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Berlin: Telefonische Seelsorge gibt es jetzt auch speziell für Muslime. Von Yasin Alder, Bonn

Für jeden ein offenes Ohr

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(iz). Seit 1. Mai gibt es das in Berlin ansässige, aber bundesweit tätige „Muslimische Seelsorgetelefon“ – eine in dieser Form völlig neuartige Einrichtung.

Die Entstehungsgeschichte des Seelsorgetelefons geht darauf zurück, dass der Berliner Büroleiter der Hilfsorganisation Islamic Relief e.V., Ismet Misirlioglu, bei einem Kongress zum Thema Fundraising einen Vertreter einer kirchlichen Telefonseelsorge getroffen hat, wie Imran Saghir vom Muslimischen Seelsorgetelefon erzählt. Im Gespräch zeigte sich ein gegenseitiges Interesse an Zusammenarbeit und die Idee zu einem muslimischen Seelsorgetelefon kam auf. Dies liegt mittlerweile bereits drei Jahre zurück.

„Mit dieser Idee wurden dann die entsprechenden kirchlichen Träger bei der Caritas und der Diakonie angesprochen, woraufhin beschlossen wurde, dass Islamic Relief alleiniger Träger des Muslimischen Seelsorgetelefons ist, und Diakonie und Caritas uns dabei unterstützen und Kooperationspartner sind, vor allem im Bereich Aus- und Weiterbildung und Supervision“, so Saghir. Die Zusammenarbeit mit den kirchlichen Telefonseelsorgestellen laufe übrigens hervorragend.

Wie sind die ersten Erfahrungen des Seelsorgetelefons seit dem Start? „Wir haben sehr guten Zuspruch aus der muslimischen Community erhalten, zum einen durch die Anrufer selbst, aber auch ins­gesamt. Es haben sich viele gemeldet, die mithelfen wollen; Imame haben uns gesagt, dass sie unsere Nummer weiterge­ben wollen, wenn sie selbst nicht ­wei­terhelfen können. Auch muslimische Or­ga­nisationen sind an uns heran­ge­treten und haben uns gebeten, ihnen mitzuteilen, wenn wir bestimmte Tendenzen bei den Problemen der Anrufer erkennen können, damit sie in dieser Richtung gegebenenfalls präventiv tätig werden können“, berichtet Imran ­Saghir.

Was die Mitarbeiter angeht, so habe man Personen aus der muslimischen Community angesprochen, ob sie Interesse hätten, bei dem Projekt mitzuarbeiten, und dann eine Auswahl getroffen. Die ausgewählten Personen seien dann noch einmal auf Eignung überprüft worden, und zwar von den Ausbildern der kirchlichen Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas. Sie sind dann in einem „Crash-Kurs“ ausgebildet worden, der in 220 Stunden Theorie, Praxis-Training und Hospitationen bei der kirchlichen Telefonseelsorge umfasste.

Grundsätzlich verstehe man sich nicht als Berater, sondern eher als Begleiter. „Telefonseelsorge hat einen anderen Anspruch als andere Krisentelefone, es geht weniger um direkte Beratung, sondern darum, zu schauen, was denn der Anrufer gerne machen möchte, und ihn darin zu bestärken“, erklärt Saghir.

„Das geschieht alles anonym, in einem islamischen Rahmen, und man kann dann über das, was einen beschäftigt, sprechen. Wir sind aber auf keinen Fall eine Fatwa-Hotline, wo man islamische Rechtsaussagen bekommen kann – das ist weiterhin Aufgabe der Moscheen und der Imame. Es geht um persönliche Probleme. Wir kümmern uns mehr darum, wie man mit bestimmten Situationen zurechtkommen beziehungsweise aus diesen Situationen herauskommen kann“, so Saghir. Man gebe aber nicht von vornherein einen Rat, sondern gehe auf die Vorstellungen der Anrufer ein und versuche sie bei deren Umsetzung zu begleiten. Nicht in allen Bereichen sei man Experte, auch wenn es zwei Imame im Seelsorgerteam gebe oder auch Personen mit medizinischem oder sozialpädagogischem Hintergrund. „Es geht um ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen Menschen, mit Leuten, die eine gewisse Kompetenz haben. Und zusammen fällt das leichter, als wenn man nur allein über einem Problem brütet.“

Am häufigsten von den Anrufern angesprochen worden seien bisher Themen, die mit Beziehungen zu tun haben – familiäre Beziehungen, Eltern-Kind-Beziehungen, Beziehungen zwischen Ehepartnern oder solche im Freundeskreis. In den ersten zwei Wochen habe man über 70 Anrufe erhalten, was mehr sei als man erwartet habe. „Die Bandbreite ging von harmlosen Dingen wie der Anfrage einer Schülerin, wie sie sich gegenüber ihren Freundinnen verhalten soll, bis hin zu zwei Vergewaltigungen.“ Da stellt sich die Frage, ob die muslimischen Telefonseelsorger in bestimmten Fällen nicht überfordert sind?

„Wir suchen nach Lösungsansätzen, die dem Anrufer passen, und er selbst muss sie dann weiterverfolgen“, sagt Imran Saghir. So empfehle man den Anrufern beispielsweise bei Fragen, die doch eher ein Imam beantworten kann, die Moschee ihres Vertrauens aufzusuchen, oder bei anderen Fragen entsprechende Beratungsstellen. Dabei versuche man die Anrufer auch dahingehend zu bestärken, nicht immer nur mit Muslimen über ihr Problem zu reden, etwa bei psychischen Problemen, sondern sie dann auch zu bestärken, andere professionelle Beratungen oder Dienste in Anspruch zu nehmen. „Viele Muslime denken ja, sie könnten sich gar nicht von Nichtmuslimen beraten lassen. Das stimmt so nicht. Man kann sich durchaus von einem Nichtmuslim beraten lassen, wobei man sich um den islamischen Rahmen dabei selber kümmern muss. Das ist dann aber die Verantwortung des Einzelnen.“ Man versuche die Anrufer auf jeden Fall darin zu bestärken, ihre Probleme auch wirklich anzugehen und wie gesagt gegebenenfalls andere qualifizierte Beratungsstellen zu aufzusuchen.

Interesse seitens der Medien an dem Projekt ist bereits jetzt spürbar. Für die nächsten Wochen ist seitens des Muslimischen Seelsorgetelefons noch eine größere, öffentlichkeitswirksame Auf­taktveranstaltung geplant.

Webseite: www.mutes.de

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