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Buchbesprechung: Anmerkungen von Cemil Sahinöz über den Populismus eines Herrenreiters

Sarrazin der Sozialdarwinist

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„Die Geschichte wiederholt sich ständig“ (Ibn Khaldun)

(iz). Eigentlich hatte ich keine Lust über Sarrazin zu schreiben. Zu mal ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen hatte. Außerdem wollte ich mich den Polemiken nicht anschließen und wollte erst einmal lieber das Buch zu Ende lesen. Aber auch dann war ich nicht sicher, ob ich meinen Kommentar dazu verfasse. Doch man kann sich diesem Thema ja gar nicht entziehen. Man wird förmlich überall in diese Thematik einbezogen. Und … mehr noch … man muss Stellung beziehen.

Dass ich nun auch dazu Stellung nehme, ist aber rein aus beruflichen Gründen. Sarrazins Buch habe ich vorab als Presseexemplar erhalten. Hiermit erfülle ich meine Pflicht als Rezensent. Nicht mehr und nicht weniger. Mehr ist mir der Sarrazin eben nicht wert. Dabei fiel es mir nicht leicht, die knapp 500 Seiten zu lesen. Nicht weil es langweilig wäre oder zu lang. Das Buch ist weder zu lang noch langweilig. Mir fiel es aus einem ganz anderen Grund schwer, das Buch zu lesen: Ich musste ständig den Kopf schütteln. Nicht von oben nach unten, sondern von links nach rechts.

Und das ganze wurde von Kapitel zu Kapitel schlimmer … Es ist ja dem Sarrazin gut anzurechnen, dass er sich mit der Thematik der Integration und den Problemen dabei beschäftigt hat. Doch der Banker sollte lieber auf der Bank bleiben. Und damit meine ich die Schulbank. Das Thema Integration sollte er lieber Soziologen überlassen. Dass dies nicht Sarrazins Fachgebiet ist, merkt man daran, dass er die Menschen – und in seinem Fall ist dies alles, was nicht Deutsch ist – auf Zahlen reduziert. Eben wie ein Banker dies auch machen sollte und würde.

Er erkennt zum Beispiel wichtige Problematiken an: Dass nämlich der Bildungsstand der Migranten unter dem Gesamtdurchschnitt liegt. Ich denke, dem kann kein Forscher wiedersprechen. Doch was sind die Gründe dafür? Und genau hier macht Sarrazin grundlegende Fehler. In seinem Buch gibt er immer wieder zuerst Zahlen wieder, um sie dann auf seine Art und Weise zu interpretieren.

Seine Interpretation der Gründe ist recht einfach: Es liegt an den Genen oder an der Herkunft. Egal, um welches Problem es geht, Sarrazin hat eine Lösung: Die Gene sind Schuld. Daraus kann man natürlich schlussfolgern, dass es Menschen in der Gesellschaft gibt, die man gar nicht integrieren oder bilden kann, denn sie sind ja schon genbedingt im Nachteil. Laut Sarrazin sind dies Türken, Araber oder generell Muslime. Dass das letztere eine Religion ist, hat wohl der liebe Sarrazin vergessen. Denn es gibt auch deutsche, amerikanische, britische und chinesische Muslime. Wie dem auch sei…

Laut Sarrazin sind die Gene an allem Schuld. „Komisch, das kommt mir doch irgendwie bekannt vor“, sagte ich mir an mehreren Stellen… Schnell holte ich meine Darwin-Bücher aus dem Regal. Beispielsweise. in “Descent of Man“ (auf Deutsch: “Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl”), behauptet Darwin, weiße Europäer wären höher entwickelt als alle anderen menschlichen Rassen. Die Menschen hätten sich unterschiedlich von Affen entwickelt. Einige mehr, einige weniger. Dadurch gäbe es Unterschiede in den Rassen. Neger und Australier seien laut Darwin auf einer Stufe mit Gorillas. Dadurch sei es das Recht der weiterentwickelten Menschen, also der Europäer, diese Menschen auszurotten. Weiterhin heißt es: „In Jahrhunderten gemessen, werden in nicht allzu ferner Zukunft die zivilisierten Menschenrassen mit annähernder Sicherheit die wilden Rassen überall auf der Erde ausmerzen und ersetzen. Zur gleichen Zeit werden die anthropomorphen Affen […] zweifellos ausgerottet werden. Die Kluft zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten, die sich dann, wie zu erhoffen, in der Gestalt eines kultivierteren Zustands manifestieren wird, wird dann weiter sein, als selbst die zwischen einem Kaukasier und irgendeinem Affen wie etwa dem Pavian, anstatt wie gegenwärtig, zwischen dem Neger oder Australier und dem Gorilla“ (Darwin, 1874, S.178).

An einer anderen Stelle schreibt Darwin: „Auch die schwächeren Glieder zivilisierter Gesellschaften pflanzen sich fort. Niemand, der sich in der Zucht domestizierter Tiere auskennt, wird daran zweifeln, dass sich dies für die Menschenrasse höchst nachteilig auswirken muss. Es ist überraschend, wie schnell ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Entartung einer domestizierten Rasse führt. Doch abgesehen vom Fall des Menschen ist niemand so töricht, seine schlechtesten Tiere zur Zucht zuzulassen“ (Darwin, 1871, S.146). Darwin war überzeugt davon, dass “niedrige Rassen“ irgendwann „von den zivilisierten Rassen vernichtet“ (1899, S.206) werden.

Zurück zu Sarrazin… Die Wurzel seiner Thesen sehe ich im Sozialdarwinismus. Ebenfalls berufte sich Hitler auf den Sozialdarwinismus. Nur so konnte er seine Ideologie durchsetzen. Erleben wir hier ein Déjà-vu? Der Begründer der Soziologie Ibn Khaldun sagt: „Die Geschichte wiederholt sich ständig.“

Wird nun aus Sarrazin der Sarranazi der Nation? So weit würde ich nicht gehen. Eins ist jedoch sicher: Die Thesen von Sarrazin sind sozialdarwinistisch, und somit auch rassistisch und faschistisch. Was mir in diesem Buch ebenfalls fehlte sind Lösungsvorschläge. Also wie kann man es besser machen? Was könnte man ändern?

Natürlich kann man dies nicht von einem Sarrazin erwarten, doch wenn man sich schon so ausgiebig mit der Thematik befasst, muss man auch Lösungswege anbieten. Doch auch auf diese wartet man Vergebens. Nichts dergleichen. So bleibt am Ende des Buches nichts übrig, als eine verschwendete Zeit. Eine Zeit, die man hätte besser nutzen können.

Und gerade als man sich aufregt, warum man sich dieses Buch angetan hat, wird einem etwas bewusst: Ein Diskurs ist in Gang gesetzt worden. Das erscheint mir als ganz wichtig. Ein Diskurs kann immer nützlich sein. Diese Thematik, die Sarrazin so hetzerisch und spalterisch beschrieben hat, sollte in der Gesellschaft ausgiebig und wissenschaftlich diskutiert werden. Man sollte sich auf diese Thematik einlassen. Dies sollte kein Tabu-Thema bleiben.

Dass der Bildungsstand der Migranten deutlich niedriger ist, ist allen bekannt. Es gibt mehrere Gründe dafür:

– Chancenungleichheit,
– Keine Perspektiven,
– Keine Motivation für die Schule,
– Als Gastarbeiter kam nur die bildungsferne Schicht,
– Die offene Frage der Rückkehr der 1. und 2. Generation,

und noch viele weitere, die ich mehrfach schon an anderer Stelle beschrieben habe und daher nicht hier in die Rezension gehören.

Wir sollten uns also dieser Thematik widmen. Auf diesem Gebiete gibt es noch viel zu tun. Viel Arbeit liegt hier vor uns allen. Diese Debatte, in der man die Gründe sucht, sollte also geführt werden. Doch weder ideologisch noch polemisch.

Zum Autor:
Der Autor Cemil Şahinöz (Dipl. Soziologe; Doktorand der Theologie, Religionswissenschaft und Philosophie; geboren 1981) hat verschiedene Bücher übersetzt und verfasst. Sein erstes Buch schrieb er mit 12 Jahren und mit 14 Jahren brachte er seine erste monatliche Zeitschrift heraus. Sein Aufsatz “Situation der türkischen Familien in Europa“ wurde 2006 von Diyanet (DİTİB) zum “Besten Aufsatz des Jahres“ gewählt. Zu verschiedensten Themen macht er Vorträge, Seminare, Fortbildungen, Konferenzen und Workshops. Als Journalist arbeitete er in der Zeitung “Hürriyet“. In den Zeitungen “Moral Haber“, “Öztürk“, “İkinci Vatan“ und “Türkses“ hatte er eigene Kolumnen. In der Vergangenheit war er auch in der Zeitung “Anadolu“ und in den Zeitschriften “Zukunft“ und “Yeni Gençlik“ als Autor tätig. Şahinöz moderierte die Internet-Radiosendung “Misawa Talk“. Zudem ist er als Integrationsbeauftragter angestellt und arbeitete in der Vergangenheit als Lehrer, Projektmanager, psychologischer Berater, Übersetzer, Editor und Leiter von Pädagogischen Angeboten. Seine Webseite www.misawa.de wurde unter 42 deutschen Islamseiten in den Bereichen “Offenheit”, “Dialog”, “Meinungsfreiheit”, “Toleranz“ und “Demokratisch” in einer Forschung an einer Universität am Besten bewertet.

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