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Das Abendland unterschlägt eine seiner wichtigsten Komponenten. Von Prof. Dr. Ferid Muhic, Skopje

Das muslimische Europa (2)

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(iz). Wie wir sehen können, stammt kein Teil der zeitgenössischen europäischen Identität aus dem westlichen Teil Europas oder, in diesem Fall, aus der westlichen Hemisphäre. Die Regionen Westeuropas übernahmen nur kulturel­le Elemente des Ostens (Orient) und passten diese an. Wegen seiner expansi­ven Stärke und imperialen Politik beinflusste es schließlich die globale kulturelle Situation. Geografisch, kulturell und religiös besehen sind die Worte „Westen“ und „westlich“ – gedacht, um die Wirklichkeit Europas zu beschreiben – vollkommen entleerte Begriffe.

Der „Westen“ ist nicht das korrekte Gegenteil zur Wahrnehmung des ­“Orients“, da hier zwei verschiedene Sprachen – Deutsch [im Original „English“] und Latein – kombiniert werden und dadurch mit einem Vorurteil behaftet sind. Das lexikologische Gegenteil zum „Orient“ sollte „Okzident“ sein und ich schlage vor, wenn es sich um dessen imperialistische und koloniale Phase handelt, sollte das Wort als „Unfall“ (engl. „accident“) ausgesprochen werden.

Das Fehlen echter Beweise regte die Einbildungskraft vieler europäischer Politiker an, viele rechtliche und bürokratische Vorgänge zu kreieren, um die Annahme dieser semi-mythologischen Konstruktion zu unterstreichen. Dadurch wird der muslimische Faktor bis heute komplett ignoriert.

Um zurück zu Husserl zu kommen: In seinem Wiener Vortrag sieht er die Ursprünge der spirituellen Idee Europas in Griechenland. Hier begann eine Handvoll Männer einen radikalen Wandel des gesamten kulturellen Lebens in ihrem eigen Volk und unter ihren Nachbarn.

In Wirklichkeit, im Gegensatz zu diesem monolithischen Bild, kann die europäische Identität besser als eine Reihe sich überschneidender Kulturen beschrieben werden. Ob als Gegensatz von Nord und Süd, West und Ost, Christentum versus Islam, Protestantismus gegen Katholizismus – viele behaupten, kulturelle Trennungslinie über den ganzen Kontinent ausmachen zu können. Gegensätze, aber auch verbindende Komponenten … Es gibt viele kulturelle Erneuerungen und Bewegungen, die sich oft ­widersprechen. Und da die Tatsache des Islam als ein integraler Bestandteil der europäischen Identität bis ins siebte Jahrhundert zurückreicht und seitdem andauert, wird klar, dass „Europa und Islam eine gemeinsame Geschichte haben und damit eine geteilte Identität“, um Prof. Ekmeleddin Ihsanoglu zu zitieren, den Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC).

Und so ist die Frage nach „europäischer Kultur“ oder „europäischer Identität“, „europäischen Werten“ usw. weit komplexer, als es den Anschein hat. Um es offen und ehrlich zu sagen: Dies bedeutet, dass jedes ernsthafte historische, kulturelles oder sozio-politisches Verständnis des zeitgenössischen Europas in seiner regionalen, kontinentalen und globalen Lage und Aussicht in der Perspektive der muslimischen Anwesenheit als einer der Schlüsselfaktoren gedeutet werden muss. Der islamische Einfluss ist ein sehr wichtiger Faktor. Aber: Die Wahrheit ist mehr als nur die Fakten.

Auf der Suche nach der Wahrheit stellen wir fest, dass sich diese in einem vielfältigen Zusammenhang bewegt. Diese Beziehungen stehen für ein glänzendes Beispiel eines konstruktiven, Jahrhunderte alten Prozesses des Gebens und Nehmens unter Kulturen und Zivili­sationen. Es kann gesagt werden, dass der Austausch – angesichts seines Umfangs, seiner Tiefe und seiner ­Dauer – zwischen islamischer Kultur und der des Westens „historisch“ einzigartig und ohne Gleichen ist. Die räumliche Nähe, die geistige, die verwundenen Relationen und die Begegnung gemeinsa­mer Interessen spielten eine zentrale Rolle bei der Bildung jener Beziehungen.

Seit seinem Anfang stand der Islam vor den Toren Europas. Nur 12 Jahre nach dem Tod des Propheten waren Muslime in Armenien, Georgien, Dagestan und anderswo – darunter auch in Teilen des Byzantinischen Reiches. Weniger als 80 Jahre später waren die Muslime in Spanien, 12 später in Südfrankreich und auf beinahe allen Inseln des Mittelmeeres – von Zypern, Sizilien, über Mallorca und Rhodos nach Malta und anderswo. Große Gebiete im östlichen und südlichen Europa wurden mehr als 500 Jahre vom Islam regiert. Dies endete erst zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Anwesenheit von Muslimen in Spanien währte beinahe acht Jahrhunderte. Ihre dortige Präsenz prägte die europäische Geschichte und spielte eine glorreiche Rolle in der Ausbreitung von Wissenschaften, aber auch der edlen Werte der Toleranz und der friedlichen Koexistenz. Es reicht allein schon aus zu sagen, dass diese muslimische Kultur nicht nur zum Anfang der Renaissance und der Aufklärung in Europa beitrug, sondern direkt ihre wichtigsten Segmente formte.

Kaum endete die muslimische Herrschaft in Spanien und in Westeuropa, als das Licht des Islam in Osteuropa begann, unter dem osmanischen Devlet (Gemeinwesen) zu scheinen. Dieses Gebiet, dass 1299 auf weniger als 5.000 km2 begann, erreichte 1699 unglaubliche 24.000.000 km2. In seinem gesamten Herrschaftsbereich führte es eine Gesellschaft auf Grundlage islamischer Werte ein. Cordoba wurde von Sarajevo abgelöst, das damals – nach Ansicht von Prinz Charles in einer Rede von dem Oxford-Zentrum für Islamische Kultur 1991 – die liberalste und toleranteste Stadt Europas war. Dies wurde nur möglich, weil der Islam die reichen Ressourcen der Vielfältigkeit anzapfte. Dies brachte ihnen die sofortige Akzeptanz der einheimischen Bevölkerungen ein; insbesondere auf dem Balkan.

Strikt und vollkommen in Übereinstimmung mit den wichtigsten islamischen Werten organisierte und gewährleistete das Osmanli-Devlet allen Völkern und ethnischen Gruppen die Unversehrtheit ihrer Sprachen, Schulen und religiösen Einrichtungen. Bosniaken, Serben, Kroaten, Griechen, Albaner, Bulgaren, Vlachen, Rumänen … sie alle bewahrten ihre Sprache, ihre kulturelle Identität, ihre Traditionen und Bräuche genauso wie ihr Recht, die Religion ihrer freien Wahl zu praktizieren. Dies wurde von der obersten Autorität der Osmanlis – des Islams – strikt beschützt. Sofort nach dem Rückzug der Osmanlis waren alle diese Völker in der Lage und bereit, ihre Nationalstaaten in vollem Umfang und mit intakter Identität zu kreieren.

Dies definitiv das liberalste und tole­ran­teste Regime der Geschichte. Wenn wir vergleichen, was mit dem ganzen enormen Gebiet der drei Amerikas – Nord-, Mittel- und Südamerikas – geschah, dann werden wir sehen, wie die Einheimischen entweder vollkommen ausgelöscht oder aber dezimiert wurden. Ihre Sprachen gerieten vollkommen in Vergessenheit – dank der Zwangssprachen Englisch (Nordamerika), Spanisch (Mittel- und Südamerika) oder Portugiesisch (Brasilien). Die Praktizierung der einheimischen Religionen wurde unter Strafe gestellt und in den USA per Gesetz bis 1972 als Verbrechen eingestuft.

Selbst wenn sie heute die Möglichkeit zur Bildung eigener Staaten hätten, würde ihnen dies in den nächsten Jahrhunderten wahrscheinlich nicht gelingen. Sogar heute noch ist in Indien – trotz seiner antiken spirituellen Tradition und reichen Kultur – als Folge der britischen Kolonialherrschaft Englisch offizielle Sprache. Vom ersten Augenblick der französischen Kolonialherrschaft in Teilen Nordafrikas an wurde Französisch per Befehl zur Staatssprache. Alle öffentlichen und staatlichen Einrichtungen wurden nach dem französischen Muster organisiert. Wie sollen wir diese dramatischen Unterschiede in der Praxis der liberalen Herrschaft und Prinzipien der kulturellen und religiösen Toleranz verstehen!?

Entscheidend dabei war nicht die Brutalität von Briten, Niederländern, Franzosen, Spaniern und Portugiesen im Unterschied zum humaneren Charakter der Osmanen. Neben einigen kulturell bedingten Differenzen, verhalten sich Menschen in der ganzen Welt ähnlich, denn sie sind mehr oder weniger die gleichen Menschen. Der Schlüsselfaktor, der den Unterschied machte, war genau genommen der Islam. Die soziale Wirklichkeit, in all ihrer Komplexität, basierte auf den religiösen, philosophischen, sozialen, wirtschaftlichen, pädagogischen und rechtlichen Vorgaben des Islam.

Sein Verstand, genauso wie sein Körper, seine Ideale und seine Logik, sein Geist und sein Wille, sein Charakter und seine Emotionen – all dies wurde in strikter Beachtung der grundlegenden Annahmen des Islam organisiert und umgesetzt.

Das Verständnis des Erlaubten und Verbotenen, Vorstellungen von Stolz und Scham, ästhetische Standards bezüglich schön und hässlich, Kriterien von wahr und falsch, abschließende Ziele der Wissenschaften und ultimative Ideale der Bildung; jeder Sektor der sozialen Wirklichkeit und jede subjektive Wahrnehmung der Welt – all dies wurde durch die kleinsten Einzelheiten der islamischen Weltsicht durchdrungen und geformt. In den letzten 700 Jahren der Geschichte war das Osmanli-Devlet das mächtigste muslimische Gemeinwesen in der Welt. Es gründete strikt auf den Schlüsselprinzipien der islamischen Denkmuster. Die kulturelle Wirkung des Islam, die seit über 1300 Jahren aktiv auf dem europäischen Boden anwesend ist, schuf einen wichtigen Bestandteil der kulturellen Identität Europas. Darüber hinaus schmiedete sie eine authentische muslimische Identität innerhalb seines christlichen Aufbaus.

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