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Beitrag: Die psychotherapeutischen Dimensionen des Islam. Von Christian Eigner, Graz

Eine neue Brücke

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Islam und Psychoanalyse, das geht nicht zusammen!“ – Tut es doch; vorausgesetzt, man legt etwaige Berührungsängste ab. Und lässt sich auf eine Entdeckungsfahrt ein, auf der buchstäblich das Herz in den Mittelpunkt gerückt wird.

Wie das erst unlängst in Graz passierte. Ende Mai fand dort eine Tagung statt, die „Psychotherapeutische Dimensionen des Islam“ hieß, vom „Grazer Arbeitskreis für Psychoanalyse“ in Kooperation mit dem Bildungsinstitut „Urania“ veranstaltet wurde, und neugierig die Frage stellte: Was haben moderne Psychoanalyse und Islam einander zu bieten? Bezeichnenderweise kam die Veranstaltung an kein Ende. Nach einem Abend und einem Vormittag, der sich bereits in den Nachmittag hineinzog, wurde kurzerhand abgebrochen. Aber nicht, weil sich die Anwesenden in die Haare gekommen wären, sondern weil die muslimischen und „therapeutischen“ TeilnehmerInnen einander so viel zu sagen und zu fragen hatten, dass kein Schluss abzusehen war. Und man nur vereinbaren konnte, weiterzumachen – mit Gesprächen, weiteren Tagungen und Projekten, die es rund um das Thema zu entfalten gilt.

Wie war, oder besser: wie ist das möglich? Schließlich halten sich die Gemeinsamkeiten zwischen qur’anischer Botschaft – Kein Gott außer Gott! – und Psychoanalyse – Alles ist Sex! – doch offensichtlich in Grenzen; wo und wie hatte man dann aber zueinander gefunden? Wie immer gibt es dort, wo Menschen und Kulturen einander begegnen, mehr als nur eine Brücke. Dennoch möchte ich mich hier darauf beschränken, lediglich eine dieser Brücken darzustellen; konkret die, die mir ein Anliegen und verständlicherweise am vertrautesten ist, hoffentlich aber doch eine solche Breite aufweist, dass sie auch von anderen begangen werden kann. Wobei das, was jetzt kommt, sicher kein Spaziergang wird – ein wenig Anstrengung, so will ich gleich ankündigen, wird notwendig sein. Intellektuelle Anstrengung nämlich – sind die Argumentationen, die diese Brücke bilden, doch nicht immer ganz einfach, auch wenn sie meist keine streng formalen, sondern „phänomenologische“ Argumentationen sind.

Womit wir auch schon mitten in unserem ersten Thema angekommen sind; und zwar bei der Frage, was der Qur’an als Werk höchster Sprachkunst auf der Ebene des – phänomenalen – Erlebens verschenkt, wenn man sich auf ihn einlässt: Was begegnet einem in diesem?

Natürlich: das Wort Gottes, das genau besehen aber nicht einfach nur als Wort, als Inhalt, zu einem kommt. Die Schönheit des Qur’an besteht wohl auch darin, dass man gleich zu Beginn in ein Gespräch eintaucht; konkret in ein Gespräch, das vorrangig zwischen Gott und Muhammad stattfindet. Aber eben nicht nur: Schon bald kann man nicht mehr genau sagen, ob man bloß an diesem Gespräch teilhat oder bereits selbst in dieses involviert ist; etwa wenn Gott in der zweiten Sure zu Muhammad und zugleich durch Muhammad über die Rechtleitung des Menschen spricht. Denn spätestens ab Vers 21 könnte man auch als HörerIn oder LeserIn der Adressat der Worte sein, wenn es da heißt: „O Menschheit! Betet euren Erhalter an, Der euch erschaffen hat und jene die vor euch lebten, auf dass ihr euch Seiner bewusst bleiben möget“. Damit kommt über den Qur’an aber nicht nur Gottes Wort zum Menschen. Vielmehr geht durch diese Gesprächssituation, in die man involviert wird, ein psychischer Raum auf, in den man gleichsam eintritt, um dort auf ein, oder genauer gesagt: auf zwei Gegenüber zu treffen; nämlich auf zwei Gegenüber, die – wie in psychischen Räumen üblich – irgendwie präsent und doch auch abwesend sind: Wie eine Atmosphäre begegnen uns Gott und Muhammad in diesem Raum; als Spuren, die über sich hinaus verweisen, uns so aber gerade im Erleben, in einem inneren Erfahren, berühren.

Und doch passiert in dieser Begegnung weit mehr als eine diffuse Berührung. Weil neben dem Auftreten von Atmosphärischem immer auch Gottes Wort zu uns spricht, entsteht eben durch dieses Wort Festigkeit und Dichte: Aus den atmosphärischen Gegenüber und speziell aus dem atmosphärischen Gegenüber, das auf Gott verweist und das mit Fortlaufen des Textes doch mehr und mehr den eröffneten psychischen Raum erfüllt, wird dank der Worte und dem damit bei der Hörer- oder LeserIn ausgelösten Denken eine (begriffliche) Einheit, ein Geschlossenes. Etwas „Objekthaftes“ entsteht, das aber dennoch nichts von einem dinghaften äußeren Gegenstand hat: Es ist ein „Inneres Objekt“ in einem inneren psychischen Raum, als das uns Gott in und über den Qur’an begegnet; als Objekt, das zwischen atmosphärischem Erleben und „Begriff-“ oder „Denken-Sein“ hin und her changiert. Und das bei all dem trotzdem „nur“ – psychische – Begegnungsweise, nicht Gott selbst ist: Dieser bleibt in seiner Existenz verborgen, transzendent, unerreichbar.

Was aber dem Wert dieser Begegnungsweise keinen Abbruch tut: Sie erlebt sich als Geschenk, als Gabe, die einem zufällt. Denn mit dieser Begegnung geht auch eine Erfahrung von „Fülligkeit“, von „Ganzheit“ und von „Gesättigt-Sein“ einher, die zutiefst ergreift. Genau genommen ist es, als ob man durch Gottes Spur im psychischen Raum angestoßen würde und in Bewegung kommt, woraufhin sich in einem etwas zu entfalten beginnt: Ein Stück „Berührtheit“ oder „Angenommen-Sein“ sowie ein Gefühl von „Verdichtung“ und „Integration“ kommt auf, das in weiterer Folge nicht zuletzt deshalb sukzessive stärker wird, weil man sich nicht des Eindrucks entziehen kann, dass der Qur’an mit fortlaufender Dauer genau das beschreibt, was man selber erlebt. Wenn beispielsweise in Sure 94 zu lesen ist: „Erschlossen wir Dir nicht die Brust, Und nahmen ab dir deine Last, Darunter Du gebeugt Dich hast? Und hoben Dein Gedächtnis fast?….“

so hört sich das (unabhängig von all den historischen Bedeutungen, die in dieser Passage stecken) wie eine bestätigende Wiedergabe dieses „Berührt- und Angenommen-Seins“ an. Der Qur’an, so ist man versucht zu meinen, macht „meine Bewegung mit“, respektive „ich die seine“, was sich aber wie ein Verstanden-Werden erfährt und etwas Haltendes, Aufnehmendes hat.

Anders formuliert: Man wächst gleichsam mit dem Qur’an, wodurch sich auch wiederum der besagte innere psychische Raum verdichtet. Er wird zu einem festen Haus – und mit diesem wird der über ein „inneres Objekt“ begegnende Gott zu einer immer festeren Größe, deren sich (zumindest) in der inneren Objekthaftigkeit eröffnende Ganzheit und Einheit auf einen selbst abfärbt und einen sukzessiver „runder“, „ganzer“, „satter“ macht.

Und nicht nur das: Wenn dieses innere Objekt solche Momente von Wachstum, Ganzheit und Sattheit produziert, stellt sich wie von selbst ein Stück Milde und Gelassenheit ein, die sich in einer liebevollen, ja herzlichen Hin- und Zuwendung zum anderen, zum Mitmenschen realisiert. Nicht umsonst kennt die islamische Frömmigkeit (auch jenseits des Sufismus!) das „übergehende Herz“. Und nicht umsonst spricht der Qur’an öfters von den „Gläubigen, die aus Liebe zu Gott ihre Besitztümer ausgeben für andere“, was nicht nur etwas mit Pflichten zu tun hat, sondern wiederum schon im Qur’an selbst die „Herzens-Verfasstheit“ der Hörer- oder LeserIn widerspiegelt, die sich von eben diesem Qur’an und seiner „Gottes-Begegnung“ hat ergreifen lassen.

Noch vieles ließe sich an dieser Stelle anführen. Beispielsweise dass die – wie man sie auch nennen könnte – „qur’anische Objekt-Begegnung“ neben dem Herz auch einen lebendigen, humanen Verstand hervorbringt; genauer gesagt einen forschenden Verstand, der nicht wie das Gerede der Ungläubigen vor allem mit Abstreiten oder anderen rational getarnten Emotions-“Ausstoßungen“ beschäftigt ist, sondern Wahrheiten zu erfassen und zu nutzen sucht. Doch eine genauere Ausführung dieser Momente würde den hier vorliegenden Rahmen, den eine Zeitung bietet, sprengen.

Stattdessen erscheint es an der Zeit, ­danach zu fragen, was das alles nun mit Psychotherapie, oder genauer: mit ­Psychoanalyse zu tun hat. Und das ist nicht wenig – wenn man nur erst den Blick von der klassischen Psychoanalyse im Sinne Freuds hin zu einer jüngeren wendet, in der nicht Triebe und Triebtheorien, sondern so genannte – innere – Objekte und Objekt-Beziehungen im Zentrum stehen.

Denn in dieser jüngeren Psychoanalyse geht es um das Entfalten und in weiterer Folge Pflegen von Erlebens-Momenten, die jenen durch den Qur’an produzierten nicht unähnlich sind. Wie nämlich die österreichisch-britische Psychoanalytikerin Melanie Klein und ihre Nachfolger herausgearbeitet haben, ist das beginnende menschliche Leben gerade dadurch gekennzeichnet, dass es solche Erlebens-Momente, mithin: die Erfahrung starker, stabiler innerer Objekte nicht gibt:

Zwar ist der Säugling von Anfang an auf andere bezogen, diese – die Mutter, oder etwa auch der Vater – bleiben aber nicht nur ein vorrangig körperlich-atmosphärisch begegnendes „Außerhalb“. Auch zerfallen sie gleichsam in Funktionen wie „Nähren“, „Wärmen“ oder „Abwesend-Sein“; letzteres dann, wenn sie das Kind beispielsweise gewollt oder ungewollt in seiner Bedürftigkeit allein lassen. Mit anderen Worten: Die sorgenden Erwachsenen sind noch keine ganzen Personen, sondern – mitunter äußerst bedrohliche – „Fragment-Ansammlungen“, die dennoch auch schon vom ganz kleinen Kind irgendwie als „Einheiten“ erfahren werden, keinesfalls aber für dieses „runde Ganzheiten“, das heißt ein „persönliches Gegenüber“, darstellen.

Der wichtige Entwicklungsschritt des kleinen Menschen besteht dementsprechend darin, diese „Verfasstheit“ zu verlassen und zu – äußeren – Objekten zu gelangen, die nicht mehr gespalten und bedrohlich oder „verfolgend“ sind, sondern im Gegenteil: Ganzheiten bilden; vor allem im kleinen Menschen selbst, in seinem inneren Erleben. Für diesen Schritt kann jedoch nicht das Kind aus sich heraus sorgen – das müssen andere tun; konkret etwa die Eltern, die auf eine ganz bestimmte Weise mit ihrem Nachwuchs umgehen.

Nämlich so, dass ihr Tun durch Achtsamkeit oder etwa durch die Fähigkeit gekennzeichnet ist, die Ängste und Nöte des kleinen Kindes aufnehmen zu können: Wo Eltern es zum Beispiel schaffen, den Zorn, den ein Baby nach Außen trägt, gewissermaßen in sich hinein zu lassen, ohne selbst wütend zu werden, ist bereits viel erreicht. Denn wenn sie statt eines Zornausbruchs dem Kind ein tröstliches (und emotional echtes) „Ach, das ist doch alles halb so schlimm“ „zurückgeben“, wird das Kind eine ganz wesentliche Erfahrung machen. Konkret die, dass aus reflexhaften körperlichen Impulsen abstrakte psychische (Denk-)­­Momente werden können. Was das Kind, sehr vereinfacht gesprochen, in seiner Abstraktionsfähigkeit wachsen lässt – und schließlich unter anderem dazu führt, dass aus einem „fragmentierten Außerhalb“ ein „ganzes Gegenüber“ wird. Das noch dazu nicht mehr – wie zuvor – bedrohlich ist, sondern als ­sorgend und gut erfahren wird – wenn dieses Gegenüber mitunter auch böse und ignorant sein kann. Milde und ­Zuwendung zum Anderen stellt sich ­angesichts dieser Erfahrung beim Kind ein – weshalb die so erreichte neue, reifere Verfasstheit des kleinen Menschen auch als „depressive Position“ bezeichnet wird (was aber nichts mit Depressionen, sondern mit dieser „neuen Sanftheit“ zu tun hat).

Genau besehen entsteht in dieser „Position“ ein psychischer Raum, in dem sich „objekthafte Andere“ befinden, die einerseits – weiterhin – „körperliches Erleben“, andererseits doch auch schon „Gedachtes“ sind, also so etwas wie „Schwellen-Objekte“ zwischen Spüren und Denken bilden. Nämlich Schwellen-Objekte, zu deren Aufkommen neben der Reue auch andere Liebesmomente wie Milde oder die liebevolle Zuwendung zum anderen, ergo ein Stück Herzlichkeit, gehört. Und genau weil Schwellen-Objekte solche Effekte haben (und auch hier muss wieder auf Details verzichtet werden), treiben sie auch die Entwicklung von Geist und Psyche voran; bringen neben der Liebe und dem Herzen auch den forschenden Verstand und vieles mehr hervor.

Wie sehr diese Objekt-Beziehungs-Psychologie der Entwicklungs-Dynamik des Qur’an ähnelt, muss jetzt wohl nicht weiter Punkt für Punkt dargestellt werden. Was jedoch noch nicht unbedingt offensichtlich wird, ist, was das alles therapeutisch bedeutet – und inwiefern sich damit psychotherapeutische Dimensionen des Islam auftun. Doch das lässt sich rasch erläutern, wenn man noch einmal zur jener Entwicklung von Geist und Psyche zurückkehrt, die die Genese eines Schwellen-Objekts vorantreibt.

Denn: Nur allzu oft klappt diese Entwicklung nicht. Wo Eltern eben nicht achtsam oder tröstlich sind, entstehen zwar auch innere Objekte; diese werden aber eher bedrohlich als nährend und stärkend sein. In diesem Fall ist dann die TherapeutIn oder AnalytikerIn gefordert, die dann dem Menschen dabei zu helfen versucht, zu einem nährenden oder tragenden Schwellen-Objekt zu finden: Objekt-Entwicklung und -Pflege ist dann angesagt.

Was nun aber einen großen Korridor zwischen Psychoanalyse und Islam eröffnet. Vor dem Hintergrund des eben Skizzierten wird nämlich die – oben beschriebene – Objekt-Erfahrung, die der Qur’an stiftet, als therapeutisches Moment denkbar; als Bestreben, den Menschen in die reife depressive Position zu führen. Und zwar mit Hilfe der objekthaften Spur Gottes, die genau jenes Herz hervorbringt, das erst lieben, denken, leben lässt. Was genau besehen auch nur zur gut zur qur’anischen Kritik des Polytheismus passt, der ja eine Kritik des Geredes und Projizierens nach Außen ist, in dem sich Fragmentierungs-Erfahrungen des kleinen Kindes im Erwachsenen gleich einem Echo fortpflanzen.

Trotz des Tors, das damit geöffnet ist und von dem eine ungemeine Inspira­tion ausgeht: Es erscheint sinnvoll, an dieser Stelle einmal Halt zu machen – auch wenn vieles bei Andeutungen bleibt. Denn der Weg war wahrscheinlich ­ohnedies schon lang und anstrengend genug. Und freilich gilt: Viele Details müssen auf dieser Brücke, die hier nun präsentiert wurde, erst ausgearbeitet ­werden.

Dennoch sollte das Gesagte ausreichen, um zu zeigen, welche Begegnung möglich sein sollte. Zu ihr soll deshalb, wie mit der Grazer Tagung, hiermit eingeladen werden.

Mag. Christian Eigner ist Psychoanalytiker und wendet psychodynamische Vorgehensweisen in seiner Arbeit als Coach, Teamentwickler und Berater an. Er betreibt zusammen mit Michaela Ritter das Büro für PerspektivenManagement in Graz und hat die Tagung „Psychotherapeutische Dimensionen des Islam“ initiiert.

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