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„Bücher sind ein fantastisches Mittel“

Zu Besuch auf der Buchmesse: Was hat der Verleger Ajet Arifi über Bosniens Verlagslandschaft zu sagen?

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(iz) Die Frankfurter Buchmesse ist eines jener kulturellen Großereignisse, die das Feuilleton und die Kulturredaktionen bei Funk und Fernsehen routinemäßig über Wochen in Atem halten und dem Kulturbetrieb Leben geben. Unter einem Blitzlichtgewitter tummeln sich neben Intellektuellen, Literaten und Kulturpolitikern auch Prominente – und noch viel mehr Halb- und Viertelprominente -, von denen manche ein Buch geschrieben haben (oder es haben schreiben lassen). Die Sonder-Beilagen zum Thema Buchmesse beinahe jedes Printmediums lassen uns auch in diesem Jahr wieder wissen, was wir als brave und kulturbeflissene Konsumenten (nicht vergessen, die Messe ist vor allem zum Geldverdienen da, denn die ausstellenden Verlage wollen gerne die Rechte an ihren Titeln ins Ausland verkaufen) lesen müssen. Da überrascht es auch nicht, wenn man in manchen Gängen Plakate für kommende Filme sieht und sich fragt, was diese auf einer Messe für Bücher zu suchen haben. Dieses Jahr stand Indien als Gastland im Fokus, und durch das beeindruckende Gewirr der Gänge und Hallen, die das Frankfurter Messezentrum imposant machen, zogen sich die Düfte von indischem Curry und anderen Leckereien. Für jene, die sich als Fastende auf der Messe umtaten beziehungsweise einen Stand betrieben, war dies sicherlich ein zwiespältiges, wenn auch opulentes Vergnügen. Unser Weg führte uns nicht in die Halle des offiziellen Gastlandes oder zu den renommierten deutschen großen Verlagen, sondern in die eher ruhigeren Gefilde jener Messehallen, in der sich die osteuropäischen Verlage dem Fachpublikum präsentierten. Dort trafen wir Ajet Arifi und sprachen mit ihm über seinen Verlag Connectum und über Bücher und Autoren in seinem Heimatland Bosnien-Herzegowina.

Der Verleger Ajet Arifi wurde 1967 in Prishtina geboren und lebt seit 1982 in Sarajevo. 1987 begann er seine Studien an der Islamischen Fakultät in Sarajevo und besuchte die Imam-Ausbildung in der Gazi Husrevbeg Medresse. Nach dem Krieg arbeitete er unter anderem als Journalist für die Zeitung „Liljan“. Vor einiger Zeit gründete er erfolgreich den Verlag Connectum, mit dem er auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vertreten war, und der in wenigen Jahren bereits 31 Titel auf den Markt gebracht hat.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Arifi, wie sieht es bei den muslimischen Autoren in Bosnien aus?

Ajet Arifi: Wir haben eine ganze Reihe an hervorragenden Schriftstellern in Bosnien. Dabei muss man bedenken, dass in Deutschland nur jene bekannt geworden sind, die ins Deutsche übersetzt worden sind, wie der Bestseller Dzevad Karahasan. In unserem eigenen Verlagsprogramm verlegen einige der bedeutendsten lebenden muslimischen Autoren. Dazu zählen Dzevad Karahasan, Dzemaludin Latic, Nermina Kurspahic, Sulejman Bugari, Mirsad Sinanovic, Sanela Bilalagic und einige andere. Nehmen wir noch jene Autoren hinzu, die in keine westeuropäische Sprache übersetzt wurden, kommen wir auf eine sehr stattliche Anzahl.

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das islamische Element in der zeitgenössischen bosnischen Bücherlandschaft?

Ajet Arifi: Unsere Situation ist, im Vergleich mit Deutschland oder auch Frankreich, im gewissen Sinne einmalig, denn es gibt bei uns keinen Unterschied zwischen Islam und dem Alltag. Die Tatsache, dass wir eine Vielzahl an fähigen Muslimen in allen Lebensbereichen haben, führt auch dazu, dass die Anzahl der lebenden Schriftsteller und Dichter zu den unterschiedlichsten Themen schreibt. So bekommt jedes literarische Sujet eine muslimische Färbung. Ein innerer Drang, wie er in Westeuropa zu spüren ist, ist bei uns nicht nötig. Ein Beispiel dafür ist unser Titel von Mirsad Sinanovic, den er über den osmanischen Erbauer der Moschee von Foca [die vom serbischen Mob dem Erdboden gleichgemacht wurde]. Das ist ein ganz normales Stück Belletristik, in dem aber die Titelfigur ein praktizierender Muslim ist, der betet und auch sonst die Regeln des Islam befolgt.

Islamische Zeitung: In Deutschland sind wir ja nun nicht mit einer blühenden muslimischen Verlagslandschaft gesegnet. Wie schätzen Sie Ihren heimischen Buchmarkt ein?

Ajet Arifi: Im Gegensatz zu Westeuropa sind die Muslime in Bosnien die autochthone Bevölkerung. Wir haben daher unsere normale Infrastruktur. In der Vergangenheit und in der Gegenwart haben die bosniakischen Muslimen eine ganze Reihe an literarischen Traditionen begründet. Unser Verlagswesen ist dementsprechend entwickelt, wie auch das Programm unseres noch jungen Verlages zeigt.

Islamische Zeitung: Welchen Stellenwert hat Literatur zehn Jahre nach dem Krieg? Haben die Menschen überhaupt den nötigen geistigen Raum, sich damit zu beschäftigen?

Ajet Arefi: Trotz des offenkundigen alltäglichen Drucks, das wirtschaftliche Überleben zu sichern, gibt es einen festen Leserstamm, der weiterhin an den Produkten der bosnischen Verlage interessiert ist. Bereits in der Zeit des Sozialismus gab es eine gut entwickelte Landschaft im Verlagswesen. Als kommunistisches Land wurde uns zwar vorgeschrieben, was wir lesen durften und was nicht. Trotzdem entwickelte sich innerhalb dieses beschränkten Rahmens eine Kultur des Lesens, aber auch des Verlegens. Nach dem Krieg knüpften wir an diese Traditionen an. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass beispielsweise in Deutschland, wo viele Bücher verlegt werden (allerdings selten in hoher Auflage), nur 31 Prozent aller Menschen mehr als ein Buch in sechs Monaten kaufen. Da können wir in Bosnien gut mithalten.

Islamische Zeitung: Welche Auswirkungen haben die gesellschaftlichen Veränderungen seit dem Ende des Krieges? Machen MTV und anderes den Lesegewohnheiten zu schaffen?

Ajet Arifi: Sicherlich haben Sie da Recht. Die Menschen sind mittlerweile zu Sklaven der Technik geworden. Sehen Sie [zeigt auf sein Mobiltelefon], dieses Handy habe ich mir neu zugelegt. Jetzt brauche ich schon drei Tage, um überhaupt zu verstehen, wie das ganze funktioniert. Dabei vergessen wir, dass die Technik uns zu dienen hat. Stattdessen sind wir es, die die Technik bedienen. Die ökonomische Situation hat darüber hinaus auch einen entscheidenden Einfluss auf die Menschen in Bosnien. Man denkt häufig, das war es jetzt, wir haben das untere Ende der Talsohle erreicht, und dann geht es im kommenden Jahr – wirtschaftlich gesehen – doch noch etwas mehr in den Keller. Das Problem in Bosnien ist aber auch, dass es alles drei Mal gibt. Jede institutionelle Struktur ist gewissermaßen drei Mal vorhanden – und zwar auf jeder Ebene. Eine für die Bosniaken, eine für Serben und eine für Kroaten. Dies führt am Ende dazu, dass eine vollkommene Lähmung auf politischer Ebene herrscht. Was wir hier brauchen, ist eine vernünftige politische Plattform, von der aus wir nach vorne gehen können.

Islamische Zeitung: Welche Rolle kann Bosnien Ihrer Meinung nach spielen?

Ajet Arifi: Eine sehr wichtige, denn hier haben wir eine eingesessene muslimische Bevölkerung in Europa, die – bei allen Schwierigkeiten – große Möglichkeiten als Modellcharakter für alle Muslime in Europa besitzt. Sarajevo ist einer der Brennpunkte des Islam und der Muslime in Europa. Diese sollten es auch als solchen ansehen und positiv benutzen.

Islamische Zeitung: Jenseits des Geschäfts, was fasziniert Sie am Verlegen von Büchern?

Ajet Arifi: Wissen Sie, wenn sie Journalist sind, rennen sie die ganze Zeit den Dingen hinterher. Als einigermaßen gewissenhafter Publizist müssen sie eine große Menge an Zeit aufwenden, um ihre Aufgabe überhaupt einigermaßen befriedigend erfüllen zu können. Bücher sind dagegen ein fantastisches Mittel, um mit den Menschen in Kontakt treten und kommunizieren zu können.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Arifi, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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