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Berlin: Studie über Muslime in der Hauptstadt vorgestellt. Von Tasnim El-Naggar

Licht und Schatten

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(iz) Zum Abschluss der Studie „Muslime in Berlin“, die Teil des Projekts „At Home in Europe – Muslims in EU Cities“ ist, initiiert vom Open Society Institute (OSI) und der Soros Stiftung, wurde am 27.04.2010 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin das Projekt sowie die Ergebnisse der Studie vorgestellt und durch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Muslim ungleich Deutsch?“ abgerundet.

Zunächst hieß die Projektleiterin Nazia Hussain aus Großbritannien alle Gäste willkommen und stellte das Gesamtprojekt kurz vor, das elf verschiedene Städte in der EU mit signifikantem muslimischen Bevölkerungsanteil untersucht hat. Die Beteiligten der Studie führten in den einzelnen Städten oder Stadtteilen jeweils Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Bewohnern durch, in denen sie nach deren Wohlbefinden im Alltag, religiösem und kulturellem Identitätsbewusstsein, aber auch Diskriminierungserfahrungen und Herausforderungen fragten und daraus schließlich Schlüsse und Empfehlungen für politische und zivilgesellschaftliche Akteure ableiteten.

In Berlin – einer Stadt, die integrationspolitisch von den meisten Städten Deutschlands zum Positiven hin abweicht – wurden Feldstudien in Kreuzberg durchgeführt, da dort zahlreiche Muslime hauptsächlich türkischer Abstammung – 35.000 von insgesamt 147.000 Einwohnern – aber auch viele Nichtmuslime leben. Die Befragten brachten gemischte Gefühle zum Ausdruck. Sie fühlen sich in Kreuzberg sehr wohl, haben aber oft auch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht, vor allem in der Schule oder im Berufsleben.

Nina Mühe, die für den Berliner Teil der Studie hauptverantwortlich ist, führte die Aussagen Nazia Hussains anschließend weiter. Sie betonte, dass sich die Muslime in Kreuzberg auf Grund des nachbarschaftlichen Zusammenhalts, des gegenseitigen Vertrauens und der für Vielfalt offenen Atmosphäre insgesamt wohl fühlen. Jedoch fühlen sich vor allem Kopftuch tragende Frauen des Öfteren, vor allem in Schule und Beruf, diskriminiert, etwa wenn sie von Lehrern mit negativen Stereotypen und sehr niedrigen Erwartungen an sie konfrontiert werden. Für Mitbürger ohne deutsche oder eine andere EU-Staatsbürgerschaft – diese ist nach wie vor nicht einfach zu erlangen – ist die politische Teilhabe nur schwer möglich, weil sie auch auf lokaler Ebene kein Wahlrecht besitzen. In der jungen Generation der Bewohner Kreuzbergs mit Migrationsgeschichte und deutscher Staatsbürgerschaft und vor allem unter jungen muslimischen Frauen, ist aber ein zunehmendes politisches, soziales und bürgerschaftliches Engagement beobachtbar.

Eine der Empfehlungen der Studie an die Politik lautet, vermehrt Kampagnen ins Leben zu rufen, welche die Vielfalt als positiven Faktor deutscher Identität betonen. Gegen religiöse Diskriminierung soll demnach durch verstärkte Investitionen in Schulen, die Einrichtung einer Anti-Diskriminierungsstelle mit Schwerpunkt auf Diskriminierung auf Grund der Religionszugehörigkeit vorgegangen werden. Zudem wurde die genauere wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen des Neutralitätsgesetzes in Berlin auf die zunehmende Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch empfohlen.

Auf die Vorstellung der Studie folgte eine von der Journalistin Minou Amir-Sehhi moderierte Podiumsdiskussion mit dem Ethnologen Prof. Werner Schiffauer, Arzu Degirmenci vom Verein für Interkulturelle Kommunikation und Bildung, der Journalistin und Autorin Hatice Akyün und dem Politiker und Publizisten Ayman Mazyek. Vor allem Hatice Akyün, die in ihren Büchern „Hans mit scharfer Soße“ und „Und Ali zum Dessert“ mitten aus ihrem Leben als Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund erzählt, betonte die Vorbildfunktion, die erfolgreiche Migranten für andere haben können, und berichtete von ihrer Kindheit, in der sie erst – unabhängig von ihrer Abstammung – als Arbeiterkind, dann als Türkin und schließlich als Muslimin galt, je nach Entwicklung der öffentlichen Debatte. „Ich hatte eine Hauptschulempfehlung und bin trotzdem Akademikerin geworden“, lautet ihr Appell an alle Schüler mit Migrationshintergrund, es auch zu versuchen.

Ayman Mazyek unterstützt dies, ist aber bei der Integrationsfrage weniger optimistisch: „Wir brauchen mehr als 50 Jahre, bis wir mit unseren ausländischen Namen nicht mehr auffallen“, so seine Vermutung, denn bisher – so sieht er das – seien „alle Religionen gleich, aber manche eben gleicher“. Schiffauer stimmt dem zu, indem er von einem „tief verankerten Misstrauensdiskurs“ spricht. Er beobachtet das Phänomen einer „Muslimisierung der Migrationsfragen“, die sich insbesondere nach dem 11. September zugespitzt habe. Fast alle Podiumsdiskutanten haben die Erfahrung gemacht, dass sie seither von der Gesellschaft immer als „Moslems“, weniger aber als Deutsche gesehen werden, egal ob sie religiös sind oder nicht. Dieses Labeling drückt vor allem Abgrenzung aus, frei nach Huntington: „Wir wissen erst, wer wir sind, wenn wir wissen, wogegen wir sind“. Ayman Mazyek gibt dieser Aussage nur bedingt recht mit dem Einwand, dass Identitätsfindung auch immer durch Abgrenzung, aber vor allem doch durch positive Selbstdefinition und Inklusion in eine offene Gesellschaft stattfinden sollte.

Schiffauer sieht da den Anknüpfungspunkt zur vorgestellten Studie, da in Kreuzberg stark die inklusive Vielfalt geschätzt und auch gelebt wird. Der Einwand aus dem Publikum, dass etwa Neukölln oder andere „Problembezirke“ aus der Untersuchung ausscheiden, ist durchaus berechtigt, hätte den Rahmen aber wohl gesprengt.

So haben die vorgestellte Studie, die Empfehlungen an die Politik und die positiven Erfahrungen der Podiumsdiskutanten durchaus Anlass zur Hoffnung auf ein gleichberechtigtes und diskriminierungsfreies Miteinander gegeben. Um das zu realisieren, müssen jedoch sowohl Muslime als auch Nichtmuslime konkrete und adäquate Maßnahmen ergreifen.

Mehr Informationen gibt es auf http://www.britishcouncil.de/pdf/At%20Home%20in%20Europe%20leaflet%20German.pdf oder http://www.soros.org/initiatives/home/articles_publications/publications/muslims-europe-20091215

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