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Chancen, Probleme, Herausforderungen – wie könnte eine muslimische Antwort aussehen? Von Abu Bakr Rieger

Der Halal-Markt in Europa (2)

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(iz). Der an sich positiven Ausgangs­lage, ausgelöst durch die Kaufkraft von Muslimen, stehen viele Hindernisse gegenüber. Die Muslime sind fern, beim Thema der Halalwirtschaft gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Sie streiten über die Anwendung von Rechtsregeln, sie sind nach wie vor aufgeteilt in nationale Lager und zerrieben zwischen unterschiedlichen religiösen Interessen. Als Folge haben unse­re Vertretungen weder eine gemeinsame Strategie, noch ein abgestimmtes Marke­tingkonzept.

Das Bewusstsein, dass der Halal-Markt viele andere Prinzipien und Geschäftsfelder umfasst, ist bisher nicht sehr ausgeprägt. Natürlich gibt es bereits Bestrebungen, auch den Markt für Finanz­produkte oder Versicherungen zu eröffnen. Es fehlt aber an einer überzeugenden Darstellung des ökonomischen Konzept – ausgehend vom Geld dass wir benutzen, den wichtigsten Marktregeln und den Produkten, die wir kaufen können und wollen.

Wir müssen auch aufpassen, dass wir als Muslime nicht nur scheinbar erfolgreiche Konzepte kopieren; oft genug, ohne die negativen Wirkungen dieser Mechanismen zu verstehen. Was hier gemeint ist, zeigt eine kurze kritische Reflektion der Supermärkte. Man sollte sich erinnern, dass der Prophet selbst, Friede sei mit ihm, in Madina Moschee und Markt etablierte – beides öffentliche Institutionen und beide immer unter der Maßgabe der gleichberechtigten Zugänglichkeit für Jedermann. Jahrhunderte lang war die marktbeherrschende Stellung einiger weniger Anbieter undenkbar. Der islamische traditionelle Markt ist offen für tausende Anbieter. In Deutschland ist gerade der Lebensmittelmarkt durch einige Discounter beherrscht und die Idee des freien Handels längst ad absurdum geführt. Der ­Besit­zer der größten Lebensmittelkette Deutschlands wird als der reichste Mann des Landes geführt. Es mag sein, dass eines Tages in diesen Billigdiscounter eine „Halal Abteilung“ eingeführt wird, nur wäre das Prinzip des gerechten Handels damit wirklich schon aus islamischer Sicht genüge getan?

Zu einem erweiterten Bewusstsein über die Vielfalt und Komplexität islamischer Handelsaktivitäten tragen heute nicht nur islamische Medien, sondern auch große Messen wie der „Eurohalmarket“ in Brüssel oder die „Parishalalexpo“ bei. Hier wird schnell deutlich, dass wir nicht nur im lokalen, sondern größeren Sinnzusammenhang agieren. Diese Messen zeigen, dass Muslime international vernetzt sind und damit auch einen Brückenkopf für europäische Hersteller darstellen, die in den globalen islamischen Markt liefern wollen. Nur wenn die Bedeutung der Halal-Vorschriften in einer ganzheitlichen Ökonomie klarer wird, können wir vermeiden, dass der Eindruck entsteht, Muslime würden nur über eine bestimmte Expertise im Lebensmittelbereich verfügen. Tatsächlich ist das Image des Halal-Marktes in Europa noch immer geprägt von den – für Europäer – zunächst eher exotisch anmutenden Schlachtvorschriften. Zudem ist ein scharfer Glaubenskampf zwischen Tierschützern auf der einen, und Muslimen und Juden auf der anderen Seite entbrannt. Konservative, teilweise auch islamophobe Kreise in Europa versuchen, den Islam und das Judentum in Sachen Tierschutz als rückständig zu diffamieren. Oft ist die Tierliebe dabei nur ein vorgeschobenes Argu­ment. Diese Kreise nutzen vielmehr geschickt die wachsende Angst der europä­ischen Bevölkerungen vor dem Islam.

Auf der WHF-Konferenz in London im Jahr 2010 habe ich mit dem jüdischen Rechtsanwaltskollegen Pfeffer die Zurückweisung der Diskriminierung von muslimischen Schlachtregeln gefordert. Mein Kollege verlangte zu Recht das Ende der „Skandalisierung normaler religiöser Praxis“ durch eine säkulare Ideologie. Es gehört heute zu den Herausfor­derungen, durch eine kluge Gesprächsführung das Verhältnis des Islam zum Tierschutz zu klären und die Sorge vieler Muslime über artgerechte Haltung und Schlachtung zu verdeutlichen.

Gleichzeitig müssen wir uns in der generellen Debatte über industrielle Lebensmittelproduktion positionieren. Die Fragen sind klar: Kann zum Beispiel die Massentierhaltung wirklich im Einklang mit göttlichen Gesetzlichkeiten stehen?

Zu den größten Problem des noch jungen Halal-Marktes gehört auch der regel­rechte Machtkampf, der bei Zertifizierungen entbrannt ist. Auch in Europa häufen sich zudem Fälle zertifizierter Lebensmittel, die in Wirklichkeit aber nicht korrekt geschlachtet worden sind. Ein leitender Angestellter der britischen Lebensmittelkontrolle hat mir einmal gebeichtet, dass er nach der Begutachtung von Halal-Lebensmittel langsam zum Vegetarier mutiert sei. „Oft sei das Fleisch“, so der Beamte mit einem leichten Schaudern, „in sehr schlechtem Zustand gewesen.“

Missbräuche bei Zertifizierungen mögen Einzelfälle sein, dabei ernst nehmen muss man sie natürlich. Tatsächlich sind viele „islamische“ Zertifizieret, die oft ausschließlich im Internet aktiv sind, mit eher zweifelhafter Legitimität versehen. Vor einiger Zeit habe ich für einen Mandanten aus Spanien einen Wursthändler im Ruhrgebiet aufgesucht, der mit „Halal-Zertifikat“ seine Produkte anbot. Als ich den Unternehmer mit islamischen Segenswünschen ansprach, konnte er damit wenig anfangen, auch den Begriff „Halal“ konnte er nicht erklären. Sein erfundenes Halal-Logo rechtfertigte der Händler mit dem Hinweis, dass sich so seine Produkte in bestimmte Länder eben besser verkaufen ließen.

Während in einigen islamischen Ländern die Legitimierung von Zertifizieren auf nationaler Ebene staatlich geregelt ist, agiert in Europa eine eher unübersichtliche Zahl privater Anbieter. Auch in Europa wird daher diskutiert, ob eine zentrale Zertifizierung die Lage verbessern würde. Hier ist aber einige Skepsis angebracht, denn eine solche zentrale Stelle ist aus vielen Gründen eher ­Utopie. Die komplizierte Aufteilung der Muslime in ethnische und religiöse Gruppen macht es eher unwahrscheinlich, dass eine solche Autorität in absehbarer Zeit entsteht. Zwar überwiegen bei den seri­ösen Zertifizierer die Gemeinsamkeiten, aber in den Rechtsschulen gibt es natür­lich Unterschiede, wie sich in dem Dauerstreit über die „Betäubung“ zeigt. Die Anlehnung an islamische Länder bei der Zertifizierung ist zudem mit Schwierigkeiten verbunden. Warum sollten Verbraucher in Europa sich nach einer Auto­rität im Ausland richten?

Ein weiteres ernste Problem der „Zertifzierungswelle“ sei hier kurz angesprochen: Es gibt an dem Verfahren durchaus ernstzunehmende inner-islamische Kritik. Des Öfteren wird bemängelt, die zentralisierte Zertifizierung stärke im Ergebnis nur die großen multinationalen Konzerne und schädige zudem durch aufwendige Überregulierung – und daraus folgenden Misstrauen gegen nicht-zertifizierte Produkte – die kleinen, wenn auch durchaus islamisch korrekten Anbieter. Ganz von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht,

Tatsächlich dominieren insbesondere Lebensmittelkonzerne aus dem Westen den globalen Lebensmittelmarkt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Firma Nestle. Schon seit 1980 bietet die Schweizer Firma Halalprodukte an. Von den 443 Fabriken der Gruppe haben 85 eine Halal-Zertifizierung. Die Strategen des Konzerns bearbeiten von Malaysia aus den internationalen Markt. Ihre Produkte für die islamische Welt sind über 5 Milliarden Schweizer Franken wert und machen 5 Prozent des Jahresumsatzes aus. Während Experten wie Dr. Paul Tempo­ral grundsätzlich die mangelnde Marktkenntnissen der westlichen Firmen in Sachen Halal-Produkte bemängelt, kann er die Schweizer Manager damit wohl kaum meinen. Natürlich wächst damit auch der Einfluss einiger „Big player“ auf die Zertfizierungsinstitute. Es kann auf Dauer nicht im Interesse der Muslime sein, dass wenige Monopolisten den Lebensmittelmarkt beherrschen.

Herausforderungen
Zu den Versäumnissen der Muslime in Europa gehört, dass sie ihr Potential bisher kaum einschätzen können. Es gibt keine zentrale Stelle, die gesicherte Informationen über die islamische Wirtschaftskraft verbreitet. Genaues Zahlenmaterial, Statistiken oder Marktanalysen findet man kaum. Es wäre an der Zeit, dass volkswirtschaftlich geschultes Personal diese Marktlücke entdeckt.

Längst sind auch die Möglichkeiten des Internets für den europäischen Halal-Markt nicht ausgereizt. In meiner rechtsanwaltlichen Tätigkeit habe ich in den letzten Monaten die Initiative „Salamworld“ beraten, eine Firma die ein soziales Medium ähnlich wie Facebook aufbauen will, gerade auch, weil die Möglichkeiten der sozialen Medien bisher unterentwickelt sind. Sollte das Projekt erfolgreich sein, werden die, hoffentlich positiven Folgen, bei bis zu 50 ­Millionen angestrebten Nutzern, für den Halal-Markt enorm sein. Es wird dann Zeit, dass es auch im Netz einen virtuellen Marktplatz gibt oder islamische ­Verträge angeboten werden, bis hin zum Angebot alternativer Bezahlsysteme. Dies heißt aber auch, dass das Internet eine „nur“ europäisch ausgerichtet Strategie nahezu unmöglich machen wird. Für die Muslime eigentlich nur eine kleine Sensation, waren wir doch von jeher global ausgerichtet.

Gerade unter dem Eindruck der Globalisierung ist es auch für Muslime wichtig, ihre rechtlichen Überzeugungen gegenüber dem immer mächtigeren Kapital abzugrenzen. Bisher sind Muslime gegenüber Lebensmittelkonzernen, Supermärkte und Banken im Vergleich zu den anderen europäischen Mitbürger relativ unkritisch. Das Verhältnis von Geld, Monopolen und Banken bleibt in der islamischen Welt merkwürdig unreflektiert. Die europäischen Gesellschaften diskutieren diese Zusammenhänge. Eine kritische Bestandsaufnahme – auch im Umgang mit „islamischen“ Finanzinstrumenten – tut im 21. Jahrhundert Not.

In der zweiten Sure im Qur’an wird bekanntermaßen der Handel erlaubt und Riba verboten, das heißt aus muslimischer Sicht eigentlich auch, dass es weder monopolisierte Distribution durch wenige große Ketten geben darf, noch eine Umgehung des Zinsverbotes durch findige Banken akzeptabel ist. Gerade im Finanzwesen sind die Versuchungen eines verfälschten Rechts besonders groß. Natürlich sehen gerade islamische Banken und Versicherungen einen großen Markt in Europa. Allein die „Islamische Bank“ in England operierte schon im Jahr 2007 mit 8 Branchen und 42.000 Klienten und Einlagen in Höhe von mehr als 135 Millionen Pfund.

Im Jahr 2013 soll nun auch in Deutschland erstmals eine rein islamische Bank aus der Türkei an den Start gehen. Allei­ne die Muslime in Deutschland sollen über ein Vermögen von über 25 Milliar­den verfügen:; ein Kapital, dass durch wachsende Inflationsraten bedroht ist. Allerdings gilt auch im Bereich der Finanzinstitute, dass die vollmundige Bezeichnung einer Bank als „islamisch“ nicht schon automatisch bedeuten kann, dass sie im Einklang mit dem islamischen Wirtschaftsrecht agiert.

In Deutschland scheitern bei Grundstücksgeschäfte entsprechende Verträge islamischer Banken – die zum Beispiel das Zinsverbot mit zwei aneindergereih­ten Verkaufsverträgen umgehen – bisher ironischerweise an den Bestimmungen des deutschen Steuerrechts. Imam ­Malik verbietet klar diese Art von offensichtlichen Doppelgeschäften.

Auch wenn die deutsche Bankenaufsicht BAFin die islamische Banken lobt, weil sie durch die Finanzkrise glimpflicher davongekommen seien und sich von Risikogeschäften einigermaßen fernhalten, bleiben sie im Kern doch normale Banken. Sie sind mit der nicht-islamischen Bankenwelt durch spekulative Währungen und komplizierte Geschäfts­beziehungen eng vernetzt. In Deutschland hat der Zentralrat der Muslime ein so genanntes Halal-Produkt der WestLB zertifiziert; eine Bank, die erst vor Kurzem mit Millionen von Steuergelder vor dem Untergang in der Krise gerettet werden musste.

Muslimische Rechtsgelehrte können sich der Lehren aus der Bankenkrise und den wachsenden Zweifel über das Verhältnis der Banken zur Geldschöpfung nicht auf Dauer entziehen. In Europa gibt es inzwischen eine breit angelegte und fundamentale Debatte, an der Muslime, Christen und Juden teilnehmen. „Ist es legitim, dass Banken einfach Geld praktisch aus dem Nichts schaffen?“, lautet hier die kritische Frage. Eine wachsende Zahl von Europäern – unabhängig ihrer Konfession – bezweifeln dies und sogar Abgeordnete des ­Bundestages – wie der FDP-Politiker Schäffler – fordern die Freigabe privater Zahlungsmittel. „Nur so“, argumentiert der Politiker, „können Staaten abgehalten werden immer mehr falsches Geld zu drücken“.

Die Muslime könnten durchaus bald an die legale Möglichkeit denken ihre Münzen – Dinare und Dirhams –, die 100 Prozent gold- und silbergedeckt sind, und über Jahrhunderte Teil des islamischen Wirtschaftens waren, wieder in Umlauf zu bringen. Angesichts der ­Krise der europäischer Versicherer wären goldgedeckte Sparkonten – die Wadias – eine sichere Option für Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen.

Vielleicht ist so die größte Herausforderung des künftigen Halal-Marktes auch, aus der aktuellen Krise zu lernen und wieder mehr Vertrauen in den Sinn unserer eigenen Finanzinstrumente zu gewinnen. Der Schöpfer hat mit seinen Verboten Weitsicht bewiesen. Im Islam schlummert die letzte, echte Alternative zu den aktuellen Auswüchsen des Kapitalismus. Es geht darum, nach den Erfah­rungen des Kommunismus und des Finanzkapitalismus, einen einen dritten Weg, einen Mittelweg zu finden. Die Schaffung von Eigentum und eine Gewinnerzielungsabsicht sind auch im ­Islam ehrenwerte Absichten, aber das Recht muss Monopole verhindern und fairen Wettbewerb garantieren.

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Abu Bakr Rieger

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