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Corona, Corona, Klopapier

Die IZ-Kolumne von Zenar Marf

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Foto: philippgehrke.de, Shutterstock

(iz). In sterilen Abständen geistern die Studierenden durch das Foyer der Göttinger Universitätsmensa. Ungewohnte Stille, begleitet von hellhöriger Skepsis. Nur wenige bekommen die ubiquitäre Gefahr tatsächlich unter Labormikroskopen zu Gesicht, aber das Hören bleibt Bürgerrecht und so folgt daraus:  Sich am helllichten Tage die Nase zu schnäuzen ist das neue Arabisch-Sprechen an Flughäfen.

Hier, inmitten der Leute, stand ich zuweilen herum, wenn meine Kumpanen es nicht so ernst nahmen mit dem Zeitpunkt einer Verabredung. Dann stellte ich mir vor, wie das Studium vor gut 180 Jahren gewesen sein musste. Zur guten alten Zeit der manierlichen Pflichten: Riesige Bauten durchdrungen von einer Aura der Gelehrsamkeit, vereinzelt ein paar Studentengruppen, die Heine aufsagen oder aber sich über den Landesverräter Heine mokieren. Dann und wann hieß es, sich solidarisch zu zeigen, etwa als der Göttinger Universitätsprofessor Jacob Grimm 1837 vom hannoverschen König des Landes verwiesen und in einer Kutsche gen Kassel vertrieben wurde. Die Studenten strömten rechtswidrig aus Hecken und Gassen herbei, um dem verehrten Lehrer beizustehen. Am Abend aber spazierte man ganz für sich über den stillen Campus. Petroleumlaternen irrlichterten selbstgenügsam.

Derlei Tagträume verblassen schnell und allmählich schrillt mir das Studierendengeplärr in die Ohren. Dann stehe ich da immer wieder, inmitten des übervölkerten Foyers, und denke: In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung. Gehetzt streift man sich Schulter an Schulter. Und in jedem Kopf spielt sich ein anderer Film ab – in 1,5-facher Geschwindigkeit, begleitet von entsprechenden Soundtracks, die aus AirPods erschallen.

Nicht so heute. Social distancing wird manierlich eingehalten. Es ist, als wäre das Land auf die Ohren gefallen und vernehme bis auf einen Tinnitus keine Töne mehr. Und in allen Köpfen spielt dieselbe Leier con Variazioni: Corona, Corona, Klopapier. Wer hätte das erahnen können! Liegt doch das Charakteristikum unserer Zeit gerade in der Abwesenheit eines Charakteristikums schlechthin und im Aufkeimen der Pluralität. Mit der industriellen Vervielfältigung ging auch eine Vervielfältigung der Lebenswelten einher. Dieses jeder-und-jede-lebt-in-der-eigenen-Welt, so als spiele jeder und jede die Hauptrolle einer Serie von zahllosen anderen Serien auf einer gewaltigen Streaming-Plattform; diese Pluralität, so notwendig und erwünscht sie auch ist, sie macht auch bisweilen nervös.

Wo das gesellschaftliche Leben sich ausdifferenziert, da erscheint der Begriff der Einheit archaisch. Der Begriff der Identität wird von Einheitsgedanken entkoppelt und individualisiert; jede Person hat ihre eigene Identität. So bekommt der Begriff seine originäre Bedeutung zurück und besagt nunmehr, mit sich selbst und nur mit sich selbst identisch zu sein. Diese individuell ausdifferenzierte Welt greift nicht nach einem gemeinsamen Kern, sie sprengt sich selbst in einer zentrifugalen Bewegung nach allen Seiten auf. Dieses Schnell-Schnell in alle Richtungen kann bedauert oder gewürdigt werden. In jedem Fall ist es das Sinnbild unserer Gegenwart.

Dachte ich zumindest, bis Deutschland und die ganze Welt von heute auf morgen in den Stand-by-Modus schaltete. Ein unsichtbarer, scheinbar allgegenwärtiger Erreger mit der sehr formalen Bezeichnung „Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2“, kurz: Sars-CoV-2, hat es tatsächlich geschafft, die Welt der Kriegstweets so zu entschleunigen, sodass die morgendlichen analogen Tweets am Fenster in das Bewusstsein zurückkehren. Gleichzeitig konvergieren die sonst so diversen Lebenswelten in diesem einen Allerweltsthema.

Corona ist Tagesschau- und Tageszeitungsthema Nummer 1 und entmetamorphisiert die Wendung „Viral gehen“ auf ungeahnte Weise. Die Bevölkerung ist angehalten, sich zu isolieren. Versammlungen werden abgesagt. Während Schulen schließen, sollen Eltern nun im Home-Office arbeiten. Die Folge: Familien verbringen den ganzen Tag unter einem Dach. Das Zuhause ist nicht länger ein funktionaler Raum der nächtlichen Ruhe oder der gemeinsamen 2 Stunden mit Kind und Partner. Das stellt viele vor Herausforderungen und zugleich birgt es erstaunliche Möglichkeiten. Möglichkeiten, die mit Blick auf die Geschichte nicht das erste Mal entdeckt wurden.

Zu meiner guten alten Zeit, zur Zeit des manierlichen Biedermeier, erlebte das eigene Zuhause schon einmal eine fruchtbare Wiederentdeckung. Die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1814 und der bürgerlichen Revolution von 1848 enttäuschte mit Zensuren und Mangel an politischer Einheit, sodass es viel­versprechender schien, im trauten Heim und engem Kreise sein gesellschaftliches Leben zu führen. Es war die Zeit des ­gemeinsamen Musizierens im Wohnzimmer, der Lesekreise und der lyrischen Heimromantik. In Gemälden wie „Die Familie Begas“ (1821) ist diese Lebenswelt säuberlich porträtiert.

Was gestern die politische Krise im Ausklang der napoleonischen Zeit war, könnte heute die Corona-Krise sein. Das Zuhause und das Familienleben müssen nicht zwangsläufig beengen, sie können produktiv gestaltet werden. Ist es nicht auch beruhigend zu wissen, dass diese knapp acht Milliarden Geister an ein und dasselbe Thema denken können und dass die Überholspur, auf der wir uns immer und überall befinden, auch verlassen werden kann?

Wenn ich hier im Foyer so um mich herumschaue, dann lässt wohl der ungewohnte Anblick leerer Räumlichkeiten und innengekehrter Menschen erschaudern. Die sterilen Abstände mögen auf den ersten Blick befremdlich scheinen, doch gerade hierin zeigt sich ein sonderbarer Moment der Einigkeit. Indem wir die Distanz zueinander wahren, werden wir uns unserer Mitmenschen erst bewusst. Man mag körperlich isoliert sein, im Geiste ziehen alle an ebenjenem Strang, der einst mit dem archaisch anmutenden Begriff Einheit bezeichnet wurde. Und das ist, so seltsam es dieser Tage über die Lippen geht, irgendwie schön.

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