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Bücher: „Den Islam neu denken – der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte.“ Eine Rezension von Tarek El-Sourani

Eine Forderung der Mehrheitsgesellschaft?

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(iz). Unter dem fortwährenden medialen Scheinwerferlicht der letzten Jahrzehnte formierte sich das Islambild zumeist durch die ideologischen Akteure politischer Bewegungen, Regierungen oder gar der eigenen weltanschaulichen Abgrenzung. Dominierend war und ist der Blick auf den Islam und die islamische Welt als ein fortschrittsfeindliches und monolithisches Gebilde, das außer Stande ist sich den neuen Gegebenheiten der modernen Welt anzupassen. Nur stellenweise wurde er als das wahrgenommen, was er für viele Muslime in erster Linie ist: Glaube und Spiritualität, aus denen Millionen ununterbrochen schöpfen und Frieden finden.

Noch seltener jedoch ist die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen intellektuellen Beiträgen. Dass aber auf muslimischer Seite allerorts gestritten und diskutiert wird, (dass) die Zahl und Heftigkeit der Debatten zunimmt, sollte zumindest nach dem Fall Khorchide klar sein. Dieses Übersehen der innerislamischen Prozesse – ob absichtlich oder aus Unkenntnis sei dahin gestellt – beklagt auch die deutsch-iranische Journalisten und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur und veröffentlichte im Frühjahr diesen Jahres ihr neues Buch mit den programmatischen Titel „Den Islam neu denken – Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“.

Wie Überschrift und Untertitel bereits andeuteten, geht es in dem Buch der renommierten und kontroversen Autorin um nichts anderes, als die gängige Lesart des Islams sowohl auf muslimischer als auch auf nicht-muslimischer Seite zu hinterfragen. Für Amirpur ist klar, dass es einen modernen Islam gibt, der sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für Demokratie und Menschenrechte einsetzt und sich überdies auf religiöse Quellen beruft.

Inwiefern es dabei nicht zu einer Weichspülung der Religion kommt, angepasst an die Forderung der Mehrheitsgesellschaft, oder ob es sich dabei lediglich um den Wunsch einer kleinen verwestlichten Minderheit handele, wird leider nur kurz behandelt. Das Streben nach Demokratie sei das Bedürfnis der Mehrheit der Muslime und die Neulesung erfolgt in guter Absicht, versichert Amirpur.

Auf den ersten Seiten umreißt die Professorin für islamische Theologie an der Universität Hamburg daher kurz und bündig die Geschichte des Reformislams, ein Terminus der ebenso kritisch hinterfragt wird, indessen sie wichtige Vertreter und historische Eckpunkte nennt. Als Gegensteuer zur wachsenden Welle rigoroser ideologischer Strömungen stellt Amirpur darum sechs muslimische Denker, Demokraten und Erneuerer in den Fokus ihres Werkes.

Männer und Frauen, die allesamt als Verfechter für einen zeitgemäßen Islam einstehen wollen, und Intellektualität mit Frömmigkeit vereinbaren zu suchen. Neben kurzen biographischen Skizzen der jeweiligen Personen, die uns durch die persönliche Opferbereitschaft und das leidenschaftlichen Engagement für die Sache Anerkennung abverlangen, erörtert sie in kurzen Aufsätzen die Grundthesen.

Allen sechs Denker hätten eins gemeinsam: Die Beschäftigung mit dem Koran. Zwingende Voraussetzung für die Entwicklung einer neuen Hermeneutik oder der Legitimation neuer Gedanken ist der Koran als Ausgangspunkt. Denn dieser ist als Referenztext der Muslime das Wesentliche, worüber sie sich einig sind.

Anfänglich kommt der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid zu Wort, der den Koran als literarischen Text lesen würde und ihn einer historisch-kritischen Lesart unterzöge. Für Abu Zaid habe der Koran einen dialogischen Charakter und stelle eine Art „Kommunikation zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen dar“. Seiner Ansicht nach liege der Fehler vieler muslimischer Gelehrter, den Koran nur als Text zu begreifen, ohne den historischen und kulturellen Kontext zu berücksichtigen. Der Korantext sei nicht etwas Statisches, sondern bedürfe der fortgesetzten Interpretation und Kontextualisierung.

Gleich darauf attestiere Fazlur Rahman dem islamischen Denken eine Stagnation, die er zu überwinden suche. Ihm nach bedürfe es einer nochmaligen Überprüfung der islamischen Methodologie im Lichte des Koran selbst. Er versuche den Koran nicht buchstabengetreu, sondern seinem ganzheitlichen Geiste nach auszulegen. Für Rahman seien daher viele Aussagen, die in der Geschichte für das Ideal gehalten worden seien, nicht normativer sondern deskriptiver Natur. In der Konsequenz sei der Koran so Rahman ein ethischer Leitfaden.

Für Amirpur sind aber auch das Aufkommen der feministischen Positionen bemerkenswert. So folgen die Vorstellung der afro-amerikanischen Buchautorin und Professorin Amina Wadud und der gebürtigen Pakistanerin und Islamwissenschaftlerin Asma Barlas. Asma Barlas halte die Botschaft des Koran grundsätzlich für antipatriarchal, betone aber, dass diese verschüttet und aufgedeckt werden müsse, unter anderem weil jahrhundertelang nur Männer Koranexegese betrieben hätten.

Die beiden letzten vorgestellten Denker kommen aus dem Iran. Abdolkarim Soroush mache in seinen Überlegungen deutlich, dass man zwischen Religion als göttliche Offenbarung und dem religiösem Wissen unterscheiden müsse. Das religiöse Wissen sei ein Verstehen und somit eine menschliche Bemühung. Dementsprechend sei es per se soziohistorischen Faktoren ausgesetzt und unterliegt der Wandelbarkeit.

Ähnliche Gedanken verfolgt auch der wohl einflussreichste muslimische „Reformdenker“, Mohammed Modschtahid Schabestari. Seine Hermeneutik hebe ebenfalls das Problem der geschichtlichen Gebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens hervor. Da der Koran nach Shabestari kaum Aussagen zur Herschaft mache, seien Demokratie und Islam miteinander vereinbar.

Wie nach der Lektüre von Amirpur klar wird, findet der interpretatorische Machtkampf und die Frage nach der Deutungshoheit längst nicht mehr bloß in den Zentren der islamischen Welt statt, sondern entwickelt sich ebenso in der Peripherie und den Western. Anders gesagt: Was unter „Islam“ zu verstehen gilt, wird heute nicht nur in der Kairoer Azhar-Moschee bestimmt, sondern gleichfalls in amerikanischen oder europäischen Moscheen. Nicht zuletzt in den Kommentarspalten europäischer Zeitungen.

Welche der von Amirpur vorgestellten Denker langfristig Einzug in das muslimische Mehrheitsdenken hält, bleibt abzuwarten. Deutlich wird, dass die Auseinandersetzung mit dem Text ein fließender Prozess ist. Da Frau Amirpur selbst kein theologisches Konzept vorlegt, gibt sie dem Buch eine persönliche Note, in dem sie nicht zu spärlich mit der Kritik an der Monopolisierung von Textauslegung und deren Missbrauch zu politischen Zwecken vorgeht.

„Den Islam neu denken“ zeigt uns einprägsam, dass der Islam Vielschichtigkeit ertragen kann. Da Amirpur allgemeinverständlich schreibt, könnte ihr Buch zumindest dazu beitragen, die harten Fronten in der Islamdebatte aufzuweichen.

Katajun Amirpur, „Den Islam neu denken“ ,Taschenbuch, 255 Seiten,Verlag: C.H. Beck; 1.Auflage Februar 2013, ca. 15 Euro.

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