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Berlin: Modenschau mit Podiumsdiskussion widmete sich der muslimischen Frauenbekleidung. Von Erzsebet Nour Roth

„Setzen Sie Ihr Kopftuch ab, wir sind hier in Deutschland!“

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(iz). Vor wenigen Tagen kamen in Berlin Lamya Kaddor, Buchautorin von „muslimisch, weiblich, deutsch“, Sineb El Masrar, Autorin und Verlegerin des interkulturellen Magazins “Gazelle”, Nele Abdallah, Inhaberin des Online Geschäftes für bedeckende und funktionale Sport‐ und Schwimmbekleidung und die etwas später dazu kommene Susanne Queck, Inhaberin des Online Modehauses für moderne bedeckende Mode „Imzadi Couture“ im Haus der Friedrich- Ebert- Stiftung zusammen, um im Rahmen einer Modenschau zum Thema „Klischeebilder über muslimische Frauen“ zu diskutieren.

Bevor die Veranstaltung mit dem ersten Abschnitt der Modenschau und der Vorstellung der einzelnen Teilnehmerinnen begann, machte ich mich auf den Weg durch die Reihen der Zuschauer, um eine Schwester zu begrüßen. Dabei ging ich an einer Frau vorbei, die mir zurief: „Setzen Sie doch ihr Kopftuch ab, wir sind hier schließlich in Deutschland“. Ich erwiderte mit einem Lächeln im Gesicht, dass Sie dann hier wohl falsch wäre. Sie fuhr mit ihrem Ausfall fort mit der Bemerkung, dass die Konvertiten die Schlimmsten unter den Kopftuch tragenden Frauen wären, sie habe ja schließlich „alle“ Bücher gelesen. Nach dieser Konfrontation nahm ich wieder meinen Platz ein und lauschte der Moderatorin, Özlem Topcu, Redakteurin der „Zeit“, die die Gäste des Abends begrüßte und zum ersten Abschnitt der Modenschau einleitete.

Ein Dutzend Frauen, in unglaublich hochhackigen Schuhen und auffällig geschminkten Gesichtern, präsentierten unter anderem modische, farbauffällige und wirklich ansprechende Abayas und pakistanische Zweiteiler mit allen Varianten der Kopftuchbindung. Es wirkte fremd und anziehend zugleich. Einige Kleider warfen Zweifel auf, ob sie wirklich in der Öffentlichkeit getragen werden können. Ein blauer Hosenanzug etwa, der eher für zu Hause passabel wäre, oder ein Kleid, das im hellen Licht nur so funkelte. Die auffällige Präsentation der Models unterstützte das zweifelnde Bild. Das vorrangig deutsche Publikum reagierte mit verhaltenem Beifall; die Moderatorin leitete dann die Diskussion des Abends mit den einzelnen Statements der Teilnehmerinnen ein.

Nele Abdallah trug als einzige auf der Bühne ein Kopftuch. Lamya Kaddor, im geschlossenen Pullover, Rock und schwarzer Strumpfhose mit modisch grau lackierten Fingernägeln, bekräftigte ihren Standpunkt, dass das Kopftuch in der heutigen Zeit überflüssig sei. So interpretiere sie die Texte für die heutige Zeit, eine „zeitgemäße Interpretation“. Sie wies jedoch darauf hin, dass das ihre persönliche Meinung sei und jede Frau selbst entscheiden kann, ob sie ein Kopftuch tragen möchte oder nicht. Nele Abdallah schloß sich ihrer Vorrednerin an und erzählte von ihrer Konversion zum Islam und welche Probleme in der Gesellschaft dadurch für sie entstanden. Sineb El Masrar, in einem modisch geschnittenem Oberteil mit einer bedingt durchsichtigen Strumpfhose und dunklen Stiefeln, bekräftigte unter anderem den Aspekt, dass in der Gesellschaft die Wahrnehmung einer modernen Muslima gestört sei. Es gebe zwei Aspekte, die für die Gesellschaft noch schwer zu verbinden seien, nämlich dass nach dieser Wahrnehmung eine Muslima nicht verschleiert und gleichzeitig modern sein könne.

Bevor der nächste Abschnitt der Modenschau begann, erläuterte Frau Lamya Kaddor ihre Sicht eines „islamischen Feminismus“, der dem europäischen Feminismus in fast nichts nachstehe. Das „Islamische“ sei die Berufung auf die islamischen Schriften und Belege für die Rechte und Rolle der Frau im Islam, die sich sehr wohl in diesem Rahmen emanzipieren könne. In der zweiten Diskussionsrunde wurde die Thematisierung des Kopftuches, des Tragens oder Nicht- Tragens und seine Bedeutung für Konvertiten oder für junge Schülerinnen, vertieft. Die „theologische“ Begründung des Kopftuches, welche laut Frau Kaddor patriachalisch geprägt sei, nahm in der Thematik, ob junge muslimische Frauen überhaupt wissen, warum sie es tragen, zunehmend eine Bedeutung ein. Sineb El Masrar betonte den Prozess der momentanen muslimischen Jugend und deren „Wegentwicklung“ von der ersten Generation, zu einem zunehmend selbstbestimmten Leben.

Susanne Queck betrat nun die Bühne und ergänzte das Bild durch ihre persönliche Erfahrung mit dem Kopftuch, dass sie jedoch nur zum 'Id oder zum Besuch in der Moschee trägt. Nachdem die muslimische Bademode, von Nele Abdallah entworfen, präsentiert wurde, konnte das Publikum Fragen stellen. Eine Frau meldete sich zu Wort, die nach 30 Jahren ihr Kopftuch abgelegt hatte, mit einer Begründung, die Frau Kaddors Einstellung ähnelte – dass es einen Offenbarungsanlass gegeben habe, im Zusammenhang mit einem Mann, der von einer nicht verschleierten Frau abgelenkt wurde und sich verletzte. Dieser Anlass sei in der heutigen Zeit nicht mehr gegeben.

Die Stimmung an diesem Abend war nicht wirklich positiv. Die Position der jungen, gebildeten muslimischen Frau, die sehr wohl ohne „patriarchiale Interpretation“ der entsprechenden Qur´anverse sie im Kontext vom Herabsendungsanlass, der Feststellung der Bedeutungen und Ausdrücke, dem Absoluten und Eingeschränkten, dem Mehrdeutigen und Eindeutigen und der komplexen arabischen Sprache und Grammatik zu dem Schluss kommt, dass das Kopftuch ein Gebot Allahs ist, fand leider keine Stimme. Die Modenschau und ihr Zweck, das Kopftuch und die islamische Kleidung sichtbar als das zu machen, was es schon längst ist, nämlich ein Teil der modernen Gesellschaft, ist an diesem Abend leider gescheitert. Schade.

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