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Das Diktat der Uhr

Über Gebetszeiten und den chronographischen Wahn der Moderne

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Foto: Russ Sandeln | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). „Dieser Gedanke, dass nur eine Gebetszeitberechnung gelten darf und gelten kann, ist ein moderner Gedanke, der seine Wurzeln eher im kapitalistischen Zeitmanagement hat.“

Es ist höchst problematisch, wenn man versucht, rituelle Handlungen, die von der Zeit abhängig sind, wie zum Beispiel das Gebet und das Fasten, an ein modernes Zeitverständnis anzupassen. Unbemerkt geschieht diese Transformation mit einem ideologischen Hintergrund. Der ideologische Touch in dieser Geschichte wird allerdings nur klar, wenn man sich ein Bild vom Zeitverständnis in der Vormoderne macht. Erst dann begreift man, wie tiefgreifend die Transformationen waren und auch, warum es problematisch ist, wenn diese Mutationen rituelle Handlungen, die eine gewisse Flexibilität in unserer Tradition kennen, betreffen.

Als Gott und sein Gesandter über die Gebetszeiten sprachen, so haben sie keine Stunden, Minuten oder gar Sekunden verwendet, sondern Begriffe, die unmittelbar mit der Natur zu tun haben, wie die Sonnenbewegung, die Farbe des Himmels, die Farbe des Horizonts, die Helligkeit und die Dunkelheit oder die Sichtbarkeit der Gesichter. Die Gemeinsamkeit, welche all diese Merkmale haben, ist ihre Flexibilität. Sie sind keine haargenauen Zeitbestimmungen. Über diese mehr oder weniger flüssige Zeit ließe sich streiten, im Gegensatz zu der Zeit der modernen Uhren.

Die „alte“ Zeit gab den Menschen die Möglichkeit, ihr Zeitgefühl in die Zeit einfließen zu lassen und sie ermöglichte den Menschen einen Toleranzbereich. Die Akzeptanz dieser Differenz schlug sich in den traditionellen Büchern des Fikh (Normenlehre) nieder. Denn sowohl die Mehrdeutigkeit der Texte als auch die Flüssigkeit des Zeitverständnisses und Zeitgefühls der Vormoderne führten dazu, dass die Rechtsgelehrten unterschiedliche Definitionen für die Frage, wann die Gebetszeiten beginnen und wann sie enden, gaben, oder für die Frage nach der Dauer der Gebetszeit und ob die Zeiten mancher Gebete ineinanderfließen, wie es zum Beispiel die Meinung der Malikiten ist. (Ibn Ruschd, 90 ff.) Man war nicht davon besessen, die Gebetszeiten auf die genaue Minute festzulegen. Sie hatten auch keine Angst vor einer Spaltung, falls nicht alle Gemeinden in der gleichen und genauen Zeit ihre Gebete verrichteten. Professor Geißler beschreibt das Zeitgefühl der Vormoderne zutreffend, indem er sagt: „Kennzeichen der hier ‘Vormoderne’ genannten Epoche ist die enge Verbindung des gesamten Lebens – insbesondere auch der Arbeit – mit den periodischen Abläufen des Kosmos und der Natur. Man war in der Vormoderne in der Zeit zu Hause.“ (Geißler, 34.)

Allerdings kam es mit der Einführung und Verbreitung der mechanischen und später der digitalen Uhr zu einer Objektivierung und Quantisierung der Zeit. Sie ist nicht mehr etwas Flüssiges und etwas bis zu einem bestimmten Grad Dehnbares, sondern jetzt ist die Zeit etwas Präzises, Genaues und vor allem Unfehlbares. Dieser Gedanke der Unfehlbarkeit der Uhr lässt dann beispielsweise die Illusion entstehen, dass man Fehler begehen würde, wenn man nicht die passende rituelle Handlung in der genau passenden Zeit verrichtet. Die passende Zeit ist hier allerdings nicht mehr die offene Zeit von der der Qur’an und die Tradition sprechen, sondern die genaue Zahl, auf die der Uhrzeiger weist beziehungsweise welche jetzt das Smartphone zeigt. Die mechanische Uhr ist nicht nur Messgerät, sie ist ein Mittel geworden, durch welches wir die Welt und die Zeit wahrnehmen. Der Mensch hat in der Moderne durch die Objektivierung eine Distanzierung gegenüber der Zeit geschaffen. Der Mensch der Moderne ist somit nicht mehr in der Zeit zu Hause. „Die Zeiten des Naturwesens ‘Mensch‘ und die mechanisch hergestellte Zeit der Uhr sind seitdem nicht, oder nur noch schwer, in Übereinstimmung zu bringen. Und so gehören Zeitkonflikte und Zeitprobleme zur Moderne wie die Dunkelheit zur Nacht.“ (Geißler, 87 f.)

Heute hören wir von Gemeinden, die über andere Gemeinden lästern und hetzen, nur weil sie das Nachtgebet oder Morgengebet 30 Minuten oder eine Stunde später oder vorher verrichten. Dieser Gedanke, dass nur eine Gebetszeitberechnung gelten darf und gelten kann, ist ein moderner Gedanke, der seine Wurzeln eher im kapitalistischen Zeitmanagement hat, als dass er eine Berechtigung in den Quellen findet, welche von einem Zeitverständnis ausgingen, das einen Toleranzbereich kennt.

Dieser Text ist kein Plädoyer dafür, dass man jetzt keine Gebetskalender mehr benutzen sollte, sondern ein Ruf zu mehr Gelassenheit. Man kann sich nach einem Kalender oder einer App orientieren, aber ohne aus den Minutenunterschieden zu anderen Kalendern ein großes Thema zu machen, für welches man sogar Kongresse organisiert.

Die Ideologie ist vom Einheitswahn besessen. Und der Wahnsinn geht so weit, dass man sogar die Zeit zu vereinheitlichen versucht. Die Gebetszeiten sind keine Arbeitszeiten, die man mit dem Uhrwerk haargenau und einheitlich für alle Muslime festlegen kann. Der ideologische Islam, der sich leider latent und subtil einschleicht, bedient sich eigentlich in Wirklichkeit oft an Vorstellungen und Ideen des Kapitalismus oder Marxismus, die er dann in einer religiösen Verpackung weiterverkauft. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang wäre der Begriff Umma, welcher heute von den ideologischen Muslimen so verstanden wird, als ob die Umma eine einheitliche und homogene Gruppe à la Weltproletariat sei oder im Sinne der Nation, wie wir sie aus den Ideologien des 19. Jahrhunderts kennen.

Die Veränderung in der Zeitwahrnehmung führte plötzlich zu der Konstruktion von Problemen und Ängsten, die früher kein Rechtsgelehrter kannte. Das Interessante ist: Obwohl die Muslime seit dem 9. Jahrhundert ziemlich entwickelte Formen von Uhren kannten, hatten sie nie das Bedürfnis, die Zeitrechnung unter allen Muslimen zu vereinheitlichen. Die Rechtsgelehrten haben in ihren Büchern kaum die Zeitbestimmung durch die Zeitmessgeräte berücksichtigt, und wenn, dann nur sekundär. Ja, es gab zwar eine ganze Lehre, die sich mit der Gebetszeitenbestimmung und Zeitmessung beschäftigte, aber auch innerhalb dieser Wissenschaft waren mehrere Meinungen toleriert und das Zeitverständnis war ein anderes.

Durch das moderne Verständnis kommen Fragen auf, wie: „Ich habe zwei Minuten nach der Morgendämmerung gegessen“, oder „ich habe das Abendgebet eine Minute vor der angegebenen Zeit im Kalender der Moschee meines Vertrauens verrichtet“ …

Auf diese Fragen kann man nur die folgende Antwort geben: Gott trägt keine Uhr!

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Ali Ghandour

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