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„Das ­Islambild der Massenmedien nivelliert die facettenreiche Vielfalt des Islam“

IZ-Begegnung mit dem Forscherehepaar Monika und Udo Tworuschka über ihr neues, wegweisendes Buch zur Islamdebatte

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Foto: igmg.org

(iz). Die anti-muslimischen Diskurse der letzten zwei Jahrzehnte sind auch in Deutschland nicht folgenlos geblieben. Nicht nur haben sie die Entstehung eines neuen, rechten Populismus mit befeuert. Sie äußerten sich in den letzten Jahren auch in einer gesteigerten Anzahl von physischen und verbalen Übergriffen gegen Muslime und ihre Einrichtungen. Während rassistische und anti-muslimische Einstellungen längst nicht mehr ignoriert, sondern auch kritisiert und zurückgewiesen werden, mangelt es noch an einer kritischen Reflexion öffentlicher Diskurse über „den Islam“ und die Muslime dieses Landes.

Hierzu sprachen wir mit dem Ehepaar Monika (Autorin sowie Islam-, Religions- und Politikwissenschaftlerin) und Udo Tworuschka (Religionswissenschaftler). Die beiden Fachleute beschäftigen sich seit vielen Jahren auch mit diesem Thema und haben unter anderem Bücher zum Thema Inter­religiöser Dialog veröffentlicht. In diesem Frühjahr erschien ihr gemeinsames Buch (Kreuz Verlag) „Islam – Freund oder Feind“, dass beide als ein „kritisches Islambuch“ bezeichneten.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Tworuschka, lieber Herr Tworuschka, Sie schreiben in Ihrer Einleitung, dass Ihr neues Buch ein „kritisches Islambuch“ sei. Können Sie unseren Lesern mitteilen, was der Unterschied zu den seit Jahren erfolgreichen islamkritischen Büchern ist?

Monika & Udo Tworuschka: Wir haben den Eindruck gewonnen, dass viele sogenannte islamkritische Bücher den ­Islam unter einen Generalverdacht stellen und alles aus dem Blickwinkel dieses Vorverdachtes interpretieren. Viele Islamkritiker vereint ein Hass auf alles Islamische. Sie übertreiben, verzerren, ignorieren wichtige alternative Sichtweisen islamischer Denker und den Wandel bestimmter Interpretationen. Als Autoren eines nicht islamkritischen Buches, sondern eines kritischen Islambuches sehen wir manche Entwicklungen innerhalb des ­Islam durchaus als problematisch an (keine Religion ist perfekt, sondern wird von Menschen gelebt), ohne jedoch das Kind mit dem Bade auszuschütten und die ­gesamte Religion des Islam abzuwerten. Das wäre ein grober Unfug und würde dieser faszinierenden Weltreligion nicht gerecht.

Islamische Zeitung: Sie schreiben, dass Sie sich Religion/en verstehend nähern wollen. Wie drückt sich das in Ihrer Herangehensweise aus?

Monika & Udo Tworuschka: Seit ungefähr 40 Jahren haben wir in unseren Büchern zwischen immanenter und externer Kritik an Religion(en) unterschieden. Wir bemühen uns, den Standpunkt einer anderen Religion so ernst wie nur möglich zu nehmen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass wir uns der Autorität fremdreligiöser Texte – wie auch Texten der eigenen Tradition – gehorsam zu unterstellen hätten. Alles verstehen heißt nicht, alles zu verzeihen. Aber wir favorisieren eine „Hermeneutik des Vertrauens“, welche die starken Seiten des Islam zur Geltung bringt. Außerdem gibt es eine „Hermeneutik des Verdachts“, die zwei Seiten hat: Ihre negative Fassung findet sich bei Hasskritikern, die ganze Menschengruppen (die Muslime, die Sinti und Roma usw.) unter Verdacht stellen. Im Unterschied zu dieser sozialschädlichen Version gibt es eine zweite, positive, ideologiekritische Hermeneutik. Diese befähigt, entschieden allen Hass­predigern entgegenzutreten, Frauen­unterdrückung, Verfolgung Andersgläubiger und Abtrünniger als das zu ächten, was sie sind: Nach unserem Verständnis unislamisch, inhuman und asozial.

Islamische Zeitung: An wen richtet sich Ihr Buch? Hoffen Sie damit relevante soziale Kreise zu erreichen?

Monika & Udo Tworuschka: Wir hoffen, gesellschaftlich relevante Kreise, insbesondere Politiker, Sachbearbeiter in Behörden, Migrationsbeauftrage, Lehrer, Erzieher bzw. *innen usw. zu erreichen. Leider besteht das Problem, dass oft nur die erreicht werden, die ohnehin schon ein offenes Ohr für die Probleme haben.

Foto: Tworuschka

Islamische Zeitung: Sie beklagen – wie andere Beobachter auch – eine an „religiösen Analphabetismus grenzende Ignoranz in unserer nachchristlichen Gesellschaft“. Wie drückt sich diese Ihrer Ansicht nach aus?

Monika & Udo Tworuschka: Früher war es in Deutschland, nicht nur im katholischen Milieu üblich, dass sich das Leben des Einzelnen, der Familie und Gemeinschaft an den religiösen Werten und Feiertagen sowie den Festen im Lebenskreis (Geburt, Kommunion/ Konfirmation, Firmung, Heirat und Tod) orientierte. Auch wenn man sich von anderen Religionen abgrenzte, so waren diese Menschen zumindest theoretisch in der Lage, auch bei anderen Religionen vergleichbare religiöse Observanzen ­festzustellen und zu respektieren. Heute leben beziehungsweise wachsen nicht nur im Osten unseres Landes Menschen ­heran, in deren Leben Religion kaum eine beziehungsweise gar keine Rolle ­gespielt hat, deren Kenntnisse über Religion(en) höchstgradig defizitär sind. Es gehört nicht mehr zu den allgemeinen Bildungsstandards, über Religion(en) Bescheid zu wissen, obwohl dies gerade heute dringender denn je nötig wäre. Für diese Menschen wirken religiöse Ausdrucksformen wie Gebet, Speise- und Kleidungsvorschriften bestenfalls exotisch, oft aber sogar als Ausdruck von ­Fanatismus.

Islamische Zeitung: Im Titel der ersten These Ihres Buches schreiben Sie, „die Islamisierungs-Hysterie“ habe verschwörungstheoretische Züge. Sind die bekannten „Panikmacher“ (Bahners) Auslöser dieser Hysterie oder greifen sie bestehende Stimmungen nur auf, die sie dann verstärken und zuspitzen?

Monika & Udo Tworuschka: Das ist nicht immer einfach zu sagen. Zum einen kann man eine gewisse Hysterie gegenüber dem Islam seit seiner Entstehung beobachten. Diese wurde durch besondere Ereignisse verstärkt wie zum Beispiel die Vorgeschichte der Kreuzzüge, das ­Erscheinen der Türken vor Wien, die Ankunft der Flüchtlinge 2015, die Ereignisse der Silvesternacht 2015/16 in Köln. Verschwörungstheorien gehen ­davon aus, dass nichts zufällig geschieht, alles geplant ist. Durch Halb- und ­Unwahrheiten – wären die Fronten zum Teil nicht so verhärtet, würde man einfach über so viel Blödsinn lachen – will man die Überfremdung des Westens durch muslimische Migranten belegen. Hinzu kommt, dass die hier lebenden, sozial schwächeren Menschen reale ­Ängste vor Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot haben. In einer solchen Situation werden muslimische Menschen mit Migrationshintergrund schnell zu Sündenböcken.

Islamische Zeitung: Lässt sich Ihrer Meinung nach sagen, dass sich diese Diskurse dann beispielsweise in real existierende Diskriminierung und Hassverbrechen manifestieren?

Monika & Udo Tworuschka: Leider haben die antiislamischen Diskurse zu Diskriminierung und rassistisch motivierten Übergriffen und Verbrechen geführt. Tätlichkeiten gegenüber Muslimen haben dramatisch zugenommen. 2017 wurden mindestens 950 Angriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen festgestellt. Wir haben nicht den Eindruck, dass dies die Medien genügend interessiert.

Islamische Zeitung: In Teilen der soziologischen Forschung wird der ­Islamkritik auch ein Herrschaftsfunktion zugewiesen. Würden Sie diese ­Ansicht teilen? Oder anders gefragt: Welche Funktion haben die gegenwärtigen Islamdiskurse?

Monika & Udo Tworuschka: Das Diskursfeld Islam mit seinen gesellschaftlich legitimierten „Wahrheiten“, die in Wirklichkeit durch reine Bedeutungszuweisungen entstanden sind, wird bestimmt durch Vorstellungen, dass diese Religion besonders konfliktträchtig ist, dass Auseinandersetzungen um die Teilhabe von Muslimen oft konfrontativ verlaufen, dass sich Muslime religiös bedingt abweichend verhalten, ihre Ethik nicht mit deutscher Kultur und Werten vereinbar sei. Zum polemisch und populistisch geprägten Diskursfeld Islam gehören: die immer wieder in Frage gestellte Integrationsfähigkeit der Muslime, der durch den 11. September angestoßene Sicherheitsdiskurs, die inzwischen wohl nur noch lächerlich zu nennende Kopftuchdiskussion. Islamdiskurse haben auch die Funktion, wirtschaftliche und soziale Machtpositionen zu verteidigen. Man spricht vom ganz Fremden, Unvereinbaren mit dem Eigenen, obwohl es schlicht um die Verteilung des gemeinsamen Kuchens geht.

In Islamdiskursen spiegelt sich nicht zuletzt auch die zum Teil problematische Bündnispolitik der BRD mit den USA und anderen Mächten, um deren Position im Nahen Osten zu rechtfertigen.

Islamische Zeitung: An einer Stelle schreiben Sie, dass wir es mehr mit ­Islambilddiskuren zu tun hätten als mit Islamdiskursen. Können Sie das ausführen?

Monika & Udo Tworuschka: Das ­Islambild der Massenmedien nivelliert die facettenreiche Vielfalt des Islam. Es zeichnet sich durch das aus, was gesagt und gezeigt wird. Nicht weniger aber auch durch das, was nicht oder allenfalls am Rande vermittelt wird. Die Massenmedien filtern erhebliche Teile islamischer Wirklichkeiten aus, richten ihre Aufmerksamkeit auf Gewalt, Extremismus, Terrorismus, Demokratiefeind­lichkeit, Unterdrückung der Frau. Unkri­tische Mediennutzer, die naiv an die ­Objektivität von Bildern und Texten glauben, müssen geradezu die genannten Merkmale für „den wahren Kern“ des ­Islam halten, die manipulative Medienmacher ausgewählt haben. Doch Bilder können lügen, und moderne digitale Bildbearbeitung macht es unmöglich, zwischen authentischen und bearbeiteten Bildern zu unterscheiden. Der für real gehaltene Islam – oft die Summe von ­Extremfällen – ist in Wahrheit ein inszenierter, konstruierter Medienislam.

Islamische Zeitung: Haben Sie ganz praktische Ratschläge, wie Deutschlands Muslime praktisch auf diese Debatten einwirken und sie zum Besseren beeinflussen können?

Monika & Udo Tworuschka: Wir glauben immer noch, dass gute Gespräche und Begegnungen sehr viel erreichen können. Dabei ist wichtig, dass beide Seiten ihre Vorbehalte und Kritikpunkte ansprechen. Durch die universitäre Professionalisierung von Muslimen entsteht zunehmend eine intellektuelle islamische Elite, die sich in qualifizierter Weise am Diskurs beteiligt. Auch setzen wir sehr auf den sich an deutschen Schulen etablierenden islamischen Religionsunterricht, der von Lehrkräften geleitet wird, die das Fach an deutschen Hochschulen studiert haben. Dieser (dialogisch orientierte) Religionsunterricht dient nachweislich der Herausbildung von Toleranz und Integration, ermöglicht es Heranwachsenden, kritisch ihren Glauben zu hinterfragen, um reflektiert Muslim sein zu können.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Tworuschka, lieber Herr Tworuschka, wir bedanken uns für das Interview!

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Sulaiman Wilms

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