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Bisher wird der besondere Wert eines zweisprachigen Aufwachsens zu oft übersehen

Zu wertvoll, um ignoriert zu werden

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(igmg.de). Unter Zweisprachigkeit wird der gleichzeitige Erwerb von zwei Sprachen verstanden, also das Verstehen und Sprechen in beiden Sprachen. Wie sich dieses Verstehen und Sprechen gestaltet, ist individuell variierend, weshalb in der Forschungsliteratur häufig zwischen individueller und kollektiver Zwei­sprachigkeit differenziert wird. Bei der individuellen Zweisprachigkeit beherrscht ein Individuum eine andere Sprache mit derselben Kompetenz wie die Erstsprache.

Rahmenbedingungen von Zweisprachigkeit

Das unterschiedliche Beherrschen beider Sprachen hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören Ort und Zeitpunkt oder die Art des Spracherwerbs sowie das Prestige der Sprachen, die Sprachkenntnisse des sozialen Netzwerks, in dem die Person aufwächst, und nicht weniger wichtig: die institutionelle Akzeptanz und Förderung beider Sprachen.

Bei dem frühkindlichen Bilingualismus, der einen Untertyp der Zweisprachigkeit darstellt, liegen in der sozialen und sprachlichen Umgebung soziale Zwänge vor, die den Erwerb beider Sprachen forcieren. Dazu gehören die Schule oder das Elternhaus, wo jeweils eine andere Sprache gesprochen wird. Hier ist der Ort für den erfolgreichen Erwerb beider Sprachen von Bedeutung. Das Individuum muss die Sprache, die beispielsweise in der Schule gesprochen wird, beherrschen, um vor allem die ­geforderten Leistungen in der Schule zu erbringen.

Ein anderer Faktor ist der Zeitpunkt des Erwerbs beider Sprachen. Ein Kind lernt beide Sprachen in einer spielerischen Atmosphäre, intuitiv und ohne sichtliche Mühe. Anders sieht es bei einem Erwachsenen aus: Er muss sich die zweite Sprache im Rahmen eines Unterrichts mit Regeln und zumeist von der Grammatik ausgehend aneignen, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Empirische Untersuchungen belegen diesen Unterschied und die erhöhte Anstrengung im Erwachsenenalter, die mit dem Erwerb der zweiten Sprache im fortgeschrittenen Alter verbunden ist.

Hinzu kommt als weiterer Faktor das Prestige der jeweiligen Sprachen. Hierzu gehört die Frage, welches Ansehen die jeweilige Sprache in der Gesellschaft hat, in der die Person oder das Kind diese Sprache erlernt. Zu den Faktoren, die das Prestige ausmachen, zählen vor allem soziale, kulturelle oder ökonomische Gründe. Beispielsweise genießt das Englische ein hohes Prestige, da es eben auf der ganzen Welt gesprochen wird, wohingegen das Französische als die kulturell feinere Sprache gilt. Das Sozialprestige kann aber auch eine ablehnende Haltung hervorrufen. Die Vorurteile werden insbesondere pädagogisch-psychologisch untermauert. Es wird argumentiert, dass das Kind oder die Person beim Erlernen der beiden Sprachen überfordert wird, wonach es weder die eine noch die andere Sprache richtig erlernen könne. Obwohl diese Vorurteile keineswegs wissenschaftlich belegt werden konnten, sind sie dennoch insbesondere innerhalb der einsprachigen Gesellschaft Normalfall. Studien belegen, dass ein Kind im Alter von ca. zwei Jahren durchaus in der Lage ist, seine Zweisprachigkeit bewusst wahrzunehmen und diese auch effektiv zu nutzen.

Neben diesen Einflussfaktoren ist es allerdings auch Tatsache, dass sich eine Sprache stärker zur Sprache des Individuums herauskristallisiert als die andere, da die oben genannten Faktoren unterschiedlich prägend sein können. Doch auch die schwache Sprache ist für die Person letztendlich keine Fremdsprache. Vielmehr redet man hier von einem dynamischen Kontinuum, in der sich die Person in beiden Sprachen zu Hause fühlt. Letztendlich kann man sagen, dass Zweisprachigkeit viele Vorteile hat. Darunter ist der Zugang zu der jeweiligen Kultur, deren Sprache man spricht, im Zeitalter der interkulturellen Kommunikation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Daneben weiß man, sich in der jeweiligen Kultur mit Hilfe der Sprache adäquat zu bewegen. Denn neben Wörtern besteht Sprache auch aus nonverbalen Elementen. Diese können von Sprache zu Sprache von verschiedener Intensität sein. Die Person, die beide Sprachen spricht, hat dann die Kenntnis, sie dementsprechend einzusetzen.

Mangelnde Unterstützung

Es bringt wenig, wenn man Zweisprachigkeit befürwortet, ohne eine institutionelle Akzeptanz und Unterstützung zu gewährleisten. Obwohl in Europa die Zwei- oder gar Mehrsprachigkeit längst keine Ausnahme mehr darstellt, werden diese dennoch nicht genug oder zumindest nicht in allen europäischen Ländern gleichermaßen adäquat gefördert. Auch Deutschland hinkt mit der Förderung des mehrsprachigen Bildungssystems, trotz der steigenden Zahl der Zweisprachigen, hinterher.

Auch nach den Ergebnissen der aktuellen Debatte, die nach einer Forderung für mehr Türkischunterricht an deutschen Schulen entfacht wurde, wurde deutlich, dass in der heutigen Gesellschaft dem Türkischen ein anderer sozialer Stellenwert beigemessen wird als dem Englischen oder Französischen – trotz einer nicht wenig zu beachtenden Einwohnerzahl türkischer Herkunft.

Man beachte hierzu Argumente wie die Einführung von Türkischunterricht oder von Sachunterricht in türkischer Sprache wirke eher der Integration und dem Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Kinder entgegen, da sich parallele Kurse jenseits der deutschen Sprache entwickeln würden. Nicht so allerdings die Forderung nach mehr Englisch, das bereits auch in Grundschulen und Kindergarten zum festen Programm gehört. Die Vorurteile hinsichtlich der türkischen Sprache, die leichtgläubig verbreitet werden, sind populistischer wie politischer Natur: Die Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Öttinger, dass sogar die Pausensprache an deutschen Schulen Deutsch sein müsse, und abwertende Bemerkungen hinsichtlich der türkischen Sprache zeugen von Vorurteilen und Doppelbödigkeit.

Resümierend sei gesagt, dass Zweisprachigkeit in der heutigen multikulturellen Gesellschaft der Normalfall ist. Durch die bewusstere Wahrnehmung der eigenen Kultur wird sogar die Zweisprachigkeit in der eigenen Familie gefördert.

Die Vorurteile, die insbesondere in einer einsprachigen Gesellschaft hinsichtlich der Zweisprachigkeit in Erscheinung treten, müssen der Vergangenheit angehören. Denn nicht die Zweisprachigkeit selbst ist der negative Faktor, der Grund für den nicht vorteilhaften Prozess in der Zweisprachigkeit, sondern vielmehr die oben genannten Umstände, etwa die geringe Förderung innerhalb der Familie und der Gesellschaft, das sozial geringe Prestige oder die fehlende institutionelle Unterstützung. Nur durch sinnvolle Unterstützung und Förderung beider oder mehrerer Sprachen kann man von einer effizienten Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit reden.

Literatur:
Bernd Kielhöfer: Frühkindlicher Bilingualismus, in: Bausch, Karl-Richard/ Christ, Herbert/Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht, Tübingen, 1989
Manfred Raupach: Zwei- und Mehrsprachigkeit, in: Bausch, Karl-Richard/ Christ, Herbert/Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht, Tübingen, 1989
Ingrid Gogolin: Erziehungsziel Zweisprachigkeit. Konturen eines sprachpädagogischen Konzepts für die multikulturelle Schule, Hamburg, 1988

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