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Das Berliner Georg-Eckert-Institut ließ über das Islambild in europäischen Schulbüchern diskutieren. Von Tasnim El-Naggar

Das kulturelle Gedächtnis einer Generation

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Am Donnerstag, den 15. September 2011 fand in den Räumlichkeiten des Auswärtigen Amtes eine Pressekonferenz statt, die die vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuch­forschung durchgeführte Studie „Modernes Europa vs. Antiquierter Islam – wie der Islam in europäischen Schulbüchern dargestellt wird“ vorstellte.

(iz). Auf dem Podium, das vom Leiter der Pressestelle der Leibniz-Gesellschaft, Josef Zens, mode­riert wurde, waren folgende Redner vertreten: Dr. Heinrich Kreft vom Auswär­tigen Amt, die Soziologin Simone ­Lessig, Direktorin des Georg-Eckert Instituts und Leiterin der Studie, die Ethnologin Susanne Kröhnert-Othman und die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt, die Islamwissenschaftle­rin Melanie Kamp.

Nachdem Botschafter Dr. Heinrich Kreft im Namen des Auswärtigen ­Amtes ein Grußwort gesprochen hatte, stellte Simone Lessig das Georg-Eckert-­Institut vor. Dies sei 1965 gegründet worden, um den Inhalt „sinnbildender“ Schulbü­chern zu versachlichen. Die hier vorgestellte Studie befasst sich im europäischen Vergleich – in dieser Form bisher einma­lig – mit der Darstellung des Islam und der Muslime in Geschichts- und Politik­büchern aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien und England.

Verschiedene WissenschaftlerInnen aus fünf europäischen Ländern untersuchten (die Begrenzung war notwendig) 27 von 150 Schulbüchern. Thematische Schwerpunkte sind hier: Ursprung und Expansion des Islam, Kreuzzüge, islamische Reiche, sowie Terror- und Sicherheitspolitik.

Lessig legte die Problematik dar. Schulbücher seien keine wissenschaftlichen Spezialstudien und müssten daher verdichten und didaktisch vereinfachen. Gleichzeitig müssten sie aber sensibel, kritisch und nachdenklich mit Fakten umgehen. Dies geling vielen Büchern nicht, wie diese Studie deutlich mache. Dennoch: „Wir wollen keine pauschale Schulbuchschelte betreiben“, so Lessig.

Das Besondere an den Schulbüchern sei außerdem: Sie stellten das kulturelle ­Gedächtnis ganzer Generationen und Gesellschaften dar. Sie prägen junge Men­schen und vermitteln bestimmte ­Arten von Wissen, das sich über lange Zeiträume verfestige. Dementsprechend hätten die Verfasser von Schulbüchern eine große, nicht zu unterschätzende Verant­wortung.

Sie und alle beteiligten ­­Akteu­re müssten sich fragen: „Tragen Schulbuchdarstellungen dazu bei, bei Heranwachsenden mit und ohne muslimischen Hintergrund ein differenziertes Verständ­nis von Religion und Kultur in Geschich­te und Gesellschaft auszuprägen, das nicht zum Ausschluss oder Selbstausschluss von Musliminnen und Muslimen als religiös markierter Gruppe führt?“

Die vergleichende Studie ergibt, dass es nur wenigen Schulbüchern gelingt, sich durch Schrift, Bild und Methoden negativ konnotierter, medialer Einbettung von Islam und Muslimen zu entfer­nen. Islamophobe und populistische ­Inhalte seien durchaus präsent. Meist stünde der „Konflikt“ mit dem Islam im Vordergrund, wie einige von ­Susanne Krohnert-Othman aufgezeigte Beispiele verdeutlichten. Manchmal handelt es sich aber auch schlichtweg um unreflektierte Inhalte, die den Islam als religiöse Einheit kennzeichnen und ihn als „Anderes“ im Gegensatz zum „Selbst“ des ­modernen Europas konstruieren.

Dass der Islam vielerlei Ausprägungen hat und zwischen Europa, dem Nahen Osten, den arabischen Ländern und etwa Südostasien sehr unterschiedlich gelebt wird, wird dagegen oft nicht beachtet. So werde arabisch und islamisch ebenso wie Religion, Politik und Kultur oft gleichgesetzt, zwischen schriftlichem und gelebten Islam werde nicht unterschieden, geschichtliche Entwicklungen werden nicht multiperspektivisch dargestellt, so die Vertreter der Studie. Er werde vielmehr mit einem antiquierten Regelsystem, kulturellem Stillstand und patriarchalen Strukturen in Verbindung gebracht und so essentialisiert. Beispiel dafür ist etwa dieser Auszug aus einem spanischen Schulbuch: „Die Religion des ­Islam ist mit ihren autoritären und patriarchalischen Strukturen an eine Zivili­sation von Hirten und Bauern angepasst. Sie scheint heutzutage große Probleme zu haben, sich an die Strukturen der westlichen, technisch weiter entwickelten Zivilisation anzupassen“ (Aus: Vicens ­Vives, 2006: Occidente. Historia de las civiliza­ciones y del arte)

Die wissenschaftlichen Errungenschaf­ten der Muslime in Andalusien werden meist als Ausnahme von der Regel gekennzeichnet, indem es als „islamisches Europa“ bezeichnet wird. Die muslimischen Zuwanderer heutiger Tage ­werden als Sondergruppe statt mit übrigen Migrantengruppen behandelt.

Insbesondere beim Themenkomplex des Terrorismus treten Essenzialismen auf. Zumeist werden die einstürzenden Zwillingstürme des World Trade ­Centers gezeigt, aber auch Worte wie Koran, ­Allah oder Mohammed tauchen in diesem Kontext auf und setzen somit die Taten der Terroristen mit den Lehren des Korans gleich. „Schulbücher sind mit ihren Simplifizierungen des Islam und ihren populistischen Erzählungslücken kaum ­geeignet, Lernende gegen islamophoben Populisimus zu immunisieren“, lautet das Ergebnis der Studie.

Ihre anwesenden AutorInnen fordern: Die Debatte um Integration und gesellschaftliche Vielfalt müsse versachlicht werden – auch in Schulbüchern! Nur so könne verhindert werden, dass in Europa lebende Muslime nur als Außenseiter und Exoten wahrgenommen würden.

Mehr Infos zu Studie auf der Seite des Georg-Eckert-Instituts: www.gei.de
Titel: Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (2011): Keine Chance auf Zugehörigkeit? Schulbücher europäischer Länder halten Islam und modernes Europa getrennt. Ergebnisse einer Studie des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung zu aktuellen Darstellungen von Islam und Muslimen in Schulbüchern europäischer Länder.

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