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Das deutsche Missverständnis

Im Lagerdenken wird über „Kultur“ gestritten. Gelebt wird sie nur selten

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„Ist Kultur eben in erster Linie eine Aktivität? Schreiben, Bauen, Malen, Dichten oder eben ‘Backen’. Geträumt: Wäre ein Syrer, der in der Provinz das berühmte deutsche Brot macht, ein Beitragender zur Rettung der deutschen Kultur (und der Deutsche, der gedankenlos bei ALDI seine Roboterbrötchen kauft, eben nicht)? Gegenbild: Ist das als ‘türkisches’ Kulturzentrum im Gewerbegebiet beschilderte Gebäude nicht gerade das Eingeständnis, dass es gerade dort keine Kultur gibt? Ist die verbreitete Kulturlosigkeit und (zur Abwechslung nicht materiell verstandene) soziale Armut in unseren Städten die eigentliche, uns alle, unabhängig von unserer Herkunft, betreffende Not?“ Abu Bakr Rieger

(iz). In seiner faszinierenden, 2007 erschienen Shakespeare-Biografie zeichnet Peter Ackroyd das Bild eines Mannes, der stark durch die Landschaft und Kultur seiner Kindheit geprägt wurde. Neben vielen anderen Deutungen weist Ackroyd nach, wie Shakespeare spezifische Bezeichnungen, Gebräuche und Charaktere, mit denen er aufwuchs, in Dramen und Sonette einfließen ließ. Das reichte von spezifischen Namen für Vögel und Pflanzen bis zu Traditionen der Innenausstattung, die ihn von Kindesbeinen an prägten. Seine lokalen Wurzeln hat er, trotz des enormen Erfolgs in London, niemals gänzlich aufgegeben. Und seinem Heimatort Stratford kehrte William Shakespeare niemals den Rücken. Auf der Höhe seines Erfolges kehrte der Dramatiker hierher zurück und betätigte sich dort auch als erfolgreicher Unternehmer und Investor.

All das tat seinem Ruhm – während vor und nach seinem Tod – keinen Abbruch. Shakespeare, einer der einflussreichsten Dichter der europäischen Geistesgeschichte, fungiert seitdem als Inspiration – über spezifische „Kulturkreise“ hinweg. Bis in die Arbeiten des japanischen Regisseurs Kurosawa hinein strahlt sein Gespür für die universalen menschlichen Eigenschaften, Dramen und Fragestellungen aus. Und das, obwohl er einen erheblichen Teil seiner Stoffe aus seiner englischen Umgebung, Geschichte und der europäischen Antike bezog. Manch einer würde ihn als „eurozentrisch“ einstufen. Und doch stellt er in seinen Tragödien und politischen Stücken allgemeingültige Fragen, die als solche auch in Delhi, Lagos oder Peking verstanden und reflektiert werden können.

Schwieriger Begriff
Zu den weitverbreitesten und doch schwierigsten Dingen überhaupt gehört die nur schwer greifbare „Kultur“. Wie kaum ein anderes Wort – das insbesondere jetzt als Markierung in heutigen Diskussionen und als Etikett fungiert – wird sie gnadenlos überhöht und gleichermaßen bis ins Unerträglichste banalisiert. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es keiner Seite im eigentlichen Sinne um „Kultur“ im Allgemeinen oder Besonderen geht, sondern um die Instrumentalisierung des Schlagwortes als solchem.

Durch die – vermeintliche – Betonung des Eigenen soll vor allem das Andere in ein Unterordnungsverhältnis gebracht werden. Das betrifft sowohl das Verlangen nach einer „Leitkultur“ wie das Gegenbild einer multikulturellen Idee. Wissenschaftler, die sich mit Muslimfeindlichkeit befassen, sehen in der „Kultur“ ein wichtiges Vehikel, mit dem dieses Vorurteil begründet wird. Was früher ein biologischer Rassismus der klassischen Rechtsextremen war, habe sich in ein kulturalisiertes Ressentiment gewandelt. Hier ist „Kultur“ ein Mittel, mit dem der Andere negativ markiert werde.

Aktuell findet das Wort seinen Eingang in erhitzte Debatten. Dabei besteht interessanterweise keinerlei Konsens, was wir in Deutschland überhaupt damit meinen. Ist „Kultur“ die deutsche Spielart der „Zivilisation“? Handelt es sich dabei um die Summe aller immateriellen „Werte“, des Guten und Schönen? Steht sie für die greifbare wie unsichtbare Manifestation einer spezifischen Lebensweise? Oder ist „Kultur“ die quantitative Anhäufung von Bildungsgütern, mit der sich Oberlehrer und Studienräte schmücken dürfen?

Weil aber Kulturredakteure, -autoren, -wissenschaftler, -praktiker auch leben müssen, wird sie beinahe allerorten bemüht, angerufen und staatlich alimentiert; oft genug nicht dort, wo es grundlegend nötig wäre. Wir haben eine Anerkennungskultur, eine „Kultur der Erinnerung“, Debattenkultur, Kultur-Reisen, eine „Kultur der Anerkennung“, aber auch „Unternehmenskultur“, Kulturwochen, -feste und -zentren. Verbindliches fehlt und so darf sie durch den Kakao gezogen werden, den der Kulturinteressierte am Ende allzu oft klaglos trinken muss.

Wem bisher der Blick fürs Widersprüchliche fehlte, sei hier ein Weimarbesuch empfohlen. Der Ort der Weimarer Klassik ist auch jene Lokalität, an der mit Versatzstücken der europäischen Kultur bis ins Banalste gnadenlos Kasse gemacht wird – von Schillerschokolade bis zu Goethe-Devotionalien. All das gilt nicht nur für eine imagnierte offizielle „Hochkultur“. Jenseits der Dominanzkultur spiegeln sich die gleichen Dinge auch in diversen Subkulturen.

Essen als Beispiel
Kehren wir kurz zum Beispiel des syrischen Bäckers zurück (der später noch einmal vorkommt), der sich für die hiesige Tradition des Backens begeistert. Wo bleibt die viel beschworene „Kultur“, wenn es um den konkreten Alltag geht, aus dem sie einstmals erwuchs? Das Handwerk ist heute akut bedroht. Obwohl Deutschland mit die meisten Brot- und Brötchensorten überhaupt kennt, wird es von einer Welle des „Aufbackens“ überflutet. Unzählige Tonnen eingefrorener Teigrohlinge werden aus Polen oder gar China (!) importiert, wo sie in „Back-Shops“ kaum mehr als nur getoastet werden. Eine Frage an die Kulturwissenschaft: Ist eine Bäckerei eigentlich noch eine solche, wenn sie nicht mehr macht, als Teiglinge aufzubacken?

Überhaupt ist Gastronomisches ein handfester Zugang, wie sich „Kultur“ sinnvoll verstehen ließe. In Mitteleuropa entwickelten sich in den kleinteiligen Biotopen unzählige kulinarische Traditionen. Sie hatten ihren materiellen Ursprung in dem, was die Menschen vor Ort fanden und was sie durch einen begrenzten Handel ergattern konnten. Wer weiß denn, dass Delikatessen wie Lachs oder Meeresfrüchte wie Austern im England des Mittelalters als Armeleuteessen verschrien waren? Oder wem ist bewusst, dass sich an den Essgewohnheiten auch die Geschichte eines „Kulturkreises“ ablesen lässt?

Setzen wir den Gradmesser der Kultur an unsere Ernährungsgewohnheiten an, dann ist es eigentlich düster um sie bestellt. Klar, Gourmet- und Eventgastronomie boomt und Kochbücher finden reißenden Absatz. Das ändert aber nichts daran, dass viel an den lokalen Traditionen der einfachen Leute verschwunden ist. Wir sind im Sinne einer kulinarischen Gastronomie längst globalisiert. Und es ist in größeren Städten einfacher, bezahlbare Gerichte aus allen Herren Ländern zu kriegen als einigermaßen genießbare einheimische Küche. Ironischerweise sieht es gerade in kleinen Orten des Ostens, in denen sich lautstarke Verteidiger unserer „Kultur“ aufhalten, eher düster aus, wenn es um die materielle Kultur des Essens geht.

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger stellt die Frage nach einem anderen, konstruktiven Kulturbegriff, der sich meiner Meinung nach nicht zum Missbrauch in Debatten vernutzen lässt. „Ist Kultur eben in erster Linie eine Aktivität? Schreiben, Bauen, Malen, Dichten oder eben ‘Backen’.“ So verstanden können wir alle – Muslime wie Nichtmuslime, Einheimische und Zugewanderte – einen Zugang zu einer gemeinsamen „Kultur“ finden, der nicht durch die ewigen Gegensätze unbrauchbar gemacht wird.

Fragt man mich, was deutsche Kultur denn sei, so sind mir – mehr als die üblichen Schlagwörter und Versatzstücke einer gefährlichen Halbbildung – tatsächlich Gewohnheiten und Verhaltensweisen viel intensiver gegenwärtig. Ich bin aufgewachsen mit einer gewissen Grundhöflichkeit, Nachbarschaft, dem Stolz des Handwerkers auf seine Arbeit, Solidität und Zuverlässigkeit. Vergessen wir nicht, jahrzehntelang verband man mit deutscher Kultur auch ein vorbildliches Bildungswesen (inkl. des dualen Systems), das Solidarsystem (von dem alle, auch die neuen Deutschen, profitieren) und eine Sprache mit einer jahrhundertealten Tradition.

Der rasante Aufstieg aggressiv auftretender politischer Formationen sowie eine sie vorbereitende, jahrelange „Debattenkultur“ rücken einen positiven Bezug zur deutschen Kultur in ein fragwürdiges Licht. Ein positiver Bezug zur deutschen Kultur – von einer echten Sorge um sie ganz zu schweigen –, der nicht mit „Pegida“ gleichgesetzt wird, ist derzeit praktisch nicht existent. Bei aller rhetorischen Bemühtheit – und jenseits der politisch-ideologischen Unappetitlichkeiten – weist die Bewegung keinen Ausweg aus dem Dilemma der Kulturlosigkeit. Im gewissen Sinne ist sie „Anti-Kultur“, da sie nichts Neues stiftet und nur reaktiv ist.

Diesen Bezug gibt es aber auch nicht auf Seiten ihrer erklärten Gegner. Die Debatte um das letzte Essay von Botho Strauß im „Spiegel“ belegt dies eindrücklich. Als Antwort auf diesen wurde eben keine andere oder vitalisierte „deutsche Kultur“ entworfen, sondern deren Aufhebung in globale, ent-lokalisierte Prinzipien dagegen gehalten.

Das ist aber nicht nur dem bedrückenden Erfolg dieser Spielart des Ressentiments geschuldet. So wie der Rassist oder Islamkritiker Muslimen oder Neubürgern die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur absprechen möchte, geht die Gegenseite von wesensmäßigen Unterschieden aus. Viele waren bisher überzeugt, dass „Minderheiten“ (beileibe nicht nur Muslime) im Rahmen multipler kultureller Identitäten unter dem Dach abstrakter Prinzipien wie des sogenannten Verfassungspatriotismus gedeihen könnten.

Jenseits der praktischen Realisierbarkeit dieses Ideals bleiben grundsätzlichere Zweifel. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek glaubt nicht daran. Keine kulturelle Identität funktioniere ausschließlich auf individueller Ebene. Sie involviere immer auch den Anderen – der eigenen wie der fremden „Kultur“. Daher brauche es – nicht im christlichen Sinne – eine „Leitkultur“, Bestimmungen, die regulieren, wie verschiedene Kulturen miteinander interagieren.

Es wäre keine schlechte Idee, dass sich Muslime an ihre eigene Tradition erinnern, konstruktiv und förderlich mit „Kulturen“ umzugehen, die sie vor Ort wiederfinden. Als solche birgt die deutsche Kultur genug Schätze, die es zu bergen gilt.

Photo by Xjs-Khaos

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Sulaiman Wilms

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