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Berliner Muslime interessieren sich kaum für Benedikt XVI. Ein Bericht von Karin Wollschläger

„Der Papst hat bei uns keinen Promi-Faktor“

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Berlin (KNA). Auf dem dicken, petrolfarbenen Teppich der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln hockt eine Schulklasse. Die Augen der 12- bis 14-Jährigen gleiten ratlos-staunend über die goldenen Koranverse an den Deckenwänden. Geduldig erklärt Linnea Keilonat den Jugendlichen das „Innenleben“ des muslimischen Gotteshauses: „Hier die verschnörkelte Schrift auf dem Leuchter, das ist der Licht-Vers aus dem Koran: ‘Gott ist das Licht über Himmel und Erde.’ Das können auch die Christen so unterschreiben.“

Die 29-jährige Studentin trägt Kopftuch und Bluejeans und gehört zum Team der größten Moschee Berlins. Bei ihren Moscheeführungen verwendet sie gerne Vergleiche mit dem Christentum: „Für uns Muslime ist Jesus einer der Propheten, genauso wie Abraham. Und unser Hauptgebet, die Al-Fatiha, ist für uns etwa so wichtig wie das ‘Vater unser’ für die Christen.“ Die Schüler schauen fragend. Keiner von ihnen kennt das ‘Vater unser’, die Al-Fatiha schon eher.

Wenige Tage vor dem Berlin-Besuch von Benedikt XVI. am kommenden Donnerstag und Freitag hat das Ereignis in den Medien eine Dauerpräsenz. Die Plätze für die Messe im Olympiastadion sind ausgebucht, die Route für die Anti-Papst-Demo steht. Und wo stehen Berlins Muslime? Was erwarten sie vom Papstbesuch? Linnea Keilonat lacht ein bisschen verlegen: „Der Papst? Nein, ich hab den Eindruck, der spielt für die meisten Muslime hier überhaupt keine Rolle. Ich glaube, nur die wenigsten wissen, dass es ein Gespräch zwischen dem Papst und muslimischen Vertreten geben wird.“

Keilonat ist in mehreren Projekten und Gruppen zum Thema „Interreligiöser Dialog“ engagiert, hält zuweilen Vorträge in der Katholischen Akademie in der Hauptstadt. Bislang hat sie noch von keinem Muslim gehört, dass er sich ein Ticket für den Papstbesuch besorgt hat. „Der Papst hat für die meisten Muslime auch nicht unbedingt einen ‘Muss-ich-gesehen-haben Promi-Faktor’.“

Ähnlich ist der Eindruck des 18-jährigen Ugurcan: „In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist das kein Thema.“ Der junge Türke mit den schwarzen, kurzen Locken ist vor einem Jahr zum Islam konvertiert und kommt regelmäßig in die Sehitlik-Moschee. Trotzdem: Die öffentliche Debatte um den Papstbesuch verfolgt er schon. Und nimmt sie zum Teil mit empörter Verwunderung wahr: „Ich finde diese krasse Anti-Papst-Propaganda zum Teil echt respektlos. Immerhin ist er das Oberhaupt der Katholiken und hat eine wichtige Bedeutung. Man sollte sich wenigsten anhören, was er zu sagen hat.“ Ugurcan selbst will sich den Papst zwar nicht live ansehen, aber sich vielleicht das eine oder andere im Internet anschauen. „Bestimmt gibt's ein paar Ausschnitte und Reden von ihm auf Youtube“, meint er. Auch einige Auftritte von Johannes Paul II. habe er auf diese Weise schon verfolgt.

Der Berliner Sprecher der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (DITIB), Ender Cetin, bestätigt die Eindrücke eines eher verhaltenen Interesses auch für andere Moscheegemeinden in Berlin. „Die Verantwortlichen der Muslime verfolgen natürlich die Planung und sind zum Teil eingebunden, so wurden wir etwa vom Diözesanrat der Katholiken eingeladen“, berichtet Cetin, „aber in die Gemeinden sickert das nicht“.

Und er hat auch eine Begründung dafür: „Im Islam gibt es keine Instanz wie den Papst. Für Muslime ist das deshalb nur schwer nachvollziehbar, dass es jemanden gibt, der als geistlicher Führer über allen Gemeinden steht.“ Und scherzhaft fügt Cetin hinzu: „Für uns Muslime ist es egal, ob wir dem Pfarrer der Nachbargemeinde begegnen oder dem Papst.“

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