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Berlin: Erster Europäischer Jungunternehmer-Kongress von Young MÜSIAD. Von Yasin Alder

Mehr Förderung und bessere Vernetzung gefragt

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(iz) Organisiert von Young MÜSIAD, der Jugendorganisation des großen türkisch-muslimischen Unternehmerverbandes MÜSIAD, fand Anfang November in Berlin der „1. Europäische Jungunternehmer-Kongress“ statt. Young MÜSIAD wurde 2006 als Unterorganisation von MÜSIAD für Jungunternehmer, Existenzgründer, Studenten und Akademiker gegründet. In seinem Grußwort betonte Cihan Mutlu Aktürk, Vorsitzender von Young MÜSIAD Deutschland, die Grundüberzeugung eines ethischen und gerechten Handels, für die MÜSIAD stehe, und in der man sich gerade angesichts der durch Profitgier verursachten gegenwärtigen Wirtschaftskrise bestätigt sehe. Young MÜSIAD wolle gerade junge Menschen mit Migrationshintergrund systematisch fördern, sodass diese ihre Plätze in der deutschen Wirtschaft, die ihnen zustünden, einnehmen könnten. Angesichts eines bestehenden Trends der Abwanderung junger Akademiker und Unternehmer mit Migrationshintergrund ins Ausland sei dies besonders dringend notwendig.

Der langjährige Vorstandsvorsitzende von MÜSIAD Deutschland, Ali Uzun, wies darauf hin, dass rund ein Drittel der Türkischstämmigen in Deutschland unter 18 Jahren alt seien und es sich dabei um eine ebenso junge wie dynamische Bevölkerung handele, die auch künftig einen Trumpf für die deutsche Wirtschaft darstelle. Allerdings müssten die Jungunternehmer mit Migrationshintergrund auch politisch gefördert werden. Gerade kleine Unternehmen und Existenzgründungen müssten besser unterstützt werden. Dazu gehöre auch eine bessere Bildungs- und Ausbildungspolitik sowie Sprachförderung. „Der Geist der Innovationen und Investitionen sollte spürbar sein“, so Ali Uzun. Hinsichtlich der Außenhandelsbeziehungen gebe es oft Probleme mit der erschwerten Ausstellung von Visas, die oft auch nur für drei Tage gewährt würden. Ausländische Unternehmer würden zudem an Flughäfen und seitens des Zolls oft unfreundlich bis unwürdig behandelt, bestätigten auch andere Teilnehmer. Dies müsse sich ebenfalls dringend ändern. Laut einer Prognose, so Ali Uzun, solle es im Jahr 2010 bereits etwa 100.000 türkisch-deutsche Unternehmer mit etwa 600.000 Beschäftigten geben. Uzun sagte, dass eine Gesellschaft nicht ohne ethische Grundsätze vorankommen könne. „Der Konsum kann nur ein Mittel zum Zweck sein, der materielle Wohlstand sollte eigentlich für die gesamte Weltbevölkerung ausreichend sein. Es kommt aber auf die Verteilung an.“

Der türkische Generalkonsul Mustafa Pulat sagte in seinem Grußwort, es gebe einen eindeutigen Aufwärtstrend bei den ökonomischen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland, mit einem Volumen von 22 Milliarden Euro in 2008. Deutschland sei mit einem Volumen von 881 Millionen der größte ausländische Investor in der Türkei. Insbesondere Ökologie und neue Energien, daneben Lebensmittel und Pharmazie sind die Bereiche, in denen die Investitionen deutscher Unternehmen besonders anstiegen.

Volker Thiel, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, sagte, Jungunternehmer mit Migrationshintergrund wie die bei MÜSIAD engagierten seien Vorbilder für ihre Community. Das Zusammenleben von Menschen aus über 180 Nationen sei ein klarer Standortvorteil Berlins. Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), lobte die Rolle der türkischstämmigen Migranten in Deutschland mit den Worten: „Was würden wir in Deutschland ohne die Türken machen?“ Die ökonomischen Beziehungen zwischen Deutschland und er Türkei boomten. Es gebe bereits mehr als 3.300 deutsche Unternehmen, die in der Türkei registriert seien. „Die Türkei prosperiert ohne Ende, auch hier in Deutschland“, so Ohoven weiter. Die türkischen Unternehmer seien vor allem im Beziehungsmanagement gut, während 80 Prozent der Deutschen dies nicht beherrschten. „80 Prozent aller Entscheidungen auf der Welt werden emotional getroffen, nicht rational.“ Mario Ohoven gab zu bedenken, dass solche Eigenschaften gerade angesichts der aktuellen Krise wichtig seien. Die gegenwärtige Finanzkrise werde erst noch zu einer realen Wirtschaftskrise werden, der wiederum eine soziale Krise folgen werde.

Ein weiterer Hauptredner des Kongresses war der türkische Unternehmer Erol Yarar, Gründer von MÜSIAD und derzeitiger Vorsitzender des IBF (International Business Forum), eines internationalen muslimisch geprägten Unternehmerverbandes. Er kritisierte, dass Europa „die Seele des Unternehmertums“ verliere, trotz allen Knowhows und Wissens, weil die Unternehmer nicht mehr unterstützt würden. Daher werde sich die ökonomische Dynamik noch weiter nach Asien verlagern. In Europa herrsche zu sehr die Einstellung, man solle auf den eingefahrenen Schienen des Systems fahren, aber sie nicht verlassen, während man beispielsweise in den USA sage: „Lege deine Schienen selbst, schaffe dein System“. Unternehmer werde man nicht allein durch ein Diplom oder eine Ausbildung, sondern es sei zuallererst ein Geist. Die Eltern hätten einen großen Einfluss darauf, dass ihre Kinder einen unternehmerischen Geist entwickelten. Yarar kritisierte auch die Banken, die kleinen Unternehmen kaum noch Kredite gäben, und hob Mikrokredite als ein gutes Mittel hervor. Er erwähnte besonders das islamische Modell, das ohne verzinste Kredite auskommt, sondern stattdessen Joint-Ventures fördere. „Silicon Valley hat beispielsweise dieses Modell übernommen – niemand musste Schulden machen, sondern man fand Geschäftspartner“, so Erol Yarar.

In einer anschließenden Podiumsdiskussion sagte Volker Thiel (FDP), die türkischen Unternehmen sollten vermehrt Ausbildungsplätze auch für Nichttürken anbieten, das wäre positiv für die Integration. Auch sollten Migranten verstärkt in die etablierten Parteien gehen, um dadurch ihre Interessen durchzusetzen. Zu MÜSIAD-Veranstaltungen sollten vermehrt auch deutsche Unternehmer eingeladen werden. Vereinfachungen bei der Visa-Vergabe seien in der Tat dringend notwendig, gerade wenn sie diskriminierend seien. „Toleranz ist eine Grundlage für Wirtschaft, leider haben wir in Deutschland zu viel latente Fremdenfeindlichkeit“, bedauerte Thiel.

Barbara Bonrath-Kaster vom BVMW empfahl, dass Unternehmen mit Migrationshintergrund das bewährte „Duale System“ aus schulischer und betrieblicher Ausbildung bei der Handwerksausbildung stärker nutzen sollten. David Weißert, Referatsleiter im Berliner Wirtschaftssenat, bemerkte, dass heute 30 Prozent der neuen Unternehmen in Berlin von Einwanderern gegründet würden. Erfolg verändere das Verhalten und ändere negative Bilder und Blockaden in den Köpfen. MÜSIAD empfahl er, sich mehr in die Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern einzubringen und sich mehr mit nichttürkischen Unternehmern zu vernetzen. Sedat Okutan von MÜSIAD Hessen bedauerte, dass junge Akademiker Deutschland verließen, weil sie bei der Arbeitssuche diskriminiert würden. Partnerschaften zwischen türkischen und deutschen Unternehmen, für die er einige Beispiele aus dem Raum Frankfurt nannte, seien ein weiteres effektives Mittel, um voranzukommen. „Im Miteinander liegt die Zukunft“, so Okutan. MÜSIAD Hessen arbeite auch bereits mit der IHK bei der Beratung und Qualifizierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammen. Im Rahmen des Kongresses wurde von den Teilnehmern eine Deklaration verabschiedet und am Folgetag der Presse vorgestellt.

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