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Begegnungen: “Islamismus”- auch ein Ausgrenzungsdiskurs?

Prof. Dr. Werner Schiffauer (Frankfurt/Oder) über die aktuelle Situation der Muslime in Deutschland

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Prof. Dr. Werner Schiffauer ist Professor für Vergleichende Sozial- und Kulturanthropologie. Er lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. In den vergangen Jahren hat er sich einen Namen als Experte für den türkischen Islam, türkische Migration und Muslime in Deutschland gemacht. Prof. Dr. Schiffauer war an vielen Publikationen beteiligt, insbesondere einen Namen machte sich der Kulturanthropologe durch die Studie „Gottesmänner“ und seine Aufsatzsammlung „Fremde in der Stadt“.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Professor Schiffauer, Sie forschen unter anderem auf dem Gebiet des Islam in Deutschland. Wie gestaltet sich dieser Ihrer Ansicht zwei Jahre nach dem 11. September? Prof. Dr. Werner Schiffauer: Ich erfahre widersprüchliche Tendenzen in der deutschen Gesellschaft. Auf der einen Seite gab es direkt nach dem 11. September fast überraschend ein erwachendes Interesse am Islam und durchaus die Bereitschaft, sich nicht in eine Polarisierung hineintreiben zu lassen und auch auf die Muslime in unserer Gesellschaft zuzugehen. Inzwischen habe ich den Eindruck, je weiter der 11. September zurückliegt, dass – paradoxerweise – wieder in starker Weise eine Gegenbewegung auftritt. Mich erschreckt im Augenblick die Debatte über das Kopftuch. Mich erschreckt auch, wie schnell eine Organisation wie die „Muslimische Jugend“ in Verdacht gerät. Hier reicht oft ein Zeitungsartikel, um jemanden zu diskreditieren.

Islamischen Zeitung: War es nicht auch für Sie erstaunlich, dass direkt nach dem 11. September beinahe nur die türkischen Gemeinden unter öffentlichen Druck geraten sind, obwohl Terrorismus im türkischen traditionellen Islam so gut wie unbekannt ist?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Ein Punkt ist, dass in der Bevölkerung die Gleichung vorherrscht „Muslim gleich Muslim“; vielleicht mit Ausnahme der deutschen Konvertiten. Ansonsten ist diese Prägung sehr stark und man braucht dann gar nicht mehr zu unterscheiden. Das bedeutet auch, dass Muslime regelmäßig für Ereignisse überall in der Welt verantwortlich gemacht werden und es von ihnen erwartet wird, dass sie zu Themen von den Taliban bis zur Klitorisbeschneidung Stellung beziehen. Hier wird wenig differenziert. Der zweite Grund ist, dass der Islam in Deutschland aufgrund der Geschichte der Einwanderung sehr stark mit dem türkischen Islam in Verbindung gebracht wird. Das sind sozusagen „unsere Muslime“. Deshalb bezieht sich der öffentliche Druck in einer Assoziationskette wie von selbst auf die türkischen Muslime. Ich hatte auch den Eindruck, dass der 11. September ein guter Vorwand für das Innenministerium war, das Religionsprivileg, welches ein Dorn im Auge war, da hierdurch Freiheiten ermöglicht wurden, die manchem unliebsam waren, aus dem Vereinsgesetz zu streichen.

Islamische Zeitung: Sie haben in einem Interview beklagt, dass im Umgang mit Muslimen die kontraproduktive „Holzhammermethode“ angewandt wird. Als wie wirksam sehen Sie diese im Prozess der Auseinandersetzung zwischen den hier lebenden Muslimen und der deutschen Gesellschaft? Fällt die unscharfe Begrifflichkeit des „Islamismus“ auch darunter?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Das mit dem „Islamismus“-Begriff sehe ich sehr ähnlich. Es gibt eine Gruppe, auf die man den Begriff „Islamismus“ eindeutig anwenden kann. Das sind jene, die in den achtziger und neunziger Jahren die Position vertraten, dass ein Muslim nur in einem islamischen Staat leben kann, wie dieser dann auch immer aussieht. Das ist die Linie, die mit Sayyid Qutb sehr stark in die Diskussion kam. Diese Linie ist ja im Großen und Ganzen, selbst in der arabischen Welt und im Iran, bei vielen oppositionellen islamischen Intellektuellen überwunden worden. Das ist sozusagen „Schnee von gestern“. Nun wird es aber kompliziert, weil die Unterscheidungen unscharf werden, wenn jedes Engagement, bei dem sich politische Verantwortung aus der Religion ableitet, als „Islamismus“ bezeichnet wird. Das wird deshalb problematisch, da mit dem Begriff des „Islamismus“ ein Ausgrenzungsdiskurs verbunden ist. Wenn man will, ist ein Großteil der Muslime deshalb „islamistisch“, weil sie an Ideen einer gerechten Ordnung festhalten. Ich empfinde die Unterscheidung zwischen „Islamismus“ und Muslimen als zunehmend fragwürdig, weil sie die Vorgänge des Denkens nicht einfängt und weil sie es hier auch nicht schafft, dass eine Religion eine innergesellschaftliche Verantwortung haben kann. Lediglich eine Gruppe wird dabei herausgenommen, die jene Muslime umfasst, die sagen, dass sie den Islam nur im Privatraum praktizieren wollen, die gegen die starke Stellung der islamischen Gemeinden sind und die den Islam nicht öffentlich vertreten. Diese Gruppe wird bei den Angriffen ausgenommen. Die andere Position hingegen will einen Raum für den Islam in der Zivilgesellschaft schaffen und fühlt sich einem orthodoxen Islam, der die Offenbarung ernst nimmt, verpflichtet. Diese zweite Position, die für mich als Außenstehenden genauso eine Dignität besitzt wie die erste, wird dann leicht in den Schatten des Islamismus gerückt.

Islamische Zeitung: Professor Schiffauer, der „Clash of civilizations“ hat in den letzten Jahren bei Befürwortern wie Gegnern die Runde gemacht. Ist dieses Denken noch adäquat, wo sich doch im globalen Maßstab eine Nivellierung jeglicher Kultur abzeichnet? Gibt es die berühmte „Leitkultur“ in Zeiten von Nachmittagstalkshows und ähnlichem überhaupt noch?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Auf der sachlichen Ebene gebe ich Ihnen recht. Die Idee vom „Clash of civilizations“ ist ein essentialistisches Konstrukt, welches sich keinesfalls aufrecht erhalten lässt. Das sieht man vor allem daran, dass diejenigen, die den radikalen Islamismus propagiert haben, weitgehend von westlichen Ausbildungsstrukturen geprägt wurden und den Qur’an so lesen, wie man früher Karl Marx gelesen hat. Hier gibt es einen besonderen Zugang, der sich deutlich unterscheidet von der klassischen Art einer Islamausbildung. Anders als bei der klassischen Ausbildung wurden bei dieser Herangehensweise eine perspektivische Lesart eingeführt und direkte politische Schlüsse gezogen. Es sind ja auch ganz andere Autoritäten, die dabei auftreten. In den seltensten Fällen sind es ausgebildete ‘Ulama, sondern vielmehr Ingenieure, die das Wort ergreifen und ihre Gutachten abgeben. Was wir bei diesem Phänomen sehen, ist, dass die Gruppe, die von sich aus den Gegensatz der Zivilisationen am stärksten betont, selbst am meisten durchdrungen ist von der westlichen Zivilisation, indem sie sich diese in der Struktur angeeignet hat. Allein das macht schon deutlich, dass wir hier eine Vielfalt von Überschneidungen und Überlappungen haben, so dass die Frage nach dem „Clash of civilizations“ weitgehend die Frage nach der Inszenierung eines „Clash of civilizations“ ist. Und da sehe ich nun leider die Tendenz, dass diese Inszenierung immer erfolgreicher wird.

Islamische Zeitung: Müssen wir nicht an diesem Punkt, in dem kulturelle und politische Phänomene sich untrennbar mit eigentlich religiösen Fragen mischen, eine größere Unterscheidung an den Tag legen?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Das wird deswegen langsam notwendig, weil unser Bild vom Islam in Deutschland mit einer Arbeiterreligion zusammenhängt. Ein Teil der Probleme, die der Islam im Augenblick hier hat, hängt wahrscheinlich auch soziologisch damit zusammen, dass er die Religion von Arbeitern und Einwanderern ist, so dass man – anders als beispielsweise in Frankreich – wenig Kontakt hatte und hat mit dem Hochislam in seiner kulturellen Blüte. Die deutsche Bevölkerung wurde mit einem Islam konfrontiert, der weitgehend defensiv war, zu bewahren suchte und seine Normen in einer fremden Umgebung aufrecht erhalten wollte, um sie den Kindern weiterzugeben. Dieser defensive Islam der Anfangsjahre, der in den Arbeitermoscheen seinen materiellen Ausdruck gefunden hat, prägt heute weitgehend das deutsche Bild vom Islam, sodass sich Deutsche gar nicht vorstellen können, was denn dort zu erlernen sei.

Islamische Zeitung: Ihre Deutung und Bewertung der Hinwendung bzw. Rückwendung zum Islam gerade unter jungen Muslimen (sog. „Re-Islamisierung“) unterscheidet sich von der Mainstream-Meinung. Wie sehen Sie dieses Phänomen?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Also, es gibt sozusagen eine Tendenz in der zweiten und dritten Generation, oft noch mal den Islam neu zu entdecken. In der Migrationsszene hat das zum Teil auch mit einer Suche nach Verortung in einer Gesellschaft zu tun; auch mit dem Wunsch einer Anerkennung nach Differenz. Diese Hinwendung ist beobachtbar. Ein wachsendes religiöses Bedürfnis ist zu erkennen; beispielsweise artikuliert sich dies im Ruhrgebiet in einer Hinwendung zu Sufi-Zirkeln. Ich bin mir nicht ganz sicher, in wie weit das nicht auch eine Migrationsproblematik ist bzw. mit der Einwanderung zusammenhängt, bei der man einen Ort in der Gesellschaft sucht, der sich über die Religion sehr stark formulieren lässt.

Islamische Zeitung: Herr Professor Schiffauer, in den letzten Monaten entbrannte um das eigentlich sekundäre Thema des Kopftuches eine teils hoch ideologische Diskussion. Haben wir hier ein Problem der Prioritätensetzung bei Muslimen wie Nichtmuslimen?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Ich würde sagen, die Diskussion tendiert zum Kampf um Symbole. Hier steigt die deutsche Gesellschaft so richtig ein, indem sie das Kopftuch zu einem massiven Symbol für den Islamismus erklärt und damit eine Zuschreibung macht. Dies führt wiederum zu Gegenreaktionen, so dass dann bei Muslimen das Gefühl auftritt: „Das lassen wir uns nicht verbieten, wer sind wir denn …“. All das führt dazu, dass ein Symbol zu einer zentralen Sache der politischen Auseinandersetzung wird, der es gar nicht bedarf.

Islamische Zeitung: Sie haben in einem Interview gesagt: „Ich glaube nicht an den religiösen Dialog“. Was würden Sie an dessen Stelle treten lassen?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Die Identifikation von gemeinsamen Interessenlagen. Es handelt sich um den Aufbau von Vertrauen. Man kann den Anderen in seiner Differenz bestehen lassen. Man kann auch davon ausgehen, dass ein Anderer andere Prämissen setzt, ohne ihn damit bewerten zu müssen. Man kann davon ausgehen, dass es eine breite Basis im Humanismus gibt und dass es gemeinsame Interessen gibt, gegen Gewalt vorzugehen, weil alle Religionen ein universalistisches Bekenntnis zum Frieden haben. Man kann Bündnisse herstellen, wo es um religiöse Fragen in der Gesellschaft geht. Ich würde zwar als säkularer Mensch dabei nicht immer konform gehen, aber da kann man Interesseneinheiten bilden; insbesondere in einer Gesellschaft, die vor allem säkular ist. Ich habe den Eindruck, dass die Forderung an Muslime und Christen nach Säkularisierung Unsinn ist in einer Gesellschaft, in der achtzig Prozent aller Menschen sowieso säkular eingestellt sind und man die Unterscheidung eher zwischen säkularen und gottgläubigen Menschen machen könnte. All das bedarf nicht so sehr des „Dialogs“, als vielmehr der Kenntnisnahme, dass man gemeinsame Grundlagen hat, aufgrund derer man hier gemeinsam handeln kann. Das ist dann besonders wichtig und von zentraler Bedeutung, wenn diejenigen, die religiös sind, zusammenarbeiten, damit Fremdenfeindlichkeit und gegenseitige Angriffe aufhören. Die Muslime müssen ihre jungen Leute an die Kandare nehmen, wenn diese wegen der Erregung über Israel Juden in dieser Gesellschaft angreifen. Wir müssen aber auch jene christlichen Gemeinden im Zaum halten, die aus Entrüstung über den 11. September wiederum zu fremdenfeindlichen Akten neigen. Wir müssen zu einem Klima kommen, in welchem es zu gegenseitiger Toleranz kommt. Aber ich sehe nicht, wo der „Dialog“, in dem Sinne wie er geführt wird, da weiterhilft. Ich weiß nicht, was die Frage, was Jesus für den einen oder anderen bedeutet, damit zu tun hat.

Islamische Zeitung: Sie hegten in einem Interview mit der Berliner „tageszeitung“ die Hoffnung, dass sich in Europa ein ernstzunehmender islamischer Diskurs entwickelt. Wer sollen Ihrer Ansicht nach dessen Exponenten sein?

Prof. Dr. Werner Schiffauer: Dies wäre sozusagen eine ernstzunehmende islamische Zivilisation. Was ich meinte, ist, dass es eine zweite oder dritte Generation muslimischer Einwanderer gibt, die Intellektuelle sind und sich in Europa verorten. Dazu gehören die deutschen Muslime, die von einem anderen Bildungshintergrund kommen. Hier gibt es die Chance, das Potential des Islam, die Visionen von sozialer Gerechtigkeit, von der Balance zwischen Individuum und Gesellschaft, von einem klugen Umgang mit Grenzen, in eine Diskussion mit einzubringen. Dass wäre dann erfüllt, wenn es einen wohlverstandenen Säkularismus gäbe, das heißt in etwa so, wie in der Philosophie Adorno oder Horkheimer vieles aus der jüdischen Religion formuliert haben, aber dies in einer Sprache, die keinen Bezug mehr auf die Religion nimmt, so dass sie auch für den Anderen verständlich ist. Das heißt, dass der Andere das verstehen kann, ohne zum Judentum zu konvertieren, und den Kern der Ethik in einer allgemeinverständlichen, das heißt säkularen Sprache zu formulieren, damit es zwischen uns eine Lingua franca gibt. Hier habe ich meine große Hoffnung, dass die Herausforderung eines europäischen Islam in diesem Sinne die Entwicklung einer islamischen Philosophie ist, die eine säkulare ist, wie jede Philosophie säkular ist, die aber ihre Kraft und ihre grundlegenden Einsichten aus der islamischen Ethik schöpft, und diese in einer allgemeinen Sprache wiedergibt. Es wäre mein Wunsch an die Muslime, dahin zu kommen, so dass die großen islamischen Gedanken über Einheit und Balance, über Natur und Kultur, über Individuum und Gesellschaft in einer Weise formuliert werden, dass die Gesellschaft hier davon lernen kann. Das müssen die muslimischen Bildungseliten leisten, die hier in Europa leben und sich in einem Feld artikulieren, in dem sich Christen, Juden und Säkulare befinden, und diesen verständlich machen, worum es im Islam wirklich geht; nicht zu predigen oder zu missionieren, sondern zu sagen, worum es eigentlich geht.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Professor Dr. Schiffauer, wir bedanken uns recht herzlich für dieses Gespräch.

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