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Beitrag: Nachbemerkungen über Schwächen der umstrittenen KFN-Studie zu Jugendgewalt. Von Firouz Vladi

Lässt sich Glaubenstiefe messen?

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Das Kriminologische Institut Niedersachsen e.V. (KFN) hatte eine Studie „Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrung, Integration und Medienkonsum“ vorgestellt. Sie kommt zu der irritierenden Aussage, dass die Relation zwischen Religiosität und Gewalt der friedensstiftenden Erwartungshaltung entsprechend bei jungen Christen positiv, bei jungen Muslimen negativ ausfällt; letztere glaubensbedingt zu Gewalt und Selbstausgrenzung aus der Gesellschaft neigten. Im Langtext werden die Ergebnisse selbstkritisch reflektiert und es wird weiterer Klärungsbedarf angemeldet. Dazu wurden sieben Fragen an muslimische Repräsentanten formuliert, vier weitere an die Kirchen.

Der muslimische Landesverband Schura Niedersachsen hatte zu einer Podiumsdiskussion geladen. Deren Beiträge zeigten, dass die Umfragemethoden nicht geeignet waren, im Islam das Verhältnis von Individuum und Glauben zu beschreiben und die Geschlechtsneutralität zu wahren.

Im Hinblick auf die mediale Wirkung zu Lasten der Muslime in Deutschland, ihrer Moscheen und Imame wurde bedauert, dass Wissenschaftler aus Reihen der Betroffenen nicht in die Planung eingebunden waren, was der Dialog mit den befragten Schülern nicht ersetzen konnte.

Vorbemerkungen
Gewalterfahrung, Vandalismus und Gefährdung durch Computerspiele, Fernsehprogramme und Videos sowie durch Sucht sind alltägliche Erscheinungen und spielen sich vor Grundkonstanten der deutschen Rechts- und Werteordnung ab. Ziel der Studie sind nicht Vorwürfe an bestimmte Migrantengruppen, vielmehr geht es um Strategien der Heilung. Dazu ist auch die Kriminalwissenschaft gefordert. Muslime in Deutschland stehen als Leidende und manchmal auch als Leid erzeugende keineswegs am Rande dieser Entwicklung. Die sich langsam entwickelnde muslimisch-akademische Elite kann und muss bei Forschungen der vorliegenden Art beteiligt sein.

Bildung wirkt präventiv
Mit Freude ist zu lesen (S. 322), in Hannover „hat sich zwischen 1998 und 2006 die Quote der jungen Türken, die den Realschulabschluss oder das Abitur anstreben, von 52,0 auf 67,5 Prozent erhöht… Parallel zu dieser verbesserten schulischen Integration ging ihre Mehrfachtäterquote von 15,3 auf 7,2 Prozent zurück.“ Diese Tendenz gilt generell für den norddeutschen Raum.

Wie schade, dass die Medien solche Ergebnisse, die doch geeignet sind, der hiesigen Bildungslandschaft Zuversicht zu geben, nicht aufgreifen! Man hätte also – neben anderen erfreulichen Feststellungen -, eine für junge Muslime positiv konnotierte, aber wohl weniger medienwirksame Zusammenfassung schreiben können. Die Fragen betreffen eine qu’ranische (Gewalt-)Legitimierung männlicher Dominanz in Moschee, Gesellschaft und Familie, die Rolle von Imamen, das Verhältnis zum Wertekonzept des Grundgesetzes, Bande mit nichtmuslimischen Deutschen sowie Nächstenliebe versus Gewalt. Die Antwort auf die Fragen an die Kirchen steht noch aus. Die Diskus­sionsergebnisse werden im Folgenden zu Positionen zusammengefasst.

Gleichstellung von Mann und Frau
1.400 Jahre nachprophetisch-patri­archale Tradition haben Muslimen in Europa den Blick für andere Verständnisse des Gotteswortes und des prophetischen Vorbildes belastet. Auf die aktuelle innerislamische Diskussion wird verwiesen, die eine erfreuliche Entwicklung im Dominanzabbau verspricht. Die im Grundgesetz verankerte Gleich­stellung von Mann und Frau ist eine Botschaft, die wir mit dem hier zu lebenden Islam für vereinbar erachten. Gern würden wir es erleben, dass muslimische Frauen nicht diskriminiert werden wegen ihrer Kleidung und dass Frauen für gleiche Leistung gleichen Lohn erhalten (und nicht 23 Prozent weniger)!

Innerfamiliäre Gewalt
Die Schura Niedersachsen bekräftigt die Abschaffung des Züchtigungsrechts und die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe als unverbrüchliche Bestandteile der Menschenrechte und als Ausdruck der Achtung der Würde der Kinder und Ehepartner.

Imamausbildung
Zur Notwendigkeit inländischer Imam­ausbildung sei auf die aktuelle Debatte zur Einrichtung von Studiengängen, etwa an der Universität Osnabrück, verwiesen, welche die Schura Niedersachsen unterstützt. Es geht uns darum, ein Verständnis aus Qur’an und Sunna zu gewinnen, das eine Einbettung authentischen muslimischen Lebens in der deutschen Gesellschaft ermöglicht. Dies muss das Ergebnis moderner, aber eigener muslimischer Forschung in Europa sein. Wie in frühen Entwicklungsphasen der Islam die Errungenschaften der Völker konstruktiv aufnahm, so wird es für die Muslime hilfreich sein, die positiven Errungenschaften des deutschen Rechts- oder Sozialstaats aufzugreifen.

Gebet und Moschee
Die Messbarkeit von Glaubenstiefe scheitert am Gebet in der Moschee. Das Freitagsgebet in der Moschee ist für Männer Pflicht, Frauen beten meist zu Hause. Studien, die Gläubigkeit mit Moscheebesuchen messen, müssen dies beachten! Dazu gehört auch eine behauptete Unterversorgung mit Moscheeräumlichkeiten für Frauen. Aus überwiegend männlichen Arbeits­migranten wird eine Gesellschaft mit breit aufgestelltem Familienleben. Dem folgt die Entwicklung der Moschee­gebäude von hinterhöfigen Einraummoscheen hin zu solchen, die ihrem umfang­reichen rituellen, sozialen und Bildungs­anforderungskatalog für je beide Geschlechter auch architektonisch ­gerecht werden. Dies muss finanziert und gegen Anwohnerwiderstände durchgesetzt ­werden.

Interkulturelle Kontakte
Ein junger Mensch – fast alle sind hier geboren – will von seinem Umfeld anerkannt werden. Die Versagung dessen führt zum Rückzug in die vertraute Gruppe. Eher einäugig thematisiert dabei die Studie interkulturelle Kontakte mit der Vermutung, Moschee und Elternhaus rieten jungen Muslimen von Freundschaften zu nichtmuslimischen Deutschen ab.

Türkische oder arabische Jugendliche erfahren weit häufiger Ablehnung von deutschen Altersgenossen; dies kommt in der KFN-Studie (S. 64) dennoch mit Hinweis auf die Ursache disparater Freundeskreise (S. 56). zum Ausdruck: Mit der Schulform wird der Kreis der Freunde maßgeblich festgelegt; je höher beschult, desto höher ist der Anteil an deutschen Freunden. Religionsrelevante Kriterien liegen hier gerade nicht vor!

Alkohol
Eine Mitwirkung in Gruppen mit ubiquitärem Alkoholkonsum verbietet sich gläubigen Muslimen. Wir raten zur Partizipation bei Feuerwehr oder THW. Nach der Löschübung gibt es Bier, gegrillte Thüringer oder „Feuerwehrmarmelade“; wie sollen junge Muslime im ländlichen Niedersachsen hier motiviert werden? Gerade hier stellt die Studie fest (S. 166): „Starke Zusammenhänge mit verschiedenen delinquenten Verhaltens­weisen weisen das Besuchen von Partys sowie das abendliche Ausgehen auf. ­Jugendliche, die sich für öffentliche ­Angelegenheiten einsetzen, weisen demgegenüber ein signifikant niedrigeres ­Delinquenzniveau auf.“ Wir bedauern, dass die islamische Ächtung von Alkohol nicht herausgearbeitet wird. Vielmehr geht dies im Sammelbegriff der „Migranten“ unter.

Mit der Feststellung auf S. 322 („Der Alkohol- und Drogenkonsum fällt bei jungen Muslimen zwar schwächer aus als bei anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder den deutschen Jugendlichen, dafür sind sie aber von anderen Belastungsfaktoren besonders stark betroffen“) wird der religions­gebundene Verzicht auf Rausch nicht positiv für den Islam generalisiert, ­sondern syntaktisch sofort relativiert. Dies scheint eine bedauerliche Haltung der Autoren aufzuzeigen. Leider ist die deutsche Politik noch nicht fähig, den Zugang zu Alkohol einzuschränken. Wäre hier nicht eine Herausforderung für das KFN?

„Nächstenliebe“ versus „Gewaltorientierung“
Nächstenliebe findet sich im Islam als zentrales Gebot im unauflöslichen qur’anischen Dualismus „As-Salat wa Az-Zakat“: Hinwendung zum Schöpfer im Gebet und Hinwendung zum Mitmenschen im sozialen Ausgleich. Der Kern deutscher Sozialgesetzgebung, auch als Ausfluss katholischer Soziallehre, ist im Islam von Anfang an als Glaubens- und Rechtssatz angelegt.

Das häufigste Gottesepitheton im Qur’an ist „Ar-Rahman“, meist unzu­länglich mit „barmherzig“ übersetzt. Das Wort knüpft im arabischen physiologischen Begriff des Mutterschoßes an die Mutterliebe an, jene, die dem aus ihr gezeugten Kind unmittelbar, immer und ohne jede Bedingung, ja bis zur Selbstaufopferung der Mutter gilt. Diese bedingungslose Liebe Gottes zu Seinen Geschöpfen spiegelt sich in der Liebe des Gläubigen zum Schöpfer und Seinem Werk wieder. Ein Vergleich von „Gewalt“ führt in keine Richtung weiter! Nach Maßstäben der Vernunft und abzuleiten aus der gemeinsamen Ethik von Christentum und Islam ist zu erforschen, welche Wege aus der Gewalt herausführen; auch aus medial vermittelten Gewaltspielen, die das KFN zu Recht vehement kritisiert! Nicht bei der Schwäche des Menschen im Medienkonsum, in der Medienproduktion muss angesetzt werden! Oder geht die Freiheit des Produzenten im Verfassungsrang dem Schutze der Jugend voraus?

Schlussbemerkung
Muslimische Schulkinder erfahren Diskriminierungen oft von Mitschülern und Lehrkörper. Hier erhält die Schura Niedersachsen häufig Nachricht, oft hinter vorgehaltener Hand aus Angst vor Repressalien. Schura liegen keine Studien zu diesem virulenten Thema vor. Eine Kooperation mit dem KFN zu einer gemeinsamen Untersuchung soll, auch im Sinne der Integrationsförderung, verabredet werden.

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