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„Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka“

Bücher: Peter Schütt hat seine Biografie veröffentlicht. Von Fatima Grimm, Hamburg

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(iz) Man möchte dieses Buch eigentlich gar nicht mehr weg legen, bevor man es nicht durchgelesen hat. Peter Schütt, Jahrgang 1939, studierte in Göttingen, Bonn und Hamburg Deutsch und Geschichte und promovierte mit einer Arbeit über den Barockdichter Andreas Grypius. Seitdem hat er sich nicht nur zum Schriftsteller, sondern auch zum Dichter – zur Freude vieler Küstenbewohner sogar streckenweise auf Plattdütsch – gemausert. Seine Gedichte finden sich in zahlreichen Lyrikbänden, zugleich erinnern sich jedoch auch Generationen von Schülern an seine oft sehr treffenden und schlagfertigen Verse in ihren Deutsch-Lesebüchern.

Es ist, als wollte er zu seinem 70. Geburtstag seine Leser, die längst zu seinen Fans geworden sind – was keineswegs überrascht, wenn man seine Bücher „Allahs Sonne lacht über der Alster, Einhundertelf Geschichten aus der 1002. Nacht,“ und „Notlandung in Turkmenistan, Dreiviertelhundert Kurz- und Kleingeschichten“, kennt – an seinen überaus verschlungenen Lebenswegen teilhaben lassen. Man staunt unentwegt: Was, den oder die hat er auch persönlich gekannt? Da tauchen Namen auf wie Boris Jelzin, die Brecht-Witwe Helene Weigel, Annemarie Schimmel, Josef Ratzinger, Valentin Falin und Ulrike Meinhof, ganz zu schweigen von Otto Schily oder Ralph Giordano und deren gleichen.

Wer wie Peter Schütt noch im Kindesalter das Dritte Reich und sein Ende miterlebt hat, weiß zu schätzen, wie unsentimental er Dinge konstatiert, die andere trendgemäß eher verschwiegen hätten. So etwa die Tatsache, dass sein „sozial deklassierter Vater den braunen Demagogen früh in die Hände fiel” (er hatte bereits 1923 trotz der Nachkriegswirren sein Lehramtsprüfung abgelegt, war fortan aber fast ein Jahrzehnt lang arbeitslos und musste sich mit Aushilfsarbeiten auf Bauernhöfen und in der Cuxhavener Fischverwertung mühsam über Wasser halten). Seine Mutter „hatte immer gewusst, dass die Sache mit Hitler schlimm enden musste.” Auch sie hatte ihre Gründe: Ihr Bruder Werner, „strammer SA-Mann, ergriff seine Chance (indem er sich Hitlers Erbhofgesetz zunutze machte), ließ seine Geschwister enterben und übernahm den Besitz als Ganzes. Er überließ meiner Mutter eine Besenkammer und verlangte von ihr, dass sie für dreißig Mark im Monat das ganze Vieh versorgte…”

Immerhin kam es so zur ehelichen Verbindung zwischen der „Tochter des (ehemals) reichsten Bauern im Dorf” und dem „eigenbrödlerischen und einzelgängerischen Dorfschulmeister”, die gekrönt wurde durch die Geburt des „Viermonatskindes” Peter. Die einzelnen Kapitel seines Buches hat Peter Schütt als Stationen bezeichnet und sie durchnummeriert. In der 18. Station findet sich die meines Erachtens schönste Liebeserklärung, die ein Sohn aus mehr als ärmlichen Verhältnissen seiner tapferen Mutter machen konnte: „Meine Mutter war für mich in vielerlei Hinsicht eine Idealbesetzung. Ihre mütterliche Fürsorge für ihren Ältesten, für ihren einzigen Sohn kannte keine Grenzen. Sie ist und bleibt meine Mutter, ich bin und bleibe ihr Kind. Ich stehe in ihrem Schatten, in ihrer Schuld. Wie sehr sie mich geprägt hat, sehe ich daran, dass ich mir immer wieder Partnerinnen gesucht habe, die nicht äußerlich, aber in ihrer Persönlichkeitsstruktur nach dem Idealbild meiner Mutter geschnitzt waren.”

Die 6. Station, überschrieben „An der schönen Aussicht”, handelt keineswegs von der späteren geistigen Heimat des Verfassers, nämlich der Imam Ali Moschee, sondern vom geheimen Treffpunkt der damals verbotenen Hamburger KPD, auch „Jüboweff” (= „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung”) genannt ,,deren Mitglieder sich bescheidener weise gerne selbst als „die Gerechten” bezeichneten. An den jeden zweiten Freitag stattfindenden Zusammenkünften nahmen nicht nur so prominente Holocaust-Überlebende wie Hans Huffzky, damals „Constanze”-Chefredakteur, und Walter Koppel, seinerzeit zusammen mit Gulya Trebisch Gründer der Realfilm-Gesellschaft und „so etwas wie die graue Eminenz der lokalen Medienszene”, sondern auch “arme Schlucker” wie die afrodeutsche Bluessängerin Fasia Jansen teil. „Sie hatte,” so schreibt Peter Schütt, “eine deutsche Mutter aus einfachen Verhältnissen und einen afrikanischen Vater aus fürstlichem Hause, den sie allerdings nie zu Gesicht bekommen hatte. Als Zwölfjährige musste sie aufgrund ihrer Hautfarbe die Schule verlassen, sie musste später in der Küche des KZ Neuengamme arbeiten und wurde mit fünfzehn, noch kurz vor Kriegsende, zwangssterilisiert. Ihr Wiedergutmachungsantrag wurde dennoch als unbegründet abgelehnt, da sie keine Jüdin sei und deshalb auch nicht aus rassischen Gründen verfolgt worden sein könne.” Das war ja wohl eine Bravourleistung auf dem Gebiet der Staatsmittel-Einsparung von dem Beamten, der diese Ablehnung erteilte…

Peter Schütt stand drei Jahre lang auf der Kandidatenliste, ehe er im April 1968 feierlich seine Anerkennung als Vollmitglied erhielt, nachdem er zum Erstaunen der bereitstehenden Gratulanten seinen Treueschwur mit den Worten „so wahr mir Gott helfe” bekräftigt hatte. Als unverbesserlichem Idealisten widerfuhr Schütt, was unweigerlich dergleichen aufrichtigen Weltverbesserungswilligen widerfahren muss – er flog schließlich in hohem Bogen aus der inzwischen bekanntlich legalisierten Partei, in deren Vorstand er immerhin avanciert war…

In der 19. Station, dem Kapitel “Auf dem Weg nach Mekka”, finden sich die schönen Sätze: “Wer Gott sucht, der muss unterwegs sein, muss wandern, muss pilgern, muss umherziehen wie ein Vagabund. Auch Gott hat keinen festen Wohnsitz, er zieht umher mit der Karawane derer, die ihn suchen.” Ich lese dieses Kapitel zum zweiten Mal, um das Buch zu rezensieren, und zuerst bekomme ich den schönsten Lachanfall meines Lebens. Peter Schütt erzählt, wie ihm völlig überraschend eine Einladung des saudischen Prinzen Turki zur Pilgerfahrt ins Haus schneit und er sich zu seiner eigenen Verblüffung eine Woche später in einem Flugzeug nach Dschidda wiederfindet, und zwar 1. Klasse. So etwas hatte er bis dato nur einmal erlebt, zwölf Jahre davor, als er mit einer DDR-Regierungsmaschine in Richtung Addis Abeba unterwegs war, um am Gründungskongress der Partei der Arbeit Äthiopiens teilzunehmen.

Jetzt soll Peter Schütt selbst zu Wort kommen: „Das saudische Flugzeug war ungleich komfortabler als die DDR-Maschine eingerichtet. Ich traute meinen Augen nicht, als mir hoch oben ein Essen wie im Märchen der Tausendundeinen Nacht aufgetragen wurde. Dazu wurden mir echte goldene Löffel, Messer und Gabeln gereicht. So etwas hatte ich vorher noch nie in meinen Händen gehabt. Und schon erwachten in mir die alten urkommunistischen Instinkte: Eigentum ist und bleibt Diebstahl! Einen Augenblick lang packte mich die Versuchung, ob ich nicht wenigstens einen von den goldenen Teelöffeln klammheimlich als Andenken in die Tasche stecken sollte. Aber schließlich war ich auf der Hadsch und wollte mein Sündenkonto nicht noch zusätzlich belasten. Zudem war mir bewusst, dass weder mit der saudiarabischen Flughafenkontrolle noch mit der Religionspolizei zu spaßen war. Ich hatte Angst davor, mit einer abgehackten Hand oder gar kopflos in mein Heimatland zurückzukehren.”

Und bald darauf kann ich beinahe nicht mehr aufhören, bitterlich zu weinen: Die Beschreibungen vom eigentlichen Hadsch enthalten Sätze wie: „Doch wenn du dich in deinen weißen Ihram hüllst, dann umgibt dich dein Leichentuch. Es akzeptiert keine Unterschiede und hat keine Löcher und Taschen, in denen du deine Schätze verstecken kannst. Du streifst das Ich von dir ab wie die Schlange ihre Haut, du wirst ein Strohhalm im Getreidemeer. Du wirst zu einem Wesen, das seine Sterblichkeit spürt und sich seiner Sterblichkeit bewusst wird. Du lernst zu sterben, bevor du stirbst. Du musst all deine Egos begraben, du musst dein Selbst beerdigen, du musst zu deinem eigenen Grab pilgern…” Oder: „Arafat ist ein seltsamer Ort, eine Stadt auf Wanderschaft. Innerhalb eines Tages wächst sie aus den Sanddünen. Nach dem Abendgebet verschwindet sie wieder. Eine Vielvölkerstadt ohne Führung, ein Staatenbund ohne Grenzen, weiße Zelte, die sich von einem Horizont zum anderen ziehen, eine Krawane, die einen halben Tag Rast macht auf dem Weg zu Gott.” Und: „Mina und Arafat liegen jetzt vor den Pilgern, Arafat hinter ihnen. Dort ist die Sonne aufgegangen und ergießt ihre Strahlen über das schmale Tal von Mina. Auch die Sonne ist auf Hadsch. Sie geht in Arafat auf, wandert über Muzdalifa und betritt Mina.” Wer selbst die Pilgerfahrt erlebt hat, weiß, warum mir die Tränen kommen.

Doch wer ein solches Buch zur Hand nimmt, wird es nicht weglegen, ohne schließlich zum wehmütigen Schmunzeln zurückzufinden. Es ist schwer, aus den letzten 20 Seiten die Zeilen herauszufischen, die am umwerfendsten sind. Ich versuche es mit diesen: „Allen Turbulenzen zum Trotz zeichnet sich meine literarische Karriere durch eine erstaunliche Kontinuität aus. Mit den Jahren häuften sich die Preise, die mir nicht verliehen wurden. Von den mehr als 1400 literarischen Preisen, Auszeichnungen und Stipendien, die Jahr für Jahr in Deutschland vergeben werden, habe ich bislang noch keinen einzigen abbekommen…” Wie sehr würde ich mir wünschen, dass es endlich zur hochverdienten Diskontinuität kommt.

Von Basbeck am Moor über Moskau nach nach Mekka; Stationen einer Lebensreise, von Peter Schütt, MUT Verlag, Asendorf 2009, 424 Seiten, ISBN 978-3-89182-086-5, 26,50 Euro.

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