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Das blaue Café

Eine Kurzgeschichte aus dem verzauberten Kapstadt

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Foto: Alamy

(iz). Es war einer dieser seltenen Kapstädter Tage, wenn die Sehnen des Sichtbaren und Unsichtbaren unnötig erscheinen. Etwas war in der Luft – weder der gelbe Nebel, der sich an den Fenstern reibt, noch die kalte Atlantikluft. Es war anders, verschieden von allem Bekannten. Die verschiedenen Karamats (Ruhestätten der muslimischen Heiligen), welche die Stadt umringen, sprudeln von ihren bergigen Plätzen Ströme eines dichten Lichts – und umhüllen damit die ganze Stadt.

Die augenblickliche Wirkung auf die Stadt war offenkundig. Ihre Einwohner erlebten eine ruhige Wiederherstellung von ihrer betäubenden Normalität. Sie bewegten sich mit dem Leben. Ein extra Schuss Energie in ihrem Schritt führte zu leicht vergessenen Akten der Freundlichkeit und Liebe.

Acht Monate zuvor war Maxime ein Fremder. Aber wie die Dinge an diesem himmlischen Tag standen, war er mir lieber als ich selbst. Meine ersten Eindrücke von ihm waren – er schien mir nicht anders zu sein als jeder andere Mann aus Genf – freundlich, introvertiert und gewissenhaft. Mit anderen Worten: Er war ein typischer weißer Bourgeois, jemand, der für meine afrikanische Erziehung in der Arbeiterklasse ein natürliches Unding war. Was mich zu ihm zog, war ein Hauch von Kämpferischem, der seinen Charakter prägte. Mein natürlicher Panafrikanismus war von diesen Männern angezogen. Die Türken sagen: „Das Herz will weder Kaffee, noch Kaffeehaus, es will Freundschaft. Kaffee ist nur eine Entschuldigung.“

Der Ort ist wirklich ein Juwel und es strahlt mit der gleichen Brillanz wie sein Besitzer. Ich sage mit bescheidener Aufregung, diesen Schatz mit meinem Freund zu teilen und unsere Brüderlichkeit zu stärken. „Der Kaffee ist großartig und die Kellner reinigen meine Augen“, sagte ich. „Reinige deine Augen? Was bedeutet das?“, fragte Maxime fasziniert und verwirrt gleichermaßen. „Du wirst sehen. Wie sagt ihr auf Französisch? …äh… allons-y?“ Er nickte und lächelte über meinen Amateurversuch in seiner Sprache.

Das blaue Café lag im historischen Bo-kaap – dem muslimischen Viertel von Kapstadt. Es ist in einem tiefen Blau gestrichen, das sich auch in anderen Häusern findet. Einige waren rosa, gelb, grün, rot, orange, lila usw., um ein Kaleidoskop zu bilden, das heute weltbekannt ist.

Einige Straßen weiter vom „Batavia“ im Kern des Viertels liegt das Karamat Tuan Guru, dem bekannten Heiligen, der in 1780 von den Holländern als politischer Gefangener hierhin gebracht wurde. Die Nähe zu diesem Ort verleiht dem Café eine robuste, engelhafte Atmosphäre.

Wir kamen im Laden an und nahmen draußen Platz. Die Kellnerin begrüßte uns. Sie war, soweit ich das beurteilen kann, die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Und dies war ein Bonus, warum ich meinen Kaffee hier nahm. Sie war ein rötliches, ländlich aussehendes Mädchen mit einem robusten Körper, langsamen Bewegungen und voller ungewöhnlicher Energie. Sie hatte große, verwunderte Augen und eine milde Stimme, die ihr Dorf widerspiegelte.

Und wie jedes Mal, waren meine Versuche, nicht hinzugucken, zum Scheitern verurteilt. Ich war vollkommen verzaubert. Mein Begleiter, der mein lähmendes Erstaunen sah, suchte für uns beide aus: „Können wir bitte zwei flat whites und Schokoladenmuffins haben?“, bestellte er. „Sofort, meine Herren“, sprach das Wunder und wogte zurück ins Café.

„Das also reinigt Deine Augen?“, lachte mein Gefährte. „Ich muss sagen, sie ist schön. Ich glaube, du wärest ein großer Mann mit einer großen Frau an deiner Seite. Vielleicht wäre sie eine gute Gefährtin für dich.“

„Niemand würde dem ersten Teil deines Satzes widersprechen. Beim zweiten bin ich mir nicht sicher“, antwortete ich.

Entnervt warf er seine Hände in die Luft. „Komm schon!“, röhrte er. „Seit Monaten reden wir darüber. Schau, ein Mann braucht Hilfe und Unterstützung. Er braucht einen Anker in einer Welt voller Horror. Ein Mann braucht eine Frau.“

„Kein Widerspruch meinerseits.“

„Warum streiten wir uns also darüber?“

Ich schaute weg. Wir wussten beide, was als Nächstes geschehen würde. Genau wie bei früheren Gelegenheiten zuckte ich jetzt normalerweise mit den Schultern, brach das Gespräch ab und wechselte zu einem banalen Ersatzthema, über das ich sprechen konnte. Inzwischen war es ein Ritual.

Ich wollte den Wechsel einleiten, nahm einen tiefen Atemzug und roch plötzlich einen süßen Geruch in der Luft. Tuan Gurus Licht strömte intensiv. Ich atmete aus und wieder tief ein. Meine Lungen spürten die süße, berauschende Luft. Mein Körper war leicht und Gedanken fluteten vom Unsichtbaren in meinen Geist.

Monatelang hatten Maxime und ich viele Gespräche. Sie waren strukturiert und verwoben wie ein Perserteppich, um Dutzende von Fäden aus Jahrhunderten der Geschichte, Psychologie und Philosophie zu spinnen und zu untersuchen. Ziel war es, aus dem scheinbaren Chaos des Lebens einen Sinn zu konstruieren.

Jetzt, im blauen Café hatte ich die Diskurse satt. Ich wollte das Ritual wiederholen, das all unsere früheren Gespräche an diesem Punkt am Eingang zum Labyrinth abgebrochen hatte. Und ich atmete tief ein. Die Luft, die meine Lungen füllte, fühlte sich so frisch an, als wäre ich aus dem Untergrund aufgetaucht. Wie zart, wie berauschend! Mein Körper fühlte sich leicht wie Luft an, als wäre das Gestern und Morgen egal. Jeder Moment fühlte sich zentral an.

Das Wunder kehrte aus dem Inneren mit unserer Bestellung zurück und bewegte sich wie eine elegante Gazelle. Der Moment unterbrach meine Formalitäten. Bei ihrer Ankunft verschloss sich plötzlich das Lächeln, das ihre weißen Zähne zeigte, und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Dort sitzend mit unseren ­Bestellungen nahm ich keinerlei Notiz von ihr. Sie dachte, etwas wäre nicht in Ordnung.

Sie erkundigte sich auf ihre feminine Weise. „Alles zur Zufriedenheit, meine Herren?“, fragte sie auf eine übertriebene Art und Weise, wie es von ihren Leuten praktiziert wird.

„Ja. Danke“, sagte Maxime.

Sehr oft, wenn ein Ereignis einen tiefen Eindruck in der Seele hinterlässt, überprüft es der Intellekt. Er findet jedes Mal ein neues und wesentliches Element, oder die Vorstellungskraft schmückt das Ereignis aus. Dennoch ist diese Fantasie selbst ein wesentlicher Teil der Wahrheit des Moments. Und seine Bedeutung ist wie ein Diamant mit vielen Facetten, mit Lichtern aus seiner Struktur sowie verschiedenen gebrochenen Lichtern, die ihn jetzt auf die eine und später auf die andere Weise beleuchten.

Die Sehnen, welche die Schöpfung vereinten und trennten, blitzten vor mir auf und ich sah, was ich sah. Ich konnte Maximes Lebensenergie, der vor mir saß, sehen. Er selbst war verzaubert. Alles fand seinen Ort. Wir beide bewegten uns im Gleichklang. Etwas war in der Luft.

Wir beide erreichten automatisch zum ersten Mal in unserem Leben unser Wesen. Und sahen unser Etwas. Aber keine physischen Herzen, sondern ein Behälter unserer Essenz. Wir übergaben uns in einem Traumzustand diese Gefäße.

Der Mann, der vor mir stand, entschied nicht, wann er geboren werden sollte oder welche Art von Mann er ­werden sollte. Er war zu einer bestimmten Kindheit verurteilt. Wie war es, in einem bürgerlichen Haus des 20. Jahrhunderts aufzuwachsen? In dem der moderne Mensch nur einen Tätigkeitsbereich hat: nämlich die rituelle Zerstörung seiner Kinder. Was bedeuten sonst Wunden, die ich jetzt an ihm sehen konnte, wenn nicht, um ihn an Ort und Stelle zu ­foltern?

Auch mir war eine bestimmte Art Eltern gegeben und ich erhielt das barbarische Trauma meine Arbeiterklasse-Kindheit hindurch. Wer ist in diesem Zeitalter kein Sklave seiner familiären Prägung? Ein Sklave des begrenzten Individualismus der Wahlfreiheit? Ein Sklave dieser mechanisierten Hölle, die Moderne genannt wird? Wir „gehören“ zu einer Nation und werden bereits ­verschuldet geboren. Und wer ist nicht gezwungen, sich für Papierschnipsel zu bemühen, deren Wert sich mit jedem Moment verringert? Wer könnte von ­einer Frau wollen, Gefährtin für einen totgeborenen modernen Mann zu sein?

Unter allem sind wir die Gleichen. Wir wollen Freiheit. Und das verbindet uns – eine absolute Sehnsucht nach Freiheit.

Die Betrachtung war zu Ende. Die Gefäße wurden wieder ausgetauscht und kehrten heim. Jetzt war alles klar, der Mann, der vor mir stand, sah auf und seine Augen trafen meine. Ich hatte mein Spiegelbild gesehen. Es war klar und stark eine Morgensonne, die dunklen Bergen aufgeht. Das Licht der Wahrheit, dass sich von der zusammenhanglosen Dunkelheit trennt. Er verstand, ich verstand. Tief in mir hörte ich das Echo einer Stimme. „Es ist alles in mir. Jetzt muss ich handeln.“

Sie kam zurück, um nach uns zu sehen. Wir hatten unsere Bestellung nicht ­angerührt. „Entschuldigen Sie, meine Herren, sie haben scheinbar nicht gegessen. Ist alles in Ordnung?“

Ich sah sie an, aber nicht mit meinem lähmenden Starren. Ich sah sie jetzt mit einem klaren Blick an – distanzierter und doch intimer, wilder und doch gezähmter, schöner und doch majestätischer. Sie sah mir in die Augen.

„Alles in Ordnung, meine Liebe“, antwortete ich.

Sie war elektrifiziert.

Sie lächelte, neigte sich leicht nach vorne und sah schüchtern nach unten, wie es die Matriarchinnen ihres Volkes tun. „Das ist schön“, sagte die Schönheit. Sie ging wiedergeboren weg, nicht mehr in ihrer Finesse. Sie bewegte sich dann mit einem selbstbewussteren, kraftvolleren Schritt. Ihr Rücken krümmte sich kraftvoll, die Schultern zurück, das Kinn hoch und in majestätischer Manier. Sie sendete eine königliche Würde in die Welt. Sie kam als Mädchen und ging als Frau.

Wir beide schauten fasziniert zu. Und Maxime fragte erneut: „Das also ist die Reinigung Deines Blicks?“ Er lachte. „Ich muss sagen, sie ist schön. Ich denke, du würdest einen großartigen Mann mit ­einer großartigen Frau an deiner Seite abgeben. Vielleicht ist sie eine großartige Gefährtin für dich.“

Und ich sagte: „Inscha’Allah.“

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KO Masombuka

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