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Mali und das Osmanische Reich

Bis in die 1890er Jahre respektierte man die Autorität der Hohen Pforte

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(iz). Der derzeit wütende Bürgerkrieg im westafrikanischen Staat Mali hat den ehemaligen Kolonialherren Frankreich auf den Plan gebracht, militärisch zu intervenieren. Diese Mission, die nicht nur allein davon geprägt ist, in dieser Gegend Frieden zu schaffen, hat die Blicke der Welt wieder nach Afrika gerichtet. Für uns scheinen die Ereignisse fernab der Heimat zu liegen wenn wir in den Nachrich­ten von Zerstörungen und ­Blutvergießen hören. Schließlich handelt es sich um ein Land, das wir nicht kennen und das nicht mit unserer Geschichte verwurzelt ist. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick.

Unsere Kinder lernen in den Schulen den schwarzen Kontinent im Zusammenhang mit Kolonialismus und Imperialismus kennen, doch Afrika hatte schon vor dem 19. Jahrhundert viele regional bedeutende Reiche hervorgebracht. Eines davon war das Reich der Songhai, das sich im 16. Jahrhundert über das heutige Mali, Senegal, Guinea, Burkina Faso, Niger, Nigeria und Benin erstreckte. Timbuktu galt als Herzstück dieses machtvollen Staates, das nicht nur das wichtigste westafrikanische Zentrum für Handel war, sondern auch des Islams.

Der Reichtum der Stadt, der durch den Handel mit Gold, Salz und ­Sklaven im 16. Jahrhundert seinen Zenit erreich­te, schmückte noch eine angesehene Gruppe von islamischen Gelehrten und Wissenschaftlern. Alles gute Vorraussetzungen zur Eroberung, dachte sich der marokkanische Scherif Ahmad Al-Mansur und eroberte 1591 Timbuktu und weite Teile des Songhai-Reiches. Die Herrschaft der Marokkaner in ­Timbuktu kennzeichnete den anfänglichen Nieder­gang der einst prächtigen Stadt am ­Niger. Kilometerlange, mit Gold und Schriftrollen beladene Karawanen zogen gen Fes. Viele islamische Gelehrte wurden in den darauffolgenden Jahren nach Marok­ko deportiert oder, sofern sie eine politi­sche Gefahr für die Besatzer ­darstellten, vor Ort getötet. Der Scherif mach­te Timbuktu und seine Umgebung zur marokkanischen Provinz und setzte ­einen Pascha als Statthalter ein. Die Macht der Marokkaner schwand jedoch ab 1618, als Fes zuletzt militärische Unterstützung entsandte. Mit dem Sturz von Ahmad III. al-Abbas, dem letzten Sprössling der Saadier-Dynastie, im Jahre 1659, erhielt Timbuktu wieder seine Unabhängigkeit zurück.

Aus der Nachkommenschaft der Paschas von Timbuktu erwählten die isla­mi­schen Geistlichen einen neuen Statthalter, dessen Machtbefugnis in den kom­menden Jahrhunderten zu einem Bürgermeisteramt zusammenschrumpfte. Für das Osmanische Reich war Timbuktu in zweierlei Hinsicht relevant: Zum Einen waren es die Gelehrtentradi­tion und das hohe Wissen, die diese weit entfernte Gegend für Konstantinopel so interessant machten und zum ­Anderen war Timbuktu der wichtige Umschlagplatz für besondere Waren.

Bis heute finden sich in den Moscheen der Stadt wichtige religiöse Rechtsgutachten und Schriften – in osmanischer Sprache. Aber in welchem Verhältnis stand das Osmanische Reich, das den ganzen Norden des afrikanischen Konti­nents (mit Ausnahme Marokkos) beherrschte, mit Timbuktu und seinen Nachbarn im heutigen Mali? Zuerst muss gesagt werden, dass Afrika bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kaum erforscht war. Den Grenzverlauf des Osmanischen Reiches auf dem afrikanischen Kontinent bestimmte die natürliche Sahara-Wüste. Für die Forschung ist es daher notwendig zu wissen, bis wohin der Einfluss der Osmanen reichte.

Von Timbuktu wissen wir, dass die Osmanen einen ständigen Gesandten in der Stadt hatten, der als Vertreter des Statthalters von Tripolis und somit auch als Vertreter der Hohen Pforte deren Interessen in Westafrika vertrat. Die marok­kanischen Paschas und ihre Nachfolger wurden durch die Hohe Pforte offiziell anerkannt. Mit dem Zusammenbruch des Songhai-Reiches entwickelten sich kleinere Fürstentümer, die Anfang des 19. Jahrhunderts einen breit angelegten Religionskrieg entfachten. Der „Dschihad der Fulbe“ löste einen jahrzehntelangen Konflikt unter den islamischen Fürstentümern aus. Die Islamgelehrten in Timbuktu hatten schon zu Anfang erkannt, dass dieser Konflikt viel mehr eine Frage von Prestige und Macht war und mit dem Islam gar nichts zu tun hatte.

Als das westafrikanische Messina-Reich unter ihrem Herrscher Ahmadu Seku einen Dschihad gegen das benachbarte Reich der Segu Tukulor erklärte und er sich den Titel eines Kalifen aneignen wollte, wies ihn Sidi Ahmad al-Baqqai, zu seiner Zeit der berühmteste afrikanische Islamgelehrte von Timbuktu, in einem Brief zurecht, dass nur der osmanische Sultan Abdülmecid I. Han als Khalif der Muslime einen Djihad erklären darf: „Oh Ahmadu Seku! Es liegt nicht in deiner Macht, einem Staat den Dschihad zu erklären. Du bist nicht der Imam der Muslime. In diesen Zeiten sind es entweder der Moulai Abd al-Rahman von Marokko oder Sultan Abdülmecid I. Han in Konstantinopel. Moulai Abd al-Rahman hätte zwar das Recht, aber Sultan Abdülmecid ist der Größere, Weisere und Mächtigere von beiden! Du bist aber nur ein gewöhnlicher Befehlshaber!“

Anhand dieser Aussage von Sidi Ahmad al-Baqqai, kann man annehmen, dass die Islamgelehrten das Kalifat der Osmanen anerkannt und den Namen des osmanischen Sultans spätestens seit 1839 im Freitagsgebet erwähnt hatten. 1869 erreichten die Stammeskämpfe zwischen Tuareg und Haggaren ihren Höhepunkt, sodass die osmanische Verwaltung in Tripolis beschloss, in den Konflikt einzugreifen. Um die Handelsrouten wieder zu sichern, entsandte das Osmanische Reich eine Strafexpedition von 2.000 Soldaten unter Ali ibn Mehmed Bey in die Gegend und schlug die Tuareg in offener Feldschlacht bei Ghat. In einem feierlichen Akt wurde die osmanische Fahne gehisst und die Gegend um Ghat unter die Herrschaft des osmanischen Sultans Abdülaziz I. Han gestellt. Es wurde ein neuer Verwaltungsbezirk Ghat (Gat Kazasi) geschaffen, der der Unterprovinz Fezzan im heutigen Lybien unterstellt wurde.

Wenn man sich auf der heutigen Karte die Größe dieses „Bezirks“ vor Augen führt, so glich sie schon einer osmanischen Provinz (Vilayet)! Sie erstreckte sich von Ghat in Lybien nach Agades im Niger über Gao, Timbuktu und Djenne in Mali. 40 Soldaten besetzten Djenne unblutig und hissten unter Jubel des Volkes die Fahne des Sultans. Als die Franzosen 1893 die Stadt besetzten und ihre Fahne hissten, entsandte man den Leutnant Ömer Mikdat Efendi mit 20 Soldaten zur Rückeroberung der Stadt. Die Stadt wurde eingenommen und die Fahne des Halbmondes wehte erneut über Djenne. In Konstantinopel wusste man wenig über die Vorgänge in Afrika, schließlich war der Kontinent noch zu großen Teilen unerforscht und der Bezirk Ghat lag im Herzen der Wüste Sahara.

Um die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich nicht stärker zu belasten, wurde das Gebiet um Timbuktu und Gao 1903 von den Osmanen offiziell aufgegeben. Aber die osmanischen Solda­ten blieben dort. Noch 1910 war die osmanische Fahne über Djenne und Agades zu sehen. Als sie doch abziehen mussten, übergaben die Soldaten den Tuareg-Stämmen, die mittlerweile zu treuen Verbündeten der Osmanen wurden, ihre Fahnen und Waffen. Die Tuareg führten ihren Kampf gegen die französischen Besatzer fort – unter dem Banner des Sultans.

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