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Das Abendland unterschlägt eine seiner wichtigsten Komponenten. Von Prof. Dr. Ferid Muhic, Skopje

Das muslimische Europa (1)

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(iz). Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben mit dem Fischen, ohne dabei zu wissen, dass sie gar nicht den Fisch suchen. Die wichtigste Sache in der Wissenschaft – wie im Leben – ist das Verständnis von dem, was wir wirklich suchen. Dies müssen wir immer im Hinterkopf ­behalten.

Heute hören wir oft die Frage, ob Europa es akzeptieren könne, dass es auch ein Kontinent der Muslime sei. Machen Muslime eine bedeutende demografische, intellektuelle und kulturelle Komponente dieses Kontinents aus? Und gehört Europa als Kontinent und als geografische Einheit teilweise zur muslimischen Welt? Hat Europa neben seiner gesonderten christlichen auch eine muslimische Identität? Können wir fragen, ob Europa ein christlich-muslimischer Kontinent ist?

Wenn wir davon ausgehen, dass der Islam heute die zweitgrößte europäische Religion ist, und angesichts dessen, dass unsere heutige Zivilisation auch starke muslimische Wurzeln hat, sei es in Naturwissenschaft, Philosophie und Geisteswissenschaften, wäre es dann nicht angemessen, diese Kultur als eine „muslimisch-christliche“ zu bezeichnen?

Europas Kultur ist alles andere als monolithisch. Die übliche Sicht – die ihrerseits als „bewiesene Tatsache“ gilt – ist, dass sie von Griechen begründet, von Römern bestärkt, vom Christentum stabilisiert und im 15. Jahrhundert von Renaissance und Reformation reformiert und modernisiert wurde. Danach sei sie vom 16. bis zum 20. Jahrhundert globalisiert wurden. Kein Wort über Islam und muslimischen Einfluss.

Um diese heimliche Mythologie zu vereinfachen, wurde die Beschreibung der europäischen Identität in den standardisierten, zweiseitigen Konflikt von Kultur gegen Barbarei vereinfacht. Dieser wurde schrittweise in eine Schlacht von Gut gegen Böse verwandelt und erhielt schließlich die Form einer Konfrontation des Westens gegen den Osten. Dabei steht der „Westen“ für das christliche Europa und der „Osten“ wurde bald mit dem „Orient“ ersetzt, ein Synonym für „muslimisch“. Das brillante Buch von Edward W. Said „Orientalism, Western Conceptions about the Orient“ offenbart dieses systematische ideologische Projekt bis hin zur kleinsten Einzelheit. Dieses zielt darauf ab, die Geschichte eines ewigen Unterschieds einzuschmuggeln. Eine der „zentral platzierten Überlegenheit westlich/christlicher Kultur und Menschen, im Gegensatz zur orientalischen als einer minderwertigen Randständigkeit, die wegen des vollkommenen Fehlen rationaler Fähigkeiten und logisch-denkerischer Eigenschaften des muslimischen Menschen durch die Abwesenheit von Kultur oder Zivilisation markiert sei“.

Ein sehr wertvoller Beitrag für das objektiv-korrekte Verständnis der Muslime als integrales Element der europäischen Identität findet sich in Mahmoud Mamdanis ausgezeichnetem Buch „Good Muslim, bad Muslim“. Es ist eine Allegorie auf den berüchtigten, rassistischen Kommentar von General Phil Sheridan über den Komantschen-Häuptling Toch-a-way: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer!“

Hier möchte ich eine kurze Analyse der Vorstellung vom „Westen/westlich“ vornehmen, wie sie von westlichen, genauer gesagt christlichen Wissenschaftlern nahegelegt wird. Dies belegt den ideologischen Charakter jenes Denkmusters und demonstriert den Mangel rationaler Fähigkeiten sowie das Fehlen logischen Denkens bei seinen Autoren. Die Kulturgeschichte „des Westens“ erreichte im Zeitalter des europäischen Kolonialismus und Imperialismus ihren Höhepunkt. Geografisch definiert legte diese Vorstellung eine räumliche Trennung entlang einer Grenzlinie der kulturellen Identität nahe, sodass die europäische Identität ein westliche, christliche und zivilisierte sei, während Nicht-Europäer, Asiaten und Afrikaner orientalisch, muslimisch und unzivilisiert seien.

Wie unterscheiden wir den Westen vom Osten geografisch? Durch den Nullmeridian. Wo befindet sich dieser? Er liegt in Greenwich, einem westlichen Vorort Londons. Geografisch betrachtet liegt London im Osten, ist sogar orientalisch. Von Frankreich, Deutschland, Italien und so weiter ganz zu schweigen. Ich verstehen, man meint dies im übertragenen Sinne wie beispielsweise in Sachen Philosophie, Demokratie, Ethik, Logik, Mathematik, Kunst und Naturwissenschaften. Wurden diese also in der westlichen Hemisphäre, westlich von Greenwich, entwickelt?

Nein, alle kamen nach Westeuropa aus der Region des Balkans und von den Küsten Anatoliens! Orpheus, Pythagoras, Heraklit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Phydia, Solon, Poliklet, Perikles, Alkibiades – sie wurden sehr weit entfernt im Osten geboren, lebten und starben dort. Die meisten von ihnen auf der majestätischen Balkanhalbinsel und auf den Inseln und an den Küsten des Ionischen Meeres. Weit entfernt vom Nullmeridian von Greenwich.

„Nein, nein“ werden manche sagen, dies sei spirituell gemeint, da das Christentum eine westliche und der Islam eine orientalische Religion ist. Ist dem wirklich so? Aber Judentum, Christentum und Islam stammen – wenn man das so formulieren darf – aus der selben Ecke. Abraham, Ibrahim oder Avraam war Stammvater von Juden und Arabern. Als solcher war er der Prophet Gottes, der für alle drei Religionen entsandt wurde. All dies fand seinen Anfang nicht im Westen Londons, nicht einmal im östlichsten Europa, sondern in Asien.

Was den Mythos der selbst gemachten Identität Europas betrifft, so stammen selbst die glorreichen Traditionen der Philosophie, Naturwissenschaften, Künste und Geisteswissenschaften alle aus Afrika und Asien (Ägypten und Babylon), wie Martin Berlin in seinem bekannten Buch „Black Athena“ nachwies. Die Darstellung „Griechenlands“ als der selbst hervorgebrachten Wiege der europäischen Philosophie, Politik und spirituellen Werte (inklusive der ethischen und ästhetischen) ist ein intellektueller Betrug. Eine Art ideologisch verbrämtes und fabriziertes Projekt in der Periode von 1785 bis 1985.

Entscheidende ägyptische Einflüsse – auch wenn sie vollkommen übersehen werden – waren so stark, dass alle Städte (Polis) auf den Inseln, genauso wie jene, die auf der europäischen Halbinsel des Balkans und Kleinasiens (Anatoliens) intellektuelle Kolonien Ägyptens und Babylons waren. Pythagoras, Platon, Archimedes, Herodot und andere gingen nach Ägypten als Quelle des Wissens für alle Wissenschaften und der höchsten philosophischen Weisheit. Es gab keinen Staat „Griechenland“, nicht nur nicht in dieser Zeit, sondern bis 1838 nicht. Und selbst dann handelte es sich im heutigen Vergleich um ein sehr begrenztes Gebiet. Diese eurozentristische Sichtweise war ebenfalls typisch für Generationen europäischer Dichter und Denker. Zwei Bezüge sind in dieser Hinsicht von beispielhafter Bedeutung: die Visionen von Paul Valéry, dem Dichter und Essayisten, und der von Edmund Husserl, dem Philosophen.

In seinem Essay „Der Europäer“ schrieb Paul Valéry 1924: „Wo die Namen Cäsar, Gaius, Trajan und Vergil, wo die Namen Jesus Christus, Moses und Paulus wie die Namen Heraklit, Aristoteles, Platon und Euklid Bedeutung haben und schwer wiegen, dort ist Europa. (…) Es ist bemerkenswert, dass die Menschen Europas nicht durch Rasse, noch durch Sprache oder Gebräuche definiert werden, sondern durch Leidenschaften und eine Weite des Willens (…).“

Auf Grundlage solcher Fabrikationen können wir uns, wie Valéry es tat, wirklich vorstellen, dass die kulturelle Identität die bemerkenswerte Expansion einer Vereinigung war. Diese wurde im Römischen Reich erzielt, durch griechisches Denken, römisches Recht und durch die Bibel. In vollkommener Abwesenheit von Qur’an, Islam und Muslimen?

Wir können auf unserer Suche nach dem eingebildeten Herzen Europas noch weiter gehen. Dies schlug Edmund Husserl in seinem berühmten Wiener Vortrag vom Mai 1935 vor, der den Titel „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ trug. In Nachfolge des unkritisch und ideologisch fabrizierten Mythos sieht er die Ursprünge der spirituellen Idee Europas in Griechenland. Solche Rückgriffe auf die Quellen der „spirituellen Form Europas“ sind notwendig und erhellend. Sie eröffnen einen mächtigen roten Faden der kulturellen Identität Europas durch zwei Jahrtausende hindurch.

Dass sich alle nationalen Kulturen im wesentlichen – aber nicht ausschließlich – aus den gleichen ursprünglichen Quellen speisen, erklärt die kulturelle Einheit Europas im Laufe der Zeit. Aber dies kann und muss durch eine Analyse der europäischen Nationalkulturen selbst ergänzt werden, sowie durch eine der engen Beziehungen zwischen diesen hoch diversen Kulturen mit dem starken und andauerndem muslimischen Einfluss, was die kulturelle Einheit Europas sicherstellte.

(Wird fortgesetzt)

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