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Berlin: Tagung der Adenauer-Stiftung lieferte interessante Beiträge

Kann es den „Super-Imam“ überhaupt geben?

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(iz) Unter dem Titel „Imame und Moscheegemeinden im Integrationsprozess“ fand Mitte Juni in Berlin eine gemeinsame zweitätige Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik der Universität Osnabrück statt. Es war die zweite Fachkonferenz in der Reihe „Religiöse Bildung und Integration von Muslimen in Deutschland“. Die Rolle der Imame – siehe die Diskussion um die jüngste Studie von Prof. Pfeiffer zur Jugendgewalt oder das Buch von Prof. Rauf Ceylan über Imame in Deutschland – und die Frage der Imamausbildung an deutschen Universitäten, gerade seit den diesbezüglichen Empfehlungen des Wissenschaftsrates, gehören zu den aktuell am meisten besprochenen Themen des Islam in Deutschland.

In mehreren Panels ging es um „importierte und heimische Imame“, „Imame als Integrationsmultiplikatoren“, „Islamische Gemeindepädagogik zwischen Tradition und Innovation“, um Probleme in der Jugendarbeit der Moscheen sowie „Probleme der religiösen Unterweisung für Kinder.“ Zu den Referenten gehörten Prof. Bülent Ucar und Prof. Rauf Ceylan vom Osnabrücker Lehrstuhl, Staatssekretär Thomas Rachel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Dr. Abdurrahim Kozali von der Theologischen Fakultät der Universität Bursa, Dr. Ali Özgür Özdil vom Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut, die Islamwissenschaftlerin Kathrin Klausing, Prof. Ursula Boos-Nünning vom Institut für Pädagogik der Universität Duisburg-Essen und Gabriele Erpenbeck vom Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen, um nur einige zu nennen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung engagiert sich seit 2006 in der Schulung von Imamen in der Türkei. Die Zahl der in Deutschland tätigen Imame wird auf ungefähr 2.500 geschätzt, wobei vermutlich rund drei Viertel aus der Türkei stammen. Entsprechend wurden die Themen auch auf der Tagung überwiegend mit Bezug auf türkeistämmige Imame abgearbeitet, auch wenn deren Situation in den fast ausschließlich verbandsgebundenen türkisch-muslimischen Moscheen sich von jener der in den unabhängigen, beispielsweise arabischsprachigen Gemeinden durchaus unterscheidet. Wie das bei Tagungen immer wieder vorkommt, konnten nicht alle Referate überzeugen – einige verfehlten schlicht das eigene Thema, bei anderen war unklar, inwiefern ein Praxisbezug vorhanden ist oder ob es sich um mehr theoretische Gedanken handelte.

Die Referenten der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Bildungsministeriums betonten die Wichtigkeit, dass Imame mittelfristig in Deutschland ausgebildet werden sollten. Beklagt wurde auch immer wieder die noch mangelnde Forschungslage über das, was in den Moscheen passiert, und insbesondere über die Arbeit der Imame. Ab dem Wintersemester 2010/2011 startet an der Uni Osnabrück ein auf zwei Semester angelegtes Weiterbildungsprogramm für Imame und andere in den Moscheen tätige Personen, das auf reges Interesse gestoßen sei, berichtete Prof. Bülent Ucar. Staatssekretär Thomas Rachel erwähnte noch einmal die Anforderungen, welche die künftigen universitären Standorte für islamische Theologie erfüllen sollten, und dass die Bundesregierung dabei finanzielle und konzeptionelle Unterstützung leisten wolle, auch wenn die Hauptzuständigkeit in diesem Bereich natürlich bei den Bundesländern liegt. Laut der Empfehlung des Wissenschaftsrats sollen die einzurichtenden Lehrstühle „Theologisch orientierte islamische Studien“ anbieten. Insbesondere wolle das Bildungsministerium Gastprofessuren sowie Arbeitsgruppen von Nachwuchswissenschaftlern fördern, die entweder islamisch-theologisch oder interdisziplinär angelegt sein sollten. Darüber hinaus stelle die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) an der Uni Osnabrück fünf Promotionsstipendien zur Verfügung. Das Interesse des Landes Niedersachsen bei dessen Engagement im Bereich der Imam-Ausbildung und der Weiterbildung an der Universität Osnabrück brachte Gabriele Erpenbeck nüchtern auf den Punkt. So gehe es etwa um Islamismusvorbeugung, die Schaffung eines „dialogfähigen und dialogbereiten“ Islam, die Bereicherung des gesellschaftlichen Diskurses und die Beteiligung des Islam am wissenschaftlichen Diskurs an den Universitäten, gerade dem interdisziplinären, und die stärkere Involvierung der Imame in den interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog.

Eine der Grundfragen, die auf der Tagung immer wieder anklang, ist die, ob die Erwartungen an die Imame, was diese alles leisten sollen – das Stichwort des „Super-Imams“ machte hier die Runde – nicht zu hoch geschraubt seien. Dr. Ali Özgür Özdil sagte dazu beispielsweise: „Imame müssen und können nicht jede Aufgabe erfüllen.“ Ähnlich äußerte sich auch der katholische Theologe Aloys Löggering. Auch Prof. Ursula Boos-Nünning vertrat den Standpunkt, dass man nicht zu viel von den Imamen erwarten dürfe, etwa dass diese die Integration der Jugendlichen bewerkstelligen sollten: „Ein Imam ist kein Sozialarbeiter.“ Man solle eine „noch nicht professionalisierte Berufsgruppe wie die Imame nicht entprofessionalisieren, indem man ihnen alle möglichen Aufgaben“ auferlege. Wichtig sei aber, dass Imame die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen erlernten, sowohl nach Innen als auch nach Außen.

Abdelmalik Hibaoui, selbst unter anderem als Imam tätig und neuerdings Teilnehmer der Islamkonferenz, brachte den Gedanken ein, dass Imame ja nicht hauptberuflich tätig sein müssten, sondern sich ihren Lebensunterhalt auch anderweitig verdienen könnten – was historisch betrachtet auch nicht selten war, freilich angesichts der tatsächlichen zeitlichen und arbeitsmäßigen Belastung eines Imams in Deutschland aber eher unrealistisch scheint, zumal die Trennung zwischen Vorbeter, der die täglichen Gebete leitet, und dem Khatib, der die Freitagskhutba hält, und gegebenenfalls weiterem Personal, das unterrichtet, in Deutschland so nicht existiert. Richtig ist aber, dass die Lehre in den Moscheen nicht ausschließlich von den Imamen geleistet wird, und in diesem Zusammenhang sind auch die vielen Frauen, die als Lehrerinnen tätig sind, zu erwähnen. So berichtete Dr. Ali Özgür Özdil, dass in den Moscheen des Bündnisses der Islamischen Gemeinden (BIG) in Hamburg nur 12 Imame tätig seien, aber 43 weibliche Lehrerinnen. Kathrin Klausing wies ebenfalls darauf hin, dass die Lehre in den Moscheen nicht nur von Imamen, sondern auch von Ehrenamtlichen und Externen getragen werde. Vor einer Vereinheitlichung der Lehre in den Moscheen warnte sie – die nicht organisierten Moscheen blieben außen vor, wenn man dies nur über die Verbände angehe. Auch meinte sie, dass es – trotz aller Bekundungen – noch eine offene Frage sei, inwiefern eine muslimische Theologie und eine entsprechende Ausbildung tatsächlich in Deutschland etabliert werden könne.

Die Themen der Khutbas sollten möglichst aktuell sein und einen Bezug auf die Situation in Deutschland haben, de facto entsprächen sie nämlich oft nicht der hiesigen Lebenswirklichkeit, so Abdelmalik Hibaoui. „Es geht nicht um das Lesen aus schriftlichen Quellen, sondern darum, diese im Hinblick auf hiesige Gegebenheiten zu interpretieren und anzuwenden.“ Der Osnabrücker Imam Abdul-Jalil Zeitun kritisierte, dass bei den Freitagsansprachen in den Moscheen Kinder und Jugendliche zu wenig angesprochen würden und sich manche Erwachsene gar durch deren Anwesenheit gestört fühlten, was zu einer Entfremdung der Kinder von der Moschee führen könne.

Hibaoui merkte auch an, dass die Imame oft nicht frei genug seien, sich in der Öffentlichkeitsarbeit zu engagieren und dabei von den Moscheevorständen ausgebremst würden. Dies streift ein weiteres Dilemma: Es geht nicht nur um die Frage, wie viele Aufgaben und Erwartungen Imame erfüllen können oder nicht, sondern auch darum, inwiefern sie überhaupt die Freiheit haben, entsprechend zu agieren, als Angestellte des Verbandes beziehungsweise des Vorstandes. Diese Bedenken äußerte auch Kathrin Klausing, die sagte, dass Imame oft nicht autonom, sondern von ihren Arbeitgebern abhängig seien. Hinzu kommen nicht selten auch mentale und intellektuelle Verständigungsschwierigkeiten zwischen Imamen und Vorständen. Gabriele Erpenbeck forderte, dass man künftig auch die Rolle und Entwicklung der Vorstände in den Moscheen untersuchen solle, denn sie seien es, die „den Betrieb am Laufen“ hielten.

Dr. Ali Özgür Özdil ist der Ansicht, dass auch die Bezahlung der Imame besser werden müsse – derzeit verdienten sie zwischen 500 und 2.500 Euro, wobei letztere Zahl schon eine absolute Ausnahme darstelle. Bei vielen Imamen sei der Aufenthaltsstatus nicht geklärt. Auch aus diesen Gründen seien viele Jugendliche kaum am Beruf des Imams interessiert. „Wir brauchen eine anerkannte Religionsgemeinschaft“, forderte Özdil, „dann können die Muslime zu bestimmten Fragen auch mit einer einheitlichen Stimme sprechen.“

Prof. Rauf Ceylan bemängelte, dass in der deutschen öffentlichen Debatte über den Islam zu wenig Theologen – das ist das in der deutschen Debatte häufig statt „Gelehrte“ verwendete Wort – zu Wort kämen, die aus dem islamischen Wissen heraus zu Themen wie Zwangsheirat, „Ehrenmorden“ oder ähnlichem Stellung nehmen könnten. Einen interessanten Gedanken warf in diesem Zusammenhang Dr. Fateme Rahmati auf. Sie schlug eine Art Vollversammlung aller in Deutschland tätigen Imame, bestehend aus Räten der Imame auf Ebene der einzelnen Bundesländer und eventuell noch ergänzt durch regionale Imamsräte, vor, die in bestimmten Abständen zusammenkommen und als Stimme und Vertretung der deutschen Imame, aber auch Mittler zwischen der islamischen Welt und dem deutschen Staat fungieren könnten.

Gabriel Goltz vom Bundesinnenministerium, der kurz über den aktuellen Stand der Islamkonferenz berichtete, gab noch einmal zu bedenken, dass Einsatz und Ausbildung von Personal unter der Religionsfreiheit der Religionsgemeinschaften stünden und es prinzipiell ihnen überlassen bleibe, wie sie dies organisierten. Damit wurde noch einmal angedeutet, dass eine Ausbildung an staatlichen Universitäten keineswegs verpflichtend sein kann – wobei erkennbare Bestrebungen von Muslimen, dies in eigener Regie zu leisten, also eigene muslimische Ausbildungsinstitutionen auf breiter Ebene zu etablieren, bisher nicht auszumachen sind; abgesehen von einzelnen Beispielen wie dem ZIEM-Projekt, das Imam Benjamin Idriz aus Penzberg vorantreibt, das allerdings auch schon wieder massiven Gegenwind erhält. Solange eigene muslimische Bildungsinstitutionen latent als selbstausgrenzend und integrationshemmend bewertet werden, stehen die Chancen für solche Einrichtungen in Deutschland nach wie vor schlecht. Das gleiche gilt für islamische Schulen, mit Ausnahme vielleicht der derzeit 14 Gymnasien der Gülen-Bewegung, deren Profil allerdings weniger islam-betont daherkommt und die auch staatlich gefördert werden. Die Deutsche Islamkonferenz wolle den Prozess der Einrichtung von Lehrstühlen an den Universitäten unterstützen. Bereits jetzt förderten das Bundesinnenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Goethe-Institut das bestehende Weiterbildungsprogramme für Imame der DITIB. Goltz sagte, dass es gemäß dem deutschen Religionsverfassungsrecht zu einer Etablierung einer institutionalisierten Kooperation zwischen Staat und Muslimen kommen müsse, analog dem zwischen Staat und Kirchen. Daher könnten in dieser Hinsicht weder Staaten wie Österreich noch Großbritannien Vorbild sein, sondern Deutschland müsse hier seinen eigenen Weg finden.

Prof. Ursula Boos-Nünning vertrat die Ansicht, dass die Bildungsarbeit der Moscheen im nichtreligiösen Bereich, die in den letzten zehn Jahren stark zugenommen habe, im Grunde eine Kompensation der Bildungsbenachteiligung der muslimischen Jugendlichen in der Gesellschaft darstelle. Aus der Not heraus hätten die Moscheen viele Aufgaben übernommen, die keine nichtmuslimische deutsche Einrichtung in dieser Form übernehmen würde – auch nicht die Kirchengemeinden. Das von Dr. Özdil erwähnte Beispiel der Centrumsmoschee in Hamburg, die 40 bezahlte Mitarbeiter habe, mag dies verdeutlichen. Prof. Boos-Nünning beklagte, dass muslimische Bildungseinrichtungen in der Öffentlichkeit als integrationsverhindernd und segregierend gesehen würden. Es gebe ein „Grundmisstrauen“, beispielsweise bei den Jugendämtern. Boos-Nünning sparte allerdings auch nicht an kritischen Anmerkungen zum Thema. Generell müsse man sehen, dass auch Macht- und Verteilungskämpfe eine Rolle spielten, denn angesichts der demografischen Entwicklung – Deutschland werde irgendwann nicht mehr mehrheitlich christlich sein – gehe es an die „Pfründe der Alteingesessenen“. Sie forderte auch eine „wirkliche Gleichberechtigung aller eingewanderten Gruppen“ und stellte die Frage, wann wohl muslimische Organisationen selbst zu solchen Tagungen einladen und dafür staatliche Gelder bekommen würden – und nicht nur Institutionen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Folgetagung in dieser Reihe wurde auf den kommenden September angesetzt. Dabei soll es um Frauen in den Moscheegemeinden und in der Gemeindearbeit gehen.

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