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Community: ein Kommentar von Ali Kocaman

Zwischen Hypermoral und Passivität

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(iz). Wir leben in spannenden Zeiten, was bei den alten Chinesen ein Fluch war. An anderer Stelle heißt es: „Glücklich das Volk, dessen Geschichte sich langweilig liest.“ Und diese Aufregung, für besagte weise Chinesen einst eine Verwünschung, stellt die Menschen und ihre Gemeinschaft vor gewisse Herausforderungen. Eigentlich müssten wir Muslime uns mit ihnen auseinandersetzen.

Legen wir unsere Selbstäußerungen im Internet als Maßstab an, scheint sich diese banale Erkenntnis noch nicht überall durchgesetzt zu haben. Im Umgang mit drängenden Fragen der Zeit spielen die – miteinander in Beziehung stehenden – Phänomene von Hypermoral, Ressentiment und gleichzeitiger Passivität dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das ist bedauerlich, da den vielen positiven Ansätzen und lokalen Initiativen, wie jüngst durch die Speisungen für Flüchtlinge im Ramadan demonstriert wurde, bisher nicht der Raum zugestanden wurde, der ihnen eigentlich zukommt.

Egal, ob es sich dabei um kritische Fragen der Außen- und Innenpolitik handelt, reagieren immer mehr Muslime mit einer hypermoralischen Haltung. Entgegen der goetheschen Erkenntnis, dass es nichts Gutes gibt, „außer man tut es“, haben es sich manche an der Seitenlinie bequem gemacht. Unabhängig davon, ob eine Politikerin nicht wie erwartet mediengerecht reagiert, wenn sie vor laufender Kamera mit einem menschlichen Schicksal konfrontiert ist, oder das problematische Thema Flüchtlinge: Es macht sich eine Haltung der moralischen Absolutheit breit. Befragt nach ihrer praktischen Konsequenz für den Kritiker wird sie nur selten. Und auch unsere repräsentativen Gremien, die eigentlich Generatoren für praktische Konzepte und Entwürfe sein sollten, gebärden sich nicht selten als Instanzen der Sozialkritik.

In Verbindung mit diesem moralischen Rigorismus, ihn wohl auch stützend, erscheint in letzter Zeit ein vernehmbares Ressentiment gegen den Anderen. Jahrelang haben Muslime zu Recht eine Stimmung des „wir gegen ihr“ in der Gesellschaft beklagt. Nun scheint es so, als werde diese Geisteshaltung verinnerlicht. Immer häufiger liest man Phrasen wie „die Deutschen“ oder der „hässliche Deutsche“. Es wird spürbar, wie die Mechanismen von Schuldzuweisung zu arbeiten beginnen. Von eigener Verantwortung oder der Formulierung, was wir als Muslime eigentlich tun wollen und müssen, ist derzeit hingegen weniger zu hören.

Am Ende steht die Passivität. Andererseits nicht selten überhaupt erst Anlass für die Entstehung von Hypermoral. Im sicheren Wissen der moralischen Überlegenheit und der Schlechtigkeit von Mitmenschen ist man im Trockenen. Inmitten dieser selbst abgesteckten Zone der Korrektheit wird bewusst, dass man zu den Guten zählt. Das funktioniert natürlich nicht. Wissen doch die unzähligen Aktiven, dass Erfolg nur durch Miteinandersein, Positivität und Solidarität mit dem Nächsten ist. Und durch die demütige Einsicht, der Andere könnte recht haben.

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