärten arbeiten gerne mit uns und freuen sich über uns als kompetente deutschsprachige Ansprechpartnerinnen. Es haben sich über die Jahre tragfeste Kooperationen mit muslimischen und nichtmuslimischen Einrichtungen gebildet. Besonders die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 hat uns reichlich in wertvollen Austausch mit nichtmuslimischen Menschen und Organisationen gebracht, sei es dass diese als Ehrenamtliche bei uns tätig wurden oder man Angebote geteilt und ausgetauscht hat, gemeinsam Fortbildungen entwickelt hat.

Es gibt einen Riesenbedarf an Beratung. 80 Prozent aller Fälle des Opferschutzes der Polizei in Duisburg sind muslimische Frauen, die Gewalt erleben. Diese Frauen brauchen meist intensive psychosoziale Beratung, Alltagsbegleitung und Anbindung an ein soziales Netzwerk, das sie nach einer Trennung auffängt. Da unsere Beratungsangebote noch nicht gefördert werden (dafür muss man ­Mitglied in einem der großen Wohlfahrtsverbände sein und der Paritätische beschließt gerade, sich womöglich weltanschaulichen, sprich: muslimischen, Vereinen gegenüber zu zieren) können wir nicht mal 5 Prozent des Bedarfes aus diesem Bereich abdecken.

Dann gibt es auch junge muslimische Ehepartner, die ihre Kommunikation, ihre Verbindung miteinander verbessern möchten. Es gibt viele Frauen und Männer, die nicht wissen, dass es erlaubt ist, sein Herz auch in Bezug auf Familie und Partnerschaft auszuschütten, wenn dies mit der richtigen Absicht und im richtigen Kontext von Beratung erfolgt.

Islamische Zeitung: Womit wenden sich die meisten Damen an Sie? Woran fehlt es am meisten, beziehungsweise wo herrscht der meiste Redebedarf?

MINA: Häufig kommen muslimische Frauen erst, wenn sie es nicht mehr ­aushalten, wenn der Druck so groß geworden ist, dass der Busch bereits brennt und für sie nur noch Trennung in Frage kommt, um die eigene körperliche ­Unversehrtheit und die der Kinder zu gewährleisten. Das ist für die meisten ­keine leichte Entscheidung, da viele ­immer noch völlig unerfahren sind in Alltagsangelegenheiten, weil der Mann sich um alles gekümmert hat. Die Scham spielt eine große Rolle. Hier ermächtigen wir und stärken die Frauen, auch ­religionspädagogisch.

Am meisten freuen wir uns natürlich, wenn wir als Eheberaterinnen und als Mediatorinnen arbeiten können und Partnern/Familien bei der eigenständigen Lösung von Konflikten helfen können und sie wieder in Verbindung bringen können. Leider fällt es vielen Männern und auch Frauen sehr schwer, über ­Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen. Hier wünschen wir uns durch Aufklärung einen Wandel.

Immer öfter kommen Mädchen und Frauen auch mit Fragen zur Sexualität, da dieses Thema noch immer mit Tabus belegt ist und bedauerlicherweise nicht ausreichend aufgeklärt wird. Die Kluft zwischen den Anforderungen an junge Mädchen, keusch zu sein und somit am besten komplett unwissend über alles, was Körperlichkeit angeht und beim ­Eintritt in die Ehe von null auf hundert tabulos und genussfähig zu sein, gestaltet sich oft problematisch., was niemanden wundern dürfte, aber dennoch gang und gäbe ist.

Islamische Zeitung: Findet sich auch unter Nichtmusliminnen Interesse am Zusammenkommen mit ­Ihrem Verein?

MINA: Wir feiern Begegnung und Dialog. Deshalb organisieren wir zahlreiche Möglichkeiten für Muslime und Nichtmuslime, miteinander in Kontakt zu kommen. Wir engagieren uns in der Initiative Café Abraham und bieten so eine Plattform für den interreligiösen Dialog. Wir werden zu Workshops an Kirchentagen eingeladen, und organisieren gemeinsam mit einer Moschee den Tag der offenen Moschee. Außerdem organisieren wir einen Stadtteilspaziergang in unserem Kiez. Schulen laden uns ein und die Teilnahme an den Arbeitskreisen und Netzwerken unserer Kommune als muslimischer Träger für Kinder- und ­Jugendhilfe ist uns selbstverständlich.  Es gab  schon immer NichtmuslimInnen, die Interesse an der Begegnung mit MuslimInnen hatten, jedoch gab es viele Ängste, Hemmungen und Unsicherheiten auf beiden Seiten. Nachdem mittlerweile die dritte und vierte Generation Deutscher mit Migrationshintergrund und muslimischem Glauben sowie die erste und zweite Generation gebürtiger Deutscher mit muslimischem Glauben in Deutschland leben und partizipieren, wird die Notwendigkeit einer Begegnung auf Augenhöhe im Alltag offensichtlicher. Somit wird unser Begegnungsangebot auf beiden Seiten stets gerne angenommen und es bereitet uns viel Freude, Teil dieser Begegnung zu sein.

Islamische Zeitung: Finden Sie in Zeiten wie diesen, in denen es mehr und mehr Diskriminierungserfahrungen von Musliminnen gibt, auch einen stärkeren Zulauf an Frauen?

MINA: Diskriminierung hat es schon immer gegeben. Jedoch ist der Anspruch der Akzeptanz größer geworden. Ein Großteil der ersten Generation Arbeitsmigranten waren so sehr mit ihrer ­Migration beschäftigt, dass die Diskriminierungserfahrungen eine sekundäre ­Rolle gespielt haben. Dies können wir ungefähr mit der aktuellen ersten Generation FluchtmigrantInnen vergleichen. Nun sind die zweite, dritte und vierte Generation ein Teil dieser Gesellschaft geworden und wollen partizipieren, kennen jedoch ihren Gestaltungsspielraum nicht oder unterliegen Restriktionen, da sie aufgrund von äußerlich sichtbarer ­Andersheit, wie dem Kopftuch und einer gesellschaftlichen Ablehnung dessen einer rassistischen Produktion von Andersheit unterliegen. Daher erfolgt mehr Dis­kriminierung. Da es nun immer mehr Anlaufstellen für muslimische Frauen gibt, werden diese natürlich auch mehr genutzt.

Islamische Zeitung: Soll ihr Zentrum reine Frauensache sein?

MINA: Uns ist es wichtig, die Bedürfnisse der Mädchen und Frauen im Fokus zu behalten, als Ausgleich zu der Schieflage, die es immer noch in Fragen der Rechte der Frauen gibt. Die Schieflage ist hierbei kein exklusives Problem der muslimischen Gemeinschaft, sondern eher ein gesamtgesellschaftliches Herrschaftsproblem, zu dem durchaus auch Frauen als Erziehende ihren Teil beitragen. Daher ist und bleibt unser Vorstand als Entscheidungsgremium konsequent weiblich und multikulturell, bis sich ­daran im Wesentlichen etwas ändert.

Allerdings gehören Söhne, Väter, Ehepartner, Onkel und Cousins zu unseren Familien und sind systemisch auch Teil unserer Angelegenheiten. Allah hat Frauen und Männer erschaffen und wir müssen schauen, inwiefern wir uns gegenseitig unterstützen können und gemeinsam an unserem Gesellschaftsbild arbeiten können. Daher ist eine Zusammenarbeit mit Männern für uns sehr erwünscht und wir haben das Glück, dass wir einige ganz außergewöhnliche Mitarbeiter haben, die uns dabei als kompetente Multipli­katoren unterstützen.

Islamische Zeitung: Im Juli riefen Sie zu Spenden für die Renovierungsarbeiten Ihrer Räumlichkeiten auf. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

MINA: Wir hoffen, dass wir Ende ­September in unsere neuen Räumlichkeiten einziehen können, das ist auch eine Frage des Geldes und so freuen wir uns über jede Spende, die uns ein ganzes Stück weiterbringt.

Wir wünschen uns ab 2019 den Aufbau weiterer Dienste: Zum einen wird es eine sozialpädagogische Familienhilfe mit besonderem Schwerpunkt auf einer religions- und kultursensiblen Haltung sein, da wir schon jetzt häufig Familien unterstützen, die aufgrund des Verlustes der Erziehungskompetenz mit dem ­Jugendamt zu tun haben, zum anderen ambulant betreutes Wohnen und Beratung für psychisch erkrankte Muslime.

Ab Januar 2019 sind auch zwei weitere Projekte in Bearbeitung. Eines zielt dabei auf die Verbundenheit und Stärkung der Gesamtgesellschaft durch Gewaltfreie Kommunikation, deren Konzept und Haltung wir als zutiefst mit dem islamischen Konzept von Rahma verbinden, und die wir als Methode in Workshops vermitteln möchten.

Ein weiteres Projekt dient der Par­tizipation migrierter Menschen und unterstützt sie darin, sich in der Gesellschaft wohl zu fühlen und gesellschaftliche ­Verantwortung zu übernehmen, ohne Authentizität oder die eigenen Werte zu verlieren.

Außerdem geht unser überaus freundliches und innovatives Nachhilfeinstitut „Das Lernlabor“ nach den Sommerferien an den Start.

Ein Traum für uns wäre auch ein eigenes Frauenhaus für muslimische Frauen und natürlich die Finanzierung unserer Beratungsstelle, die wir immer noch weitgehend ehrenamtlich betreiben.

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch.

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