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Berlin im europäischen Vergleich: Studie über Muslime im Stadtteil Kreuzberg vorgestellt. Von Tasnim El-Naggar

Licht und Schatten

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(iZ) Zum Abschluss der Studie „Muslime in Berlin“ wurden vor einigen Wochen im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Ergebnisse der Studie vorgestellt und durch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Muslim ungleich Deutsch?“ abgerundet. Zunächst stellte die britische Projektleiterin Nazia Hussain das Gesamtprojekt vor, das elf Städte in der EU mit signifikantem muslimischen Bevölkerungsanteil untersucht hat. Die Beteiligten führten Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Bewohnern, in denen sie nach Wohlbefinden im Alltag, religiösem und kulturellem Identitätsbewusstsein, aber auch Diskriminierungserfahrungen und Herausforderungen fragten und daraus schließlich Schlüsse und Empfehlungen für politische und zivilgesellschaftliche Akteure ableiteten.

In Berlin wurden Feldstudien in Kreuzberg durchgeführt, da dort viele Muslime, überwiegend türkischer Abstammung – 35.000 von 147.000 Einwohnern – aber auch Nichtmuslime leben. Die Befragten brachten gemischte Gefühle zum Ausdruck. Sie fühlen sich in Kreuzberg sehr wohl, haben aber oft auch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht, vor allem in der Schule oder im Berufsleben.

Nina Mühe, die für den Berliner Teil der Studie hauptverantwortlich war, führte die Aussagen Hussains weiter. Sie betonte, dass sich Kreuzberger Muslime auf Grund des Zusammenhalts, des Vertrauens und der offenen Atmosphäre wohlfühlten. Jedoch sähen sich vor allem Kopftuch tragende Frauen oft – vor allem in Schule und Beruf – diskriminiert. Etwa, wenn sie von Lehrern mit negativen Stereotypen und sehr niedrigen Erwartungen konfrontiert würden. Für Berliner ohne deutsche oder eine EU-Nationalität ist politische Teilhabe schwer möglich, weil sie auch lokal kein Wahlrecht besitzen. Unter jungen Kreuzbergern mit Migrationsgeschichte und deutscher Staatsbürgerschaft und gerade bei jungen Musliminnen ist aber ein zunehmendes politisches und zivilgesellschaftliches Engagement zu beobachten.

Eine der Empfehlungen lautete, Kampagnen ins Leben zu rufen, die Vielfalt als positiven Faktor deutscher Identität betonen. Gegen religiöse Diskriminierung solle demnach durch verstärkte Investitionen in Schulen und die Einrichtung einer Anti-Diskriminierungsstelle mit Schwerpunkt auf religiöser Diskriminierung vorgegangen werden. Zudem wurde die genauere Untersuchung der Auswirkungen des Berliner Neutralitätsgesetzes auf eine eventuelle stärkere Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch empfohlen.

Nach dieser Vorstellung folgte eine Diskussion mit dem Ethnologen Prof. Werner Schiffauer, Arzu Degirmenci vom Verein für Interkulturelle Kommunikation und Bildung, der Publizistin Hatice Akyün und dem Politiker und Publizisten Ayman Mazyek. Vor allem Akyün, die in ihren Büchern mitten aus ihrem Leben als Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund erzählt, betonte die Vorbildfunktion, die erfolgreiche Migranten für andere hätten.

Akyün berichtete von ihrer Kindheit, in der sie erst als Arbeiterkind, dann als Türkin und schließlich als Muslimin galt – je nach Entwicklung der Debatte. „Ich ­hatte eine Hauptschulempfehlung und bin trotzdem Akademikerin geworden“, lautet ihr Appell an alle Schüler und Schülerinnen mit ­Migrations­hinter­grund, es auch zu versuchen.

Mazyek stimmte zu, zeigte sich aber bei Integrationsfragen weniger optimistisch: „Wir brauchen mehr als 50 Jahre, bis wir mit unseren ausländischen Namen nicht mehr auffallen.“ Schiffauer bejahte dies, als er von einem „tief verankerten Misstrauensdiskurs“ sprach. Er beobachtet das Phänomen einer „Muslimisierung der Migrationsfragen“, die sich gerade nach dem 11. September zugespitzt habe.

Fast alle Redner machten die Erfahrung, dass sie seither immer als „Moslems“ und weniger als Deutsche gelten – egal, ob sie religiös seien oder nicht. Ayman Mazyek gab dem nur bedingt recht mit dem Einwand, wonach Identitätsfindung auch durch Abgrenzung, aber vor allem doch positive Selbstdefinition und Inklusion in eine offene Gesellschaft stattfinden sollte. Schiffauer sah Anknüpfungspunkte zur Studie, da in Kreuzberg die inklusive Vielfalt stark geschätzt und auch gelebt werde.

Der Einwand aus dem Publikum, wonach Neukölln oder andere „Problembezirke“ aus der Untersuchung ausschieden, ist durchaus berechtigt, hätte den Rahmen aber wohl gesprengt.

So haben die vorgestellte Studie, die Empfehlungen an die Politik und die positiven Erfahrungen der Podiumsdiskutanten durchaus Anlass zur Hoffnung gegeben. Um das zu realisieren, müssen jedoch sowohl Muslime als auch Nichtmuslime konkrete und adäquate Maßnahmen ergreifen.

Mehr Informationen unter:
www.britishcouncil.de

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