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Bücher: Über das Leben muslimischer Frauen: Das Buch „Muslim Girls“ von Sineb El Masrar. Von Tasnim El-Naggar, Berlin

Selbstverständlich und unaufgeregt

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(iz). Muslim Girls – wie wir leben, wer wir sind“ – so lautet der Ti­tel des neu erschienen Bu­ches der Herausgeberin des multikultu­rellen Frauenmagazins „Gazelle“, Sineb El Masrar. Und es will aufräumen – aufräumen mit jeglichen Vorurteilen und Kli­schees über muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland. Dass Sineb El Masrar selbst eine von ihnen ist, ermöglicht ihr die Darstellung einer Innensicht, die man bei manch anderer Literatur zu ähnlichen Themen vermisst. Diese Innensicht besteht aus eigenen Kindheitserinnerungen, Fragmenten aus ihrer Jugend, aber auch aus Erzählungen von Freunden oder muslimischen Forumsmitgliedern sowie harten Fakten – Statistiken, Umfragen und historischen Wahrheiten, die sie unaufdringlich und reibungslos mischt und so auch dem ahnungslosen Leser die verschie­denen Lebensweisen muslimischer Frauen näher zu bringen vermag.

So plaudert sie munter, leicht lesbar und bisweilen ironisch aus dem Nähkästchen ihres Wissens, ohne sich selbst allzu sehr in den Vordergrund zu stellen oder arrogant zu sein. Sie ist eben nur eines von ­vielen „Muslim Girls“, dessen Lebenser­fah­rung teilweise als Beispiel herhält. So erzählt sie etwa von der Straße, in der sie aufgewachsen ist – auf der einen Straßenseite gut betuchte deutsch-deutsche ­Bewohner, auf der anderen Arbeiter und Ausländer. Erst einmal stellt sie aber die „Muslim Girls“ vor, denn wer sie sind, weiß eigent­lich keiner so genau. Das liege jedoch, so El Masrar, nicht daran, dass sie ein geheim­nisvolles Parallelleben führten, sondern habe vielmehr damit zu tun, dass sie schlichtweg sehr vielfältig seien. Dann ­begibt sie sich in die Komplexitäten ihrer Lebenswelten, erzählt, wie die ersten Muslime nach Deutschland kamen, wie sie ungeplant blieben, welche Folgen das für Deutschland und die Einwanderer hatte, wie es ihnen mehr oder weniger gelang, sich einzurichten in ihrer neuen Heimat. Früher oder später wird dem Leser klar: Die Lebenswelten muslimischer Mädchen und Frauen bestehen aus vielen verschie­denen Mosaiksteinchen, die sich durch dieses Buch langsam zu einem – wenn auch immer noch unvollständigen – Bild zusammensetzen.

Kaum zu bemerken macht Sineb El Masrar sich an die immer wieder diskutierten und höchst heiklen Fragen, die in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Migranten und insbesondere mit muslimischen Frauen auftauchen: Kindergarten, Schule, Bildung, Beruf, Sprache, Wohnen, Medien, Staatsbürgerschaft und Identität sowie Geschlechterfragen.

Es geht aber auch um so „unspekta­ku­läre“ Dinge wie Urlaub, Mode, Ein­kau­fen, Kochen, Familie und zwischenmen­schliche Bezie­hungen. Diese Mi­schung ­bewirkt eine unkomplizierte und ein­fühl­sa­me Annäherung an das Phä­no­men „Mus­lim Girls“. Nichts wird politisiert, dramatisiert, hochstilisiert oder aufpoliert – das Leben muslimischer Frauen wird so dargestellt, wie es ist oder sein kann, mit eben der gleichen Selbstverständ­lich­keit und Unaufgeregtheit wie das Leben nichtmuslimischer Frauen beschrieben werden könnte.

Nur manchmal springt die Formel „…genauso wie…“ zu sehr ins Auge, scheint Ungleiches an der einen oder ­anderen Stelle gleich zu machen. Denn Unterschiede zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Frauen gibt es, keine Frage. Sie sind nur viel geringer und oftmals auch unbedeutender als es uns ständig suggeriert wird, denn dass die deutsch-türkische Fatma im Gegensatz zur deutsch-deutschen Helga kein Schweinefleisch isst, ist eigentlich keine große Sache, kann aber unter Umständen zu einer solchen ge­macht werden.

Mit den Bindestrich-Identitäten „deutsch-…”, die sie konsequent anwendet, hat El Masrar den vielen möglichen Be­zeich­nungen vorheriger Autoren eine ­wei­tere nachvollziehbare, wenn auch umständliche, hinzugefügt. Das Label „Muslim Girls“ hingegen erinnert unwillkürlich an den alten Hit „Barbie Girl“ und verwirrt obendrein, weil der Anspruch der Autorin doch gerade ist, dieses homo­ge­nisierende, in vielen Köpfen allzu präsente Label zu dekonstruieren.

Es bleibt dem Leser also nichts anderes übrig, als diese Bezeichnung mit Humor und Ironie zu verstehen – wie so vieles an diesem Buch. El Masrars sprühender Witz führt teilweise zu über das Buch gebeugten Schenkelklopfern oder Schmunzeleien, weckt ab und an aber auch ein müdes Lachen hervor.

Schließlich ist klar: ihr ist es durchaus ge­lungen, Vorurteile gegenüber muslimi­schen Frauen abzubauen und verschiedene Lebenswirklichkeiten mit einer großen Selbstverständlichkeit darzustellen. Dennoch muss auch klar sein: Es sind nur Ausschnitte verschiedener Lebenswirklichkeiten, die noch tausendfach ergänzt werden könnten; zum Beispiel auch durch die der Rütli-Schüler oder der Jugend­lichen im Rollberg-Kiez in Berlins Stadtteil Neu­kölln, die El Masrar mehr oder weniger unerwähnt lässt. Dinge wie Kriminalität, Gewaltbereit­schaft, patriarchale Strukturen, katastro­phale Bildungsvoraussetzungen gibt es auch unter muslimischen Jugendlichen, keine Frage. Dies lässt die Autorin auch immer wieder kurz aufblitzen, stellt es aber nicht, wie etwa Sarrazin, als bei Muslimen allseits präsente Tatsache dar.

Sie erhebt aber auch gar nicht erst den Anspruch, das Bild muslimischer Frauen zu vervollständigen; es wird im Buch unvoll­ständig bleiben, das ist ihr bewusst und birgt für den Leser das Potenzial ­weiterzudenken, zu -lesen, zu -forschen, zu -fragen, das Gespräch mit Muslimen zu suchen, selbst Teil ihres Lebens zu ­werden.

Ohne Zweifel geht die Autorin kons­truktiv, optimistisch und nach vorne schauend an die „Muslim Girls“ heran. El Masrar kritisiert, lobt, entschleiert, ver­deutlicht und richtet zahlreiche Empfeh­lungen und Forderungen an die Politik, vor allem aber an die Mitmenschen. Sie versucht zu vermitteln: Die Vielfalt in Deutsch­land ist eine Bereicherung, die geschätzt und gewürdigt werden sollte. Der religiöse Zeigefinger bleibt dabei aus. Ihr geht es nicht darum, über den Islam aufzuklären oder Bilder über ihn gerade zu rücken, sondern zu zeigen, wie musli­mische Frauen mit ihm leben. Dabei kommt dann auch zur Erwähnung, dass „Muslim Girls“ sehr gerne Fernsehen schauen und die Werbepause dann dafür nutzen, schnell das Gebet zu verrichten, bevor es mit der Serie weitergeht.

Oder dass viele von ihnen gar nicht so jungfräulich leben wie erwartet. Dennoch findet sich auch die streng gläubige Muslima in diesem Buch wieder, die zum Beispiel ihr Kopftuch selbstbewusst und – bestimmt trägt. Manchmal sind El Masrars Forderungen aber auch nicht konsequent zu Ende gedacht. Zum Beispiel fordert sie, dass mehr muslimische Frauen Lehrerinnen werden sollten, blendet gleichzeitig aber den Kopftuchstreit, der dieser For­de­rung doch vehement entgegensteht, fast vollständig aus. Da stellt sich die Frage: Möchte sie nicht darauf eingehen, weil ihr das Thema zu heikel und festgefahren ist, oder hat sie es schlichtweg nicht im Blick?

Viel Raum sie dem Thema ­Medien, vermutlich, weil es ihr als Heraus­geberin ­eines Magazins sehr am Herzen liegt. Jene 30 Seiten ziehen sich nach ­einer Weile aber doch recht zäh; es entsteht das Gefühl, alles sei bereits gesagt und geschrie­ben worden. Ihre Schlussfolgerung aus vierzig Jahren mus­li­mi­scher Einwanderungsgeschichte in Deutsch­land ent­schädigt dies jedoch wieder: „Längst ist aus dem unachtsamen Nebeneinander ­etwas gemeinsames Neues entstanden“, so schließt sie und fragt schließlich, es auf den Punkt bringend: „Arbeiten wir zusammen?“

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