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Buchbesprechung: Patrick Bahners Husarenritt gegen die Islamkritiker. Von Wolf D. Ahmed Aries

Streit im Feuilleton

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(iz.) Nach Thorsten Schneiders Sammelband „Islamfeindlichkeit“ hatte man den Eindruck, dass alles über die Islamkritik gesagt bzw. geschrieben worden sei. Mehr schien niemand zu brauchen. Das gleiche galt eigentlich schon vor Jahren, als die Damen Klemm und Hörner ihren Sammelband „Das Schwert des Experten“ vorgelegt hatten, indem mit einer für den deutschen interreligiösen Diskurs ungewöhnlichen Ironie einige damalige Kronzeugen der Islamkritik wie Gerhard Konzelmann vorgeführt wurden. Leider war beiden Bänden nicht der Erfolg beim Publikum beschieden wie ihn die Bücher der Kritiker der Muslime hatten und haben. Und nun gut dreihundert Seiten vom Chef des Feuilletons der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der FAZ, mit einem Anhang von tausend Quellenangaben, was allein schon bemerkenswert wäre. Mit schulmeisterlicher Genauigkeit geht Patrick Bahners den Argumentationen der sogenannten Islamkritiker nach, ohne etwas grundsätzlich Neues zu entdecken, obwohl seine Versessenheit auf Details etwa im Diskurslebenslauf Frau Keleks oder bei der Entstehung des baden-württembergischen „Muslim-Tests“ doch Überraschendes zu Tage bringt. Das gilt für jeden anderen der Kritisierten auch. Aber die Argumentationen der Damen und Herren waren hinlänglich jedem Beobachter bzw. muslimischen Teilnehmer am Dialog bekannt.

Im Dialog nichts Neues, ließe sich daher ein bekannter Buchtitel variieren. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Das Buch wurde nicht nur in allen Zeitungen, selbst von den Provinzblättern, rezensiert, sondern die Kritisierten selber meldeten sich zu Wort, um in mehr oder weniger langen Philippiken der überregionalen Zeitungen nachzuweisen, dass Bahners Fehler gemacht, Sachverhalte übersehen oder in fahrlässiger Weise verharmlost habe. Als der Autor dieser Zeilen den Streit von Feuilleton zu Feuilleton verfolgte, da griff er unwillkürlich zu José Casanovas schmalem Bändchen, das vor drei Jahren in Fachkreisen Furore gemacht hatte. Es trug den knappen Titel „Europas Angst vor der Religion“.

Casanova schrieb damals, dass im 19. und 20. Jahrhundert „die Privatisierung der Religion schlichtweg für selbstverständlich gehalten wurde, sowohl als normale empirische Tatsache als auch als Norm für moderne europäische Gesellschaften.“ In den Gesellschaften, in denen diese Entwicklung noch nicht eingetreten war, lebten die Menschen in der “Vormoderne”. Gleichzeitig betrachtete man die dort gelebten Glaubensformen als statisch und nicht reformfähig, was insbesondere für den Islam und die Muslime galt. Die islamische Geistesgeschichte wurde ebenso wenig zur Kenntnis genommen wie entsprechende europäische Fachliteratur. In jakobinischer Manier wurde die Dominanz der eigenen Technik, Waffen, als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Philosophie und Sinninterpretation gesehen.

Im Verlauf der vor allem intellektuellen Verdrängung der Kirchen verschwand in manchen Regionen Europas die Sichtbarkeit christlicher Gläubigkeit. Sie verbarg sich in Kirchen bzw. Klöstern, sodass vom Christlichen in der Öffentlichkeit kaum etwas zu bemerken war. Es ließe sich auch schreiben, daß die sichtbaren Formen des Christentumes in die Privatheit bzw. Kirchen weggesperrt wurde. Wenn es für die „Aufgeklärten“ noch eines letzten Beweises für die Nicht-Existenz des Tranzendenten, also Gottes, gab, dann war es der Horror der Todesmaschinerien des Zweiten Weltkriegs. So schien den Soziologen und anderen Aufklärern die Religion überwunden zu sein.

Und dann tauchten Menschen auf, deren Gläubigkeit nicht zu übersehen war: Muslime. Ihr Gebet war öffentlich wie Körperbewegungen und gerufene Worte öffentlich sind. Jeder fromme Muslim wurde daher zur Provokation – vor allem das Kopftuch. Bahners geht der Entwicklung des Streits um diese Art der Bedeckung in einem eigenen Kapitel nach und zeigt, wie die „Hermeneutik des Verdachtes“ (S. 99) zu dem Effekt führt, dass nachdem viele Bundesländer ein Verbot des Tragens eines Kopftuches zum Beispiel in der Schule gesetzlich verankerten, de facto die Wirkung eines Berufsverbotes entstand. Irritiert fragten sich schon vor Jahren Musliminnen, ob hier nicht auf indirekte Weise der Artikel 4 des Grundgesetzes unterlaufen würde, in dem die Religionsfreiheit garantiert wird. Bahners lässt diese Vermutung zumindest anklingen.

Die heftigsten feuilletonistischen Angriffe kamen daher aus der Umgebung Giordano-Bruno-Stiftung, der Bannerträgerin des heutigen Atheismus. Und die Behauptung, die am Nachhaltigsten die gesellschaftliche Atmosphäre vergiftete, war die schiitische Option der Taqiya. Mit ihr gaben die schiitischen Gelehrten ihren verfolgten Gläubigen die Möglichkeit, den eigenen Glauben dann ohne Schaden verleugnen zu dürfen, wenn Lebensgefahr bestand. Der Sinn dieser Option bestand darin, die Schia vor der Auslöschung durch die sunnitische Mehrheit zu bewahren.

Die Marburger Turkologin Spuler-Stegemann hatte in ihrem Arbeiten und Vorträgen der 80er und 90er Jahre auf die Taqiya hingewiesen und gesagt, dass es sich bei diesem Täuschungsmanöver um eine allgemein islamische Verhaltensweise handele. Als ihr die deutsche Sprache beherrschende Muslime wiederholt entgegentraten, gebrauchte sie den Hinweis nur noch vorsichtig. Nun tauchte die Behauptung bei Frau Kelek und anderen wieder auf. Sie sei, so Patrick Bahners, das „wirksamste Gift“ der Islamkritiker (S.120). Der entsprechende kirchliche Begriff ist der der „reservatio mentalis“, mit dem während des preußisch-protestantischen Kirchenkampfes den römischen Katholiken Unehrlichkeit unterstellt worden war. Damals ging es im gerade neu geschaffenen deutschen Reich darum, dessen Einheit herzustellen. Und den römischen Katholiken wurde unterstellt, dass sie dem Herrscher jenseits der Alpen, dem Papst, mehr gehorchen würden als dem vom Reichstag erlassenen Gesetzen. Die katholische Haltung nannte man Ultramontanismus. So etwas Ähnliches vermuteten Islamkritiker auch bei den Muslimen, denn für sie sei Mekka wichtiger als Bonn, die damalige Hauptstadt.

Gegen Ende seines Buches geht Bahners auf die These ein, dass hoch religiöse Jugendliche gewaltbereiter seien als nichtreligiöse, die der Hannoveraner Sozialpathologe Christian Pfeiffer in die Welt setzte. Zwei Nachuntersuchungen konnten diesen schon für Niedersachsen statistisch nicht signifikanten Befund nicht bestätigen. Vielmehr benannte der Dortmunder Professor Ahmet Toprak die eigentlichen Ursachen beim Namen. Es ist die sozial prekäre Lage der Jugendlichen, Benachteiligung und Diskriminierung. Nur, solche Erkenntnisse lassen sich bei der gegenwärtigen Stimmung nicht gut politisch verkaufen. Thilo Sarrazins Weltuntergangsstimmung trifft da besser die Gefühle der Mehrheit. Er sagt nicht wie Oswald Spengler 1918 gleich den Weltuntergang voraus, sondern das Verschwinden der Deutschen.

Die Lektüre des Buches von Patrick Bahners provoziert an vielen Stellen das Gefühl des Déja-vu, und zugleich scheint es ein heftiges Plädoyer für die schlicht frommen Gläubigen unter seinen muslimischen Mitbürgern zu sein. So betitelt Karl-Ludwig Baader seine Renzension mit der Zeile: „Friede den Frommen.“ Für junge muslimische Intellektuelle und Ehrenamtliche der Moscheen und Verbände, die noch keine große Erfahrung mit dem Dialog haben, ist Bahners Arbeit fast eine Pflichtlektüre, denn schneller lässt sich nicht in den deutschen interreligiösen Diskurs einarbeiten.

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