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Buchrezension: “Die Prediger des Islam” von Rauf Ceylan. Von Sebastian Kocaman

Neues Buch über Imame in Deutschland

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(iz) In „Die Prediger des Islam“ beschäftigt sich Rauf Ceylan, seit 2009 Professor für Religionswissenschaft in Osnabrück, mit in Deutschland predigenden Imamen türkischer Herkunft. Er gibt Einblick in ihren Berufsalltag und veranschaulicht unterschiedliche religiöse sowie ideologische Ausrichtungen unter ihnen. Das Buch basiert auf einer langjährigen qualitativen Sozialforschung, im Zuge derer Ceylan mit vierzig Imamen intensive Interviews und mit 250 von ihnen vorangehend Gespräche geführt hat. Sinnvoll einfließen lässt der Autor zudem seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Milieu, zum Beispiel solche die er Anwesenheit bei Freitagsgebeten gemacht hat (Stichwort: teilnehmende Beobachtung). Die Ergebnisse seiner Forschungen möchte der Autor aber nicht nur der Scientific Community präsentieren, sondern es ist seine Intention, sich zentral im allgemeinen Islam-Diskurs zu platzieren, weshalb er für dieses Buch eine populärwissenschaftliche Aufmachung gewählt hat:

„Mein Ziel war es daher mithilfe meiner jahrelangen empirischen Erfahrung in diesem Bereich und durch meine zahlreichen Interviews mit den Imamen etwas Licht in dieses dunkle Feld zu bringen, vor allem aber eine in meinen Augen überfällige Diskussion in diesem Land ins Rollen zu bringen. Ich wollte einen ersten Einblick gewähren , wie Imame generell denken und wie sie mit wichtigen religiösen und politischen Fragen umgehen, in welchem Rahmen etwa sich ihre Einstellungen zur Demokratie oder zu unserer Gesellschaft bewegen.“ (S. 173) Einerseits ist eine populärwissenschaftliche Aufmachung für die intendierte Breitenwirkung des Buches sinnvoll, andererseits verursacht sie beim wissenschaftlich interessierten Leser einige Irritationen. Auf die Gefahr hin pedantisch zu klingen: Aussagen werden entweder gar nicht oder nur vage belegt, der überschaubare Forschungsstand zum Thema wird explizit nicht berücksichtigt (vgl. S. 19) und die bewusst von einem sozialwissenschaftlichem Jargon freigehaltene Sprache wirkt stellenweise vielleicht etwas zu einfach gehalten, was schon an dem flapsigen Untertitel „Imame – Wer sie sind und was sie wirklich wollen“ deutlich wird.

Trotz dieser Kritikpunkte muss man festhalten, dass Ceylan das Wagnis, eine wissenschaftliche Arbeit in einer eher unwissenschaftlichen Aufmachung zu präsentieren, gelungen ist, denn das zentrale Anliegen seiner Arbeit einen „unverzerrten Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt“ (S. 50) von Imamen in Deutschland zu gewähren, wird doch sehr gut umgesetzt, vor allem auch weil der Autor Originalzitaten von den Imamen viel Platz einräumt. Bemerkenswert ist, dass es dem Autor gelingt immer wieder plausible Vergleiche zwischen der deutschen Einwanderungsgeschichte in Nordamerika und dem Verlauf der türkischen Migration in Deutschland zu ziehen. Eingedenk der vom Autor beabsichtigen Breitenwirkung ist anzunehmen, dass der Autor mit derartigen Spiegelungen primär dem deutschen Leser die Entwicklung und Situation der türkischstämmigen Minderheit in Deutschland nachvollziehbarer machen möchte. Dies gelingt ihm: So zeigt er bspw., dass türkische Moscheegemeinden in Deutschland und deutsche Kirchen des 18. Jahrhunderts in Nordamerika jeweils weit mehr als nur Gotteshäuser waren bzw. sind, sondern im Migrationskontext hochwichtige multifunktionale ethnische Refugien darstellen.

Ein weiteres Merkmal des Buches ist, dass man beim Lesen durchgängig so etwas wie eine „sunnitische Perspektive“ zu spüren vermeint. Von Apologetik ist der Autor allerdings weit entfernt. Im Gegenteil: Es gelingt ihm eine kritische Bestandsaufnahme, bei der er den normativen Ansatz im Sinne der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit der Perspektive eines aufgeklärten und gleichzeitig praktizierenden sunnitischen Muslims zusammenführt, wodurch das Buch zu einem – wenn ich recht sehe – neuartigen Beitrag geriert in einer Diskussion, in der diese beiden Pole gemeinhin als (wenn überhaupt) schwierig vereinbar gelten, wobei diese Unvereinbarkeit bekanntermaßen gerade von Autoren und Autorinnen vertreten wird, die sich mit dem Prädikat „aufgeklärt-muslimisch“ versehen. So ist sein Urteil über die hierzulande gehaltenen Freitagspredigten vernichtend und ich kann nicht umhin, ihm vollauf zu zustimmen, denn Freitagspredigten „zähneknirschend über sich ergehen [zu] lassen“, ist leider sehr oft auch genau meine Gefühlslage, wenn ich an Freitagsgebeten in (türkischen) Moscheen teilnehme: „Sollte ich wie in der Schule eine durchschnittliche Gesamtnote für alle von mir erlebten Freitagspredigten geben, dann würde das Ergebnis mangelhaft lauten: Zumeist bleibt dem Hörer nichts anderes übrig, als die Khutbas zähneknirschend über sich ergehen lassen.“ (S. 32)

Der normative Ansatz im Sinne eines eigenständigen deutschen Islams wird deutlich, wenn er sich eindeutig gegen türkeibezogene Predigtinhalte ausspricht: „Inhalte wie die Thematisierung der türkischen Politik, (…) Geschichten über die Eroberung Istanbuls, das Gedenken an den Dardanellen-Krieg, das Rühmen der Märtyrer und die Glorifizierung Atatürks oder Staatsfeiern wie das Fest der Jugend in der Türkei, (…) All das hat in deutschen Moscheen eigentlich nichts verloren.“ (S. 33)

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut: Einen kurzen Vorspann bildet das Zitat eines Imams , in dem dieser seinen Arbeitsalltag schildert. In der Einleitung formuliert Ceylan dann neben einigen allgemeinen Ausführungen zum Thema und einer deutlichen Kritik an der türkischen Religionspolitik, bei der der Islam massiv für dieser Religion an sich wesensfremde nationalistische Partikularinteressen instrumentalisiert wird (vgl. S. 15), vor allem seine Hauptthese, dass Imame zentrale Positionen in der muslimischen Community innehaben und damit „wichtige gesellschaftliche sowie politische Multiplikatoren“ (S. 17) sind, weshalb ihnen auch eine entsprechende wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit gebühren sollte, die er aber bislang in einer angemessenen Qualität vermisst. Dies ist nach seiner Auffassung ein großes integrationspolitisches Versäumnis: „Die Qualität ihrer (sprachlichen und theologischen) Ausbildung, ihre politische und religiöse Orientierung und ihre Einstellung zur deutschen Gesellschaft bzw. zum deutschen Staat werden in Zukunft darüber entscheiden, ob sich die Muslime erfolgreich in die hiesige Gesellschaft integrieren werden oder ob dieser Prozess zum Scheitern verurteilt ist.“ (S. 17)

Im ersten Kapitel geht er dann auf die Frage „Was ist ein Imam?“ ein. Hierbei erklärt er die sozio-religiöse Bedeutung des Imams und seine Funktion, sowohl in einer als „allgemein“ zu bezeichnenden Weise als auch speziell für den turko-sunnitischen Diaspora-Islam. So erläutert er welchen Bildungs- und Ausbildungshintergrund türkische Imame in Deutschland haben und in was für einem Aufenthalts- und Beschäftigungsverhältnis sie sich befinden. Wichtig ist es hierbei zu wissen, dass ein Imam im turko-sunnitischen Kontext gemeinhin als „Hoca“ bezeichnet wird. Eine Begrifflichkeit, die bereits viel über die soziokulturelle Kontur der türkischen Imame aussagt, denn „Hoca“ ist von der Grundschullehrerin bis eben zum Imam im Türkischen eine sehr häufig verwendete Bezeichnung für Autoritätspersonen. Nach dem Methodenteil kommt es dann zum Kern seiner Arbeit: der Kategorisierung von türkischen Imamen in Deutschland. Folgende Imam-Typen werden von Ceylan gebildet und unterschieden: Die „traditionell-konservativen“ Imame, die „traditionell-defensiven“ Imame, die „intellektuell-offensiven“ Imame und die „neo-salafitischen“ Imame.

Traditionell-konservativ eingestellt nach Ceylans Typisierung sind die meisten in Deutschland aktiven türkischen Imame. Für sie bilden „Autoritätsgläubigkeit, Gehorsam, Gottesfurcht bei religiöser Toleranz und Patriotismus“ (S. 51) die zentralen Koordinaten ihres Islamverständnisses. Damit ist die Mehrheit der türkischen Imame also noch immer dem biederen Gastarbeiter-Islam zu zuordnen! Unter die „traditionell-defensiven“ Imame, eine der Erosion ausgesetzte Minderheit, subsumiert der Autor sowohl Anhänger des türkischen Nationalismus und Rechtsradikalismus als auch solche, die in einem sehr einfachen Volksglauben verfangen sind. Während erstere der turko-islamischen Synthese (Stichwort: Graue Wölfe) verschrieben sind und sich in der Glorifizierung und Mythologisierung der osmanischen Geschichte, in Araberhass und Verschwörungstheorien ergehen, sind es letztere dem Glauben an eine Geheimlehre, dem Okkultismus, der Heiligenverehrung – kurz dem Aberglauben der muslimischen Volksfrömmigkeit, betreiben Exorzismen, magische Rituale zur Heilung von Krankheiten und „vertreten einen aggressiven Antiintellektualismus und Irrationalismus“ (S. 79). Beruhigend ist dabei zu wissen, dass die „traditionell-defensiven“ Imame über kein nennenswertes Mobilisierungspotential verfügen, ihre Ideologie keine Zukunft hat, weil sie diese nicht an die jüngere Generation vermitteln können (vgl. S. 179).

Die Hoffnungsträger in Ceylans Imam-Typologie sind einzig die „intellektuell-offensiven“ Imame, die von ihm auf immerhin 15 Prozent geschätzt werden (S. 110): „[Sie zeichnen] sich durch einen intellektuellen, rationalen Zugang zum Islam und durch eine offensiv-kritische Auseinandersetzung mit der islamischen Tradition aus. Charakteristisch sind für die intellektuell offensiven Imame ihr dynamisches und modernes Rollen- und Religionsverständnis sowie ihre offene Einstellung zur nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft. Die türkische Nationalität spielt bei ihnen überhaupt keine Rolle mehr. Sie sind Kosmopoliten.“ (S. 110) Sie stehen für einen bewussten Islam, der in einem demokratischen Kontext gelebt und artikuliert werden soll. Sie wenden sich sowohl gegen den unaufgeklärten abergläubischen Volksislam aus der Türkei als auch gegen die verschiedenen islamistischen Strömungen und sprechen sich für die Identifizierung mit der hiesigen Gesellschaft aus.

Zuletzt stellt der Autor die von ihm als „neo-salafitisch“ typisierten Imame vor, bei denen er seine Abneigung wie schon zuvor bei den „traditonell-defensiven“ Imamen deutlich zum Ausdruck bringt. Salafitisch/wahhabitisch inspirierte Imame bereiten ihm allerdings größere Sorgen, da sie es verstehen „ihre Ideologie in eine Sprache zu verpacken, die sowohl gebildete als auch ungebildete Jugendliche erreicht“ (S. 179). Die als „neo-salafitisch“ betitelten Imame werden von Ceylan als Autodidakten bezeichnet, weil sie ihre religiöse Radikalisierung zumeist durch den Konsum entsprechender Schriften oder Vorträge selber herbeiführen, ein Prozess bei dem sie sich auch von anderen „normalen“ türkischen Muslimen und deren Moscheen abgrenzen. Zudem bezeichnet der Autor sie – obwohl Türken – als Konvertiten, weil sie oftmals aus religiös indifferenten Elternhäusern stammen, vor dem Islamismus einer anderen nicht-religiösen radikalen Ideologie anhingen und den herkömmlichen turko-sunnitischen Islam ablehnen, der für sie er nur noch einen verfälschten Abglanz des von ihnen erkannten wahren Islams darstellt (vgl. S. 150). So lehnen sie nicht nur die ungläubige Mehrheitsgesellschaft ab, sondern isolieren sich auch von der Mehrheit der organisierten Muslime in Deutschland und errichten ihre eigene „Gegenkultur zum Mainstream-Islam“ (S. 142), wobei ihre Isolierung und Distanzierung keine quietistische ist, denn im innerislamischen Dialog beanspruchen sie das Wahrheits- und Interpretationsmonopol und weil ihre Ideologie und religiöse Praxis auf Konfrontation mit der Mehrheitsgesellschaft sowie der Mehrheit der Muslime angelegt ist.

Den Schluss der Arbeit bildet ein Ausblick, überschrieben mit der so einfachen wie dringlichen Frage „Welche Imame wollen wir in Deutschland?“. Hier spricht sich Ceylan deutlich gegen die gängige Praxis der Imam-Importe aus und zitiert dabei seinen Osnabrücker Kollegen Bülent Ucar, der sogar ein Einreiseverbot für Imame aus dem Ausland in Betracht zieht (S. 178). Statt dem zweifelhaften Brain-Gain der Imam-Importe plädiert Ceylan für den Beginn einer eigenen muslimischen Theologie in Deutschland, so dass die hiesigen Muslime langfristig mehr Imame erhalten, die dem „intellektuell-offensiven“ Typus entsprechen.

Rauf Ceylan: Die Prediger des Islam. Imame – Wer sie sind und was sie wirklich wollen. Herder, Freiburg in Breisgau 2010, 191 Seiten, 12,95€.

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