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Cordoba oder die Okzidentalität des Orients

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Foto: Anna Krasnopeeva, Shutterstock

Brian A. Catlos, der an der University of Colorado in Boulder lehrt, macht kein Hehl aus seiner Liebe zum Spanien unter muslimischer Herrschaft. Persönliche Gründe für diese Liebe, die es geben mag, hält er wohlweislich aus der Öffentlichkeit heraus, so dass hier nur so viel gesagt sei: sie machen ihm Ehre. „Heutige Historiker“, schreibt er, „scheuen zu Recht den Begriff «finsteres Mittelalter», aber im spätwestgotischen Spanien gab es wahrlich nicht viel Licht.“ Man kann nach aller Mittelalterspinnerei in- und außerhalb der Geschichtsfakultäten – Game of Thrones lässt grüßen – dankbar sein, dass dies einmal einer ausspricht.

Tatsächlich war Al-Andalus nach dem Römischen Reich – das in der östlichen Reichshälfte bis 1453 fortbestand – die erste Hochkultur auf europäischem Boden, und selbst mit der christlichen Prägung des gotischen Spaniens war es nicht allzu weit her: 587 erst kehrte König Rekkerad dem Arianismus, der antitrinitarischen orientalischen Variante des Christentums, die in der Spätantike dominierte, den Rücken und nahm (wie Catlos anachronistisch schreibt, denn Orthodoxie und römischer Glaube waren damals noch eines) den „Katholizismus“ an; keine 130 Jahre vor der Entscheidungsschlacht am Guadalete im Juli des Jahres 711, mit der – unter dem legendären Tariq ibn Ziyad, nach dem Gibraltar (jabal Tariq = Tariqs Felsen) seinen Namen hat – die muslimische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel beginnt. Fast acht Jahrhunderte lang sollte sie währen – bis Granadas letzter, unglücklicher Emir Muhammad XII. „Boabdil“ vor den Truppen Ferdinands von Aragonien im Jahr 1492 die Waffen strecken musste. Die Geschichte des Westens, die mit Christoph Kolumbus in ihre eigentliche Phase eintritt, beginnt in dem historischen Augenblick, in dem sich der Orient aus dem Westen final zurückzieht.

Sieben Jahrhunderte zuvor konnte von Westen und Orient dagegen noch gar keine Rede sein. Der Orient war Europa; der später so genannte Westen aber war eine rudis indigestaque molis, durchtränkt von Residuen germanischen Heidentums und nur mühsam zusammengehalten durch sich langsam herausbildende moderne Strukturen – Strukturen, die, worauf jüngst der Orientalist Thomas Bauer hinwies, im Mittelmeerraum und dem Orient nie fortgefallen waren; der für die modernen europäischen Nationen so traumatische Fall Westroms (im Jahr 476) hatte dort so wenig einschneidend gewirkt wie irgendwelche Germaneneinfälle.

Hinzu kam die ungünstige klimatische Lage: sie, nicht der erst viel später zum Wendepunkt der Weltgeschichte verklärte Sieg des fränkischen Hausmeiers Karl Martell bei Tours und Poitiers, hält Catlos für die eigentliche Ursache dessen, dass das Expeditionsheer der Umayyaden im Jahr 732 nicht über die Provence hinaus in den unwirtlichen und wenig fruchtbaren Norden gezogen sei. „Für das Kalifat“, schreibt Catlos, „bildete die Invasion keine Etappe in einem großen Feldzug zur Eroberung «Europas», das damals eine arme, unterentwickelte und rückständige Provinz war und in der arabisch-islamischen Vorstellungswelt nicht die geringste Rolle spielte. Vielleicht gab es tatsächlich vage Ambitionen, Byzanz einzukesseln, aber dahinter stand keine Strategie des Kalifats.“

Das mochte freilich auch daran liegen, dass die Herrschaft der Umayyaden selber nicht unumstritten war. Im Jahr 750 wurden sie durch die Abbasiden in einer blutigen Revolte gestürzt; sie traten die Nachfolge im Kalifat an, dessen Schwerpunkt sie deutlich nach Osten in Richtung Persien verschoben, und verlegten auch seinen Sitz von der altorientalischen, später hellenistischen Metropole Damaskus nach Bagdad. Ein Umayyadenprinz überlebte die große abbasidische Säuberung und flüchtete unter abenteuerlichen Umständen über Nordafrika nach Spanien: Abd ar-Rahman ibn Mu‘awiya, der „Falke der Quraisch“. Er begründete das Emirat von Cordoba, das fortan sinnbildlich für die islamische Herrschaft in Andalusien stehen sollte.

Denn eine islamische Herrschaft war es mehr als eine homogen arabische. Zum einen, weil die Invasion von 711 – deren Historizität nicht in allen Einzelheiten geklärt ist – zum wesentlichen Teil von Berbern getragen wurde (Tariq ibn Ziyad war Berber, ebenso zahlreiche der Dynastien, in die das maurische Andalusien späterhin zerfiel); zum anderen, weil, wie Catlos schreibt, al-Andalus „durch Konversion islamisch“ wurde: „die allermeisten Muslime waren indigener Abstammung, waren also nicht weniger fremd und nicht weniger europäisch als die Christen Spaniens.“

Das mochte dadurch begünstigt sein, dass „anders als das Christentum, das sich als ein geheimer, verfolgter Kult entwickelt hatte“ der Islam „von Anfang an eine gesellschaftliche und politische Bewegung“ war: und gerade weil der Islam in seinem Anfang bereits „politisch“ war, war er von Anfang an wohl auch mehr auf Toleranz ausgelegt als das Christentum, das sich seine Staaten und Völker nicht erst erschaffen musste, sondern von Kaiser Konstantin dem Großen in ein Weltreich gleichsam hineinproklamiert worden war.

Während der letzte Umayyade Abd ar-Rahman auf der Flucht ist, vollzieht sich zur selben Zeit – 751 – im Frankenreich der karolingische Staatsstreich: Pippin der Jüngere, der Sohn jenes Karl Martell, lässt dem letzten merowingischen Marionettenkönig den Bart scheren, setzt ihn in einen Ochsenkarren und verbannt ihn ins Kloster. Mit dem nunmehrigen König Pippin und seinem Sohn Karl (dem Großen) beginnt die Konstituierung des fränkischen Europas, das Spanien den Mauren überlässt, den Ausgleich mit den Abbasiden (Harun ar-Raschid) sucht, dafür aber die Fühler ins unzivilisierte Osteuropa – sowie nach Byzanz ausstreckt. Karls Kaiserkrönung im Jahr 800 richtete sich, ebenso wie seine Verhandlungen mit Harun ar-Raschid, direkt gegen das griechische Kaisertum und den Primat des konstantinopolitanischen Patriarchen.

Catlos blendet diesen Zusammenhang weitgehend aus, doch er ist wissenswert, will man die Tragweite seiner Ehrenrettung des Mythos al-Andalus voll erfassen. Für ihn „liegen die Wurzeln des islamischen Spanien nicht im Jahr 711 oder gar bereits im Jahr 622, als Mohammed Mekka verließ, sondern in der mediterranen Welt der Spätantike mit ihren zerfallenden Weltreichen und «Barbaren»-Stürmen.“ Wie in Byzanz, so überlebte auch in al-Andalus die Antike, die ein mediterraneo-orientalisches, kein germanisches Phänomen war, und aus diesem Zivilisationsvorsprung, wie auch aus liturgischen Gemeinsamkeiten zwischen Islam, Arianismus und Orthodoxie, mag sich erklären, wieso sich die Araber, die zweimal (in den 670er Jahren und nochmals 717/18) vergeblich Konstantinopel berannt hatten, in Spanien so rasch etablieren – und halten konnten. Und als Emir Abd ar-Rahman III. 929 in Cordoba schließlich ein Gegenkalifat errichtete, wurde dies „zur unumstrittenen Supermacht Westeuropas und des westlichen Mittelmeerraums“ und seine Hauptstadt, neben Konstantinopel und Bagdad nunmehr die drittgrößte Metropole des euro-orientalischen Raumes, „zur Zierde des Erdkreises“.

Das cordovanische Kalifat hielt sich fast genau ein Jahrhundert lang; seine Abschaffung im Jahr 1031 markiert den Auftakt einer Reihe von Ereignissen, die das nachantike mediterrane Machtgefüge erst erschütterten und schließlich zerstörten: 1054 kam es zum überfälligen Schisma zwischen Rom und der Orthodoxie, 1071 zur ersten schweren Niederlage des griechischen Kaisertums bei Mantzikert gegen die Türken, 1096 zum ersten Kreuzzug. Al-Andalus aber zerfiel in die sogenannten Taifa-Königreiche, die noch einmal jene Art kultureller Blüte brachten, von der die Künstler und die Intellektuellen aller Zeiten wohl immer träumten und immer träumen werden: „Die Taifa-Ära war ein Zeitalter der Poesie und Dichtkunst, die zutiefst politisch und für die, die sie pflegten, ein Weg zu materiellem und sozialem Erfolg war. Ein geistreiches Gedicht, an den richtigen Gönner adressiert, konnte einem einfachen Mann Reichtum und Macht bringen. Die Fähigkeit, in klassischem Arabisch zu schreiben, wurde von Herrschern, die in der Eleganz des Schreibstils ein Zeichen von Autorität sahen, hoch geschätzt.“

Unter Almoraviden und Almohaden, berberischen Dynastien, die sich bald nach dem Sturz der Umayyaden im elften und zwölften Jahrhundert etablierten, verlagerte sich der Schwerpunkt von Spanien in den Maghreb, während die religiöse Toleranz der Blütezeit durch einen zunehmenden Fundamentalismus abgelöst wurde. Auch hier ist die zeitliche Parallele zur klösterlichen Reformbewegung im fränkischen Europa bemerkenswert, die mit neuen Orden nicht nur neue Begriffe von Askese und Bildung, sondern zugleich eine verschärfte Abgrenzung des Abendlandes gegen den Orient heraufführte.

Im Massaker von Granada, dem im Jahr 1066 der Wesir Yusuf ibn Nagrela mitsamt einigen Tausend Juden zum Opfer fiel, will Catlos gleichwohl kein dezidiert antijüdisches Pogrom erkennen; Yusuf hatte einen Putsch versucht und war gescheitert; gelyncht worden wären er und seine Leute wohl auch, wären sie Christen oder Muslime gewesen. Die Meinung ist in der Forschung nicht unwidersprochen, doch Catlos bietet einige Argumente für sie auf.

Mit guten Argumenten will er auch „den Begriff «maurisches Spanien» – eine anachronistische angloamerikanische Erfindung“ hinter sich lassen; er verwirft das von der heutigen Rechten in- und außerhalb Spaniens bemühte „Ethos der Reconquista als wirkmächtigen Nationalmythos“ und das von „Tourismusverbänden“ erfundene „weichgespülte Bild Spaniens als dem «Land der drei Religionen» und der christlich-muslimisch-jüdischen Harmonie“ gleichermaßen. Die These von al-Andalus als dem Land der convivencia, einer durchweg friedlichen und prosperierenden Koexistenz der drei „Buchreligionen“, mit der der Historiker Americo Cástro 1948 das franquistische Spanien schockierte, ist heute herrschende Populärmeinung, in der Forschung indessen schon seit Längerem umstritten; Catlos geht einen Mittelweg, er ersetzt convivencia, durch conveniencia, also Zusammenleben durch Konvention – und kann dennoch nicht verbergen, dass er auch diese politische Realität für eine bessere hält als das, was der Rest Europas damals an Lebenswirklichkeit zu bieten hatte.

Doch das muss er auch gar nicht. Brian Catlos ist ein gelehrtes, vor allem aber lehrreiches Erzählwerk gelungen, das den Blick seiner Leser mit sanftem Druck auf die Schönheiten eines historischen Kapitels lenkt, in dem die ursprüngliche euro-orientalische Einheit vielleicht zum letzten, bevor der Graben zwischen Abend- und Morgenland unwiderruflich tief aufgerissen wurde, den erst das globale Zeitalter seit 1990 mühsam wieder zuschüttet.

Denn „Islam, Christentum und Judentum“, so schreibt Catlos zum Ausklang, „sind keine voneinander unabhängigen Kulturen. Sie sind unauflöslich miteinander verbundene Dimensionen eines größeren Ganzen, das wir «den Westen» nennen – das Ergebnis altnahöstlicher, jüdischer, griechischer, persischer und römischer Einflüsse, die im Laufe der vergangenen Jahrtausende im Mittelmeerraum miteinander verschmolzen und Menschen und Kulturen aus Afrika, Europa, Westasien und darüber hinaus in ihren Bann zogen.“ Mehr Ehre kann man dem Westen heute kaum antun, als dass man den Beweis der Okzidentalität des Orients mit so viel aufrichtiger Liebe führt, wie Catlos es in seinem Buch unternimmt.

Brian Catlos, al-Andalus Geschichte des islamischen Spanien. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Beck 2019, 491 S., 29,95€.

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Konstantin Sakkas

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